Wie man Frieden herstellt ...
19.05.2002
Pro:
Einige gute Actionszenen
Kontra:
Inhaltlich, dramaturgisch eine Katastrophe, Logik spielt keine Rolle, Kidman und Clooney auf dem Tiefpunkt
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Humor
Spannung
Action:
Romantik:
mehr
 Posdole
Über sich:
"Gier!" Mein neuer Kriminalroman, Books on Demand
ISBN 978-3-8448-1556-6, Paperback, 312 ...
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1996/97 gründeten Steven Spielberg, Jeffrey Katzenberg und David Geffen ein eigenes Studio, das sie »Dream Works SKG« betitelten. »The Peacemaker« war der erste mit einem Etat von 50 Mio. Dollar gedrehte Streifen von Dream Works. Doch was Mimi Leder (bekannt v.a. als TV-Regisseurin) mit den beiden Kassenmagneten Nicole Kidman und George Clooney hier abdrehte, war nicht gerade der Filmweisheit letzter Schluss. I N H A L T
Im Osten Russlands sind Armeeeinheiten dabei, zehn atomare Sprengköpfe, die gemäß dem SALT-Abkommen entsorgt werden sollen, in einen Zug zu verladen. Doch einige russische Militärs haben etwas ganz anderes vor: Sie überfallen den Transport von einem anderen Zug aus, laden die gefährliche Fracht um und lassen den leeren Zug auf einem anderen Gleis mit einem entgegenkommenden Personenzug kollidieren. Einen Sprengkopf haben sie zurückgelassen. Mit einem Zeitzünder explodiert kurz nach dem Zusammenstoß dieser Atomsprengkopf und löst eine Katastrophe aus. Die amerikanische Wissenschaftlerin Dr. Julia Kelly (Nicole Kidman), zuständig für Informationsverwertung und Kommunikation im Pentagon, und der Spezialist für die Abwehr terroristischer Anschläge, Colonel Thomas Devoe (George Clooney), gehen ans Werk. Schnell entdeckt Kelly, dass es sich bei der nuklearen Explosion nicht um einen Unfall, sondern um einen Anschlag gehandelt hat. Über einen Kontaktmann Devoes, den Russen Dimitri Vertikoff (Armin Müller-Stahl), erhofft sich Devoe mehr Informationen über den Hintergrund der Angelegenheit. Aber Vertikoff wird auf offener Straße ermordet. Kelly und Devoe können nach einer Verfolgungsjagd den Mördern entkommen. Per Satellitenaufnahmen stellt Kelly fest, dass sich die restlichen neun Sprengköpfe auf dem Weg Richtung iranischer Grenze befinden.
Devoe setzt alles daran, um die Genehmigung für einen Hubschraubereinsatz zu erhalten und im südlichen Aserbeidschan der Terroristen habhaft zu werden. Die haben die Sprengköpfe inzwischen in einen Lkw verfrachtet, der als Rot-Kreuz-Wagen getarnt ist. Devoe erhält grünes Licht und kann – trotz Beschuss durch die russische Flugabwehr – den Lkw stoppen und acht der neun Sprengköpfe sichern. Der neunte Sprengkopf aber wurde von den Terroristen zerlegt. Einer von ihnen konnte mit der gefährlichen Fracht, in einem Rucksack verstaut, über die Berge entkommen. Die Anhaltspunkte verdichten sich, dass der Sprengkopf auf dem Weg nach New York ist ... I N S Z E N I E R U N G
Ich muss gestehen, dass ich selten einen derart katastrophal zusammengeschusterten, inhaltlich dämlichen und dramaturgisch mit allen Wassern des Nicht-Könnens abgedrehten Film gesehen habe. Der Plot strotz nur so vor logischen Mängeln und inhaltlicher Plattheit. Man ist überrascht, wie leicht es sein muss, atomare Waffen zu stehlen. Die russischen Soldaten, die den Transport bewachen sollen, schlafen im Zug und lassen sich ohne Widerstand töten. Eine russische Abwehr scheint es überhaupt nicht zu geben (und das nach 70 Jahren Sowjetunion. Wozu gab es eigentlich einen Kalten Krieg, waren die Amerikaner blind? Wie leicht hätten sie aus der Sowjetunion Kleinholz machen können, ohne nennenswerte Verluste?). Doch auch nach dem Raub scheint das (politische und militärische) Leben in Moskau – von dem der Film sowieso nichts zeigt – munter weiterzugehen, als ob nichts geschehen wäre. Eine Atomexplosion – und keiner redet über die Opfer, die Auswirkungen, lediglich ein paar dünne CNN-Nachrichten ist die Sache wert. Was war eigentlich in Tschernobyl?
Und die agile amerikanische Abwehr? Die beschließt doch – man kann nur noch staunen oder sich den Kopf halten, damit er vor lauter Unsinn nicht herunterfällt –, die verbleibenden nuklearen Waffen ausgerechnet auf einer Brücke zu beschießen, und zwar so, dass der Lkw fast in die Schlucht hinunterstürzt und Clooney lediglich einen »Angelhaken« benötigt, um die Fracht zu sichern. Ich fasse es nicht! Doch der Nonsens geht weiter: Es ist ja so alltäglich, dass amerikanische Militärs mal kurz beschließen, in den russischen Luftraum einzudringen. Waren da nicht mal Absprachen nötig? Anscheinend nicht. Doch nicht genug damit, beschießt die russische Abwehr – es gibt sie doch – die drei Hubschrauber und trifft – welch Wunder – nur einen. Dann verschwindet die Abwehr der Russen wieder, als wenn es sie nie gegeben hätte.
Und Kelly und Devoe? Die scheinen Gedanken lesen zu können. Denn wie Kelly darauf kommt, dass hinter dem Diebstahl ein bosnischer Politiker steckt, bleibt ein Rätsel des Drehbuchs. Dann kommt der Clou: Bei dem bosnischen Politiker handelt es sich um einen Wahnsinnigen, der in New York eine Katastrophe inszenieren will, weil seine Frau und sein Kind im Krieg getötet wurden und sich über den Verlust per Klavierspiel nur zeitweise hinweg trösten kann. Aus Rache will er eine Katastrophe anrichten nach dem Motto: Die Großmächte haben uns die Waffen und die Konflikte gebracht, jetzt müssen sie dafür zahlen. So einfach sind die Gedankengänge und die Weltgeschichte, und der 11. September 2001 scheint im nachhinein Mimi Leder auch noch Recht zu geben. Scheint! Denn die Geschichte besteht aus nichts weiter als ideologischen Versatzstücken des Kalten Krieges, Vorurteilen gegenüber russischer Politik und russischen Menschen und einer platten und flach inszenierten Darstellung des Sicherheitsfanatismus und der Weltpolizistenrolle der Vereinigten Staaten.
Die Produzenten wollten das anvisierte Publikum offenbar für dumm verkaufen. Denn das Kalkül der ganzen Story ist auf eine extrem simple Art durchsichtig: Die Angst vor dem Einsatz atomarer Waffen und dessen vernichtenden Folgen lässt jedes Mittel legitim erscheinen, um ihn zu verhindern. Devoe ist der eiskalte Engel der amerikanischen Terroristenabwehr, der im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen geht. Auch vorsätzlicher Mord wird als gerechtfertigt verkauft, mal ganz abgesehen davon, dass nur die Amerikaner zu wissen scheinen, wie man in derartigen Situationen zu handeln hat. Als der bosnische Politiker, dem gegenüber das Drehbuch sogar eine gewisse Sympathie bekundet (aber nur um zu zeigen: trotzdem muss er sterben, denn er hat es gewagt, einen Anschlag in New York zu planen und jetzt tickt der Zeitzünder), durch die Straßen Manhattans läuft, gibt Devoe den Scharfschützen den Befehl zu schießen. Einer von ihnen hat ihn im Visier, doch vor ihm läuft ein Mann mit einem Kind auf den Schultern. Er will nicht schießen. Devoe schreit: Schießt ihn ab. Er zögert weiter. Ein anderer Scharfschütze trifft eine Frau auf der Straße. Kein Problem, interessiert nicht weiter. Der Zweck heiligt mal wieder jedes Mittel, nicht nur das der filmischen Flickschusterei: »Wollt Ihr die Explosion? Nein? Dann müsst er das auch akzeptieren!« So simpel können Botschaften sein. Clooney und Kidman rasen von einer Hauptstadt zur nächsten. Das spielt sich ohne Rücksicht auf Logik, Inhalt und ein irgendwie geartetes Gefühl für Zeit ab. Kaum sind sie in Wien oder Moskau angekommen, sieht man sie schon in New York wieder. Raum und Zeit verflüchtigen sich auf ein Minimum.
(Ich will dem Streifen aber nicht jegliche Spannung absprechen. Gerade in den Actionszenen ist er zumeist recht gekonnt gemacht.) S C H A U S P I E L E R
George Clooney geizt nicht mit einer Mischung aus bekanntem Charme und eiskalter Mentalität. Doch diese Rechnung geht letztlich nicht auf. Sicher: Da haben wir ihn wieder, den eitlen Individualisten, der alle Probleme mit Gewalt löst, sich über Befehlsstrukturen mühelos hinwegsetzt. Doch die Extensität, mit der Clooney das spielt, ist wenig glaubwürdig. Überraschend scheint die Rolle, die man Nicole Kidman zudachte: Eine Frau als geistiges Oberhaupt im Duett mit Clooney in einem Actionfilm. Allerdings ist das auch nur auf den ersten Blick außergewöhnlich. Denn es bedeutet im Grunde nicht mehr als das klammheimliche Eingeständnis, dass der individualistische, in seinem ganzen Verhalten physisch bestimmte Einzelkämpfer eine Figur aus der Mottenkiste ist, dem man eine irgendwie geartete Form von Intelligenz beiordnen muss. Die Rolle der Kidman steht im übrigen für jene Art von political correctness, die mir schon weit zum Hals raus hängt: das paritätische Geschlechterdenken. Da kommt es auf den konkreten Menschen, Frau oder Mann, nicht mehr an, ebensowenig auf die Figur im Film. Hauptsache: Parität. Im übrigen funktionieren beide, Kidman wie Clooney, nämlich lediglich als lebende Maschinen für die allzu platte Botschaft. F A Z I T
Trotz – oder gerade wegen – des entsetzlichen Unsinns, den »The Peacemaker« verbreitet, dokumentiert der Film andererseits die Schwierigkeit, einen fixen Standpunkt nach Ende der Systemauseinandersetzung einzunehmen. Der Feind ist nicht mehr so einfach zu lokalisieren, wie es in den Zeiten des Kalten Krieges möglich war. Das entsetzliche Hin- und Her durch die Welt(geschichte), das Kameramann Dietrich Lohmann einfängt, die zeitlose Hektik, mit der sich Clooney und Kidman durch den Film bewegen, die schrecklichen logischen Mängel und inhaltlichen Flausen, die das Drehbuch geschrieben hat, deuten – unabsichtlich – auch an, wie problematisch es für eine Weltmacht ist, ihre eigene Position zu behaupten und zu legitimieren. Die Antwort des Films ist mager: Augen zu und durch! Alles in allem vier von zehn Punkten, fast schon mehr als genug.
Den Film konnte man am 18.5.2002 in der ARD sehen. Projekt: Peacemaker (The Peacemaker) USA 1997, 123 Minuten Regie: Mimi Leder Drehbuch: Michael Schiffer Kamera: Dietrich Lohmann Musik: Hans Zimmer Hauptdarsteller: George Clooney (Thomas Devoe), Nicole Kidman (Dr. Julia Kelly), Marcel Iures (Dusan Gavrich), Aleksandr Baluyev (Aleksandr Kodoroff), Rene Medvesek (Vlado Mirich), Gary Werntz (Hamilton), Randall Batinkoff (Ken), Jim Haynie (General Garnett), Alexander Strobele (Shummaker), Holt McCallany (Appleton), Armin Müller-Stahl (Dimitri Vertikoff)
© Ulrich Behrens 2002
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22.05.2002 15:36
einherrlicher verriss! und das völlig verdient. die schauplatz-hopper-mentalität ging mir dabei am meisten auf die nerven. treffneder kann man einen film kaum zerpflücken. gruß ingo
22.05.2002 03:27
Endlich mal jemand, der diesen unterbelichteten Streifen genauso sieht wie ich. Vielen Dank dafür. Gruß vom Außenseiter.
20.05.2002 11:33
Ich fand den Film auch ziemlich 08/15 ! Hitchcock hätte das mit Sicherheit viel besser gemacht :o)