Nomen est omen!
20.10.2001 (19.02.2002)
Pro:
siehe Kritik
Kontra:
siehe Kritik
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:
mehr
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 117 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
In der relativ kurzen Zeit, in der ich mich vom farblosen Amateur zum farbenfrohen Profi auf dieser so facettenreichen Meinungsplattform mauserte, war es nicht zu vermeiden, daß dann und wann ein vorwitziges Mitglied unseres kleinen Lese- und Schreibezirkels sich anschickte, mein überbordendes Archiv an Filmkritiken nach dem Film zu durchstöbern, dem ich meinen leicht auffälligen Nickname verdankte. „Marselluswallace14“ ist kein verwirrter Jugendlicher, der sich durch den Dickicht der Pubertät schlägt, sondern vielmehr ein nicht minder verwirrter 20jähriger, der das Abi hinter sich, das Studium vor sich und den Zivi-Ausweis bei sich hat.
Marsellus Wallace wiederum ist eine der vielen schillernden Figuren im sensationellen Ensemble des 1994er Überraschungserfolgs „Pulp Fiction“, der zweiten Regiearbeit eines gewissen Quentin Tarantino, der mit der schwarzhumorigen, skurrilen Krimikomödie bereits zum zweiten Mal Filmgeschichte schrieb. Hatte er zuvor noch den Berufsethos, Umgangston und Sprachstil der Zelluloid-Gangster mit dem hierzulande leider wenig bekannten „Reservoir Dogs“ (1992) neu definiert, schickte er sich an, mit der kranken Gaunerposse „Pulp Fiction“ die Welt zu erobern. War sein Erstling wegen den schockierenden Gewaltszenen stark ins Gespräch gekommen, so entfachte sein Nachfolger auf dem Filmfestival von Cannes anno 1994 einen regelrechten Sturm als sich die sensiblen Kritiker in zwei extreme Parteien spalteten: Hymnen und persönliche Angriffe auf das perverse Gehirn des Filmemachers kamen zu einem Siedepunkt als Quentin völlig zu Recht die Goldene Palme für den besten Film grinsend hochhielt.
Dieser historische Moment zog zahlreiche Folgen nach sich, die man bis zum heutigen Tag in jedem Medium finden kann. Quentins brillantes Werk war nun nicht mehr einfach nur ein Film, sondern ein kulturelles Phänomen, Tarantino war nicht mehr der Autodidakt, der im Videoshop jobbte, sondern der Gründer eines ganz eigenen Stils: das Adjektiv "tarantinoesque" war geboren. Dieser Kategorisierung mußten sich seitdem all die Filme gefallen lassen, die Gewalt und Humor, Sex und Tod, Ironie und Zitierfreude verknüpften. Doch lassen wir nun mal den Hype außerhalb des Kinos und beschäftigen uns mal mit dem Film an für sich, der in seiner Komplexität wahre Wunder vollbringt.
„Pulp Fiction“ ist ein gemütlich erzählter Episodenfilm mit drei in sich geschlossenen Episoden, die stets mit einem Untertitel angeführt würden: „Vincent Vega and Marsellus Wallace’s Wife“, „The Gold Watch“ und „The Bonnie Situation“. Diese Stories fließen stellenweise ineinander über, wobei eine dritte, kürzer gefaßte Handlung sich im Prolog wie Epilog abspielt. So widersteht der Film der gewöhnlichen Chronologie einer Erzählung und springt nach Belieben von Figur zu Figur und von einem Handlungsstrang zum nächsten. Dadurch bleibt der Film frisch und wohltuend unberechenbar, auch bei der x-ten Sichtung. Das zeugt von struktureller Brillanz, die man seit Orson Welles' "Citizen Kane" als nonplusultra des künstlerisch hochwertigen Films ansieht! Die schnöde A-nach-B-bis-hin-zu-C-Chronologie soll den Hollywood-Kassenhits vorbehalten sein, aber der anspruchsvolle Film soll bitteschön von C nach A bis B und zurück zu A springen und dabei sein Thema präsentieren. Äh...
Der Prolog beginnt mit einer Konversation zwischen einem skurrilen Pärchen, das sich lebendig darüber unterhält, welche Orte man problemlos ausrauben kann. Bonnie und Clyde heißen hier Honey Bunny (die schrille Amanda Plummer) und Pumpkin (tragischer Held aus „Reservoir Dogs“: Tim Roth). Sie beschließen das Café auszurauben, in dem sie frühstücken, ohne zu wissen, daß sie sich in eine besonders lebensgefährliche Situation bringen werden... Auftritt für die Auftragskiller Vincent Vega (Mr. „Nur Samstag Nacht“ John Travolta: schmierige Haare, beleibt, träge und cooler denn je) und Jules Winfield (star-in-the-making: Samuel L. Jackson), die Geschäftskollegen ihres Bosses Marsellus Wallace (der hühnenhafte Ving Rhames) aufsuchen, um etwas wieder in Besitz zu bekommen, das ihrem Boss gehörte.
Betreffender Koffer ist eines der größten Mysterien des Films. War es bei „Reservoir Dogs“ noch die Frage, wer eigentlich am Ende Nice Guy Eddie erschoß, so ist es hier dieser verfluchte Koffer, der sich mit der Ziffernkombination „666“ öffnen läßt und dem Betrachter des Inhalts einen goldenen Schein und Sprachlosigkeit ins Gesicht wirft. Die wildesten Ideen um den Inhalt des Koffers ranken sich, wobei die abwegigste von allen gerade die logischste zu sein scheint: es ist die Seele von Marsellus Wallace. Warum? Dafür gibt’s allerlei Indizien im Film, die ich jedoch nicht auflisten möchte, da man sich das selbst zusammenreimen sollte. Die erste Story ist „Vincent Vega and Marsellus Wallace’s Wife“. Wie der Titel schon so verheißungsvoll andeutet, dreht sich diese Handlung um den loyalen Killer Vincent und der Frau seines Chefs, Mrs. Mia Wallace (von elektrisierender Erotik: Uma Thurman), die er in dessen Abwesenheit auszuführen hat. Dabei hadert der gute Mann damit, sich nicht in sie zu verlieben, was sie amüsiert ausreizt, bis sie durch ein Mißgeschick fast stirbt...
Die zweite Story ist „The Gold Watch“. Bruce Willis spielt darin den Boxer Butch, der für einen getürkten Fight von Marsellus Wallace bezahlt wurde, seinen Gegner im Ring aber zu Tode prügelt und mit seiner Freundin Fabienne (Maria de Medeiros) aus der Stadt flüchten will. Aber diese hat dummerweise die goldene Uhr seines Vaters vergessen, die seit Dekaden im Familienbesitz ist. Er muß zurück zur Wohnung, wo wahrscheinlich Wallace und Gefolge auf ihn wartet. Als er den schwarzen Gangsterboss aus Zufall auf der Straße trifft, prügeln sie sich durch die Stadt, um von zwei brutalen Hinterwäldlern gefangengenommen zu werden... Die dritte Story ist „The Bonnie Situation“. Vincent und Jules suchen hierbei die Hilfe des unbedarften Jimmy (Tarantino selbst) auf, da Vincent einen Jungen ausversehen im Auto angeschosse hat und nun die Leiche mitsamt Wagen beseitigt werden muß. Da kann nur einer helfen: „The Wolf“ (Tarantinos Förderer Harvey Keitel). Er muß die Sache regeln, bevor die Ehefrau von Jimmy, Krankenschwester Bonnie, nach Hause kommt...
Im Epilog treffen wir wie besagt wieder auf Honey Bunny und Pumpkin, die von dem bekehrten Jules in einer angespannten Situation belehrt werden... Wenn Tarantinos Film etwas ausmacht, dann sind es die Dialoge, die im englischen Original vor Witz, Intelligenz, Einfallsreichtum und Stilsicherheit bersten. Da ist die deutsche Synchro mit der Übertünchung eines jeden „F“-Letter-Words schlecht beraten. Die excellente Wortakrobatik des QTs im Original ist Genuß, im Deutschen jedoch leider Verdruß. Doch es finden sich noch viel mehr Qualitäten in dem Film, die ihn zu einer Größe auf den Listen der besten Filme aller Zeiten werden läßt: Besetzung, Inszenierung, Skript und einfach Coolness.
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18.02.2004 14:53
deinem Super-Bericht kann ich eigentlich nichts hinzufügen ! Gruß. Thomas.
09.10.2002 20:24
Endlich habe ich beim Durchstöbern dein Filmkritiken auch einen Tarantino gefunden..:-) Ein toller Bericht über einen außergewöhnlichen Film! LG, MiaW.
29.04.2002 21:15
ich find den film auch genial, genauso wie den bericht. p.s.: da unter mir wollte sich wohl einer ein paar community punkte beschaffen