»Correct-a-mundo!«
19.04.2004 (17.09.2004)
Pro:
alles, wirklich alles !
Kontra:
nein
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:
mehr
 JerryMaguire
Über sich:
Mitglied seit:01.08.2002
Erfahrungsberichte:183
Vertrauende:38
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 63 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Manche sagen er sei der wichtigste Regisseur der 90er, seine Hommage an Groschenromane und amerikanische Schundliteratur vielleicht der herausragende Film der jüngeren Vergangenheit. Zweifelsohne ist der Einfluss von Quentin Tarantino auf das aktuelle cineastische Bewusstsein immens groß und nicht zuletzt Pulp Fiction selbst zu verdanken, dieser außergewöhnlich stilbildenden Mixtur verschrobener Charaktere, erschlagender Gewalt und postmoderner Realität. Ein Film, episodisch aufgeteilt, artifiziell inszeniert und jederzeit dem Genre der skurrilen Komödie näher als dem bleihaltigen Actionkino, der tumben Gewaltorgie oder oberflächlichen Gangsterballade. Tarantinos Film ist schlichtweg brillant in der Verschachtelung eines scheinbar unbedeutenden Plots, dessen einzelne Episoden nicht stringent auf ein Finale zulaufen, sondern lediglich den Rahmen bietet für das bizarre Treiben allerlei denkwürdiger Figuren. Wie kann ein Film jedoch funktionieren, der sich so offensichtlich gegen jede schematische Handlung wehrt und darüber hinaus von Charakteren berichtet, die weniger der Realität entspringen als der Erinnerung an filmische Fantasterei? Die Antwort ist so einfach wie genial. Betrachtet man Pulp Fiction als Gesamtkunstwerk ist der Film ein in sich geschlossener Kreis aus einzelnen Handlungssträngen, die keiner chronologischen Reihenfolge bedürfen, um ihren Zweck zu erfüllen: Die Erschaffung eines exklusiven Universums, in dem nahezu alles real erscheint, was sich in irgendeiner Form in Dialog und Handlung verpacken lässt. In Tarantinos Film ist jede Figur Hauptdarsteller ihres eigenen Films, ihrer eigenen Handlung, in einem gemeinsamen Universum.
Demnach besitzt der Film viele Hauptdarsteller, die sich auf drei Episoden verteilen, deren inhaltlicher Bezug außer Frage steht, allerdings offenbart sich dieser Zusammenhang erst im Laufe des Films. Bis zum Ende sind es verschiedene Episoden, erzählt aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die sich je nach zeitlicher Gegenwart wieder neu definieren lassen. Tarantinos Methode temporärer Zeitsprünge verleiht der Handlung oder den aufeinanderfolgenden Handlungsabschnitten eine Dynamik, die nach einer Weile für sich selbst besteht und dem Regisseur die Möglichkeit offen lässt zahlreiche Details zu platzieren. Geht man nach der Genre-Klassifizierung verwundert es nicht, dass die Geschichten gesäumt sind mit unterschiedlichen Figuren der Unterwelt. Drogendealer, kaltblütige Killer, Gangsterbosse, Bankräuber. Charaktere, denen man in der Realität aus dem Wege geht, doch Tarantino folgt ihnen für einige Zeit auf ihren Pfaden, die Überraschungen und Absurdes versprechen. Fiktion ist an dieser Stelle wohl das ausschlaggebende Stichwort. Nichts ist real und doch tragen diese Kunstfiguren eine alltägliche Natürlichkeit in sich, die zum Bruch mit ihrer künstlichen, skurrilen Welt verleitet, in der sich Pulp Fiction abspielt. Dieser Eindruck des Natürlichen wird unzweifelhaft von den geschliffenen Dialogen getragen, die sich als banale Nichtigkeiten verpackt zu essentiellen Informationsquellen erkenntlich machen.
Keiner der Dialoge über die Konsistenz von Hamburgern, deren Bezeichnungen in Europa oder die charakterlichen Eigenschaften eines Schweins existieren für sich selbst. Sie sind entweder Vorboten für ein zukünftiges Ereignis oder gar Mittel zur Charakterisierung jener Figuren, denen ohne Tarantinos zum Teil unglaublich einfallsreichen Dialoge jegliche Präsenz fehlen würde. Ohne diese Unterhaltungen, ohne den Wortwitz oder das philosophische Entschüsseln alltäglicher Ereignisse wäre der Film nur halb so viel Wert, womöglich nicht einmal das. Es ist die Sprache, die den Film am Leben hält. Mal lakonisch, mal witzig, die stilistische Verwendung sprachlicher Mittel gelingt Tarantino mit vor Selbstsicherheit strotzender Perfektion. Sprache charakterisiert und definiert das Universum in dem sich Tarantinos Figuren bewegen. Ein farbenfroher Sumpf des Verbrechens, der so manch bizarre Kultfigur beherbergt. Man braucht sich die Gestalten nur ansehen, die hier und dort das ein oder andere Gespräch führen und nebenbei diese oder jene illegale Aktion durchführen. Vincent Vega (John Travolta) und Jules Winfield (Samuel L. Jackson) zum Beispiel. Zwei Killer, die für ihren Boss Marsellus Wallace (Ving Rhames) jeden tödlichen Auftrag ausführen und dabei wie zwei verlorene Beckett-Figuren anmuten. Es ist ihr Auftrag einen Koffer für Wallace zu beschaffen, dessen Inhalt bis zuletzt ungeklärt bleibt. Oder Mia Wallace (Uma Thurman), die Frau des Big Boss. Eine leidenschaftliche Kokserin, die Vega für ein Wochenende unterhalten soll, während Marsellus selbst auf Reisen ist. Es besteht wahrscheinlich kein Grund den gerissenen Boxer Butch Coolidge (Bruce Willis) und seine naive Freundin Fabienne (Maria de Medeiros) zu erwähnen oder den mysteriösen Winston Wolf (Harvey Keitel). Allesamt entspringen sie dem Universum von Pulp Fiction, mehr zu verraten wäre unfair.
Es gibt viel zu sagen über diesen außergewöhnlichen Film, der sich keinen konventionellen Arten der Filmerei verschrieben hat, sondern einen eigenen Weg geht. Tarantino hat ein Gespür für die richtigen Augenblicke und die Art und Weise auf die er in ausgesprochen sensiblen Situation eine düstere Komik gewinnt, die sonst nur wenige so gekonnt inszenieren. Pulp Fiction ist ohne Zweifel einer der Filme der 90er. Seine Wirkung ist ungebrochen groß und hat zu einem gewissen Teil die filmische Ästhetik des Gangsterfilms und der schwarzen Komödie verändert. Eine Inszenierung, die direkt ins Herz des postmodernen Kinos trifft, sich an stilbildende Vorgänger erinnert und ihren Ursprung verwendet, um sie einerseits zu karikieren oder aus ihnen etwas neues zu erschaffen, das zur cineastischen Kultur dieser Zeit passt. Tarantino beweist mit diesem Film, dass er ganz ohne Frage einer der Regisseure der Gegenwart ist, dessen filmisches Auge wie kein anderer Stil mit Kult verbindet und die Hommage und das Zitat zu goldenen Regeln des Kinos erhebt. Das hat nichts mit Remakes oder Kopien zu tun, sondern beschreibt in welcher Form die aktuelle Kinokunst in einer Zeit in der fast alles bereits in irgendeiner Form existiert, neu verwertet und zu einem eigenständigen Produkt werden lässt. Ein Blick auf den Soundtrack genügt um diese Eindrücke zu bestätigen, alte Klassiker neu aufleben lassen, um sie in einen anderen Zusammenhang zu stellen.
Pulp Fiction ist atemberaubend, ein in sich brillant konstruierter Film, der zweifelsohne stilbildenden Charakter hat, ein vitaler Film, der auf ungewöhnliche Art begeistert, dabei so subtil Humor mit Gewalt, Dialog mit Aktion vermischt, dass es eigentlich unmöglich erscheint, ein solch stimmiges Werk noch einmal zu erschaffen. Dass Tarantino es dennoch versucht, verdient Anerkennung.
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09.05.2006 15:29
Und jetzt die Millionenfrage: Was ist im Koffer? Macellius Seele, der Diamant aus Reservoir Dogs, oder...?
24.02.2006 17:46
Super Film-super Bericht.Top! Lieben Gruß
23.02.2006 00:08
Dein Bericht könnte locker als Werbecampagne durchgehen . Klasse geschrieben mit allem gewürzt , was über den Film zu wissen ist . G Micha