Erfahrungsbericht über "Purple Rain - Prince"

veröffentlicht 26.03.2004 | logan
Mitglied seit : 21.02.2000
Erfahrungsberichte : 820
Vertrauende : 113
Über sich :
R.I.P. George Romero
Sehr gut
Pro künstlerisch kompromisslos und innovativ; 3 Überhits: 'Darling Nikki', 'When Doves Cry', 'Purple Rain'
Kontra verstörende Arrangements; ziemlich 80ies-like
sehr hilfreich

"Definitiv KEIN Analdildo..."

...ist dieses PRINCE-Album namens "Purple Rain" aus dem Jahre 1984, auch wenn Ciaos Suchmaschine mir einen solchen als ersten Treffer für diese Wortkombination ausspuckt.
Vielmehr handelt es sich um den Soundtrack zum gleichnamigen Musikfilm, der mir jedoch unbekannt ist. Wer hier im Folgenden also schlüpfrige Details erwartet, muss unbefriedigt wieder von dannen ziehen. Wobei dieser kleine Zufall den musikalischen Sex-Gnom sicherlich nicht weiter stören würde...


'Let's go crazy' pflügt mit einem sehr funkigen Electro-Rhythmus, teilweise richtig krass drauf los knatternden Beats, sleazigen E-Gitarrenkreischern und eher kühl gehaltenen Synthieflächen spannungsgeladen und wirklich sehr schrill durch die Boxen. Das Stück wirkt nicht zuletzt durch die äußerst aufgeregte Stimme von Prince ziemlich übersteuert. Ein anstrengendes, forderndes Stück, das dem Hörer so Einiges abverlangt, aber dadurch auch einen besonderen Reiz hat. Auf jeden Fall kann man sich diesem lauten Kracher kaum entziehen.
[Drei Sterne gibt es für den Song an sich, und einen für die absolut heftige Umsetzung, die auch heute noch manchen Avantgarde-Act an Kompromisslosigkeit übertrifft.]
****

'Take me with u' ist dagegen viel entspannter. Ein minimaler Beat aus hohl tönenden Bassdrums und frechen Schellenkränzen trägt die streicherbegleitete, weiche Melodie des Stückes. Sie ist sehr poppig gehalten, beschwingt, aber doch auch sehnsüchtig.
Nichts Besonderes, aber gut gemacht.
***

'The Beautiful Ones' ist eine unterkühlte, elegische Ballade, deren verlorene Klavier- und seichte Streichersynths von princeschen Vokaletüden voll beseelter Leidensfähigkeit durchsäuselt werden, die in ihrer romantischen Exzentrik richtiggehend unwirklich klingen. Dennoch irgendwie seicht, ziemlich nächtlich gestimmt und sehr obsessiv ist die Stimmung; verstörend flüchtig das Klangbild.
****

'Computer Blue' hat einen synthetisch schmatzenden Bassrhythmus, der noch am ehesten an die andere Seite von Prince mit seinem anzüglichen Pornofunk für die Disco erinnert. Ein angespannter, flach dahinstampfender Beat und schlingernde Effektgitarren liegen im Clinch und verbreiten eine nervös flirrende Atmosphäre, dazu gibt es seltsam inkohärenten Gesang und allerlei melodisch verschwurbelten Schnickschnack, mit dem wirklich nur die Achtziger Jahre aufwarten konnten. Noch bescheuerter ist aber der Text über einen Computer, dem Prince die Liebe beibringen möchte *kotzwürg*. Das war wohl nichts...
**

'Darling Nikki' dagegen ist spannungsgeladen, hart und funky, verstörend exzentrisch und brutal ehrlich im musikalischen Ausdruck. Der Hörer wird zwischen der gandenlos zähen Langsamkeit der Komposition, der obsessiven Überspanntheit sämtlicher Instrumente und der krankhaft übersteigerten Ausdruckskraft des gemarterten Gesangs förmlich zerrieben. Das Stück klingt auf eine geradezu perverse Weise überreizt, verkatert und unvollständig. Und doch ist es in sich völlig stimmig, sehr suggestiv und nicht ganz jugendfrei, statt dessen aber voller erotischem Knistern und unkontrolliertem Funkenschlagen von der ersten ("I knew a girl named Nikki...") bis zur letzen Zeile ("...call me up whenever you want to grind").
[Als U.S.-Senatorengattin Tipper Gore diesen Track auf der B-Seite der Erfolgssingle 'Purple Rain' entdeckte, den sie ihrer Tochter zum Geburtstag geschenkt hatte, gründete sie flugs den Parents Music Resort Center, welcher Amerika eine neue Zensurwelle und schließlich auch dem Deutschen Musikmarkt eine Schwemme dieser lustigen Sticker mit der Aufschrift bescherte, die wiederum einiges zum Coolness-Faktor von Gangsta-Rap bei rebellierenden Jugendlichen beigetragen haben. Lustige Absurdität am Rande: Auch Frank Zappas Instrumental(!)-Album "Jazz From Hell" erhielt weiland einen solchen Sticker...]
*****

Besonders trocken und effektiv pushend kommt das spartanische, breakbeatgetragene 'When Doves Cry' daher. Sein harter, moderat langsam daher klackender Rhythmus voller Bitterkeit und Monotonie wird perfekt durch seine smoothe, harmonische Melodie mit dem angerauten Gesang voller Soul ergänzt. Dazu ertönt im Hintergrund eine dünne, bluesig leidende E-Gitarrenspur, und fertig ist ein Song, der Disco-Tänzer und Couch-Hörer gleichermaßen in seinen Bann zieht.
*****

'I Would Die 4 U' wartet mit süßlich verglimmenden Synthies und einem angefunkten Pop-Refrain auf. Der Song ist zwar eingängig, jedoch fehlt ihm einfach das gewisse Etwas.
***

Ebenso krankt 'Baby, I'm A Star' an Ideenlosigkeit. Es verfügt zwar über einen treibenden Rhythmus und eine packend eingängige Melodie mit plinkernder Klavierbegleitung im Hook, und dennoch will sich das Stück einfach nicht im Ohr festsetzen; ob das nun an den nervigen Keyboards, der etwas verqueren Struktur oder aber am aufdringlichen Gesang, um nicht zu sagen Gekreische und Gequieke, von Prince liegt, sei einmal weiter unkommentiert dahingestellt.
***

Um so richtiger hat PRINCE es aber mit dem Titelsong 'Purple Rain' gemacht, welcher einen perfekten Spannungsbogen hat und sich in einer gediegen langsamenen Steigerung in höchste Sphären eines nichtendenwollenden E-Gitarren-Solos vorschwoft. Genüßlicher lässt sich eine Funk-Soul Pop-Ballade gar nicht mehr auswalzen: Supersoft beginnend, herrlich leidenschaftlich anschwellend und zart-schmelzend vergehend kann man sich dazu im beinahe schon kitschigen Groove suhlen - wobei: Wirklich nur "beinahe kitschig"?
Das muss wirklich jede/r für sich selbst herausfinden...
*****


Fazit:

Ein ziemlich durchwachsenes Album, für das man schon eine gewisse Duldsamkeit in Sachen 80er-Jahre Synthie-Soundkostüm mitbringen muss. Auch sind einige Stücke kompositorisch eher belanglose Popsongs, die allenfalls durch ihre exzentrischen Umsetzungen auffallen, was sie wiederum dem typischen Pop-Hörer entfremden dürfte.
Hier sind keine disco-kompatiblen Funkkracher zu hören, sondern verstiegene Pop-Experimente mit überwiegend extremem, teilweise nahezu kastratenhaftem Gesang. Wer sich aber auch nur im Mindesten für abseitige Popmusik interessiert, sollte dieses ungewöhnliche Album jedoch unbedingt kennen (lernen).
Auf Verdacht sollte man sich diese Scheibe besser nicht kaufen. Ich kann nur empfehlen, sie vorher unbedingt probezuhören.

Community Bewertungen

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Almstedt veröffentlicht 04.03.2006
    Eigentlich hast Du völlig Recht und dann auch wieder nicht... - Purple Rain ist nun mal der Soundtrack zum gleichnamigen Film (den es inzwischen schon für 8€ oder weniger auf DVD gibt) und beides krankt an genau den gleichen Stellen. Das Drehbuch ist nunmal nicht Nobelpreis-verdächtig und wenn man Bild und Ton zusammen sieht und hört mag man manchmal sogar glauben, dass Prince sich und/oder diesen Film an diesen wenigen Stellen auch nicht 100 prozentig ernst nimmt... Trotzdem ist es (vor allem der Film) ein grandioses Dokument von und über Prince in dieser Zeit... LG, Almstedt
  • derDosch veröffentlicht 24.11.2005
    'When Doves Cry' ist wirklich ein Knaller. Ansonsten kann ich mit dem 80er Prince wenig anfangen, zu viel Synthies oder zu emo ('Purple Rain' ist mir too much). Lg
  • Das_Ky veröffentlicht 15.11.2005
    Hatte dieser Bericht schon immer diesen Titel? Mei-o-mei. Wie habe ich dem nur so lange widerstehen können ... Ausgewachsene Männer haben Tränen in den Augen, wenn es um Purple Rain geht. (Welchen Rückschluss du aus dieser Aussage auf den zwischenmenschlichen, sprich geschlechtlichen Bereich ziehst, sei dir überlassen lieber Bruder.) Ich weiß nicht, wie ichs mit Prince halten soll. Ist ja alles ganz nett, aber mir definitiv zu sehr eighties. Wenn man damit aufwächst, isses was anderes. Aber ich bin nicht so der Fan oder auch nur Hörer. Die "Hits" kenn ich natürlich. Unter welchem Namen agiert der werte Herr eigentlich gerade?
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Ciao

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