Mittelalter im Weltall
25.06.2001
Pro:
der Autor kann schreiben
Kontra:
leider zeigt er es hier nicht
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Visor1
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:81
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 59 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich bin enttäuscht. Schwer enttäuscht. Vor mir liegt ein 526 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Quest“. Verfasst wurde der Roman von Andreas Eschbach, dem Autor von „Das Jesus Video“. Und Andreas Eschbach hat meine Erwartungen nicht erfüllen können.Ich von Herrn Eschbach gute Science-Fiction-Romane gewöhnt, die einen mit mehr Science-Fiction, die anderen mit weniger. „Das Jesus Video“ ist zum Beispiel mein Lieblingsbuch, da es nicht einfach nur um Raumschiffe geht, sondern eine halbwegs realistische Handlung besteht, die man nachvollziehen kann und die einen fesselt. „Kelwitts Stern“ war ganz nette Unterhaltung, „Die Haarteppichknüpfer“ ein grandioser Fantasy-Roman mit guten Ideen, „Solar Station“ war, obwohl er ausschließlich im All spielte, ein spannender Roman, und selbst „Das Marsprojekt“, Eschbachs erstes und bislang einziges Jugendbuch, hat meinen Geschmack voll und ganz getroffen. Gemein hatten all seine bisherigen Werke, dass es eine Hauptfigur gab, mit der man sich identifizieren konnte und die einen durch die Handlung begleitete. Man verlor die Distanz zum Roman und wurde aufgesogen von der Atmosphäre, man fing an zu lesen und konnte nicht wieder aufhören.Bei „Quest“ fehlte mir das. Eftalan Quest ist der schwerkranke Kommandant des Raumschiffes MEGATAO und befindet sich auf der Suche nach dem legendären „Planeten des Ursprungs“.Bailan ist Novize am Pashkanarium, einer Art Universalbibliothek der Menschheitsgeschichte. Dawill ist Erster Verweser der MEGATAO und somit direkt Quest unterstellt. Er überfällt das Pashkanarium in Quests Auftrag und nimmt Dokumente sowie Bailan mit.Smeeth ist ein geheimnisvoller Gestrandeter, der 400 Jahre in einem leeren Raumschiff zugebracht hat und schließlich von der MEGATAO aufgenommen wird. Schon diese Ausgangssituation, falls man sie so nennen kann, zeigt, dass wenig Ansatzmöglichkeiten zu einer spannungsreichen und gelungenen Story vorhanden sind. Die Truppe wird sich auf die Suche nach dem Planeten des Ursprungs machen, zwischendurch auf das eine oder andere Problem stoßen, mit inneren Konflikten kämpfen, fremden Lebensformen und Planeten begegnen und irgendwann wird Quest, der bereits zu Beginn des Romans nicht mehr lange zu leben hat, sterben.Bei Amazon.de heißt es: „Quest ist ein Abenteuer voller Witz und anrührender Momente, fantastischer Ideen und liebenswerter Charaktere. Vor allem aber ist der Roman so spannend, dass man sich beim Lesen förmlich daran festsaugt: Allein der furiose Anfang ist geradezu ein Musterbeispiel für gekonnte Unterhaltung.“ Nein. Witz konnte ich nicht finden, anrührende Momente sind mir nicht bewusst geworden, die fantastischen Ideen lassen sich vorhersehen und sind langatmig beschrieben, die „liebenswerten Charaktere“ erfüllen sämtliche Klischees (eines Kommandanten, eines Wissenschaftlers, eines naiven Novizen, eines Unsterblichen) und ich konnte mich an diesem Roman leider nicht festsaugen. Im Gegenteil, die ganze Zeit des Lesens über hielt ich eine gewisse Distanz zur Handlung. Der Anfang ist in der Tat gelungen, aber je weiter man liest, desto eher gewinnt man den Eindruck, dass der Autor irgendwann die Lust und den Überblick über die Verknüpfungen verloren hat, so dass es enttäuschend wenig Querverknüpfungen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen gibt. Über 60 Seiten hinweg wird beschrieben, wie die Besatzung der MEGATAO sich Dokumente aus dem Pashkanarium beschafft, die Aufschluss über den Planeten des Ursprungs geben sollen. Die Auswertung erfolgt dann in Windeseile, eine Information wird daraus gewonnen, danach werden die Speicher immer mal wieder erwähnt, aber nicht noch mal in die Handlung einbezogen. Das hätte man sicher besser lösen können, etwa indem einige der Daten zu Beginn nicht lesbar waren, sondern sich erst erschließen lassen, nachdem auf einem fremden Planeten die technischen Hilfsmittel, Chiffriercodes oder ähnliches gefunden wurden.Auch der Sinn der strengen hierarchischen, geradezu mittelalterlichen Struktur bleibt mir verschlossen: Pantap (=Alleinherrscher), Edle (=Adel), Freie (=Bürger) und Niedere (=Bauern). Soll das heißen, der Menschheit der Zukunft fällt nichts besseres ein, als zu dieser Gesellschaftsstruktur zurückzukehren, obwohl vielen klar ist, dass es nicht optimal ist. Sicher kann man auf diese Weise komplizierte Beziehungsstrukturen entwickeln (man erinnere sich an Romeo und Julia, an Emilia Galotti oder ein beliebiges anderes Drama, das sich mit der Thematik beschäftigt), aber im Weltraum der Zukunft, in Science-Fiction sollte es doch auch andere Schwierigkeiten geben können, vor die eine Beziehung gestellt werden kann. Gut finde ich jedoch einige Philosophische Ansätze. Leider bleibt es bei Ansätzen, denn die Frage nach dem Sinn des Lebens wird nicht neu beantwortet, sondern es bleibt dabei, dass es keinen Sinn im makroskopischen Sinne gibt, sondern dass der Sinn für jeden selbst in seinem eigenen Mikrokosmos gesucht und gefunden werden muss. Die Umschlag- und Innenillustrationen von Thomas Thiemeyer zeugen von bemerkenswerter Kreativitätslosigkeit. Es handelt sich zwar um hübsche, farbige Bilder, allerdings sind sie teilweise an völlig falschen Stellen im Buch untergebracht und teilweise geben sie die umfangreichen und ausführlichen Beschreibungen einfach falsch wieder. Andreas Eschbach wollte mit „Quest“ ein Science-Fiction-Epos schaffen und sich damit einen persönlichen Wunsch erfüllen. Ich hoffe, ihm geht es gut und er hatte seinen Spaß. Mir hat das Lesen leider nicht so viel Spaß gemacht. Offenbar bin ich mit meiner Meinung jedoch allein, da alle Amazon.de-Rezensionen sehr positiv ausgefallen sind. Vielleicht fällt es mir einfach schwer, „Science-Fiction im Weltraum“ zu lesen. Vielleicht brauche ich es etwas lebensnaher, wärmer, gemütlicher... Ich finde den Inhalt einfach zu fremd und zu distanziert beschrieben, als dass ich mich mit einem der Protagonisten identifizieren könnte.Ich bin enttäuscht. Schwer enttäuscht.
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25.02.2004 18:29
Dieses buch "ganz ordentlich" zu nennen, ist auch das netteste, was mir dazu einfällt; wer diese Story über den grünen Klee lobt, weiß offenbar nicht, was gute Science-Fiction ist
28.10.2001 22:49
Hey Visor1 ! Du hast vergessen zu schreiben, dass Du das Buch in den Matsch getreten, zerfetzt, angezündet und die Asche in alle Winde zerstreut hast. Ok, es war mein erster "Eschbach", aber sooo schlecht war's nun auch wieder nicht. Sieh's positiv: Mit jedem Buch kann man immerhin einen wackligen Tisch reparieren... True_Solitaire
07.09.2001 20:43
Solch eine gute Kritik kann man wahrlich nur schreiben wenn man schwer enttäuscht wurde. Deine Meinungen gefallen mir immer besser. Ich seh jetzt öfter mal bei Dir rein. Ciao Lencer