Es soll ja Leute geben, die jeden Tag und bei jedem Wetter mit dem Rad zu Arbeit/Studium/sonstwas fahren, das kriegt leicht den Touch von militantem Biker, Ökofundi oder ewig pleiten Dauerstudenten. Solche Typen finden sich natürlich auch darunter.
Muss aber nicht zwangsweise so sein. Das Rad ist ein vollwertiges Verkehrsmittel, und eine echte Alternative, soweit man Entfernung, Wetter und Verkehrsverhältnisse ausreichend berücksichtigen kann. Gerade im Kurzstreckenverkehr bis 10 oder 15 km lassen sich viele Wege oft schneller zurücklegen als mit ÖPNV oder Auto. Wenn man das ganzjährig machen will, wie z.B. die Niederländer, muss man aber ein bisschen mehr investieren als nur ein paar Hosenklammern, speziell in unseren Breitengraden...Ich berichte mal, was mir so im Lauf der Zeit beim ganzjährigen Radfahren für Erkenntnisse aufgegangen sind, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
1. sehr heiß:
Bei Hitze schwitzt man, bei körperlicher Betätigung natürlich noch mehr. Besonderes Problem wenn man in korrekter Kleidung im Büro arbeiten soll. Als Radfahrer hat man zwei Alternativen:a) v.a. bei größeren Entfernungen: es gibt eine Möglichkeit zum Duschen/Umziehen, dann hilft 1 Satz Klamotten der im Büro verbleibt oder immer mitgenommen wird. Ist aufwändig aber an Wirksamkeit kaum zu übertreffen.
b) bewusst langsamer fahren, luftige Kleidung wählen, nicht anstrengen, dann ist die Schweißproduktion auch nicht höher als nachher im Büro.2.
sehr kalt:
lange Unterwäsche drunterziehen, Mützen, vernünftige Handschuhe, Daunenjacke o.ä. sind nicht radspezifisch aber notwendig. Speziell fürs Radfahren gibt es ab ca. 25 EUR Neoprenüberschuhe, die wirken wahre Wunder. Motorradmasken schützen bei kaltem Fahrtwind vor Auskühlung (Nebenhöhlen etc.!). Technische Spielereien wie beheizbare Einlegesohlen o.ä. sind (noch) sehr teuer und oft bereits nach 1 Saison schon kaputt. Zweischichtige Handschuhe (dünner Fingerhandschuh plus separater Überhandschuh) sind i.allg. wärmer als gute normale und auch wasserdicht. Lange Jacken, die weit übers Gesäß runter reichen sind Gold wert. Mäntel sind noch wärmer, behindern aber je nach Schnitt die Tretbewegung oder verheddern sich irgendwo, oder der unterste Knopf reißt ab o.ä.... Große Ansprüche an Aerodynamik werden von üblichen Outdoorjacken leider nicht erfüllt, für den gleichen Preis (ab 150 EUR aufwärts) gibts aber auch spezielle Rad-Winterjacken, in denen man kaum friert. Und die Hose? Ich z.B. ziehe unterhalb des Gefrierpunkts gern eine billige Regenüberhose über die Anzugshose, das reicht für jeden bis jetzt erlebten Fall.
3.
sehr nass:
Regen, gerne auch mit starkem Wind, oder Schneestürme sind immer wieder eine tolle Bereicherung des Biker-Alltags. Die Brillenträger unter den Radfahrern können dem sogar noch was zusätzlich abgewinnen. Es gibt verschiedene Methoden damit umzugehen. Unabdingbar: vernünftige Regenschutzkleidung.a) Ein Poncho hat den Vorteil einen großen Teil des Körpers zu schützen, kostet unter 100 DM, und läßt genügend Belüftung zu. Nachteilig ist die große Angriffsfläche für den Wind (der natürlich von vorne kommt und damit bremst) und das Problem Kapuze. Darin kann man den Kopf zwar zur Seite drehen, aber dann schaut man mehr oder weniger in die Kapuze rein statt in den benachbarten Verkehr, und das ist ein gewisses Sicherheitsproblem.
b) Regenhose und Jacke schützen den ganzen Körper, sind wegen der hermetischen Dichte auch bei großer Kälte zusätzlich wärmend und vergrößern im Gegensatz zum Poncho den Luftwiderstand nicht. Aber mit der schlechten Belüftung ist ein Schwitzproblem programmiert, egal ob man da die teure Membranklamotte oder billiges Plastik drüberzieht. Das Kapuzenproblem besteht hier ebenfalls.c) Gleich eine große Goretex (o.ä.) Jacke anziehen, ich trage sowas im Winter überm Anzug, da schwitzt man kaum und friert nicht, und das Nässeproblem reduziert sich auf Beinkleid und Schuhe. Dort verwende ich unterhalb einer gewissen Niederschlagsmenge keinen besonderen Schutz, wenn's stärker nässt die billige Regenüberhose von (2), und im Endeffekt ist die Hose dann auch nicht nasser wie bei den Kollegen die zu Fuß unterm Regenschirm unterwegs sind.
Mit der Brille handhabe ich das so: Da ich nur schwach fehlsichtig bin, kommt das Teil runter, denn da seh ich immer noch besser als mit hundert Tropfen auf dem Glas und folglichem Tricklinseneffekt. Bei stärkerer Fehlsichtigkeit könnte eine Skibrille evtl. helfen?Mit den Schuhen gibt es bei starkem Regen ein Problem: egal wie wasserdicht die sind, die Soße läuft gern am Bein runter und von oben in den Schuh rein. Da hilft ein Regenüberschuh oder Gamaschen (ab ca. 10 EUR)
Viele Billigdynamos rutschen bei Nässe durch und geben keinen Saft mehr ab, siehe dazu weiter unten.Nassgeregnete Fahrräder verschleißen/rosten rascher. Trockenreiben und Kette schmieren nach jeder Regenfahrt kosten Zeit und Aufwand, verlangsamen aber dafür den Zerfall.
4.
noch schlechtere Straßenbedingungen, z.B. tiefer Schnee, Eis: Das wichtigste sind zunächst vernünftige Beleuchtung und Reifen.Beleuchtung: Akkuleuchten sind nicht teurer als eine vernünftige Dynamobeleuchtung, haben kein Problem mir Rutschen am Reifen oder korrodierten Kontakten, sind aber wg. Akkus pflegeaufwendig. Dynamobeleuchtung die auch bei schlechter Witterung funktionieren soll muss entweder einen Nabendynamo besitzen oder einen Leichtlaufdynamo mit hohem Wirkungsgrad (>20 EUR), der auch genau ausgerichtet werden muss, weil er sonst schwerer läuft und leichter rutscht. Korrodierende Verbindungen sind schwer zu finden, treten aber gerade im Winter gerne gehäuft als Ursache für Lichtausfall auf.
Bereifung: Spikes sind am Fahrrad erlaubt und bringen es! Ansonsten sind bei winterlichen Straßenverhältnissen "normale" Straßenreifen wie z.B. der hervorragende Schwalbe Marathon ungeeignet, grobstollige Reifen sind bei Schnee etc. wesentlich besser.5.
Abgasverpestete Luft: Da hilft ein Umweg. Der verlängert zwar Fahrzeit aber auch Lebenserwartung. Und man muss das Radfahren ja nicht nur als Weg von A nach B betrachten, sondern durch die Bewegung an der frischen Luft ist ja auch ein gewisser Freizeitwert gegeben.
Fazit:
Zusammenfassend komm ich nicht um die Feststellung herum, dass ganzjähriges kontinuierliches Radfahren sowohl einiges an Zeit als auch an Geld kostet, und nicht unbedingt den Sparer kennzeichnet (der ist mit einem Monatsticket im ÖPNV auch nicht viel teuerer bedient). Aber es ist mit vernünftigem Aufwand machbar und m.E. sinnvoll. Und individueller als der motorisierte "Individual"-verkehr ist es allemal...
15.08.2007 14:45
Da gibt's nichts mehr hinzuzufügen.
10.11.2003 22:14
Ein einziges Mal sei mir der Anblick eines gewissen jolinden in Goretex-Poncho, gefühlsechten doppelten Gamaschen und Skibrille, strampelnd im Dauerregen gegönnt.... meld Dich bitte, wenn Du Fotos zur Verfügung hast...*g und Gruß Andrea
11.09.2003 17:03
Hmmm...also, hinsichtlich der Brille gibt es einfach keine wirklich akzeptable Lösung - außer vielleicht einer Augenoperation. und das erscheint mir doch etwas unverhältnismäßig. Und problematisch finde ich das Fahrrad auch, wenn man schweres und/oder sperriges Gepäck hat. Meinen Laptop wqürde ich wirklich nur sehr ungern auf dem Radl transportieren...aber immerhin: wenn alle, denen das ohne weiteres möglich wäre, sich wenigstens bei schönem Wetter auf das Fahrrad setzen würden, wäre der Umwelt und ihrer Gesundheit ja auch schon ganz nett geholfen, oder? Überflüssig zu erwähnen, daß ich zu den besagten Schönwetterradfarhrern gehöre ;-)