Selberdenken!!!
29.07.2007
Pro:
Eine Möglichkeit, einfache Antworten zu finden
Kontra:
Eine Antwort, die mit Entmenschlichung bezahlt wird
Empfehlenswert:
Nein
 Candle71
Über sich:
Mitglied seit:31.05.2002
Erfahrungsberichte:15
Vertrauende:16
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 70 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Dieser Bericht war ursprünglich als Gästebucheintrag gedacht. Als spontane Reaktion und Kommentar auf einen Bericht, hier in dieser Rubrik. Aber als ich damit fertig war, stutzte ich und dachte, dass ich mit meiner Meinung gerne mehr als nur eine Person erreichen möchte. Das Thema berührt und bewegt mich - aus ganz persönlichen Gründen - und aufgrund der Geschichte unserer Nation. Nur wenn an dieser Diskussion teilgenommen wird, können Meinungen gebildet und bestehende verändert werden.Es ist immer sehr schwierig, komplexe Sachverhalte mit wenigen Worten zu beschreiben. Dazu kommt der Gebrauch der "richtigen" Worte und ihrer Bedeutungen. Zu oft ist es nicht nur eine Bedeutung, die sie besitzen und es entsteht ein breiter Interpretationsspielraum, der auch Missverständnisse hervorbringt. Bei so stark emotional aufgeladenen Worten wie "Rassismus" ist dies besonders ausgeprägt. Wer denkt dabei nicht sofort an die weißen Kapuzenträger des Ku-Klux-Klan? Jemanden aufgrund eines Rasters, dass auf verschiedenen Rassen beruht zu be- und meist zu verurteilen ist borniert, rückständig, diskriminierend und spricht von großer Hilflosigkeit. Nicht von Überheblichkeit. Hilflos, weil damit der naive Versuch unternommen wird, eine unendlich vielschichtige Welt, mit wenigen Attributen greifbar und erklärbar zu machen. Es ist also letztlich der Versuch nach absoluten Antworten und nach Sicherheit, die es nicht gibt und die es nicht geben kann.Weiss = gut. Farbig = schlecht. Schattierungen = nicht vertrauenswürdig. Das ist wie im Märchen: Prinzessin = gut. Hexe = böse. Happy End. Aber wir sind keine Kinder mehr, denen versucht wird, mit Märchen die Welt zu erklären (oder die einfache und ungebildete Bevölkerung von früher, für die Märchen diese Funktion hatte)! Wir sind erwachsen und dem einfachen, eindimensionalen Weltbild entwachsen! Es gibt mehr als nur zwei Seiten und mehr als richtig oder falsch, links oder rechts, gut oder böse.Menschen werden in einem sehr komplexen und komplizierten Prozess zu den Persönlichkeiten, die sie sind. Dieser Prozess heißt Leben! Und unabhängig der Kontroverse über genetische Dispositionen ist diese wenn, dann nur eine von vielen Beteiligten im Sozialisationsprozess. Physis, Genetik, kulturelles Setting, Bildung, Lebensumstände, ... Unendlich viele Faktoren machen jeden zu etwas Einmaligen. Und damit zu etwas Unberechenbaren. Aber wir haben ein Bedürfnis nach Sicherheit und wollen die Welt buchstäblich "begreifen". Dieses Bedürfnis nach Sicherheit hängt eng mit der eigenen Identität zusammen. Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und eine gefestigte Identität wird keine - oder wesentlich weniger - Angst vor dem Fremden und Unbekannten haben, dass eine potenzielle Bedrohung darstellt. Kann ich den Anderen einschätzen, kann ich gezielt handeln und mich effektiv wehren.Unsicherheit macht Angst. Und mit dieser Angst sehnen wir uns nach kindlich-naiven Lösungen, diese Angst zu beseitigen. Kaum ist ein Schuldiger gefunden, fühlen wir uns mit denen, die die gleiche Angst haben verbunden und können als Gruppe dem Ängstigenden entgegenstehen. Diese Gruppe kann eine Familie sein, eine Religionsgemeinschaft, eine Nation, eine Rasse.Worum es geht ist die Angst vor dem Anderen/Fremden und die Methode, sich verbunden/nicht allein zu fühlen. Bei dieser Methode muss man einen gemeinsamen Nenner finden. Wie billig ist es da, sich der Hautfarbe zu bedienen oder eine Kategorie der "Rasse" zu erfinden?!Rassismus ist nur eine Form von Fremdenfeindlichkeit. Es ist praktisch, ein vorgefertigtes Bild vom Anderen zur Verfügung zu haben. Problematisch wird es, wenn es absolute Gültigkeit zugewiesen bekommt! Egal ob bei Nationalitäten oder Ethnien, Hautfarben oder Berufsgruppen. Sicher gibt es typische Merkmale dieser Gruppen, sind aber deshalb Verallgemeinerungen gerechtfertigt?Was ist typisch französisch? Italienisch? Amerikanisch? US-Amerikanisch? Afrikanisch? Diese Bilder werden von den Betrachtern gebildet - aufgrund signifikanter Ereignisse in der Vergangenheit und typischer Erfahrungswerte. Und von dem, welches die Betrachteten bewusst vermitteln möchten.Nationale Identitäten beruhen auf geschichtlichen Ereignissen. Werden von Generation zu Generation weitergegeben. Helden- und Feindbilder konstruiert. Bestimmte Sichtweisen herausgestellt. Mentalitäten gebildet - Richtlinien, wie man zu fühlen und zu empfinden hat. Zu unseren deutschen Merkmalen gehört unwiederbringlich der Nationalsozialismus. Das andere Nationen auch Völkermörder waren ist Tatsache. Unsere Schuld wird dadurch verstärkt, dass sie von einer selbsternannten "Herrenrasse" begangen wurde, die besser ist, als ALLE anderen und in der Moderne stattfand. Im aufgeklärten, zivilisierten, hochentwickelten Europa des 20. Jahrhunderts!Dieser Makel wird bleiben. Hoffentlich! Denn dadurch hat er moralische und politische Kraft. Nicht gegen die Deutschen aber für die Demokratie und Menschlichkeit - weltweit. Stolz zu sein ... Ist das in der enttraditionalisierten Postmoderne überhaupt noch möglich? Stolz ...Was wird unter "stolz sein" alles verstanden und welche Emotionen sind daran geknüpft? (siehe Duden, Brockhaus, Wikipedia, etc.) In anderen Sprachen ist die Wortbedeutung eindeutiger als bei uns: entweder ist der Hochmut oder das Ehrgefühl gemeint. Der wesentliche Unterschied liegt aber im Umgang. Gerne wird die "Grande Nation" oder die US-Amerikaner mit ihrem Meer aus Stars & Stripes als exemplarische Patrioten aufgeführt. Das sind sie sicherlich auch, aber ihre Bekundungen werden unverkrampft und selbstverständlich geäußert. Es ist für sie "normal" und eben kein verkrampftes Statement: "ich bin stolz ein Deutscher zu sein (weil ich es 60 Jahre lang nicht sagen durfte)" oder "ich bin stolz ein Deutscher zu sein (weil mir sonst auf die Schnelle kein Baustein für die eilig herbeizitierte Leitkultur einfällt)". Heimatliebe, nationale Identität, nationales Bewusstsein, Patriotismus. Der Stolz, ein Deutscher zu sein, muss in seiner Semantik erst neu besetzt sein, um auszudrücken, dass man sich mit seinem Land und dessen Bevölkerung, Geschichte und Werten verbunden fühlt. Und nicht mehr. Heute kann alles von allen Seiten betrachtet werden - zum Glück. Glück, dass wir haben, weil wir die Freiheit besitzen, es tun zu dürfen. Diese Freiheit ist aber auch eine Zumutung: wir müssen auswählen und entscheiden, selbst eine Meinung bilden. Dabei können wir auf die Produkte der Medien zurückgreifen, die zwangsläufig auch nur eine Sichtweise der Ereignisse der Welt liefern (können). Wir können wählen: glauben/nicht glauben, Zeitung A oder B oder Z, Radio oder Podcast oder Magazin oder TV oder Zeitung oder gar nix wissen wollen ..! Die Wahrheit ist da aber die Varianten, sie zu beschreiben werden sie nie zur Gänze füllen. Einfache Antworten können nur auf Kosten der vielen anderen Erklärungsansätze gehen. Wenn es dabei um Menschen geht, dann wird damit zwangsläufig diskriminiert.Rassismus = einen Menschen auf seine Rasse/Hautfarbe zu reduzieren und dieser bestimmte Persönlichkeitsmerkmale generalisierend zuzuschreiben. Positiv wie negativ ... Der Knackpunkt ist die unermüdliche Neugier, immer wieder über den eigenen Tellerrand hinauszusehen und den Mut zu haben, das fast fertige Bild über die Welt ständig zu ergänzen und vielleicht auch zu übermalen - komplett neu anzufangen. Das Eigene nicht grundsätzlich in Gefahr und das Fremde als Bedrohung anzusehen, sondern als Unbekanntes und Neues, das neugierig macht. Wem das gelingt, der hat es nicht mehr nötig, dem Eigenen durch die Denunziation des Anderen seinen Wert zuzuweisen. Und er kann mir der Unsicherheit des Unerklärbaren, Diffusen, Fremden leben, weil er ein Bewusstsein von sich selbst hat ohne den Anderen als Minderwertig, sondern als anders wahrzunehmen.© Candle71
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
19.11.2009 03:16
einfach toll
27.11.2007 14:37
Eine intelligente, gut strukturierte und begründe Auseinandersetzung zum Thema. LG Loewie
26.11.2007 00:20
Ich finde es sehr gut, dass du deine Meinung mitteilst und vor allem so deutlich formulierst. Das weltgeschehen allgemein ist konstruiert, man wird von Leitbildern geprägt und von Symbolen, Ausdrücken, etc. überströmt. Ein anderes Beispiel für diese konstruierte Welt / Politik ist u.a. "Die Achse des Bösen" ... Rassismus ist klar eine Form von Fremdenhass. Was mich nur wurmt, sind die Wurzeln, die gezielt in der Jugend gelegt werden. Meine Erfahrung mit dem Thema sind vielschichtig, von Unbekanntem, über Theorien bis Praxis, ja sogar Freundschaft. Es ist cschwierig sich ein Bild zu machen. Und so schwierig es auch ist, alles was man versucht, ist zu verstehen, zu zeigen, aufzuwecken ... mit seinem eigenen konstruierten Bild. lg. Fabian