Rechtsanwaltsfachangestellte - Fluch und Segen

3  19.09.2005

Pro:
krisensicherer Job

Kontra:
geringe Gehaltsaussichten

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Einstellungschancen:

Aufstiegschancen

Verdienstmöglichkeiten:

Sozialleistungen:


Creedy18

Über sich: ♥♥ THEONLY14MEDIGGA1999 ♥♥ c[_] ♥ ein bisschen Mama, ein bisschen ...

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Wie vielen junge Leuten, wusste auch ich in der letzten Phase meiner Schulzeit (1999) nicht, wie es denn weitergehen sollte. Studium oder Berufsausbildung - die Entscheidung viel nicht leicht, aber ich wollte Geld verdienen, so fing ich an, Bewerbungen zu schreiben. Und wie es der Zufall wollte, bin ich in einer Anwaltskanzlei gelandet. Es ging damals alles sehr schnell, denn zwischen dem Vorstellungsgespräch und meinem ersten Arbeitstag lagen keine 24 Stunden. Innerhalb kürzester Zeit bin ich vom warmen "Elternnest" ausgezogen in eine neue fremde Stadt. Ich hatte mir nicht viele Gedanken über das Berufsbild einer Rechtsanwaltsfachangestellten gemacht, wusste eigentlich nur, dass es ein Büroberuf ist, in welchem man mit Gesetzen zu tun hatte. Und so stolperte ich ziemlich naiv in meinen ersten Arbeitstag.


Die Ausbildung:

Die Ausbildung dauert 3 Jahre, kann allerdings bei guten Leistungen in den Kernfächern auf 2 ½ Jahre bzw. 2 Jahre verkürzt werden. Sie findet im Ausbildungsbetrieb sowie in der Berufsschule statt. Der Verdienst ist sehr niedrig. (550,00 DM im 1. LJ bis 750,00 DM im 3. LJ/Stand 1999-2002) Nach erfolgreichem Abschluss der schriftlichen sowie mündlichen Prüfung erhält man den Gehilfenbrief und ist Rechtsanwaltsfachangestellte.

Zu den allgemeinen Aufgaben einer Rechtsanwaltsfachangestellten gehören:

Überwachung von Fristen und Terminen (das wichtigste überhaupt)
Führen des Terminkalenders
Erstellen von Schriftsätzen an Mandanten, Gegner, Gerichte nach Diktat
Selbständiger Schriftverkehr
Schreiben von Kostenrechnungen
Mahnwesen sowie Zwangsvollstreckung
Postbearbeitung
Mandantenbetreuung
"die rechte Hand des Anwalts sein"

In einigen Kanzleien sind Rechtsanwaltsfachangestellte auch in eigenverantwortlicher Arbeit für einzelne Sachgebiete (z. B. Abwicklung von Verkehrsunfällen, Korrespondenz mit Haftpflichtversicherungen) tätig.

Wie in vielen Lehrberufen, sind auch in einer Anwaltskanzlei Lehrjahre keine Herrenjahre. In den ersten Tagen lernte ich den allgemeinen Büroablauf kennen. Das wichtigste, und das begleitete mich während der gesamten Ausbildung, war der Aktenschrank. Akten heraussuchen, Akten reinstecken. Danach kam gleich die Kaffeemaschine. Auch das ist bei den meisten Auszubildenden hinlänglich bekannt. Ansonsten bestand mein allgemeiner Kanzleitag im Postsortieren, Termine mit Mandanten vereinbaren, Akten an- und ablegen, Akten suchen (was ich am schlimmsten fand, vor allem, wenn die Akten verschollen waren und der Anwalt sie aber spätestens gestern brauchte). An guten Tagen durfte ich "Bändchen" schreiben oder Akten bei Gericht holen. Zu meinem Glück waren wir vier Auszubildende, so war ich nicht allein und konnte meine Freude und auch mein Leid teilen. Leider war es in meiner Ausbildungskanzlei so, dass der fachlichen Ausbildung der Azubis wenig bis gar keine Zeit zugedacht war. Wir lernten uns gegenseitig die einen oder anderen Dinge. Aber meistens waren es doch die Botentätigkeiten, die den Alltag bestimmten. Ich habe während meiner Ausbildung in der Kanzlei nicht wirklich viel gelernt, jedoch war die Berufsschule sehr hilfreich, wenn auch nur theoretisch. Meine Ausbildung in der Kanzlei war ein hartes Brot. Fehler durften nicht passieren, so wurde die Angst geschürt und dann geschah es erst recht.


Berufsschule:

Diese fand einmal wöchentlich sowie aller 14 Tage zweimal wöchentlich statt. Es war schon eine Umstellung, von 6 - 7 Stunden täglich, 9 Stunden in der Schule abzuhängen. Auch die Unterrichtsfächer waren nun andere.

Es wurde gelehrt:
Deutsch
Wirtschafts- und Sozialkunde
Rechtswesen
Kostenrecht
Rechnungswesen/Buchhaltung
Textverarbeitung
Englisch
sowie Sport und Religion

Es ist schon ein ziemlich trockener Stoff und ich denke, dieses Gebiet muss einem wirklich liegen. Ich hatte dieses Glück.

So wurde ich in die Grundzüge des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) sowie der Zivilprozessordnung (ZPO) eingeführt. Im ersten Ausbildungsjahr bekommt man einen groben Überblick über das Rechtssystem in Deutschland vermittelt, die einzelnen Bücher des BGB werden erläutert sowie die Zuständigkeit der Gerichte. Diese Grundlagen werden in den weiteren Jahren vertieft. Es ist jedoch nicht notwendig, diese vielen Paragraphen auswendig zu lernen (davor hatten viele von uns richtig Angst). Nach den Aussagen meines damaligen Lehrers sollte man wissen, was man da lernt. Dieses hatte natürlich große Vorteile für mein späteres Berufsleben. Es wurde auf verschiedene Rechtsgebiete eingegangen. Interessant waren für mich vor allem das Strafrecht sowie das Familienrecht. Bei dem Themengebiet des Arbeitsrechts wurde schnell klar, wie nah uns allen das Recht im täglichen Leben kommt und wie gut es ist, sich etwas auszukennen. (Rechtswesen)

In Wirtschafts- und Sozialkunde wurde der Wirtschaftskreislauf erläutert. Weiterhin wurden Themen der Politik und Gesellschaft beleuchtet. Großes Interesse galt seinerzeit der Euro-Einführung sowie dem wichtigen täglichen Geschehen. Der Ernst des Lebens war auf einmal gar nicht mehr soweit weg, sondern betraf jeden von uns. Eine ziemlich nüchterne Erkenntnis. Was in Schulzeiten noch ein langweiliges Gähnfach war, wurde hier zum Prüfungsfach.

Im zweiten Lehrjahr kam dann das Kostenrecht hinzu. Wir lernten, Rechtsanwaltsgebührenrechnungen nach der Bundesrechtsanwaltsgebührenordnung (BRAGO) zu erstellen. Einige kannten dies bereits aus dem Kanzleialltag, ich leider nicht.

Das Fach Rechnungswesen erstreckt sich vom Dreisatz (bei dem ein Abiturient erst mal die Ohren anlegt, wenn die letzten Zahlen, die er gesehen hat, von einem Vektor stammen), an dem die ersten verzweifelten bis hin zur einfachen Buchhaltung, was für mich der interessantere Teil war.

Deutsch und Englisch befasste sich mit der Erstellung von Schriftsätzen sowie des Anwaltsdeutsches, was man erst einmal verstehen muss. Das Fach Textverarbeitung zielt auf ein ähnliches Ziel hinaus. Man lernt Klageschriften zu erstellen sowie einfache Schreiben an Versicherungen, Mandanten oder Gegner.

In meiner Berufsschule lernte ich viele Leute kennen, deren Kanzleiablauf meinem sehr ähnlich war. Die meisten hatten bereits nach ein paar Wochen ein ziemlich miserables Bild von Rechtsanwälten, mir ging es nicht anders. Das gab mir das Gefühl, nicht allein zu sein.

Jedoch merkte ich in der Berufsschule schnell, dass mir der rechtliche Dienstleistungszweig liegt und wohl nicht alle Anwaltskanzleien so sind, wie mein Ausbildungsbetrieb. Also beschloss ich, die Augen zuzudrücken, mein Bestes zu geben und durchzuhalten. Dieses sollte später belohnt werden...

Aufgrund guter bis sehr guter Leistungen in den Kernfächern war es mir möglich, die Ausbildungszeit um ein halbes Jahr zu verkürzen. Als der Tag der Prüfung kam, war ich dann schon ziemlich nervös.


Abschlussprüfung

Die Prüfung zur Rechtsanwaltsfachangestellten erstreckt sich über einen schriftlichen Teil sowie der mündlichen Prüfung. Im schriftlichen Teil wurde Rechtswesen, Kostenrecht, Wirtschafts- und Sozialkunde sowie Textverarbeitung geprüft. Hierbei kam es nicht darauf an, den gesamten Stoff auswendig zu beherrschen, viel wichtiger ist das Verständnis des gelernten. Als Hilfsmittel waren die Gesetzbücher erlaubt, haben jedoch nur etwas genützt, wenn man weiß wo etwas steht. Die Prüfung zieht sich über einen Tag bis zu zwei Tagen hinziehen.

In der mündlichen Prüfung, die ca. vier Wochen nach Bestehen der schriftlichen stattfindet und 45 Minuten andauert, werden Fragen aus allen Bereichen gestellt. Diese findet vor einem ausgewählten Prüfungsausschuss statt.

Die Durchfallquote in diesem Beruf ist relativ gering. Zumindest in Franken/Bayern. Sollte es dennoch passieren, dass man durch die Prüfung rauscht, so gibt es die Möglichkeit die Prüfung zwei mal nachzuholen.


Ich als die ausgelernte Rechtsanwaltsfachangestellte

Nach erfolgreich abgeschlossener Berufsausbildung wechselte ich die Kanzlei. So kam ich mit sehr wenig Praxiswissen in einen neuen Wirkungskreis und musste mich von nun an neuen Herausforderungen stellen.

So war ich für die Betreuung eines Kanzleistandortes zuständig, sowie für die Buchhaltung und Zwangsvollstreckung. Es war der klassische Wurf ins kalte Wasser, im Nachhinein das Beste was mir passieren konnte. Denn schon bald wusste ich, mein neues Wissen effizient einzusetzen. Es gibt nichts, was man nicht lernen kann.

Schon bald füllte ich das klassische Bild einer Rechtsanwaltsfachangestellten aus und merkte, dieser Beruf macht Spaß. Wenn einem der Chef dann noch Vertrauen entgegenbringt, steigert das natürlich das Selbstbewusstsein und die eigene Leistung. Ich erkannte, dass man als Rechtsanwaltsfachangestellte nicht zwangsläufig die kaffeekochende Tipse eines X-beliebigen Rechtsverdrehers ist, sondern auch eigenverantwortlich tätig und in manchen Dingen, z. B. dem Kostenrecht, dem Anwalt um einige Schritte voraus ist.

Mittlerweiler arbeite ich in einer größeren Kanzlei und bin als Sachbearbeiterin eines Seniorpartners tätig. Hier wird das selbständige Arbeiten natürlich noch größer geschrieben. So erwarten mich täglich neue Herausforderungen. Und es ist das eingetreten, was ich während meiner Ausbildung nie zu träumen wagte, der Job macht Spaß!


Weiterbildungsmöglichkeiten/Aufstiegschancen/Zukunftsaussichten

Rechtsanwaltsfachangestellte sind hauptsächlich bei Anwälten tätig. Aber auch bei Banken oder Inkassounternehmen sowie in größeren Firmen in der Rechtsabteilung.

Zu den Weiterbildungsmöglichkeiten gehört die Ausbildung zum Rechtsfachwirt (ähnlich dem früheren Bürovorsteher), welche nebenberuflich absolviert werden kann. Die Dauer beträgt etwa 2 Jahre. Weitere Informationen hierüber findet man beim Arbeitsamt sowie über die zuständige Rechtsanwaltskammer.

Des weiteren gibt es noch die Weiterbildung zum Bürovorsteher als Bindungsglied zwischen Angelstellten und Anwälten.

Job mit Zukunft.

Der Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten ist ein krisensicherer Beruf. Anwälte werden immer gebraucht und in Zeiten der wirtschaftlichen Schwäche wächst ihnen (z.B. als Insolvenzverwalter) die Arbeit förmlich über den Kopf.
Ein weiterer Punkt ist, dass die Bezahlung nicht tariflich geregelt ist, so dass man teilweise sehr wenig verdient (1500 € und weninger brutto)

Ein letztes:

Dieser Beruf eignet sich für Menschen, die mit den Macken anderer (Anwälte haben ihren eigenen Dreh!) gut umgehen können und sich auch in Stresssituationen behaupten und nicht unterkriegen lassen. Das Lernen hört in diesem Beruf nie auf, denn Gesetze ändern sich häufig und man sollte immer auf der Höhe des Geschehens sein. Unwissenheit kann hier sehr teuer werden. Man sollte auch bedenken, dass diejenigen, die sich im Recht am besten auskennen, auch diejenigen sein können, die es am besten beugen können (siehe Gehaltserwartungen)

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Mungi60

Mungi60

28.07.2011 08:53

Das kann manchen abhalten, diesen Job zu wählen. Aber ich denke, man muss wissen, ob man diesem Druck aushält. Kann mir auch gut vorstellen, dass es eine Menge unsymphatischer Rechtsverdreher gibt, bei denen man arbeitet. :-(

Hedwig_2010

Hedwig_2010

06.04.2011 17:02

Da hast Du ja nicht gerade eine tolle Ausbildungskanzlei erwischt. Schön, dass Du Dich davon nicht abschrecken lassen, sondern durchgebissen hast. :-))

Miem

Miem

09.07.2009 17:15

ach ja, die Gesetze habe ich auch pauken müssen - für´s Programmieren *g, aber da die Ausbildung auf -kaufmann endete, musste das eben auch sein.

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