Erfahrungsbericht über

Regenroman - Roman / Karen Duve

Gesamtbewertung (6): Gesamtbewertung Regenroman - Roman / Karen Duve

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And the rain came hammering down....

4  02.10.2007

Pro:
verstörend, bedrückend, beeindruckend

Kontra:
manchmal zu forciert

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


Fantomiss

Über sich: Und sollte ich vergessen haben, jemanden zu beschimpfen, dann bitte ich um Verzeihung!

Mitglied seit:20.06.2006

Erfahrungsberichte:162

Vertrauende:92

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 124 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Meine Schwester, die mir dieses Buch geschenkt hat, hat mich gewarnt. Sie sagte: "Lies dieses Buch bei Sonnenschein. Lies es nicht, wenn es dir nicht gut geht."
Ich habe nicht auf ihre Warnungen gehört und ich habe es gelesen, als es mir schlecht ging und als es regnete.

~~~ Karen Duve: Regenroman ~~~

Ein pragmatischer Titel für diesen Erstlingsroman einer deutschen Autorin (geboren 1961in Hamburg), die zuvor schon für mehrere Kurzgeschichten ausgezeichnet wurde. Aber er passt.

Ein verregneter Frühling geht in einen verregneten Sommer über, und dieser in einen verregneten Herbst. Der bisher kaum erfolgreiche Schriftsteller Leon Ulbricht wird von dem Hamburger Zuhälter und Ex-Boxer Pfitzner beauftragt, seine Memoiren zu schreiben. Sein bester Freund Harry, ebenfalls im Milieu beschäftigt, hat ihm das vermittelt.
Leon und seine junge hübsche Frau Martina wollen weg von Hamburg. Leon sehnt sich nach Einsamkeit und Abgeschiedenheit, vielleicht auch, weil er denkt, Schriftsteller müssen in abgeschiedenen einsamen Häusern ein Eigenbrötlerdasein führen, um schreiben zu können.
Auf dem Weg zu einer Hausbesichtigung findet Leon in der Nähe eines Rastplatzes die Wasserleiche einer jungen Frau. Martina möchte die Polizei verständigen, doch Leon hat keine Lust auf stundenlange Fragereien und sie einigen sich darauf, den Fund anonym zu melden.
In Priesnitz angelangt, kaufen sie das Haus, das am Rande eines weitläufigen Moorgebietes steht, außerhalb des Dorfes. Sie renovieren. Und es drängt sich immer mehr der Verdacht auf, dass das Traumhaus eigentlich baufällig ist. Die Feuchtigkeit kriecht in die Mauern, und es hört nicht auf, zu regnen...


Im Regenroman gibt es skurrile Gestalten. Und es geschehen Dinge, die skurril und alltäglich zugleich zu sein scheinen. Vielleicht ist das einfach der Alltag von skurrilen Menschen. Und dem skurrilen Hund Noah, der eines Tages vor dem Haus im Moor auftaucht, abgemagert und verwahrlost, und beschließt, sich zeitweise Martina und Leon anzuschließen, und der die Kluft zwischen dem Paar weiter vergrößert. Denn die Beziehung zwischen Leon und Martina beginnt immer mehr zu erkalten...

~~~~~~~~~~~~

Karen Duve ist schonungslos. Und verstörend. Ihre Sprache ist nüchtern und genau, realistisch und authentisch. Und eben durch diese nüchterne Sprache kochen in einem selbst die Emotionen hoch. Als sie einen Freß-Kotz-Anfall Martinas schildert - sie ist Bulimikerin - hätte ich am liebsten mitgekotzt. Und ich wurde das Gefühl nicht los: Die weiß gerade ganz genau, worüber

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Regenroman - Roman / Karen Duve Bild 112804758 tb
Regen
sie schreibt. Dabei verliert sich Karen Duve nie in unwichtigen Details, während sie gleichzeitig die wichtigen mit wenigen Worten so genau schildert, dass man sie sehen fühlen riechen kann. Man kann die Schnecken hören, die zu hunderten, wenn nicht tausenden, den Garten bevölkern, man kann ihren Schleim fühlen, und man ekelt sich. Man empfindet Abscheu vor Harry und besonders vor Pfitzner, als sie im Haus im Moor auftauchen. Man wundert sich über die merkwürdigen Schlei-Schwestern, die in einer Villa mitten im Moor, noch hinter Leons und Martinas Haus leben, und die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dabei fiel es mir zu Anfang nicht ganz leicht, in dieses Buch einzusteigen. Manchmal fürchte ich, kann einem Literaturwissenschaft die Freude am Lesen trüben. Weil man ein zu kritischer Leser wird. Aber manche Formulierungen Karen Duves, manche Vergleiche finde ich doch einfach zu dick aufgetragen, sie wirken auf mich etwas zu sehr forciert, zu sehr um eine außergewöhnliche Formulierung bemüht...

~~~

"Der verhangene Himmel hatte eine Pastellfarbe angenommen. Nur über den Bäumen durchbrachen zwei lange schräge Risse die Wolkendecke, aus denen gelbe Sonnenstrahlen auf die Erde hinunterstießen, ordentlich gebündelt, wie Wasser, das aus der durchlöcherten Tülle einer Gießkanne fließt. Violetter Dunst lag über dem Moor und ließ die meisten Konturen in psychedelischen Lichteffekten verschwimmen. Die skelletierten Bäume eines ertrunkenen Wäldchens traten hingegen so deutlich und schwarz hervor, als hätte ein Choleriker in seiner therapeutischen Malgruppe sie gezeichnet und dabei den Bleistift verschiedene Male abgebrochen. Auch das Gras, das aus einem Baumstumpf wuchs und die dicken Zigarren der Rohrkolben gleich hinter dem Gartenzaun - alles so deutlich wie Scherenschnitte. Irgendein Tier gab einen rauhen, knarrenden Ton von sich."

~~~

Dennoch konnte ich das Buch nicht weglegen. Es faszinierte mich auf eine merkwürdige Weise. Und ich las drei Tage lang, stehend in der S-Bahn, auf dem Bahnsteig, die meiste Zeit zuhause im Bett. Und es ließ mich frösteln, obwohl ich in dicke Decken gekuschelt war. Mir war, als würde die Nässe auch in meine Wohnung kriechen, als würden die Wände anfangen, braunrotes Moorwasser zu schwitzen. Und als Karen Duve eine Vergewaltigung schilderte, wurde mir schlecht. Es war zu realistisch. Ich dachte, ich könnte es spüren. Beängstigend.

Ein wenig läßt mich der Regenroman an Nick Caves Roman "Und die Eselin sah den Engel" denken. Vielleicht, weil auch dort Regen eine dominante Rolle spielt. Aber Nick Caves Sprache ist manischer, die Geschichte, die er erzählt, ist surrealer.

Ein klein wenig unschlüssig bin ich, was ich mit dem Schluß anfangen soll. Er kommt so leise. Und irgendwie ahnt man, dass es so oder ähnlich ausgeht. Ich war zumindest nicht wirklich überrascht. Aber auch nicht enttäuscht. Und noch immer hänge ich jetzt, am nächsten Abend, nachdem ich das Buch in der Nacht zuvor aus Schlaflosigkeit zuende gelesen habe, in dieser merkwürdigen Stimmung fest, die es bei mir hinterlassen hat. Bedrückt. Verstört, ein bißchen. Und fröstelnd. Ich kann jetzt die Warnung meiner Schwester verstehen. Aber es ist zu spät.


~~~ Noch ein Einblick ~~~

Der Garten sah aus, als hätte sich ein Wahnsinniger daran gemacht, sämtliche Pflanzen bis zu einer Höhe von einem Meter über dem Boden mit einem Miniaturlocher zu bearbeiten. Es regnete durch die Blätter hindurch, sie fielen ab und segelten zu Boden. Gras und Beete waren mit löchrigem Laub bedeckt. Blüten erstickten im Schleim.
Leon und Martina hatten die verschiedensten Methoden der Schneckenbekämpfung ausprobiert: Sie hatten Joghurtbecher mit Bier gefüllt und in die Erde gesteckt. Sie hatten haufenweise Lappen um die schützenswerten Pflanzen drapiert und als Friedensanebot Salatblätter ausgelegt. Die Schnecken hatten den Salat UND die Rosenblätter gefressen. Es waren einfach zuviele. Einmal hatte Leon sich über einen der köchelnden Schleimhaufen gebückt und gesehen, dass eine Schnecke, die mit etwas Penisähnlichem bei einer zweiten offensichtlich als Männchen fungierte, gleichzeitig von einer dritten als Weibchen benutzt wurde. Diese ungebremste Fortpflanzungswut gab ihm den Rest. In hilfloser Erbitterung hatte er einen Eimer Kriegsgefangener abgekocht und den stinkenden Sud um die letzte intakte Rose gegossen. Aber auch Grausamkeit hatte die Rose nur so lane schützen können, bis der strömende Regen die Brühe fortspülte. Etwa eine halbe Stunde lang.
Als letztes war Leon darauf gekommen, die Schnecken abzusammeln, Stück für Stück die braunen Bäuche von den nassen Blättern und Stengeln zu pflücken und mit den Fingern aus dem Gras zu harken, bis seine Hände in Handschue aus Schleim gehüllt waren. Der Eimer zu seinen Füßen war bereits der fünfte, den er gefüllt hatte. Neben der Haustür standen vier weitere, abedeckt mir Gehwegplatten aus dem Geräteschuppen. Mehr Eimer besaß Leon nicht. Aber tatsächlich war das Knistern jetzt verstummt. Leon ging zur Veranda. Er setzte sich schwerfällig auf die Stufe, knotete die Kapuze seines schwarzen Anoraks auf und betrachtete die Beute. Eine braunrote Masse, die sich selbst verschlang. Mittendrin wand sich ein Regenwurm, der irgendwie hineingeraten war. Leons Rücken tat weh. Erst tagelang das Buddeln in den Gräben, und jetzt die Bückerei nach den Wegschnecken. Er fischte den Wurm heraus und setzte ihn neben die Holzstufen. Der Regenwurm schlängelte sich bis zur nächsten Pfütze, wo er sofort ertrank. Leon streifte den Schleim von seinen Händen im Gras und an den Gummistiefeln ab.
Die Haustür ging auf, und Martina kam heraus. Neben ihr schlich steifbeinig Noah. Er gähnte, stemmte die Hinterbeine gegen den Boden, legte den Kopf beinahe auf die Holzplanken der Veranda und straffte sich mit hochgerecktem Steiß. Anschließend hob er den Kopf und senkte die Hüfte, um Rückgrat und Hinterläufe zu dehnen. Er setze sich neben Leon.
"Na endlich ...", dachte Leon. Endlich merkte der blöde Köter, wo er zu sitzen hatte. Das war eben so mit Hunden. Da konnte Martina ihn noch so verzärteln, schließlich hatte Noah sich doch dem Herrn des Hauses angeschlossen. Hunde gehörten zu Männern. Zu Frauen gehörten Katzen.
Leon tätschelte Noah den Kopf, und Noah stand sofort auf, trottete auf die andere Seite der Veranda und legte sich dort hin. Martina hob die Gehwegplatte von einem der Eimer.
"Das ist das Ekelhafteste, was ich je gesehen habe. Was willst du damit machen?"
"DOMESTOS drauf und eingraben. Ich kann sie ja schlecht im Klo runterspülen."
"O nein", sagte Martina, "tu das nicht! Das ist schrecklich. Kannst du sie nicht aussetzen? Irgendwo im Moor?"
"Damit sie morgen früh wieder an die Tür klopfen, was? Nee, nee. Ich sammel mir doch nciht den Buckel krumm, um dann Schnecken spazierenzutragen."
"Du könntest sie mit dem Auto wegfahren", schlug Martina vor. "Du fährst ein paar Kilometer, und in einem Wald schmeißt du sie raus. Dann kommen sie bestimmt nicht zurück. Sei so nett und eröffne hier kein Folterlager."
"Die merken doch gar nichts," brummte Leon, zog aber bereits den Autoschlüssel aus der Hosentasche.

_____________________________

Schwierig für mich, eine angemessene Wertung zu finden. Das Buch ist gut, aber es begeistert mich nicht. Die Sprache ist erschreckend realistisch, klar und verständlich, aber manchmal doch ein bißchen zu forciert, zu sehr "ich habe mich bemüht, eine außergewöhnliche Formulierung zu finden." Für meinen Geschmack jedenfalls. Gleichzeitig hat es einen nachhaltigen EIndruck auf mich hinterlassen. Am liebsten wären mir ja 3,5 Sterne, also runde ich nach Mathematikregeln auf und vergebe 4 für diesen un- und außergewöhnlichen Erstling.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lorin76

Lorin76

16.07.2010 23:08

Guter Bericht. Ich habe von der Autorin "Taxi" gelesen.

mama-von-paul

mama-von-paul

06.05.2008 15:29

Bis zur Hälfte bin ich bereits gekommen. Wie gut, dass die Sonne scheint...

LoloMay

LoloMay

14.11.2007 23:26

Wow... die Textstellen, die Du ausgewählt hast, vorallem die erste, haben mir sehr zugesagt. Solch einen Schreibstil liebe ich, auch wenn er sich manchmal in zu genauer Beschreibung und dem Vergleichen zu verlieren droht. Eigentlich möchte ich gleich sagen, dass ich mir das auf jeden Fall besorgen muss. Doch ich nehme mir die Warnung Deiner Schwester zu Herzen... Und da sich sobald nichts an meiner Stimmung ändern wird, kommt das Buch eher erst irgendwann in der Zukunft für mich in Frage.

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