Heinrich Heine war ein berühmter Reisender. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen unternahm er häufig große Reisen quer durch Europa. In seinen witzigironischen und sehr... mehr
Erfahrungsbericht von DaisyGatsby über Reisebilder - Studienausgaben / Heinrich Heine 28.04.2002
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
sehr hoch
Spannung
durchschnittlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
ergreifend
Pro:
satirisch, treffend, lebendig - einfach Heine
Kontra:
na ja, Platen ist tot und stört sich nicht mehr dran
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Endlich hab ich ein Buch gefunden, dass es mir erlaubt eine ausführliche Besprechung zu schreiben und dabei der von mir verabscheuten Inhaltsangabe zu entgehen. Das dazu passende Werk sind Heinrich Heines Reisebilder. Nachdem ich das Buch vor vielen, vielen Jahren auf einem Flohmarkt erworben hatte, musste ich etliche Anläufe nehmen, um die 553 Seiten zu bewältigen. Ich scheiterte dabei an dem herausragenden Charakteristikum dieses Werks: den Skizzen, Fragmenten, Notizen. Um Himmels Willen, das ist kein Vorwurf! Ich war bloß nicht darauf vorbereitet, dass es sich nicht um einen Roman handelt, mit dem man es sich für ein paar Stunden im Sessel gemütlich macht, der kontinuierlich einen Spannungsbogen aufbaut und ein zahlenmäßig befristetes Personal auf die Bühne bringt. Alles das findet man in den Reisebildern nicht. Dafür so viel mehr. Zwischen 1826 und 1931 erschienen Zeitungsartikel, in denen Heine seine Reiseimpressionen wiedergab. Zum Beispiel veranschaulicht er den Lesern der des Berliner „Gesellschafter“ seine Erlebnisse und Eindrücke einer Polenreise. Noch heute lesen wir gerne Erste-Hand-Berichte über mehr oder weniger abenteuerliche Reisen (sprach die Geo-Abonnentin), wie interessant muss das erst für die Menschen gewesen sein, die statt mit Fernsehern mit Kutschen ausgerüstet waren. Doch der Reihe nach. In meiner alten Goldmann-Ausgabe aus dem Jahr 1982 reisen wir mit Heine zu folgenden Stationen: Briefe aus Berlin (1822) Über Polen (1823) Die Harzreise (1824) Die Nordsee (1825-1826) Erste und zweite Abteilung Die Nordsee (1826) Dritte Abteilung Ideen. Das Buch Le Grand (1826) Italien (1828) I. Reise von München nach Genua II. Die Bäder von Lucca III. Die Stadt Lucca Englische Fragmente (1828) Beneidenswert viel herumgekommen, der gute Heinrich, was? Dass seine Reisen nicht immer ganz freiwillig waren, werden wir gleich noch sehen. Warum ich keine Inhaltsangabe zu schreiben brauche, liegt auf der Hand: wie oben erwähnt existiert keine durchgängige Handlung. Spöttisch, kritisch und genüsslich skizziert Heine Persönlichkeiten, die er kennen gelernt hat, Ereignisse, die er erlebte. Die letzten 170 Jahre sind spurlos an diesem Buch vorbei gegangen. Ach nein, es liegt an Heines lebendigem, eleganten Stil, der mich fast dazu veranlasst, das von ihm erwähnte Trüffeleis in ganz Berlin zu suchen. Kleines Beispiel gefällig? „Aber halt! Sehen Sie das Gebäude an der Ecke der Charlottenstraße? Das ist das Café royal! Bitte, lasst uns hier einkehren; ich kann nicht gut vorbeigehen, ohne einen Augenblick hineinzusehen. Sie wollen nicht? Doch beim Umkehren müssen Sie mit hinein.“ Damit möchte ich aber nicht den Eindruck erwecken, dass es sich bei den Reisebildern um einen Reiseführer durch eine vergegangene Zeit handelt. Satirische Angriffe auf die Universität und das Studentenleben, Äußerungen zu einer freien Gesellschaftsstruktur und immer wieder Kritik an der zeitgenössischen Politik zeugen von einem ganz anderen Kaliber. In der Tat sorgten seine Angriffe auf den deutschen Adel und sein Bekenntnis zu Napoleon dafür, dass Heine am Erscheinungstag des Buches nach England fliehen musste (später nach Paris), wodurch wir wiederum uns heute an den „Englischen Fragmenten“ erfreuen können. Bei aller politischer Brisanz, die in den Texten steckt, möchte ich noch einmal betonen, dass sie durch den spöttischen Ton und pointierten Witz sehr amüsant zu lesen sind. Sehr hilfreich sind die ausführlichen Anmerkungen, die in meiner Goldmann-Ausgabe zu finden sind. Ob auch neuere Ausgaben diese enthalten, kann ich nicht sagen. In einem Punkt schoss Heine jedoch über sein Ziel hinaus. Seine Polemik über den Dichter Platen verärgerte selbst seine Freunde (und war für seine immer zahlreichen Feinde ein gefundenes Fressen). Heine beging den Fehler eine persönliche Fehde auf literarischer Ebene ausfechten zu wollen und verstieß gegen jeden guten Ton, indem er Platen auch aufgrund von dessen Homosexualität angriff. Jetzt noch schnell was zur literaturgeschichtlichen Einordnung. Doch, doch, das muss sein. Im späten 18. Jahrhundert sowie in der Zeit des Vormärz (also etwa zwischen 1815 und 1830/40) waren Reiseschilderungen sehr populär. Heinrich Heine brach den alten Stil jedoch auf und modernisierte diese literarische Form, indem er den feuilletonistischen Ton einführte und einen autonomen Ich-Erzähler sehr frei Kritik an der Politik üben ließ. Das Leiden an den politischen Verhältnissen stellte er übrigens ironisch-gebrochen dar, wodurch er im Gegensatz zu manchem seiner politisch aktiven Zeitgenossen heute noch lesbar und genießbar ist. Zeitlich kommt Heine natürlich auch mit der Epoche der Romantik in Berührung. Einflüsse der romantischen Tradition erkennt man im Wechsel von Prosa und Lyrik (hier sind es eher Lyrikeinschübe), am Fragmentcharakter und der Betonung des Gefühls (die hier jedoch ins Lächerliche Gezogen wird). Eine Warnung muss ich noch aussprechen: als ich mit Heine kurz vor Italien war, stürzte ich durch seine melancholische Stimmung in ein tiefes Loch, aus dass ich mich erst nach geschlagenen drei Wochen befreien konnte. Die Reisebilder sind eine hervorragende Art sich dem Klassiker Heinrich Heine zu nähern, denn sie enthalten sämtliches, was für ihn typisch ist. Auch wenn ich nun genau so klinge, wie die Deutschlehrerin, die ich Gott sei Dank nie sein werde: Ihr braucht ja nicht das ganze Buch zu lesen. Sucht euch ein Kapitel heraus. Die Sucht folgt automatisch. Jetzt ist aber Schluss mit der Anbiederei. Das hat Heine nicht nötig. Wenn euch dieser Bericht viel zu theoretisch war, Gut! Dann ab zur nächsten Buchhandlung und ran an die Praxis!!!
Pro: für die damalige Zeit erstaunlich modern, lebendig und humorvoll geschrieben, Heine ist ein Meister des Stils Kontra: heutzutage zum Teil ohne Hintergrundinfos schwer verständlich, relativ anspruchsvoll
Zum Glück war dieses Buch das erste, welches ich von Heine eher zufällig in die Finger bekam, denn es ist nach meiner Einschätzung das einsteigerfreundlichste Werk dieses Dichters. Auch hier war wieder mal die Ex-DDR mit ihrem Zwangsumtausch für Wessis sc ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich