Rettet das Verschwindende

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Rettet das Verschwindende

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Kürzlich habe ich ein Fragment wieder gefunden, das sich mit einem der bekanntesten Ideologen des Sägemehl-Leasing-Gewerbes im Ruhrgebiets beschäftigt: (Textauszug)"Felix Plantenpetter, und ich danke vielmals für die Erwähnung des vergessenen großen Geistes der 70er Jahre, der in Lüttringhausen ... Bericht lesen





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Die Tavernen der Leblosigkeit
Erfahrungsbericht von CapriTonne über Rettet das Verschwindende
01.03.2006


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Ach
Kontra: so

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Kürzlich habe ich ein Fragment wieder gefunden, das sich mit einem der bekanntesten Ideologen des Sägemehl-Leasing-Gewerbes im Ruhrgebiets beschäftigt: (Textauszug)"Felix Plantenpetter, und ich danke vielmals für die Erwähnung des vergessenen großen Geistes der 70er Jahre, der in Lüttringhausen kommende Woche mit dem "Thea Nichtenberger Preis" ausgezeichnet werden wird und möchte gerne daran anknüpfen, [...] ist einer der wenigen ganz, ganz Großen seiner Zunft. Viele Kritiker empfanden seinerzeit seine "Gedanken zu Dosenmilch" schlichtweg als eklektizistischen Versuch, von seiner semichronischen Blasenschwäche abzulenken. Der SPIEGEL hingegen, allen voran Rudolf Augstein, erwähnte ihn mit keiner einzigen Silbe. Im November 1979 reichte er seine Spesenabrechnung für das Jahr 1974 ein und ging anschließend Minigolf spielen. Hätte es nur mehr visionäre und diskussionsrabiate Querdenker wie ihn gegeben, so wäre die Welt heute eine andere."

Ist es nicht schade, dass viele überaus begabte Zeitgenossen - nicht selten schon zu Lebzeiten - in Vergessenheit geraten? Ein Leben im Off der kollektiven Wohlbeachtung, durch zentrifugale Medienignoranz an den Rand des öffentlichen Lebens geschleudert, dort, mit symbolisch gebrochenen Flügeln, kauernd, hoffend auf nährende Brotkrumen in Form von gelegentlichen Auftritten während hochnotpeinlicher Call-in-Formate des Mitteldeutschen Rundfunks?
Wer kennt denn heute noch den sympathischen Mundartpantomimen Lothar Grabmüller, auch bekannt als "schwäbischer Marcel Marceau", wer hört heutzutage noch Schallplatten des Zauberers Heinz Harris, wer kauft sich denn noch die fragilen Scherenschnitte des begnadeten Uli Morgenbrot, der zeitlebens nur ein einziges Motiv für seine kleinen Kunstwerke kannte: Graubrot mit Plockwurst.

Sie alle verdienen unseren Respekt, denn ihre Kunstfertigkeit, ihre Denkensweise und nicht zuletzt ihr außerordentliches Talent hat unser Aller Leben ungemein bereichert. Gerne möchte ich nun in diesem Bericht auf biographisch verborgene Details eingehen, zeitgleich einen Appell an den geneigten Leser richten, mit seiner geistigen Donation das Leben dieser hochbegabten Unbekannten ein klein wenig Sinnerreichter zu gestalten.
Beginnen möchte ich heute mit Therese Schönberg.

Therese Schönberg, am 12.4.1937 als Mandy Schönberg in Kasel geboren und aufgewachsen in Irsch bei Trier, bezeichnet selbst ihre Kindheit als "pädagogisch grausam, sozial vergiftet und voller ereignisreicher Schmerzerlebnisse", sie ist dreieinhalb, als sie dieses vernichtende Urteil in ihrem sechsten publizierten Tagebuch im Ullstein-Verlag veröffentlicht (S. 122 ff.); die erste Ehe mit Christian Schwarz-Schilling hat sie emotional-verlustreich hinter sich, elf weitere sollen folgen, was natürlich zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen kann. Erst die dreizehnte Ehe, nun mit einem anderen Mann, lässt sie erfahren, was "in Sachen Romantik so geht", aber da ist sie auch schon eingeschult.
Es muss der achte Dezember 1944 sein, an dem sie zum ersten Male mit jenem literarischen Werkstoff in Berührung kommt, der ihr gesamtes Leben verändern soll: ergotherapeutische Gedichte.
Es ist das Werk von Jörg Claudius, genauer: ein Sammelband seiner schmachtenden, vor Erotik knisternden Zeilen an den fernen Geliebten Olaf Laudien, der zu jener Zeit als Schaustellergehilfe auf einem Rummel in Baunatal weilt und es ist jene Dichtkunst, die die junge Schönberg ergreift, sie berührt, sie erbeben lässt in all ihrer unerwiderten Leidenschaft.

Du drehst dich dort so fort im Kreise,
du wunderschöner kräft'ger Mann,
dein langes, wellig-wehendes Haar,
das zieht mich ganz schön in Bann
auf wundersame Weise.

Ich will und kann es auch nicht lassen,
tiefe Blicke zu riskieren
die sich wahrlich nicht ziemen.
Und doch muss ich immerfort stieren
Auf deine Karkassen.

Du bist so weit fort.
Fährst Achterbahn
Und Karussell
Berg-und-Tal-Fahrt
Und solche Sachen.

Ich habe gern diesen Schmerz,
ich nehme ihn als Zeichen wahr
so weiß ich doch: ich lebe.
Die nahe Zukunft ist uns klar:
Die nächste Fahrt geht rückwärts.


Therese Schönberg beginnt nun ebenfalls zu dichten, experimentelle Vierzeiler zunächst, deren wichtigste Prämisse es - unter anderem - ist, dass sie sich nicht reimen dürfen, jene Versform also, die Gustaf Brendy im "Zweiten Bocholter Dichtungskonvent" 1946 propagiert und die in seinem phänomenalen Spätwerk "Der Unentschlossene" gipfelt*.
Bei einem Abendessen mit Freunden in einem Restaurant nahe der belgischen Grenze stellt sie völlig überrascht ihre Schwangerschaft fest, ihre gerade erst aufkeimenden poetischen Ambitionen scheinen gefährdet, doch als sie kurz nach dem Dessert Zwillinge gebärt, ist ihr die Erleichterung deutlich anzumerken.

Rasant geht es weiter in ihrem recht stringenten Lebenslauf, ein Praktikum an der Landesklinik für Strunkgemüseallergiker, vierzehn Monate Einzelhaft in Ulan Bator, Kommunion, die erste Liebe; kurz vor ihrem zwölften Geburtstag dann die erschütternde Nachricht: Akne. Die zart besaitete Poetin leidet derart unter diesem verheerenden Schicksalsschlag, dass sie erst vierundzwanzig Jahre später das Badezimmer verlässt.

In jenem Jahr also, 1973, lernt sie beim Volkshochschulkurs "Backen ohne Mehl" den amerikanischen Schauspieler Dustin Hoffman kennen, der sie wiederum mit dem Halbtagsfloristen Detlev Backhaus aus Oldenburg/N. bekannt macht. Sie verliebt sich über alle gesunden Maße in den "Blumenkavalier" (so Selma Lagerlöf über den sympathischen Niedersachsen), der ihr von seinen Plänen erzählt, eine Art "Fleurop"-Service aufzuziehen, nicht jedoch mit Blumen, sondern Würzsoßen und Senfkreationen nach eigenem Rezepte.
Ohne zu zögern ist Therese Schönberg bereit, einen sechsstelligen Betrag in die geschäftlichen Pläne zu investieren, muss jedoch feststellen, das bei einer ausgiebigen Feier zur Geschäftsgründung das gesamte Kapital für den von Backhaus gerne getrunken Magenbitter verpulvert wird. Tief enttäuscht lässt sie den Partner alleine zurück und verlässt das Lokal; sie sollen sich erst vier Stunden später wieder sehen und verbringen anschließend einige ausgelassene, unbeschwerte Wochen im Hausflur eines befreundeten Ehepaares.
Dennoch fühlt sie sich eine ganze Zeitlang unfähig, weitere Gedichte zu verfassen.

Der ihr deutlich zugeneigte Kegelpartner Keith Richards, der zeitweise das Nachbargrundstück in der KGA "Kolonie Einigkeit" im Norden Berlins bewohnt, schenkt ihr zur bestanden Führerscheinprüfung einen Bleistiftanspitzer in Form von Honduras, und endlich, endlich kann sie wieder ihre arg vernachlässigte Dichtkunst aufnehmen. Eines ihrer expressivsten Werke entstammt dieser glorreichen Zeit, der vor Lebenslust überschäumende Achtzeiler "Telefondienst":

Ich
schiebe wache
an diesem telefon
weiß gar nicht warum
es klingelt ja keiner
jetzt, jetzt doch
ringringring
hallo?

Die Liste ihrer glühenden Verehrer ist lang, Barry Manilow, Erich Honecker und Derek von den Bay City Rollers, gar wird ihr eine pikante Affäre mit den hohen Stimmlagen der Don-Kosaken nachgesagt, aber dies ist nicht eindeutig nachgewiesen und gilt als höchst spekulativ. Kurz nach der Eröffnungsfeier des Volksparks Disniwelt in Karl-Marx-Stadt, 1977, erkrankt Therese Schönberg an einer Nagelbettentzündung und stirbt in den nächsten Monaten in Burghausen, Garmisch-Partenkirchen und Luzern.

Zahlreiche Gedichtbände der sympathischen Künstlerin liegen nun in aktualisierter Neuauflage vor, die wichtigsten darunter sicherlich "Büchsenfleisch" und vor allem das Meisterwerk "ich denke in den tag hinein und alles was du tust, ist nebenan zu sitzen und nichts zu tun", eine schonungslose Abrechnung in Gedichtform mit dem Beziehungstrott und der Teilnahmslosigkeit bei Grabreden.

mögen wir tanzen auf den gräbern unserer toten
mögen wir lachen aus den mündern unserer stummen
mögen wir feiern in den tavernen unserer leblosigkeit
mögen wir sein
mögen wir werden

Leb' wohl, Therese Schönberg, wir mögen all dies gerne beherzigen.


***

* Der Unentschlossene

- Ja.
- Nein.
- Vielleicht.
- Auf Wiedersehen.

Dieses zeitlose, grandiose Meisterwerk gilt als exemplarisches Viertreppengedicht, d.h., es besteht aus vier Zeilen, die sich nicht reimen dürfen und in ihrer Zeilenlänge eine Art Treppe bilden.


***

In der nächsten Folge:
Hansjörg Wiesenkötter, Erfinder der senkrecht aufbewahrten Salzstange, Regionalkosmopolit und ovo lacto vegetarischer Kleintierdarsteller.
   

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Pro: Rettet das Verschwindende
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...26.04.04:Die Kategorie wurde von CIAO freigemacht: Rettet das Verschwindende im Ciao Cafe unter bunt gemischt und hier: http://www.ciao.com/product.ph p?ProduktId=1414316 danke an alle, die mitmachen oder schon mitgemacht haben ;-)) Es gibt immer wieder Dinge aus dem Leben, die verschwinden, aus dem eigenen Leben, aus dem Leben der anderen, aber auch und vor allem aus dem Allgemeinleben. Ich spreche hier von Dingen, wie der Langspielplatte, dem Autokino oder dergleichen ?nostalgischen? Objekten.....aber das soll nicht alles sein- es gibt auch abstraktere Dinge, die verschwinden können, wie Liebe, Hoffnung oder Ähnliches Nun bin ich, und wer mich kennt, weiß das, ein Mensch, der dem Fortschritt und seinen Annehmlichkeiten nicht abgewandt ist, dennoch gibt es Dinge aus meiner Jugend, oder Dinge, von denen man mir erzählt hat... Bericht lesen

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