Prämierter Erfahrungsbericht

It's raining, Man!

5  08.09.2004

Pro:
Viele werden ob der Strecke den Kopf schütteln und bezweifeln, dass DAS Spaß machen soll  -  tuts aber !  ; - )

Kontra:
Ich musste kurz vor Knapp leider abbrechen

Empfehlenswert: Ja 

Tut_Ench_Amun

Über sich: Der BUCHWURM sucht weiterhin ambitionierte Schreiber.

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Vor einem Jahr wurde die Rhine-on-Skates Tour von den Ländern Rheinland-Pfalz und Hessen zu Touristik-Promotionzwecken aus der Taufe gehoben. Die Strecke im oberen Mittelrheintal mit einer Länge von insgesamt 135 Kilometern entlang des Rheins, vorbei an vielen Burgen, Weingebieten, der berühmten Loreley und anderen sehenswerten Ecken gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. In Zusammenarbeit mit diversen Sportbünden und Vereinen sponsorte der Lokalsender Hit-Radio RPR Eins diesen werbewirksamen Volkslauf nun schon zum 2. Mal. Bei strömenden Regen am Startpunkt in Bingen fanden sich immerhin 800 Hartgesottene Skater ein, die schon bald mit dem ihnen eigenen Galgenhumor das Motto in "Rain-on-Skates" umtauften. Der Begriff "Rheinische Wasserfestspiele" fiel neben anderen sarkastischen Ausdrücken auch ab und zu. Im Vorjahr waren es 2500 Leutchen, allerdings herrschte dort auch eitel Sonnenschein und 35°. Jetzt kübelte es zwar nicht aus Eimern, doch stetig. Und die gefühlte Temperatur lag nicht bei den gemessenen 16°, sondern knapp in Nähe des Gefrierpunktes, an diesem denkwürdigen 28. August 2004.

[ To skate or not to skate, das ist hier die Frage | Vorbereitung und Start ]
Wir waren zu Dritt aufgebrochen den widrigen Elementen auf Inlines zu trotzen, wenn auch zunächst (wie ich verschämt eingestehen muss) eher widerwillig."Wir" heißt in diesem Falle Mary (hier unterwegs als Laborratte72), Sonja (Non-Ciao, welche Mary bei der diesjährigen Hessen-Tour von HR3 kennen gelernt hat) und meine Wenigkeit. Sonja und ich waren nicht sehr angetan von der Idee bei diesem Sauwetter an den Start zu gehen. Um ehrlich zu sein, wir waren sogar GANZ und GAR nicht erbaut davon uns bei diesen rutschigen Igitt-Verhältnissen klatschnass und höchst unelegant aufs Freßbrett zu legen. Doch Mary schaltete ihren berühmten Sturkopf (muss wohl am Sternzeichen liegen) ein und rasselte permanent ihr trotziges "Gleich wird's besser – bestimmt!" quasi gebetsmühlenartig herunter. Sie sollte Recht behalten, allerdings werden bis zum Eintreffen ihrer Prophezeiung noch 50 feucht-fröhliche Kilometer vergehen, die diesem Lauf seine vielen, oben erwähnten Spottnamen einbrachten. Doch greifen wir nicht vor...

Wir ließen uns also breitschlagen und schlüpften dann doch (immer noch laut murrend) in die Kampfmontur. In sicherer Erwartung den Gottesdienst sowieso gleich dranzugeben, entschied ich mich für minimales Marschgepäck: Schoner, Helm, Brille, leichte Gürteltaschen (zum Glück stets bestückt mit ein paar Ersatzteilen plus Werkzeug, wie sich später zeigen wird) und der obligatorischen Trink-Pulle. Die ersten Meter testweise auf dem Parkplatz gedreht, um festzustellen wie überaus seifig es ist, brachte zutage, dass zumindest meine Skates noch erstaunlich ausreichende, ja sogar sehr gute Bodenhaftung zeigten.

Gefordert war als Startbedingung (naja, es war eher eine Bitte seitens der Veranstalter), dass nur Skater teilnehmen, die bitteschön auch in der Lage sind, 20 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit über eine lange Distanz in den Asphalt zu brennen. Ich bin im Herzen Trick-Skater und kein wirklicher Langstreckenfreak aber bestimmt auch kein Anfänger, doch auf Stunt-Skates zu fahren ist etwas anderes, als auf meinen vergleichsweise hohen, und bei diesen Verhältnissen ungleich schwerer zu kontrollierenden, Straßenbiestern... da ist das Halten der erwünschten Speed unter diesen Bedingungen sicher kein Pappenstiel.

Es wurde sich darauf geeinigt, dass wir zumindest zum Startpunkt rollen und dann entscheiden, ob wir die Waffen strecken oder das Himmelfahrtskommando doch in Angriff nehmen. Den großen Rucksack, den ich ursprünglich mitnehmen wollte, ließ ich im Kofferraum zurück. Auf Regenklamotten verzichtete ich ebenfalls, nach der Testrunde auf dem Platz, war ich eh schon nass bis auf die Knochen und mir GANZ sicher, dass wir die Aktion gleich dezent abblasen werden. So kann man sich irren...

Am Sammelpunkt gab sich Burkhard Wiche vom Mitveranstalter WNS auf der kleinen RPR-Bühne Mühe die versammelten Verrückten (Diese Bezeichnung für uns, war von den Zuschauern am Straßenrand über die Gesamtstrecke hinweg immer wieder zu hören – wenn auch mit einer gewissen Ehrfurcht im Unterton) mit letzten Hinweisen zu Sicherheit, Organisatorischem und zur Streckenführung mit warmen Worten einzustimmen. Etwas verspätet (geplante Startzeit 10.00h), unter lautem Trillergepfeife, Gejohle und einer respektablen La-Ola-Welle ging die wilde, nun vollends durchgeweichte, aber hochmotivierte Meute auf die Piste. Flankiert von einer örtlichen Motorrad-Polizeistaffel mit Blaulicht. Wir Mittendrin. Rien ne vas plus...

[ Le Tour de Tortur | Rund um das Event ]
Die RoS hat mit 135 km die längste Skate-Tour Deutschlands, zwar ist beispielsweise die HR3 Hessen-Tour insgesamt länger, geht aber dafür über 5 Tage, während hier 9,5 Stunden Richtzeit veranschlagt sind. Wir waren nach etwas über 10 Stunden im Ziel. Gestartet wurde rechtsrheinisch auf der Bundesstraße 9 in Richtung Koblenz. Die meisten hatten sich per Auto direkt am Bingener Fruchtmarkt einen Parkplatz gesucht, in unmittelbarer Nähe des Startpunktes der Tour.

Das Ende der Veranstaltung fand jedoch linksrheinisch in Rüdesheim statt, und ging ab Koblenz über die Bundesstraße 42 logischerweise in die entgegengesetzte Richtung zurück. Was es für Viele (unter anderem uns) nach Zielankunft bzw. dem Ende der Schlussfeier nötig machte, Vater Rhein mindestens einmal mit der Auto- oder Personenfähre zu überqueren, um wieder an die abgestellten Fahrzeuge zu kommen. Für diesen Tag zeigte sich die Betreibergesellschaft spendabel und reduzierte den Fährpreis für Skater (ohne Auto) auf 1 Euro pro durchgeschwitzter
Bilder von Rhine-on-Skates 2004
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Das offizielle Logo, dass in ähnlicher Form auch das T-Shirt ziert
Nase – da kann man nicht maulen. Die ganze Teilnahme war ansonsten kostenlos. Keine Start- und nicht mal Parkgebühren.

An den vorgesehenen Haupt-Rastpunkten je etwa zur Hälfte der beiden Fast-70km-Teilstrecken gabs für lau Getränke und Bananen, um den Energie- bzw. Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen. Gekostet hat lediglich das Mittagessen zur Halbzeit des Laufs in Koblenz (5 Euro, wahlweise Erbsensuppe oder Pasta mit Tomatensoße, jeweils mit Brötchen und Getränk) und das Abendessen im Ziel in Rüdesheim (wer mochte - beides natürlich freiwillig, im Übrigen sehr schmackhaft). Nach der Mittagspause um 16.00 bekam jeder Teilnehmer noch einmal eine 0,5 Liter Einweg-Wasserflasche (mit Apfelgeschmack) einer sehr bekannten Marke gratis mit auf den Weg. Ob sich dieses Sponsoring / diese Werbung für die Firma ausgezahlt hat, wird die Zukunft zeigen ;-)

Das offizielle T-Shirt der Veranstaltung zum Angeben für gern strunzende Souvenirjäger schlug mit 10 Euro zu Buche, das ist vollkommen OK. Ich hatte in der anderthalbstündigen Mittagspause ein solches Shirt aus weitaus praktischeren Gründen bitter nötig: Ich brauchte dringend was Trockenes zum Anziehen, als Ersatz für mein bis dahin vollkommen von Platzregen und Schweiß durchtränktes Baumwoll-Longsleeve, dass selbst die nun endlich scheinende Sonne am Deutschen Eck nicht so schnell zu trocknen vermochte. Bei der nächsten Tour, die ich fahre, werde ich eine solch dumme Kleiderwahl bestimmt nicht wiederholen – da werd ich ein besser geeignetes, schnelltrocknendes Trikot anziehen.

Zwischendrin wurden einige kleinere Stopps eingelegt, die dazu dienten a) das zerfaserte Feld wieder etwas zusammenzuziehen und b) den durch uns aufgestauten Verkehr durchzulassen. Natürlich dienten diese Zwangspausen auch grade für Anfänger dazu wieder etwas zu regenerieren. Alternativ wurden diese Gelegenheiten von einigen Männern benutzt ihre Blasen im Straßengraben zu entleeren, das halte ich nicht grade für salonfähig oder nachahmenswert – doch OK, jeder, wie er meint. Die Frauen bewiesen da mehr Disziplin und nutzten – jedenfalls soweit ich es beurteilen kann – ausschließlich die aufgestellten Mobil-Toiletten, die jeweils nur an den 3 fixen Rast-Stationen aufgestellt waren (St. Goar – Koblenz – St. Goarshausen) und logischerweise auch im Ziel.

Weder die von uns befahrene B9, noch die B42 waren für unseren Konvoi voll gesperrt worden, sondern nur durch die Polizei partiell abgeriegelt und durch patroullierende Motorradstreifen abgesichert/begleitet. Es war gut möglich, dem Lauf mittendrin spontan beizutreten, wenn man nicht die gesamte Distanz mitzumachen gedachte. Umgekehrt war ein Ausstieg auch jederzeit möglich. Entweder man enterte den Lumpensammlerbus oder alternativ einen der zahlreichen DB-Bahnhöfe an der Strecke, wobei man dann natürlich die Wahl hatte sich per Zug in den Zielbereich zur Party, zurück zum Auto oder gleich nach Hause bringen zu lassen. Logischerweise auf eigene Kosten. Scheinbar haben eine Menge Leute diese Flexibilität genutzt.

Das Feld der Teilnehmer schwoll von etwa 800 am Start zwischendurch auf über 1500 Läufer (die meisten traten der Mahalla in Koblenz bei) an und reduzierte sich hernach bis zum Zieleinlauf auf schätzungsweise 600 beinharte, übrig gebliebene Skater, die ziemlich platt aber - je nach Temperament - zufrieden jauchzend oder still die Faust ballend durchs Finish kullerten. Die Hardcore-Roller konnte man leicht identifizieren: Wer seit Bingen dabei war hatte aufgrund der anfänglichen Extrem-Wasserschlacht die Gischt- und Dreckspritzer gut sichtbar an den Waden, teils bis an den Hintern, und in einigen Fällen sogar bis hoch in den Nacken – diese wurden triumphal als eine Art Auszeichnung präsentiert. Zurecht.

Die vielen, freiwilligen (!) Ordner verschiedener Regionalvereine und Skate-Clubs waren stets mit Rat und Tat routiniert zur Stelle. Egal ob bei lauftechnischen Fragen oder Defekten. Schwächelnde Läufer wurden angezogen und – geschoben oder gleich im "Windschatten-Sandwich" gerne praktisch unterwiesen, indem man sie in die Mitte nahm. Nur wer - aus welchen Gründen auch immer - komplett abreißen lassen musste, wurde mit einem wirklich warmherzigen Schulterklopfen und freundlichen Worten darauf hingewiesen, dass er/sie wohl besser in den nachfolgenden Besenwagen (2 städtische ÖPNV-Busse) aufgehoben wäre, die hinter einer ganzen Phalanx von Rettungswagen hinter dem Konvoi herzuckelten.

Für die medizinische Betreuung gabs nicht nur Krankenwagen, es rollten auch passionierte Inliner-Sanis des DRK verteilt im Peloton mit, als schnelle Eingreiftruppe des Roten Kreuzes. Für die mobil errichteten Pausenstützpunkte nebst der transportablen RPR-Bühne und deren Soundtechnik standen neben dem DRK noch das THW und die DLRG mit Equipment, wie Fahrzeugen, Bänken und Zelten bereit. Begleitet wurde der Tross nicht nur von den Radio-Leuten, sondern auch von einem SWR-Kamerateam, der die Tour für das Regionalfernsehen aufzeichnete. Als der erste Bericht ausgestrahlt wurde, konnte ihn von uns natürlich niemand sehen, denn wir waren noch immer auf der Piste. Zu unserer Unterhaltung fuhren mindestens 3 (voneinander unabhängige) Skater mit Audioequipment mit, 2 habe ich mit Rucksack-Konstruktionen gezählt, die uns mit Guter-Laune-Musik beschallten - einer schob sogar einen zur Juke-Box umgebauten Kinderwagen vor sich her.

[ Hit the road Jack | Die Strecke ]
Für die vielen Sehenswürdigkeiten des Weltkulturerbes hat man als Aktiver kaum einen Blick übrig, erst wegen der Regenschleier, dann später wegen des sich fast automatisch einstellenden Tunnelblicks, bei zunehmneder körperlicher Belastung. Nur während der Pausen kann man die schöne Landschaft des Flusstals mit seinen vielen Burgen mal näher in Augenschein nehmen.

Die Streckenprofil selbst weist keinerlei krasse Schussfahrten oder Anstiege auf, es geht eher sanft zu. Trotzdem sind manche Abfahrten und Steigungen nicht ganz ohne, denn sie ziehen sich hin – bergauf bedeutet das logischerweise erhöhte körperliche Anstrengung und Belastung von Oberschenkel und Rücken, bergab ist gute Kontrolle über den Schuh gefordert, was sich vor allem auf Fuß- und Wadenmuskulatur niederschlägt. Der schwierigste Anstieg folgt direkt nach Koblenz hinter der Europa-Brücke, danach fällt die Strecke in Richtung Rüdesheim sanft ab.

Bei den Abfahrten wird man zwangsläufig schneller und schneller, wohl dem, der das Bremsen anständig beherrscht, denn sonst fährt man womöglich mit fliegenden Fahnen in den Pulk. Damit macht man sich nicht grade beliebt. Auf der schnellsten Abfahrt vor Koblenz hat es auch drei Skater von den Füßen gehauen, das weniger, weil es steil war, sondern der sehr raue Fahrbahnbelag und weil die schiere Länge dieser Passage (fast 3 km Gefälle) fahrerisches Können und Ausdauer (idealerweise in der Abfahrtshocke auszuharren) abverlangte. Bis auf ein paar Schrammen ist aber nix passiert. Beherrschung des Skates, persönliche Fitness, fortgeschrittene Fahrtechnik und ein vorausschauendes Fahren waren also schon mal Grundvorraussetzung – Schnelligkeit allein reichte nicht.

Die Fahrbahndecke der B9 und 42 ist alles in allem in akzeptablen Zustand, es wechseln sich Glatt- und Rau-Asphalt ab. Mal mit mehr, mal mit weniger Rissen und ausgebesserten Schlaglöchern, aber auf jeden Fall mit Spurrillen, in denen sich das Wasser zentimeterhoch gesammelt hatte. Hier und da war sogar Tempo fördender Flüster-Belag neuester Generation anzutreffen. Auf dem ersten Teilstück wurden wir schon am Start darüber informiert, dass in einer Baustelle von 1,5 km Länge der Belag abgefräst ist. Erhöhte Vorsicht wurde für diesen Abschnitt angemahnt, natürlich auch vor dem Hintergrund, dass es immer noch regnete, doch auch in trockenem Zustand ist eine gefräste Fahrbahn nicht leicht zu bewältigen.

[ Mit dem Pharao auf der Piste | Persönliche Eindrücke ]
Ich war mir trotz vorhergehenden Trainings sicher, nicht mal bis Koblenz durchzuhalten, was immerhin einer Strecke von 66 km entspricht, schon gar nicht unter diesen Wetterbedingungen. Geplant war für mich persönlich die ersten 30 km mitzufahren und am ersten Zwischenstopp in St. Goar auszusteigen. Dort jedoch stand fest, dass ich wenigstens noch das nächste Teilstück mitnehme. Der olympische Gedanke und die Gruppendynamik hatten obsiegt. Es ist schon bemerkenswert wie sehr man vom allenorts herrschenden „Wir“-Gefühl getragen und mitgezogen wird. So kam es, dass ich letztendlich die volle Gesamtdistanz, entgegen aller Planung, doch in Angriff nahm. Später sollte mich aber ein Defekt ausbremsen und später daraus resultierend kurz vor dem Ziel vollends stoppen und im Bus enden lassen, doch zunächst weiter im Text...

Der Regengott meinte, nach 50 Kilometern sei es mit der Sintflut langsam mal genug und dass wir uns bessere Bedingungen tapfer verdient hätten. Schon vor Einlauf des Feldes zur großen Mittagspause am Deutschen Eck klarte es merklich auf, sodass wir unser Mittagessen gar in wärmendem Sonnenschein zu uns nehmen, und auch unsere triefnassen Klamotten nebenher etwas trocknen konnten. Nicht genug, doch immerhin. Ein vor Ort gekauftes (und angenehm trockenes) T-Shirt des Events ersetzte mein durchgeweichtes Shirt und sorgte für eine weitere Steigerung des Wohlbefindens. Nebenbei: Um die Skates wieder richtig trocken zu bekommen, habe ich insgesamt 3 Tage (mit Fön und Küchenpapier) benötigt, so vollgesogen war der Innenschuh.

Die Nässe war aber unser einziges, kleines Problem, körperlich gings uns erstaunlich gut – besser, als erwartet, jedenfalls was mich betrifft. Nun war dies bislang eine relativ gemütliche – sieht man vom anfänglichen Wetter mal ab - Rundfahrt mit moderater Geschwindigkeit und kein gezeiteter Marathon. Meine Entscheidung auch noch den Rest mit zu fahren stand schon nach wenigen Minuten in trockenem Hemd fest. Wieder ließ der olympische Gedanke schön grüßen. Zudem habe ich festgestellt, dass ich bis hierher gut mithalten konnte, die geforderten 20 km/h waren kein Hindernis. Der angelegte Pulsmesser hatte keinen Grund hektisch zu piepen: Ein (2 Minuten dauerndes) Maximum von 191 und ein Mittel von 164 Schlägen über die gesamte Strecke ist vollkommen im grünen Bereich. So trieb ich die ganze Zeit immer im guten Mittelfeld mit und konnte sogar Mary streckenweise mal abhängen. Leistungsreserven waren also noch da.

Dieser kleine sportliche Wettkampf unter uns schwelt in aller Freundschaft schon seit Monaten. Das heißt ich versuche ständig meine frappanten Lauf- und Fitnessdefizite aufzuholen. Vor einiger Zeit sah ich ganz alt aus und habe gegen sie auf Kurz- oder Langstrecke kein Land gesehen. Ich mache definitiv Fortschritte. Zwar ist sie mir auf ebener Piste immer noch über, doch vor allem bei Anstiegen und auf schlechter Wegstrecke kann ich ordentlich Boden gut machen – hier habe ich eindeutig mehr Kraft und dank meiner Trickskater-Vergangenheit kann ich Unebenheiten instinktiv besser ausgleichen. Trotzdem fuhren wir (alle drei) unsere eigene Tour und hingen nicht ständig auf einem Fleck – spätestens beim nächsten Stopp schliesst man sowieso wieder zueinander auf. Abreißen lassen ist keine Schande.

Man sollte in diesem Zusammenhang nämlich lieber auf die Stimme der Vernunft hören und grundsätzlich sein eigenes Tempo und Rhythmus fahren. Schön und Gut, wenn man als Gruppe gemeinsam durchs Feld kullern kann und sich gegenseitig zieht. Die Gefahr über das persönliche Limit zu kommen und die Muskulatur „blau zu laufen“ – sprich zu übersäuern – ist hier dank des Ehrgeizes und des unangebrachten, selbstauferlegten Zwanges unbedingt an der Gruppe dran zu bleiben immens. Der Bewußtseinszustand, der unter „(Lauf-)Flash“ oder „Tunneling“ bekannt ist, kann einen auch nach einer Zeit ereilen. Man läuft entrückt mit Tunnelblick ganz automatisiert, wie in Trance. Ohne Zeitgefühl und ohne eventuelle Warnmeldungen des Körpers zu registrieren. Ganz besonders bei einer derartigen Monsterdistanz ist eine individuelle Kräfteeinteilung das A und O. Feiert das Lactat in den Muskeln einmal fröhliche Urständ ist definitiv Sabbat.

Genau das wurde mir auf dem letzten Stück zum Verhängnis. Ich hatte in der Mittagspause schon festgestellt, dass eine Rolle nicht mehr ganz sauber lief, mich jedoch entschlossen damit weiter zu fahren, obwohl ich Ersatzlager und Werkzeug in der Gürteltasche dabei hatte. Meist ist es so, dass sich sowas wieder freifährt. Diesmal nicht. Auf der Brücke über die Lahn fand ich mich auf einmal als Schlusslicht wieder, den üblesten Anstieg der Tour – gleich hinter der Europabrücke - hatte ich noch mit enormen Kraftaufwand gepackt, doch jetzt auf topfebener Strecke wurde ich bei gleicher Schrittfrequenz immer langsamer. Besagte Rolle drehte sich nun gar nicht mehr und ihre beiden Nachbarn pfiffen auch schon leise das Lied vom nahenden Tod. Lagerschaden! Alles aus? Nicht doch! Vom Bus (Welche Schmach!) aufgepickt, Werkzeug raus und die zunächst mitleidigen Minen der Mitfahrenden wandelten sich in Staunen.

Dem Mechanikör ist nix zu schwör. Mit frischen Lagern reihte ich mich beim nächsten Zwischenstopp wieder ins Feld ein – gut 5 Kilometer geschlabbert, vorher noch Statusreport per SMS an Mary und Sonja über meinen Verbleib. So war’s ausgemacht. Bis zur nächsten, größeren Haltestation in St. Goarshausen 30 Kilometer vor dem Ziel und danach ging jetzt erst mal alles glatt. Mit guter Geschwindigkeit wieder im Mittelfeld unterwegs. Bei Kilometer 120 der Tour dann aber die ersten Vorboten von Lactat in den Wadenmuskeln, die als ich mit dem Lagerschaden unterwegs war, dabei offensichtlich zuviel arbeiten mussten.

Ich leide zwar nicht an Krämpfen oder Schmerzen, doch ich erwische mich dabei, wie ich meine Schuhe immer häufiger hart korrigieren muss, damit sie geradeaus laufen und nicht verschlagen. Es geht stetig bergab (eigentlich ja vorteilhaft möchte man meinen), doch ich befürchte die Skates mit zunehmender Geschwindigkeit nicht mehr kontrollieren oder bremsen zu können, sofern meine Wadenmuskeln endgültig zumachen. Also: Verzögern solange es noch halbwegs problemlos geht, ans Ende zurückfallen und vom Besenwagen aufnehmen lassen.

Eine bittere Wahl, doch bevor ich mich und andere gefährde, muss sich der Stolz dem gesunden Verstand unterordnen. Ehrgeiz die letzten „paar lächerlichen Kilometerchen“ (nur noch 15 an der Zahl) durch zu fahren in allen Ehren, es wäre unverantwortlich gewesen. Abbruch. Aber nach 115 gefahrenen Kilometern für mich sicher keine Niederlage, dafür dass ich mir wesentlich weniger zugetraut habe. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt natürlich trotzdem, so kurz vorm Ziel aufgeben zu müssen, es wäre schaffbar gewesen, zumindest nach der Reparatur.

So richtig kaputt bin ich – im Ziel angekommen - auch nicht, nur meine Waden sind während der Busfahrt zum Ziel mittlerweile wirklich steinhart geworden. Was mich versöhnlich stimmt, doch die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dennoch muss ich ihnen nach der Abschlussfeier noch 7 Kilometer auf Inlines zumuten, denn unser Wagen steht auf der anderen Rheinseite. Der Weg zur Fähre und von dort aus zum Parkplatz zieht sich – so komme ich unterm Strich auf rühmliche 122 Kilometer an diesem Tag. Nicht schlecht für einen alten Sack ;-)

[Aus, Aus, Aus! Das Spiel ist AUS! | Fazit ]
Ja, es war hart. Europas längste Tagesstrecke und ich sind aber noch nicht miteinander fertig, beim nächsten Mal bin ich wieder dabei – ob es gießt oder nicht. Immerhin will ich die 135 Kilometer diesmal dann ohne Ausfall bewältigen. Mein Dank an dieser Stelle geht an Mary, die solange gequengelt hat, dass wir trotz Sauwetter an den Start gingen und ich meine Grenzen ausloten konnte. Ich liebäugle schon mit Speedskates, um besser vorne mithalten zu können, obwohl ich mich mit meinen Fitness-Gurken schon recht achtbar geschlagen habe.

Abgesehen vom Lagerschaden war‘s ein Mordsspaß und ein persönlicher Erfolg, sich dieser Distanz zu stellen und mit über tausend anderen Verrückten die Piste unsicher zu machen. Die Atmosphäre war einfach klasse, die Stimmung durchweg gut und der gesamte Event hervorragend organisiert. Von Ordnern über Polizei, Rettungsfahrzeuge, Verpflegung und Logistik bis zum Rahmenprogramm mit Live-Band auf der Party hat alles prima hingehauen. Was kann man von einem kostenlosen Lauf sonst noch verlangen? Genau. Nix. Vielleicht anderes Wetter, doch im Nachhinein wertet genau das die Tour noch weiter auf – Schönwetterfahren kann ja jeder ;-)

Keep rollin'

Der Water-Resistant-Pharao

Das pharaonische Wort zum Samstag:
Die Tatsache, dass (laut Polizeisprecher) bei dieser Massenveranstaltung keinerlei ernsthafte Verletzungen auftraten, ist in erhöhtem Maße dem sehr disziplinierten Verhalten der Teilnehmer geschuldet. Besonders diszipliniert auch deswegen, weil beinahe alle Skater (ein paar Unbelehrbare gibt's immer) mit Protektoren und Helm unterwegs waren. Tut mir - und vor allem Euch selbst - den Gefallen und verzichtet beim Inlinen nicht aus Bequemlich- oder Nachlässigkeit auf das Tragen von Schutzausrüstung. Das ist weder cool noch mutig, sondern ausgesprochen dumm.

Link zur offiziellen Page:
http://www.rhine-on-skates.de
(Hauptseite des Events mit Forum und weiteren Links zu Bildern/Berichten)

Bildnachweis:
Bild 1: Das offizielle Logo (entnommen der o.g. Website)
Alle anderen Bilder: Eigen (geschossen von Mary, Sonja und mir)
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
a.z.r

a.z.r

28.08.2006 14:53

Man geht manchmal einen oder zwei... oder drei... oder vier... oder mehr Schritte weiter. Mit dem heißen Hauch des Besenbusses im Nacken gefinished und es ist ein SAUGUTES Gefühl! Wichtig: Mineralien mitnehmen (auch Magnesium! Dank an die DRK-Mitskater), außerdem die Pausen konsequent zum essen (Banane, fettarme oder fettfreie Müsliriegel/Fruchtriegel), trinken (Elektrolyte, Mineralwasser, Schorle) und ruhen nutzen (liegen) - bei Halbzeit evtl. noch zusätzlich einen koffeinhaltigen Energydrink trinken (ist das Doping?).

TobyToby

TobyToby

13.06.2005 19:30

Sehr informativ, ich werde wohl 2005 teilnehmen

Markimanja

Markimanja

04.11.2004 22:41

Klasse Bericht, hat den Diamanten zurecht bekommen. Gruß Mark

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