Walzerseligkeit in Wien

3  21.03.2008

Pro:
professionell

Kontra:
wenig Begeisterung, routiniert

Empfehlenswert: Ja 

esp1

Über sich: Ich würde mich freuen, wenn es wieder mehr Kommentare geben würde zu den Berichten und bedanke mich ...

Mitglied seit:21.04.2000

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Am 16.02.2008 war es wieder mal soweit, mein Freund und ich machten uns auf, um ein Konzert zu besuchen. Dazu muss man sagen, dass wir seit einigen Jahren die Sitte haben, uns zum Geburtstag mit möglichst volkstümlichen und kitschigen Konzerten zu überraschen. Diese Geburtstagsgeschenkssitte hat uns bereits zu den Kastelruther Spatzen, Nockalm Quintett, Nana Mouskouri, Vicky Leandros, Michelle, Musikantenstadel oder Freddy Quinn geführt. Gestern war wieder mal der große Tag, Andre Rieu stand auf dem Programm mit seiner "Andre Rieu Tour 2008", die in der Wiener Stadthalle Station machte.

Viel muss man wahrscheinlich über Andre Rieu nicht erzählen, zumindest der Name wird den meisten ein Begriff sein, dennoch ein paar Zeilen zu seinem Werdegang:

Geboren am 01.10.1949 in Maastricht in Holland, stammet er aus einer Musikerfamilie und wuchs mit klassischer Musik auf. Sein Vater André Rieu sen. war einige Zeit in der DDR auch Chef der Leipziger Oper und lange Jahre Dirigent des LSO (Limburgs Symphonie Orkest), in dem André jun. seine erste Anstellung fand. Seine Violinistenausbildung erhielt er an den Konservatorien von Lüttich, Maastricht, Brüssel (André Gertler) und in Kursen bei Herman Krebbers.
Seit Mitte der 1990er Jahre reist Rieu mit seinem "Johann-Strauß-Orchester" um den gesamten Globus. Mit dem 45 bis 50 Musiker starken Orchester spielt er vorwiegend Populäre Klassik in gut 125 Auftritten pro Jahr, dies häufig vor 5.000 bis 8.000 und mehr Zuhörern.
Rieu spielt mit seinem Orchester bewusst klassische Stücke in populärer Form und will durch Präsentation und Showeffekte auch ein breites Publikum erreichen, was in Holland sowieso Tradition hat. Er setzt neben Beleuchtungseffekten auch viel Technik zur Tonverstärkung und Färbung ein. Die der Ernsten Musik zugewandten Kritiker halten seine Produktionen für musikalisch oberflächlich, da Rieu bekannte Melodien der klassischen Musik nutze, um sie gefällig zu präsentieren.
André Rieu ist verheiratet. Er und seine Frau Marjorie, die er während seines Studiums 1975 heiratete, haben zwei Söhne, Marc (* 1978) und Pierre (* 1981).
1) Quelle: Wikipedia
.

Vor dem Konzert:

Wir trafen uns 2,5 Stunden vor Konzertbeginn und schon da war die Spannung rund um die Wiener Stadthalle zu spüren. Dem Genre entsprechend bestand das Publikum vorwiegend aus Menschen jenseits der 50 bzw. deutlich über 60. Die Gruppe der 30 - 50 jährigen war deutlich unterrepräsentiert. Unter 30 war kaum jemand zu entdecken. Uns kam es so vor, als ob Rieu das mit Abstand älteste Publikum hat, aber vielleicht haben wir uns auch getäuscht.

Wir gingen in ein nahe der Halle liegendes Gasthaus, da wir noch eine Kleinigkeit essen wollten, bevor wir uns dem Kulturgenuss hingeben wollten. Das Lokal war zuerst noch leer, doch schon nach kurzer Zeit gab es keinen freien Tisch mehr und man konnte aufgrund der Festtagskleider ahnen, dass alle Gäste im Anschluss zum Konzert pilgern würden.
Rund 20 Minuten vor Beginn betraten wir dann auch die Halle bzw. den Vorraum dazu und sahen, dass die beiden Fanshops von zahlreichen Menschen belagert wurden. Dort konnte man alles Mögliche erstehen, CD´s, DVD, Polster, Feuerzeuge, Schals, Poster und vieles mehr.

Um unsere angespannten Nerven ein wenig zu beruhigen, gönnten wir uns noch ein Bier vor Beginn und beobachteten weiter die Massen. Ich kam mir in Jeans und Hemd fast ein wenig underdressed vor. Klaus hatte zumindest eine Krawatte angelegt und war damit auf jeden Fall auf Seiten der Mehrheit.

In der Halle:

Schnell hatten wir unsere Plätze gefunden, leider mitten in der Reihe und ziemlich weit hinten, obwohl mein Freund gemeint hatte, dass wir dieses Mal weiter vorne sitzen würden. Ich Nachhinein war es aber kein großer Schaden, dass wir ziemlich hinten gesessen haben oder war etwa das der Grund warum der Funke nicht überspringen wollte?
Die Bühne war doch einigermaßen weit weg, aber neben der Bühne waren zwei große Vidiwalls aufgebaut, so dass man das Geschehen dennoch fast hautnah miterleben konnte.

Überrascht waren wir, dass eigentlich der gesamte 2. Rang abgehängt war, also dass dort große Vorhänge die Ränge verdeckte. Scheinbar wurden also nicht wirklich viele Karten abgesetzt, auch so blieben einige Plätze frei. Wenn ich da an das Jahr zuvor mit Semino Rossi denke, da war alles voll, weit über 7.000 Besucher. Heute waren es vielleicht 4.000 maximal 5.000 Menschen.

Erster Teil:

Kurz nach 19 Uhr 30 war es dann soweit. Die Bühne wurde beleuchtet und die Musiker kamen alle auf die Bühne. Und dann kam auch Andre Rieu. Routiniert spulte er das Programm ab; nach dem ersten Stück begrüßte er die Wiener Stadthalle und das Wiener Publikum und brachte seine Freude zum Ausdruck, dass er wieder einmal in der Heimat des Wiener Walzers ein Konzert geben dürfe. Allerdings erschien mir das in diesem Fall nicht wirklich vom Herzen kommend. Auf mich wirkte er eher gelangweilt.

Vor der Pause:

1.) Seventy Six Trombones von M.Wilson
2.) Frühlingsstimmenwalzer von J. Strauß
3.) Blaze Away von A. Holzmann
4.) Eine kleine Salonmusik von W.A. Mozart
5.) Chiantilied von G. Winkler
6.) Nessun Dorma von G. Puccini
7.) Salomé von R. Stolz
8.) Säbeltanz von Katchaturian
9.) Sportpalastwalzer von S. Translateur
10.) Oh mi bambino caro von G. Puccini
11.) Amigos para siempre von A.L. Webber

Bei einigen Lieder wurde er unterstützt von 3 Tenören, zum Beispiel bei "Nessun Dorma" und "Amigos para Siempre" und als Gegengewicht sozusagen kamen auch 3 Sopranistinnen zum Einsatz. Weiters kam auch ein Tanzpaar zum Einsatz.
Höhepunkt für mich im ersten Teil war auf jeden Fall das Lied Nessun Dorma, das mir ausgesprochen gut gefällt. Das Publikum war dankbar, klatschte bei den schnelleren Stücken munter mit oder schunkelte teilweise sogar mit, aber so richtig gute Stimmung ist für mich etwas anderes. Das mag aber vielleicht auch am doch sehr hohen Altersschnitt gelegen haben.

Nach der Pause:

1.) Gold und Silber von J. Strauß
2.) Granada von A. Lara
3.) Lasst den Kopf nicht hängen von P. Lincke
4.) Kaiserwalzer von J. Strauß
5.) Concerto pour une voix von C. Saint - Preux
6.) Wishing you were somehow here again von A.L. Webber
7.) An der schönen blauen Donau von J. Strauß
8.) I belong to me von S. Levay
9.) Oh Fortuna von C. Orff

Nach der Pause waren Granada und natürlich der Donauwalzer (An der schönen blauen Donau die Höhepunkte), eines insgesamt für mich zu sterilen Konzerterlebnisses. Routiniert, perfekt abgestimmt und eingespielt spult das Orchester sein Programm ab. Perfektion auf höchster Ebene, doch eben zu wenig Emotion, wobei die Sänger und die Musiker noch mehr Emotionen zeigten als der Chef selbst. Vielleicht lag es auch daran, dass die Wiener Stadthalle für ihn nicht der ideale Rahmen sei, um ein romantisch-schönes Konzertereignis daraus zu machen, wie er in einer Zwischenbemerkung mal erahnen ließ, als er ironisch von dieser "wunderbar, romantischen Halle sprach". Die Lacher hatte er damit zwar auf seiner Seite, doch ließ es meiner Meinung nach doch Rückschlüsse auf seinen heutigen Einsatz zu.



Bühne und Outfit:

Die Bühne war nichts besonderes, links und rechts saßen die Orchester Mitglieder, in der Mitte war eine Treppe, auf der man zwischen das Orchester gehen konnte. Der Bühnenhintergrund war mit einer Leinwand gestaltet, wo entweder das Kamerabild übertragen wurde oder aber zum Lied passende gezeigt wurden. Links und rechts hingen 2 lange Stoffbahnen von der Decke, die der Stimmung entsprechend mit verschiedenen Farben und Effekten angestrahlt wurden. Links und rechts neben der Bühne befanden sich noch 2 große Videoleinwände auf denen man auch weiter hinten, alles genau sehen konnte.

Zum Outfit kann ich nicht mehr viel sagen, es ist mir einfach nicht mehr in Erinnerung. Ich weiß nur mehr, dass die Tenöre im Smoking waren, die Musikerinnen in verspielten hellen Kleidern.

Anfahrt Stadthalle:

Adresse:

Wiener Stadthalle Betriebs- und
Veranstaltungsgesellschaft m.b.H.
Vogelweidplatz 14
A-1150 Wien,

Parkplätze sind in der Umgebung insofern vorhanden, weil es eine Garage bei der Stadthalle gibt und auch in der Lugner City, die sich gleich daneben befindet.

Dennoch empfiehlt sich eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. U 6 bis Station Burggasse/Stadthalle oder die Straßenbahnlinien 6, 9, 18 und 49 bis zur Station Urban Loritzplatz.


Fazit:

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig neugierig war, mir aber nicht besonders viel vom Konzert erwartet hatte. Und ich wurde was meine Erwartungen betrifft auch nicht enttäuscht.

Routiniert spielte Rieu sein Programm runter, aber irgendwie kamen mir seine Performance und auch seine beifallheischenden Ansagen zwischendurch seltsam lustlos und sehr eingeübt vor, so dass ich zumindest das Gefühl hatte, da steht ein Profi, der heute hier spielen muss, weil es der Tourneeplan so vor sieht, mehr aber auch nicht. Man hatte nicht wirklich das Gefühl, dass er mit Freude bei der Sache war.

Seine Musiker machten da zumindest von der Mimik her einen anderen Eindruck, wenn mal einer in Großaufnahme auf der Bühne zu sehen war.

Die Musikauswahl war sehr gut, eigentlich alles Klassiker, die zum Mittanzen (was beim Walzer "An der schönen blauen Donau" auch einige taten) oder zum mitklatschen einluden. Doch das Publikum war ohnehin sehr dankbar und bestand in meinen Augen aus völlig ergebenen Fans, die jeden noch so platten Witz oder Ansage mit Gelächter und Applaus quittierten.

Wenn ich da an das engagierte und teilweise witzige Konzert von Semino Rossi im letzten Jahr denke, dann war das kein Vergleich. Mein Freund und ich waren uns im Anschluss einig, dass das das mit Abstand schlechteste Konzert war, das wir in unserer Geburtstagsreihe bisher gesehen hatten. Sicher ist, dass keine CD oder DVD von Andre Rieu bei mir Einzug halten wird. Es bleibt die Hoffnung, dass das nächste Konzertereignis im Rahmen unserer Geburtstagsreihe wieder ein größeres Erlebnis wird.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
pinkdawn

pinkdawn

25.07.2008 02:39

also wenn ich es nicht eh schon wüsste, dann spätestens nach deinem launigen bericht - andre rieu nein danke! da fehlen mir, glaub ich, noch einige jahrzehntchen und selbst dann... das muss ja grässlich gewesen sein, die ganzen alten knacker... und das kitschige programm noch dazu... wenn der rieu im fernsehn auftaucht, surf ich immer ganz schnell weiter. das ist für mich wirklich kitsch in reinkultur. seltsame sitte, einander solche konzerte zum geburtstag zu schenken. bei einem alten freund und mir hat sich dieses ritual zum glück nur auf geburtstagskarten beschränkt... also da wär mir eine richtige schöne oper wie "die tote stadt" oder ein gutes technokonzert wie die "chemical brothers" schon viel lieber! lg

lillystern

lillystern

10.07.2008 03:09

Ich habe mal im TV hin und wieder so ein Konzert gesehen...Deinen Eindruck kann ich nicht bestätigen...gut vielleicht sieht es life noch anders aus.....find ich aber sympathisch...Gruß LillyS.

KRAWALLSCHACHTEL

KRAWALLSCHACHTEL

06.06.2008 14:13

neinneinnein, ich werd auf den Typen echt nie können - der is mir zu seicht, zu arg gespielt, und trifft einfach nicht meinen Nerv...

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