Romantik kennt viele Spielarten
16. Okt 2000
Pro:
Analytischer Versuch einer Selbstfindung .
Kontra:
In jedem Sinne schwer verdauliche Kost
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor:
Spannung:
Anspruch:
Action:
Romantik:
mehr
 Magnus_Pym
Über sich:
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 3 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich muss spinnen, dass ich überhaupt den Versuch unternehme, über "Romance" eine Meinung abgeben zu wollen. Nein, ich will gar nicht auf irgendwelche einfachen Gags hinaus, auch wenn ich zugebe, dass mich mein bisheriges Leben nicht unbedingt als Experten ausgewiesen hat, wie eine romantische Beziehung aufrecht zu erhalten ist. :-D Und da haben wir genau schon den Punkt : Ich muss verrückt sein, weil man über den Film "Romance" schwer schreiben kann, ohne sozusagen einen Aderlass am Herzen vorzunehmen, oder doch zumindest mehr über sich selbst preiszugeben, als man auf den ersten Blick möchte.
Hinzu kommt, dass ich "Romance" nicht verstanden habe, weil ich die inneren Vorgänge seiner Hauptfigur nicht verstanden habe und der Film auf nichts ausgerichtet ist als auf die Frage "Wie tickt diese Marie?". Ich bin kein Freudianer, aber sein Eingeständnis, keine Antwort zu wissen auf das "Was will das Weib?" kann ich gerade nach diesem Film teilen. Und wer zu Beginn seiner Ausführungen gleich eingesteht, das Subjekt seiner Ausführungen nicht zu verstehen, muss spinnen, wenn er den Versuch unternimmt, darüber zu schreiben. "Romance" geht eine lange Diskussion voraus, die sich auf die ausgesprochene Detailtreue bezieht, mit der der Film Sexualität behandelt, also bringen wir die Vorfrage gleich hinter uns: Was ist Kunst, was ist Pornographie? (*1) Eine Antwort darauf lässt sich sicher nicht in diesen Zeilen hier finden. Ich erinnere mich aus dem Studium an eine Unmenge von Bundesgerichtsentscheiden und Monographien, die sich mit dieser Frage beschäftigten und mehr über den jeweiligen Stand der Moralvorstellungen einer bestimmten Zeit aussagten als über den Fortschritt der Rechtswissenschaft. Unnötig zu sagen dass nichts davon zu einem allgemeingültigen Kriterium führte.
Ja, der Film ist deutlich. Zu einem guten Teil will ich seiner Regisseurin
Catherine Breillat den Wunsch unterstellen, mit dem Thema der sexuellen Selbstfindung einer jungen Frau ehrlich umzugehen, nicht momentgebunden umzuschneiden auf die puritanische Ikonographie der sich bauschenden Vorhänge, der leinwandfüllenden Unterschenkel oder der Kamerafahrt über eine Spur herumliegender Kleidungsstücke. Diese "vérité" in allen Ehren, ist sich Breillat bisweilen selbst hinderlich. Denn die authentische Zeigefreude hat ihr sicherlich nicht nur die Suche nach einer Hauptdarstellerin erschwert, sie führt auch den Filmtitel "Romance" gänzlich ad absurdum, denn für Romantik ist wenig Platz in den Szenen. Nein, der Film ist nicht pornographisch, denn er geht an die deutliche Darstellung der Sexualität nicht in einer erregenden oder reisserischen Form heran, eher einer dokumentarischen. Weitaus wichtiger als das, was vom Akt zu sehen ist, kommen mir jeweils die Kommentare Maries vor, die zum Teil Protokolle ihrer inneren Vorgänge sind, zum Teil wie Auszüge ihres Tagebuchs.
Zum Inhalt: ======== Die junge Grundschullehrerin Marie (Caroline Ducey) ist unglücklich mit ihrem Freund Paul, der nicht mehr mit ihr schlafen will und Impotenz vortäuscht. Sie ist aber ebenfalls unglücklich mit ihren sexuellen Abenteuern. Sie tut Dinge, die ihr erlauben, sich gut zu fühlen, aber sie fühlt sich schlecht, sie zu tun. Bei ihren Affairen geht Marie beinahe analytisch vor. Ihre Liebhaber sind für sie irgendwas zwischen Fallstudien und (ein Stück weit) Objekte, Spazierstöcke auf ihrem Gewaltmarsch zu sexueller Identität und Orgasmus. Sie geht mit Paolo (Rocco Siffredi) nach Hause, einem jungen Witwer, den sie in einer Bar kennenlernt. Der Darsteller Siffredi, nach einer Karriere im Pornofilm jetzt anscheinend auf dem Sprung in den Autorenfilm, wurde aus einem ganz klaren Gedanken für die Rolle ausgewählt.
Dann lässt sie sich mit Robert, einem älterem Lehrerkollegen mit Japan-Faible, auf Fesselungsspiele ein. Robert ist ein sehr ?normaler" Mann - weder besonders schön noch besonders lieb noch irgendwie aufregend...aber zumindest bedingt es, dass er sich sehr auf sie konzentriert, während er sie kunstvoll fesselt. Sie gibt sich im Treppenaufgang zu Pauls Wohnung einem Fremden hin, was dermassen ?ausartet", dass es schwer zu entscheiden ist, ob Vergewaltigung im eigentlichen Sinne vorliegt. Sie nähert sich wieder ihrem Freund an, wird schwanger und phantasiert in einer schlichtweg verstörenden Szene bei der ärztlichen Untersuchung, vom Kopf bis zur Taille in einer Computer-Tomographie-Röhre zu stecken, sich vom Nabel ab jedoch in einem Sex-Club zu befinden, wo anonyme Männer sich an ihr vergnügen, die sie nicht sehen kann und die ihrerseits nur ihren Unterleib sehen können. --- Soweit die äussere Handlung, die einfach zusammen zu fassen ist, aber einen verzerrten Eindruck des Ganzen vermittelt. Interessant wird es durch den Deutungsversuch. Bleiben wir gerade bei der letztgenannten Szene der ?geteilten Frau": Geht es um die einfache Symbolik eines Feminismus, der Kinderkriegen mit Missbrauch durch Männer verbindet? Geht es um zwei Façetten ihrer eigenen Wünsche? Oder um zwei Lebensmodelle - die künftig treusorgende Mutter gegenüber dem Genuss suchenden Flittchen? Ist es eine Illustration ihrer eigenen Verwirrung über Sex? Ich weiss keine Antwort. Vielleicht hat die Szene auch gar keine Botschaft, sondern soll nur Verstörung und Nachdenken evozieren. Ich habe den Film, habe das Verhalten der Hauptfigur nicht verstanden. Ich habe mich ausgesprochen unwohl gefühlt in dem Film. Aber dennoch empfehle ich ihn - für einen ziemlich kopflastigen Kinoabend.
Wie kopflastig manche ganz "reguläre" Lebensvorgänge dargestellt werden, kann ich vielleicht an dem Diktat dokumentieren, das Marie mit ihren Schülern veranstaltet. "Die Wintermonate. Die Wintermonate waren mit paralysierender Schwere über die Menschen hereingebrochen und jeder hatte sich an sein kleines reguliertes Leben gewöhnt, eingeteilt in feste Tage. Doch da, ganz plötzlich, brach die Sonne wieder durch." Weiter kann sie die Kinder nicht in die Tristesse treiben, denn der Schulleiter kommt herein. In dem darauf folgenden Gespräch in seinem Büro spricht er sie auf das Diktat an; aber nicht etwa auf den die Zweitklässler eventuell überfordernden Inhalt, sondern (ich kann jetzt noch herzhaft kichern) auf die Rechtschreibung (Les moi d'hiver - statt les mois) und die Satzstellung (Et que soudain, voilà, )
-------------------------- (*1) Ich will lieber mit einem Witz antworten: Ich bin mir nicht sicher (und zu faul, daheim nachzulesen), aber wahrscheinlich war es Umberto Eco, der in einem Essay ?Wie erkennt man, dass man in einem pornographischen Film sitzt" schrieb, ein untrügliches Zeichen sei, dass die Leute für alles, was sie tun, auf der Leinwand ebensoviel Zeit brauchen, wie sie im echten Leben dafür bräuchten, eben weil ein Porno irgendwie auf Spielfilmlänge kommen muss, aber zu wenig Handlung hat und man 90 Minuten reine Sexszenen nicht finanzieren kann. Weil also eine Minute Fahrstuhlfahrt viel einfacher und günstiger zu drehen ist als eine Minute Rudel-Hardcore und weil es eine angenehme Zäsur darstellt, schneidet man den Weg der Heroine von einer Orgie im achten Stock zu einer Nummer mit ihrem Liebhaber, der in der Tiefgarage auf sie wartet, in voller Länge in den Pornofilm.
Nun meine völlig unseriöse und zugegebenerweise an den Haaren herbeigezogene Argumentation: Da das Gleiche - allerdings aus ganz anderen und viel intellektuelleren Motiven ;-) - für den Studiofilm mit elegischen Langaufnahmen und Mut zu langen Pausen gilt, namentlich den französischen und italienischen , braucht man sich über die Frage, welche Art von Film man ansehe, nicht den Kopf zu zerbrechen, solange man sich nur einfach bewusst ist, wie lange und in wie ausgeprägter Echtzeit man sich mit den Vorgängen auf der Leinwand auseinandersetzen wird.
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24.07.2006 11:54
Hallo! Ich werde den Eindruck nicht los, dass dein Bericht irgendwo mittendrin endet. Keine Schlussworte, kein persönliches Fazit? Schade, denn viele deiner Gedanken zu diesem Film waren absolut lesenswert. Du hast den Film nicht verstanden? Diese Einschätzung ist interessant, denn nachdem ich vier Berichte zu Romance XXX gelesen habe, habe ich den Eindruck, dass du von allen noch am meisten verstanden hast! Gruß, Jochen.