Romance (Film)

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Romantik kennt viele Spielarten

4 16. Okt 2000

Pro:
Analytischer Versuch einer Selbstfindung .

Kontra:
In jedem Sinne schwer verdauliche Kost

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor:

Spannung:

Anspruch:

Action:

Romantik:

mehr


Magnus_Pym

Über sich:

Mitglied seit:21.07.2000

Erfahrungsberichte:14

Vertrauende:3

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 3 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich muss spinnen, dass ich überhaupt den Versuch unternehme, über
"Romance" eine Meinung abgeben zu wollen. Nein, ich will gar nicht auf
irgendwelche einfachen Gags hinaus, auch wenn ich zugebe, dass mich
mein bisheriges Leben nicht unbedingt als Experten ausgewiesen hat, wie
eine romantische Beziehung aufrecht zu erhalten ist. :-D

Und da haben wir genau schon den Punkt : Ich muss verrückt sein, weil
man über den Film "Romance" schwer schreiben kann, ohne sozusagen
einen Aderlass am Herzen vorzunehmen, oder doch zumindest mehr über
sich selbst preiszugeben, als man auf den ersten Blick möchte.

Hinzu kommt, dass ich "Romance" nicht verstanden habe, weil ich die
inneren Vorgänge seiner Hauptfigur nicht verstanden habe und der Film
auf nichts ausgerichtet ist als auf die Frage "Wie tickt diese Marie?". Ich
bin kein Freudianer, aber sein Eingeständnis, keine Antwort zu wissen auf
das "Was will das Weib?" kann ich gerade nach diesem Film teilen. Und
wer zu Beginn seiner Ausführungen gleich eingesteht, das Subjekt seiner
Ausführungen nicht zu verstehen, muss spinnen, wenn er den Versuch
unternimmt, darüber zu schreiben.

"Romance" geht eine lange Diskussion voraus, die sich auf die
ausgesprochene Detailtreue bezieht, mit der der Film Sexualität
behandelt, also bringen wir die Vorfrage gleich hinter uns: Was ist Kunst,
was ist Pornographie? (*1)
Eine Antwort darauf lässt sich sicher nicht in diesen Zeilen hier finden. Ich
erinnere mich aus dem Studium an eine Unmenge von
Bundesgerichtsentscheiden und Monographien, die sich mit dieser Frage
beschäftigten und mehr über den jeweiligen Stand der Moralvorstellungen
einer bestimmten Zeit aussagten als über den Fortschritt der
Rechtswissenschaft. Unnötig zu sagen dass nichts davon zu einem
allgemeingültigen Kriterium führte.

Ja, der Film ist deutlich. Zu einem guten Teil will ich seiner Regisseurin
Catherine Breillat den Wunsch unterstellen, mit dem Thema der sexuellen
Selbstfindung einer jungen Frau ehrlich umzugehen, nicht
momentgebunden umzuschneiden auf die puritanische Ikonographie der
sich bauschenden Vorhänge, der leinwandfüllenden Unterschenkel oder
der Kamerafahrt über eine Spur herumliegender Kleidungsstücke. Diese
"vérité" in allen Ehren, ist sich Breillat bisweilen selbst hinderlich. Denn die
authentische Zeigefreude hat ihr sicherlich nicht nur die Suche nach einer
Hauptdarstellerin erschwert, sie führt auch den Filmtitel "Romance"
gänzlich ad absurdum, denn für Romantik ist wenig Platz in den Szenen.

Nein, der Film ist nicht pornographisch, denn er geht an die deutliche
Darstellung der Sexualität nicht in einer erregenden oder reisserischen
Form heran, eher einer dokumentarischen. Weitaus wichtiger als das, was
vom Akt zu sehen ist, kommen mir jeweils die Kommentare Maries vor, die
zum Teil Protokolle ihrer inneren Vorgänge sind, zum Teil wie Auszüge
ihres Tagebuchs.

Zum Inhalt:
========
Die junge Grundschullehrerin Marie (Caroline Ducey) ist unglücklich mit
ihrem Freund Paul, der nicht mehr mit ihr schlafen will und Impotenz
vortäuscht. Sie ist aber ebenfalls unglücklich mit ihren sexuellen
Abenteuern. Sie tut Dinge, die ihr erlauben, sich gut zu fühlen, aber sie
fühlt sich schlecht, sie zu tun.

Bei ihren Affairen geht Marie beinahe analytisch vor. Ihre Liebhaber sind
für sie irgendwas zwischen Fallstudien und (ein Stück weit) Objekte,
Spazierstöcke auf ihrem Gewaltmarsch zu sexueller Identität und
Orgasmus.
Sie geht mit Paolo (Rocco Siffredi) nach Hause, einem jungen Witwer, den
sie in einer Bar kennenlernt. Der Darsteller Siffredi, nach einer Karriere im
Pornofilm jetzt anscheinend auf dem Sprung in den Autorenfilm, wurde
aus einem ganz klaren Gedanken für die Rolle ausgewählt.

Dann lässt sie sich mit Robert, einem älterem Lehrerkollegen mit
Japan-Faible, auf Fesselungsspiele ein. Robert ist ein sehr ?normaler"
Mann - weder besonders schön noch besonders lieb noch irgendwie
aufregend...aber zumindest bedingt es, dass er sich sehr auf sie
konzentriert, während er sie kunstvoll fesselt. Sie gibt sich im
Treppenaufgang zu Pauls Wohnung einem Fremden hin, was dermassen
?ausartet", dass es schwer zu entscheiden ist, ob Vergewaltigung im
eigentlichen Sinne vorliegt. Sie nähert sich wieder ihrem Freund an, wird
schwanger und phantasiert in einer schlichtweg verstörenden Szene bei
der ärztlichen Untersuchung, vom Kopf bis zur Taille in einer
Computer-Tomographie-Röhre zu stecken, sich vom Nabel ab jedoch in
einem Sex-Club zu befinden, wo anonyme Männer sich an ihr vergnügen,
die sie nicht sehen kann und die ihrerseits nur ihren Unterleib sehen
können.
---
Soweit die äussere Handlung, die einfach zusammen zu fassen ist, aber
einen verzerrten Eindruck des Ganzen vermittelt. Interessant wird es
durch den Deutungsversuch. Bleiben wir gerade bei der letztgenannten
Szene der ?geteilten Frau": Geht es um die einfache Symbolik eines
Feminismus, der Kinderkriegen mit Missbrauch durch Männer verbindet?
Geht es um zwei Façetten ihrer eigenen Wünsche? Oder um zwei
Lebensmodelle - die künftig treusorgende Mutter gegenüber dem Genuss
suchenden Flittchen? Ist es eine Illustration ihrer eigenen Verwirrung über
Sex? Ich weiss keine Antwort. Vielleicht hat die Szene auch gar keine
Botschaft, sondern soll nur Verstörung und Nachdenken evozieren.

Ich habe den Film, habe das Verhalten der Hauptfigur nicht verstanden.
Ich habe mich ausgesprochen unwohl gefühlt in dem Film. Aber dennoch
empfehle ich ihn - für einen ziemlich kopflastigen Kinoabend.

Wie kopflastig manche ganz "reguläre" Lebensvorgänge dargestellt
werden, kann ich vielleicht an dem Diktat dokumentieren, das Marie mit
ihren Schülern veranstaltet.
"Die Wintermonate.
Die Wintermonate waren mit paralysierender Schwere über die Menschen
hereingebrochen und jeder hatte sich an sein kleines reguliertes Leben
gewöhnt, eingeteilt in feste Tage. Doch da, ganz plötzlich, brach die
Sonne wieder durch."

Weiter kann sie die Kinder nicht in die Tristesse treiben, denn der
Schulleiter kommt herein. In dem darauf folgenden Gespräch in seinem
Büro spricht er sie auf das Diktat an; aber nicht etwa auf den die
Zweitklässler eventuell überfordernden Inhalt, sondern (ich kann jetzt
noch herzhaft kichern) auf die Rechtschreibung (Les moi d'hiver - statt les
mois) und die Satzstellung (Et que soudain, voilà, )

--------------------------

(*1) Ich will lieber mit einem Witz antworten: Ich bin mir nicht sicher (und
zu faul, daheim nachzulesen), aber wahrscheinlich war es Umberto Eco,
der in einem Essay ?Wie erkennt man, dass man in einem
pornographischen Film sitzt" schrieb, ein untrügliches Zeichen sei, dass
die Leute für alles, was sie tun, auf der Leinwand ebensoviel Zeit
brauchen, wie sie im echten Leben dafür bräuchten, eben weil ein Porno
irgendwie auf Spielfilmlänge kommen muss, aber zu wenig Handlung hat
und man 90 Minuten reine Sexszenen nicht finanzieren kann. Weil also
eine Minute Fahrstuhlfahrt viel einfacher und günstiger zu drehen ist als
eine Minute Rudel-Hardcore und weil es eine angenehme Zäsur darstellt,
schneidet man den Weg der Heroine von einer Orgie im achten Stock zu
einer Nummer mit ihrem Liebhaber, der in der Tiefgarage auf sie wartet, in
voller Länge in den Pornofilm.

Nun meine völlig unseriöse und zugegebenerweise an den Haaren
herbeigezogene Argumentation: Da das Gleiche - allerdings aus ganz
anderen und viel intellektuelleren Motiven ;-) - für den Studiofilm mit
elegischen Langaufnahmen und Mut zu langen Pausen gilt, namentlich
den französischen und italienischen , braucht man sich über die Frage,
welche Art von Film man ansehe, nicht den Kopf zu zerbrechen, solange
man sich nur einfach bewusst ist, wie lange und in wie ausgeprägter
Echtzeit man sich mit den Vorgängen auf der Leinwand
auseinandersetzen wird.  

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
jochenp

jochenp

24.07.2006 11:54

Hallo! Ich werde den Eindruck nicht los, dass dein Bericht irgendwo mittendrin endet. Keine Schlussworte, kein persönliches Fazit? Schade, denn viele deiner Gedanken zu diesem Film waren absolut lesenswert. Du hast den Film nicht verstanden? Diese Einschätzung ist interessant, denn nachdem ich vier Berichte zu Romance XXX gelesen habe, habe ich den Eindruck, dass du von allen noch am meisten verstanden hast! Gruß, Jochen.

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