Romance (Film)

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Wenn die Lust krankhaft wird

4 21. Aug 2000

Pro:
Detaillierte Studie über krankhafte Zuneigung und unerwiderte Liebe

Kontra:
Unnötig pornografisch, hat Längen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor:

Spannung:

Anspruch:

Action:

Romantik:

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thetrueodie

Über sich: Eigentlich habe ich nicht mehr so viel Zeit für Ciao. Aber gelegentlich werde ich doch mal rückfälli...

Mitglied seit:14.07.2000

Erfahrungsberichte:155

Vertrauende:45

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 7 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Marie ist seit einigen Monaten mit Paul, einem männlichen Modell, zusammen. Doch die Beziehung ist alles andere als perfekt. Er ist emotional kühl und distant, geht lieber mit seinen Freunden aus oder sitzt alleine in einem Lokal, als dass er sich mit ihr beschäftigen will.
Im Bett läuft gar nichts, kein Sex, keine physische Zuneigung, keine körperliche Nähe und Wärme.
Marie möchte gerne mehr, sie will geliebt werden, emotional wie körperlich, doch er lässt sie immer wieder abblitzen, verletzt sie emotional und stösst sie von sich, je mehr sie sich an ihn klammert. Sie ist krankhaft abhängig von ihm. Das geht so weit, dass sie sich selbst erniedrigt und prostituiert, um ihm zu vorzuführen, dass sie auch nicht an ihm hänge. Doch dieser unausgesprochene Grabenkrieg zwischen den beiden schadet in erster Linie Marie, sie gibt sich wildfremden Männern hin, lässt sich im Treppenhaus vergewaltigen oder von einem Sadomasochisten für seine Spielchen gebrauchen.
Auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und ihren eigenen Sexuellen und Beziehungswünschen taumelt sie durch das nächtliche Paris (?) und versucht verzweifelt in kurzen und heftigen Zusammenstössen mit den erstbesten Männern, die sich finden lassen, die mangelnde Wärme ihrer Beziehung durch sexuelle Erfahrungen auszugleichen.

Die Regisseurin Catherine Breillat hat sich mit diesem Film beleibe keine einfache Materie herausgesucht. Die Suche nach der sexuellen Identität und dem Sinn einer derart einseitigen Beziehung entpuppt sich schnell als Grätsche zwischen sich ewig wiederholenden Diskussionen über Sex und den pornografischen Darstellungen von Maries diversen sexuellen Eskapaden.

In Frankreich war der Skandal perfekt, weil im Film mehr nackte Männer und erigierte Penisse gezeigt wurden, als weibliche Geschlechtsteile. Lässt man sich von diesem Aufschrei nicht beeinflussen, so fällt einem schnell auf, dass diese Schwänze und der verhältnismässig langweilige Sex, den Marie mit all den Männern hat nur die Verdeutlichung der Abgestupftheit Maries über ihre eigene Sexualität darstellt. Ihr ist es egal welcher Schwanz sie fickt, sie ist ein Loch, dass alles in sich hinein saugt, eine Lustmaschine, die keine Liebe für diese Männer empfinden kann, weil der Mann, Paul, keine Liebe für sie empfindet. Sie geisselt sich selbst durch ihre Ausschweifungen und lässt sich sogar noch von einem dahergekommenen Typ vergewaltigen, um ihre eigenen Minderwertigkeitsgefühle und die emotionale Kälte durch ihre unerwiederte Liebe mit der puren Lust zu ersticken.
Sie schadet sich selbst, in der irrigen Hoffnung ihrem Freund Paul zu schaden. Doch diesen interessiert es nicht und im gemeinschaftlichen Bett bleibt es kalt, auch wenn Marie sich jeden Abend wieder zu ihm legt, weil sie nicht mehr in der Lage ist, sich von ihm abzuwenden.

Liebe wird in "Romance" zu reinem Sex stilisiert, von Romantik oder Zuneigung ist keine Spur im Film. Die Beziehung zwischen Marie und Paul währt schon zu lange, als dass sie noch irgendwelche Verliebtheitsgefühle füreinander hegen würden und so ist die physische Zuneigung, das einzige, was Marie geblieben ist und selbst das wird wird ihr verwährt. Doch je kälter Paul wird, umso grösser wird ihr Verlangen und umso mehr sucht sie dessen Erfüllung bei anderen Männern.
Doch selbst dort bringt ihr der Sex nichts weiter als die kurzzeitige Triebbefriedigung. Ihre Lover sind stupide Kerle, die ihrem Schwanz hinterherlaufen und tun, was er ihnen befiehlt.

Breillat zeichnet eindringlich und deutlich eine Beziehung, die schon lange kaputt ist, in denen die beiden Kontrahenten nur noch aus Gewohnheit aneinander hängen (Paul) oder sich verzweifelt an die Vergangenheit klammern (Marie).
Darüber hinaus setzt sich die Regisseurin mit den Spielweisen der Lust im allgemeinen und der weiblichen Sexualität im speziellen auseinander. Wenn der Beischlaf und der Sex nur noch zum automatisierten Verhalten geworden ist, um eine längst vergessene Phantasie zu befriedigen kommt es zu derart absurden Begegnungen wie der von Marie und Robert, dem S/M Fetischisten.
In regelmässigen Treffen lässt sich Marie von Robert knebeln und fesseln, damit er seine Wunschvorstellung der perfekten Fesselung erfüllen kann. Mit akribischer Genauheit und zur Ermüdung treibenden langeweile setzt Robert Stück für Stück die Fesseln an, wie ein Ingenieur, der Bauteile auf eine Platine lötet. Marie starrt gelangweilt ins Leere und lässt sich von Robert bedienen wie eine Maschine: "So, das muss noch dahin und dies hierhin. Schade, dass ich davon nur eines habe. Machen wir noch die Beinspreizer dran, dann ist es gut.... so, das war's".

Dass die Rollen in diesem Film einmal umgekehrt sind - sie will, er nicht - macht den Film besonders interessant. Breillat nutzt diese Konstellation, um die endlose Mähr der dauergeilen Frau, welche in allen gängigen Pornofilmen gedroschen wird, einmal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Marie gibt sich mit vielen anderen Männern ab, weil der eigene Freund nicht will. Spass macht es ihr jedoch keinen und sie sagt auch selbst, dass sie die Männer, die sie ficken dabei nicht ansehen will und sie auch nicht küssen will. Der Mann wird zur hirnlosen Fickmaschine degradiert, die nicht in der Lage ist Liebe zu empfinden. Sex ist Mittel zum Zweck: Die Lover sind für die Lustbefriedigung, der Freund zum Kindermachen.

Nachdem Paul seine Pflicht als Kindererzeuger erfüllt hat, wird er entbehrlich und kurz bevor das Kind zur Welt kommt Marie entledigt sich Marie von ihm. Er hat ausgedient und sie hat nun bald das Kind, mit dem sie echte Zuneigung und Liebe teilen kann.

Die eindeutigen Bilder des Films liegen fernab gängiger Pornoklischees. Die Männer machen sich beim Beischlaf lächerlich, die Frau wirkt gelangweilt und wartet ungeduldig auf das Ende vom Sex. Die Bordellszene (Marie ist Hure in einem Bordell, in welchem die Frauen ihren Körper zur Hälfte durch Löcher in der Wand stecken. Auf der anderen Seite der Wand sind Männer, die sich einen Frauen-Unterleib aussuchen und ficken können, während die Frauen auf der anderen Seite mit ihren Freundn und Männern darauf warten, dass es passiert) bringt es eindrücklich auf den Punkt: Lust und Sex ist auf der einen Seite der Wand, die Frau und ihr Partner auf der anderen, und beides hat nichts miteinander zu tun.

Trotz aller Kritik finde ich, dass dieser Film seine Stärken hat. Wenn man sich von den pornografischen Bildern nicht blenden lässt, entdeckt man darunter eine detaillierte Studie über ein krankhafte Abhängigkeit und unerwiderte Liebe. Der Film hat durchaus seine Längen und die immer wiederkehrende Diskussion über Sex und warum er nicht will wirkt auf die Dauer ermüdend und der Blick zur Uhr, wann dieser Film doch endlich zu Ende ist, wird ein Obligatorium.
Die beiden Partner spielen sich langsam und unaufhörlich selbst ins Aus, bis schliesslich Marie der Beziehung den einzigen für sie noch möglichen Schlussstrich setzt und sie brutal beendet.

"Romance" ist nichts für Zartbesaitete, aber sicher auch nichts für Pornofans. Man muss schon eine gewisse Abgebrühtheit mitbringen, um nicht angeekelt aus dem Kino zu laufen (als ich den Film gesehen habe sind gut 6 Personen raus gegangen). Belohnt wird derjenige, der es bis zum Schluss durchhält, mit viel Stoff zum Nachdenken und der impliziten Aufforderung sich selbst mal mit seiner Beziehung und seiner Sexualität auseinander zu setzen und sich zu fragen, ob es bei einem selbst wirklich so viel anders ist.
 
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
jochenp

jochenp

24.07.2006 12:18

Hallo, endlich jemand, der den Film verstanden hat! Er ist bestimmt kein Meisterwerk, aber in jedem Fall eine sehenswerte Studie. Den Titel finde ich übrigens absolut daneben, denn weder "Romance" noch "XXX" sind hier zu sehen. Warum nur dieser unnötig reisserische und völlig irreführende Titel, das hat der Film doch gar nicht nötig!? Gruß, Jochen.

wolle34

wolle34

21.08.2000 16:00

Ein wirklich sehr guter Beitrag.

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  1. jochenp

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