Kleine Russische Bücherwoche Teil IV
08.06.2004
Pro:
lustig, gut beobachtet
Kontra:
nicht gerade große Literatur, sehr knappe Geschichten
Empfehlenswert:
Ja
 mary-p
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:501
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 39 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Und nun, meine kleinen Freunde, kommen wir zum Ende der putzigen, kleinen Russischen Bücherwoche. Und nachdem wir bereits drei Bücher von russischen Autoren behandelt haben, die allesamt in Rußland spielen, widmen wir uns heute dem Thema „Russen in Deutschland.“ Sehr kurz, knackig und vergnüglich funktioniert das mit „Russendisko“ von Wladimir Kaminer, einem knapp 190-seitigen, gebundenen Büchlein, dass 2000 im Manhattanverlag in Deutschland erschien. Als gebundene Ausgabe durften wir 18 Moneten dafür blechen, das Taschenbuch im Goldmannverlag gibt es dagegen schon ab 7,90 Moneten.Der Autor wurde 1967 in Moskau geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für heater und Rundfunk und studierte Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin, wo er als freier Autor, Kolumnist und Radiomoderator bei Radio Multikulti arbeitet und im „Kaffee Burger“ Veranstaltungen organisiert. Außerdem arbeitete er von 1990 bis 1998 bei vielen Theaterprojekten als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler mit. Die vorliegende Erzählsammlung ist sein erstes Buch, das er im übrigen gleich auf Deutsch und nicht etwa auf Russisch geschrieben hat, obwohl Deutsch ja nicht seine Muttersprache ist. Das „... ist im Übrigen dem russischen Lehrbuch „Deutches Deutsch zum Selberlernen“ zu verdanken, das mit seinen Lektionen um den glücklichen Komsomolzen Petrov den Grundstock für Kaminers Sprachkenntnisse legt.“ (Klappentext) Weitere Bücher von Wladimir Kaminer: „Schönhauser Allee“, „Militärmusik“, „Die Reise nach Trulala“, „Mein deutsches Dchungelbuch“, „Frische Goldjungs“ Die etwas mehr als 50 recht kurze Erzählungen beginnen chronologisch und erzählen in den ersten paar Geschichten davon, wie Kaminer aufgrund seines jüdischen Blutes jung und unbedarft nach Berlin kommt, wo er mit und ohne seinen Freund Mischa in Wohnheimen oder zu besetzenden Häusern lebt und viele Vietnamesen als Nachbarn hat. Danach geht es dann viel mehr darum, was er sonst noch so erlebt in dieser Stadt, oder viel mehr: Was er so beobachtet. Oft haben die Geschichten nämlich keine wirkliche Handlung, sondern zeigen eher gewisse spleenige Dinge auf oder berichten über irgendwelche Eigenarten, die Kaminer den Russen zuschreibt (Beispiel: „Die russische Braut“). Es ist viel mehr eine Sammlung von lustigen Begebenheiten und Personen, die Kaminer auf meistens zwei bis drei Seiten erzählt. Da wäre zum Beispiel „Spring aus dem Fenster“, was davon erzählt, wie ein erfolgloser Asylbewerber, der sich illegal in Deutschland aufhält, ertappt wird, weil er nicht angegurtet Auto gefahren und von der Polizei angehalten wurde. Um sich der Staatsmacht zu entziehen springt er schließlich aus dem Fenster und erntet ein Gipsbein. Fazit: „Man muss sich immer anschnallen.“ Oder da ist die Sache mit den Gastronomiegeschäften in Berlin, die in „Geschäftstarnungen“ behandelt wird, nachdem der Autor abends in einem türkischen Imbiss isst und feststellen muss, dass dessen Besitzer Bulgarier sind. Er macht sich auf die Suche und findet auch noch einen italienischen Griechen und andere Ungeheuerlichkeiten.Getragen wird das Ganze von einer sehr einfachen und klaren Sprache, die man ohne Anstrengung oder Knoten im Hirn futtern kann. Die Sätze sind meist klar strukturiert und weisen keine gekünstelten Fremdwörter auf, so dass man ab und an das Gefühl hat, dem Autor persönlich gegenüber zu sitzen. Gewürzt wird das Ganze durch eine kleine Prise Humor, die aber nie wirklich zum Vorschein kommt, sondern sich aus den Ereignissen ergibt. Ein Beispiel gefällig? „Es lief hervorragend, bis sich eines Tages der Geist und der Körper nicht wieder zusammenfanden und beide in getrenntem Zustand in die psychatrische Abteilung der Königin-Elizabeth-Herzberg-Klinik in Lichtenberg eingeliefert wurden“ („Die Frau, die allen das Leben schenkt“). Diese kleinen „Witzchen“ kommen immer herrlich unvorbereitet und sind so leicht und locker (und eigentlich gar nicht wirklich lustig), dass man doch das eine oder andere Mal drüber lachen wird. Allerdings werden die Personen unter uns, die hochgestochene Literatur lieben, dieses Buch vielleicht etwas oberflächlich und schnell erzählt finden. Natürlich haben die Erzählungen nur sehr wenig Handlung und ja, sie wirken ab und an etwas knapp und unfertig, aber gerade das ist ja das vergnügliche an ihnen. Sie beschreiben einfach Dinge aus dem Leben und zwar keine überdramatischen, sondern die ganz einfachen Erlebnisse, die jedem Menschen passieren können, wenn er zum Beispiel zur Bank geht und genau das hat mich fasziniert. Ich selber bin nämlich auch ein Freund der kleinen Dinge und unterhalte mich lieber über Wassereis in meiner Kindheit als über die aktuelle Politik. Und genau das weiß Kaminer zu bieten. Die kleinen Dinge, lustige Erinnerungen, verpackt in einen klaren und manchmal unfreiwillig komischen Schreibstil – lockere Unterhaltung für den Abend und ohne Anstrengung zu lesen, sicherlich immer eine gute Geschenkidee. Deshalb gibt es von mir fünf Sterne und eine kleine Empfehlung an die Leute, die sich aufgrund meiner Beschreibung damit anfreunden zu können glauben.
Preisvergleich
sortiert nach Preis
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Das könnte Sie interessieren
Verwandte Tags für Russendisko / Wladimir Kaminer
|
|
23.06.2004 08:20
die mesiten geschichten ahben mir gefallen; einige fand ich trotzd es himors im inhalt etwas negativ
10.06.2004 18:38
Hmmm... war immer am Schwanken das zu lesen. Vielleicht sollte ich es einfach mal probieren?! :o)
10.06.2004 17:24
in der Tat. Nette Unterhaltung für Zwischendurch. Verstehe nur den Hype noch immer nicht...