Russische Orchidee / Daschkowa, Polina

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Russische Orchidee / Daschkowa, Polina

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Kleine Russiche Bücherwoche Teil III

4 5. Jun 2004

Pro:
spannende, interessante Handlung, gut ausgearbeitete Personen, schöner Schreibstil

Kontra:
Handlung teilweise zu komplex, großes Namensgewirr im Kopf

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau:

Unterhaltungswert:

Spannung:

Aufmachung:

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mary-p

Über sich: bookstore-lover // NEUE EBAY-AUKTIONEN (Bücher, Schuhe, etc)

Mitglied seit:15.04.2003

Erfahrungsberichte:501

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 40 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Und auch jetzt werden wir, liebe Freunde, wieder ein wenig in fremden Kulturen herumstochern und zur Freude und Wonne der Russischen Woche einen weiteren Roman von Polina Daschkowa herauskramen.

Diesmal handelt es sich um „Russiche Orchidee“1999 zum ersten Mal bei Astrel in Rußland erschienen und 2003 als gebundenes Buch mit knapp 430 Seiten und übersetzt von Margret Fieseler im Aufbau-Verlag erschienen. Kostenpunkt: 20 Moneten.

Die Handlung beginnt mit einem Mord. Der klatschsüchtige und bildzeitungsähnliche Moderator Artjom Butejko wurde erschossen aufgefunden. Neben ihm schläft der kleine Geschäftsmann Sanja, die Tatwaffe liegt neben ihm, genau wie das Motiv: Er hatte Artjom vor langer Zeit Geld geliehen. Doch Sanja kann sich an nichts erinnern und pocht darauf, am Abend vorher bei einem Treffen mit mehreren eher zwielichtigen Geschäftsleuten unter Drogen gesetzt worden zu sein. Untersuchungsführer Borodin von der Moskauer Miliz zweifelt an diesem Fall und nachdem sich die Beweise für Sanjas Unschuld verdichten, macht er sich auf die Suche des eigentlichen Mörders, was gar nicht so leicht ist, da es an Spuren fehlt.
Gleichzeitig begleiten wir die etwas biedere Nachrichtenmoderatorin Jelisaweta Beljajewa, genannt Lisa, auf eine dienstliche Reise nach Montreal, wo sie den windigen, angeblichen Mitarbeiter eines Ministeriums trifft, der sie zu verfolgen scheint und sich ihr ziemlich aufdrängt.
Wir als Leser wissen natürlich mehr. Dieser angebliche Mitarbeiter wurde nämlich von einem Mineralienfreund beauftragt, der auf der Suche nach dem legendären Diamenten „Pawel“ ist, der spurlos verschwunden ist. Lisa hat nun das Pech, in Verbindung mit dem Edelstein gebracht zu werden, da Teile ihrer Familie früher Besitzer einer Datscha auf einem Grundstück waren, welches früher dem Grafen Paurier gehört hat. Selbiger war nämlich derjenige, bei dem die Orchideenbrosche, in der „Pawel“ ein puscheliges Plätzchen gefunden hat, 1917 zum letzten Mal sicher gesehen wurde.
Unser Mineralienfreund setzt nun alles dran, diesen Stein zu bekommen und lässt die Moderatorin sogar unter Drogen setzen, um ihr die Wahrheit aus der Nase zu ziehen. Als sich herausstellt, dass sie wirklich nichts weiß, macht sich der windige angebliche Mitarbeiter selbstständig und beginnt die aufrichtige und tugendhafte Ehefrau und Mutter Lisa mit einem gefälschten Porno zu erpressen.
Währenddessen stellt sich heraus, dass der Vater von Butjeko früher Juwelier war und auch in Verbindung mit dem Diamanten steht... Es scheint, als spiele „Pawel“, der kleine Schlingel, eine wichtige Rolle und so macht sich nun auch Borodin daran, ihn zu finden...

Eine weiterer Erzählstrang, der schon in gewisser Weise eine Rolle spielt, ist die in die Vergangenheit zurückgehende Erzählung um die Entdeckung und den „Leidensweg“ von „Pawel“, der eng mit dem Leidensweg des Grafen Paurier verbunden ist und dadurch an Interesse gewinnt. Er wird normal erzählt, spielt natürlich in früherer Zeit und ist eine angenehme und sehr geschickt eingewobene Auflockerung.

Wie schon beim letzten Buch von Frau Daschkowa treffen wir auf eine sehr solide Handlung, die eine Menge Verstrickungen aufweist und geschickt mit spannenden Elementen angereichert wird. Hier erweist es sich vor allem als sehr effektiv, dass der Leser meist mehr als die Personen weiß und dadurch wie ein Luchs danach giert, dass die Person endlich dahinter kommt.
Hinzu kommen einige, verschiedene Erzählstränge, die am Anfang nicht zusammenzugehen scheinen, sich am Ende aber allmählich annähern und schließlich geschickt zusammenfließen. Besonders die Geschichte um Fund und Schicksal des Diamanten ist sehr gut gelungen und langweilt nicht, da die historische Komponente natürlich das Interesse des Lesers wachhält.
Mit der Zeit gewinnt der sehr gut durchdachte Plot immer mehr an Schwung ohne aber aufdringlich zu werden. Wir greifen gerne zum Buch, fühlen uns aber nicht gedrängt und möchten gerne unterhalten werden.

Allerdings kann ein so stark durchdachter Plot auch zu Problemen führen. Ab und an hat man dezente Schwierigkeiten, was jetzt die Beziehungen zwischen Personen oder Ereignissen angeht. Dadurch, dass Polina Daschkowa ihre Personen, wenn sie ihnen eine Perspektive widmet, oft mit ihrer halben Lebensgeschichte einführt, wird es stellenweise ein bisschen komplex. Wer hat jetzt mit wem Stunk gehabt? Und wie stand diese Person noch mal jener gegenüber? Und was hat diese beiden schon in der Vergangenheit zusammengeführt? Stellenweise, besonders am Ende wird man etwas wirr im Kopf und muss manchmal ein paar Seiten zurückblättern, um sich wieder orientieren zu können.
Am Ende ist es dann leider allzu chaotisch und ich habe die Auflösung der Angelegenheit nicht wirklich durchblickt. Der Einsatz von Personen, die sich am Schluss als Wölfe im Schafspelz (oder Wölfe in Steppweste...###quörks###) heraustellen ist zwar ein legitimes Mittel in Krimis, allerdings geschieht es mir in diesem Buch bei zwei oder drei Personen etwas zu abrupt und ohne das vorher gewisse Spuren gelegt wurden. Das erzeugt Unzufriedenheit.

Die Personen sind, wie auch in „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ schön ausgearbeitet und werden dem Leser, wie bereits erwähnt, nicht einfach nur platt vor den Latz geknallt. Wenn sie eine eigene Perspektive bekommen, was nicht unwahrscheinlich ist bei der Menge von Perspektiven, die im Buch vorhanden sind, dann werden sie zumeist erstmal mit kurzen Stichproben ihres Lebenslaufs wiedergegeben, was ich sehr gelungen finde. Dadurch sind sie nämlich nicht nur einfach Personen, die mal kurz vorkommen, sondern Personen, zu denen der Leser ein gewisses Maß an Hintergrundwissen hat, mit dem er sie besser verstehen kann. Dadurch entsteht auch eine gewisse Vielschichtigkeit, weil einfach so viele verschiedene Kurzschicksale auf den Leser wirken und verschiedene Charaktere nebeneinander eingebaut werden.
Was allerdings wiedermal ein bisschen problematisch war, war die Masse an russischen Namen, deren Abkürzungen/ Spitznamen etc. Wie schon bei Daschkowas anderem Buch hatte ich hier dezente Probleme, die Personen immer gleich ihren Namen zuordnen zu können und musste mich teilweise auf zurückliegenden Seiten noch einmal informieren. Aber das soll kein Kritikpunkt sein, schließlich kann die Autorin vermutlich nichts dafür.

Der Schreibstil gefällt mir sehr gut. Er ist ziemlich detailliert mit viel Drumherum, was an kurzen Stellen, besonders am Anfang, zu einer gewissen Langatmigkeit führt, die sich aber mit der Zeit verflüchtigt.
Ansonsten ist er sehr angenehm zu lesen ohne großartig schwierige Wörter oder störende, komplexe Satzgefüge. Mit gehobener Sprache und fließendem Stil erzählt Polina Daschkowa die Geschichte in einem Rutsch, sehr interessant und nie langweilig.

Nach dem doch eher mittelmäßigen „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ bin ich doch sehr positiv überrascht von diesem Buch.
Ein sehr sehr spannender Plot, der geschickt mit Verstrickungen und anderen Mitteln arbeitet und verschiedene Erzählstränge schön durchdacht zusammenfließen lässt, erzählt von einem ausschmückenden, angenehmen, locker fließenden Schreibstil und mit einer Vielzahl von sehr gut eingeführten Personen, so gefällt mir das.
Nur das Ende ist etwas misslungen, da es hier allzu chaotisch wird und einige, als „ungefährlich“ eingeführte Personen sich zu plötzlich als „ganz anders“ herausstellen.
Deshalb regnet es in diesem Fall vier Sterne und eine dicke Empfehlung an Freunde des durchdachten Krimis und Thrillers. Das Buch selbst ist ein Mittelding zwischen diesen beiden Gattungen, wobei die polizeilichen Ermittlungen allerdings sehr im Hintergrund stehen und auch nicht detailliert, wie in vielen Krimis, wiedergegeben werden.
Wer ein Problem mit zu durchdachten und raffinierten Plots hat, sollte allerdings Vorsicht walten lassen. Zwar fand ich die Handlung trotz ihrer augenscheinlichen Durchdachtheit authentisch, aber der eine oder andere könnte sich trotzdem gestört fühlen.

DIE AUTORIN
Wurde 1960 in Moskau geboren, studierte am Gorki-Literaturinstitut (Moskau), arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin und ist mit 12 Millionen verkauften Vüchern mittlerweile eine der beliebtesten Krimiautoren Russlands. Sie bastelt für die Medien psychologische Tätergutachten für aktuelle Kriminalfälle zusammen und lebt mit Mann und zwei Töchtern in Moskau.
Neben „Russische Orchidee“ sind in Deutschland auch das bereits erwähnte „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ und „Club Kalaschnikow“ erschienen.

WEITERE TEILNEHMER DER KLEINEN RUSSISCHEN BÜCHERWOCHE
„Kleine Russische Bücherwoche Teil I“ - „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ von Polina Daschkowa
„Kleine Russische Bücherwoche Teil II“ – „Komm“ von Irina Denezkina
 



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
philo.grant

philo.grant

18.07.2004 08:50

Ich lese gerne russische Autoren, bisher aber überwiegend Klassiker, deshalb freue ich mich immer, wenn ich gutgeschriebene Infos über zeitgenössische Schriftsteller finde. Kannst Du die Kleine Russische Bücherwoche nicht auf einen Monat oder gar ein Jahr ausdehnen ;-) ? Viele Grüße, philo.

GoldenerFelsen

GoldenerFelsen

06.06.2004 12:34

Von den russischen Krimis weiß ich viel zu wenig, scheint aber ein interessantes Genre zu sein, Astrid

Dark_Nemesis

Dark_Nemesis

05.06.2004 19:09

Wäre glaube ich nichts für mich, aber nichtsdestotrotz eine gelungene Rezension... LG

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