Wie ein offener Klodeckel
30.08.2000
Pro:
Der 9³ ist ein individuelles Auto .
Kontra:
Er ist nicht unbedingt perfekt .
Empfehlenswert:
Ja
 B.G.D.
Über sich:
Mitglied seit:02.04.2000
Erfahrungsberichte:50
Vertrauende:8
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 14 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Neulich fuhr ich einen Tag lang einen Saab 9³ Coupé S 2.0t mit 154 PS. Trotz der versprochenen 8,8 s von 0-100km/h fiel mir schon auf den ersten Metern im Stadtverkehr auf, daß sich der Wagen deutlich langsamer anfühlte. Später (auf freier Strecke) konnte ich mich ausführlicher mit der Motorcharakteristik auseinandersetzen. Zwar fährt sich der Wagen bis etwa 2500 U/min durchaus flott, kann danach jedoch noch deutlich zulegen und drückt die Insassen beachtlich in die Sitze. Das scheint eindeutig das legendäre Turboloch zu sein. Insgesamt hat mir der Motor in Kombination mit der angenehmen Handschaltung dennoch sehr gut gefallen, da sich auch der Verbrauch (trotz sehr zügiger Fahrweise) mit etwa 10 l/100km in Grenzen hielt. Das Fahrwerk zeigt sich allerdings deutlich weniger sportlich und erinnert in schnell gefahrenen Kurven daran, daß man in einem eher komfortbetonten Fahrzeug platzgenommen hat. Auch nach Bodenwellen federt der 9³ deutlich nach. Eine auffällige Eigenheit, die die Schweden ihrem Auto mit auf den Weg gegeben haben, ist das zwiespältige Sicherheitskonzept. Einerseits verzichtet der Wagen (soweit ich weiß) auf ESP, BAS und Airbags auf den hinteren Plätzen, andererseits gibt es zwei Systeme, die ich als typisch schwedisch und nervig bezeichnen würde. Als ich mit dem Wagen zum ersten Mal auf meinen Garagenstellplatz fahren wollte, bin ich unangeschnallt und mit geöffneter Fahrertür rückwärts gefahren um besser nach hinten sehen zu können. Daraufhin erschien auf dem Display des Bordcomputers, daß ich mich anschnallen soll, neben dem Tacho leuchtete eine schematische rote Tür auf und es ertönte ein lauter Warnton. Wäre ein weiterer Airbag (siehe BMW, Mercedes) nicht sinnvoller? Nur noch nebenbei zum Einparken: Die Sicht nach hinten ist eigentlich recht gut, da das Heck etwa da aufhört, wo der gut sichtbare Heckspoiler sitzt.
Zurück zur Sicherheit und damit zu einer anderen Schwachstelle des Saab. Die Seitenairbags befinden sich nicht in den Türen, sondern in den Vordersitzen, was einen Austausch der Sitze gegen Recaro und Co unnötig erschwert. Viele werden vielleicht sagen: „Wozu denn?" Ganz einfach. Die Vordersitze sind schlecht. Der Seitenhalt mag ja noch einigermaßen akzeptabel sein, wohingegen die Kopfstützen in meinen Augen eine Zumutung sind. Sie sind extrem dicht am Kopf, was zwar einerseits in Zusammenspiel mit dem „Saab Active Head Restraints" (das heißt wirklich so) die Crashsicherheit erhöht, jedoch andererseits durch ständigen Kopfkontakt stört. Bin ich etwa zu eitel (Frisur)? Die Angelegenheit mit der Kopfstütze ist eventuell noch diskutierbar, daß man auf den billigen Velourbezügen schnell anfängt zu schwitzen ist dagegen eine Tatsache. Mäßig ist die Funktionsweise der elektrische Fensterheber. Sie fahren zwar mit einem Druck auf die Taste nach unten, wenn man die Scheiben aber wieder schließen möchte, muß man die Taste festhalten. Wenn man (so wie ich) zum öffnen der Garage zuerst das Fenster öffnen muß, um das elektrische Garagentor per Schlüssel hochfahren zu lassen, ist es doch ein gewisser Komfortverlust. Die Anzeige des Bordcomputers, die nebenbei noch das Display des Radios ersetzt, ist ohnehin schon etwas überladen. Wenn sich dann auch noch das Scheibenwaschwasser dem Ende zuneigt, gibt es nur noch eine Information auf dem Display: Waschwasser nachfüllen! Die autoritäre Ader des Saab zeigt sich auch beim Abstellen des Autos. Jahrelang habe ich mir angewöhnt, meinen Wagen im ersten Gang abzustellen. Aber Saab will das nicht! Nein, man muß in den Rückwärtsgang schalten (!), um den Schlüssel aus dem Zündschloß in der Mittelkonsole (!) ziehen zu können. Da VW den Bora als Konkurrenten für den 3er BMW sieht, sollte es auch erlaubt sein, den 9³ mit der Mercedes C-Klasse zu vergleichen. Besonders was das Design im Innenraum und die Materialauswahl angeht, kann der Saab absolut nicht mithalten (auch wenn Mercedes hier in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat). Eventuell läßt sich das nüchterne Ambiente mit den in der SE-Version erhältlichen Holzeinlagen etwas aufwerten, doch insgesamt bleibt das ganze Auto und besonders das Armaturenbrett, das sich wie eine Schrankwand von Ikea vor dem Fahrer auftürmt, ziemlich klobig. Weitere Details wirken etwas undurchdacht. Wenn man z.B. bei einer Limousine von Mercedes den Kofferraum öffnet, befindet sich das Warndreieck gewöhnlich griffbereit direkt unter der Heckklappe. Bei Saab ist das zusammengelegte Warndreieck in einem billigen Plastiketui verpackt, das mit einem Klettstreifen auf dem Filz des Kofferraumbodens Halt sucht.
Ist der Saab denn nun schlecht? Auf jeden Fall ist er nicht so perfekt wie Audi, BMW und Mercedes. Müßte ich den Wagen rein objektiv bewerten, würde ich ihm drei oder vielleicht auch nur zwei Sterne geben. Doch gerade beim Autokauf spielen Emotionen eine große Rolle und genau hier kann der Saab punkten. Alleine die Verkaufszahlen des 9³ sichern eine gewisse Exklusivität, und durch die vielen (unpraktischen) Eigenheiten des Wagens ist er mir von Stunde zu Stunde sympathischer geworden. Perfektionismus ist doch irgendwie auch ein bißchen langweilig, oder? Wer läßt nicht gerne den Klodeckel offen?
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13.12.2003 12:31
Nett geschrieben, aber ich habe ganz andere Erfahrungen mit meinem Saab gemacht, trotzdem hilfreich der Bericht