Benn ... am Rande des Abgrundes I
22.01.2002 (11.04.2002)
Pro:
ein Blick auf die Morbidität . . .
Kontra:
. . . des alltäglichen Lebens
Empfehlenswert:
Ja
 yorg
Über sich:
... die Zeit ist nur ein Bach, in dem ich angeln gehe (Thomas Hemerken, Mönch) ... doch wer angeln w...
Mitglied seit:05.12.2000
Erfahrungsberichte:223
Vertrauende:185
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 241 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Gottfried Benn – Sämtliche Gedichte. Verlag Klett-Cotta. 1998. 541 S. – Gottfried Benn. Gedichte. In der Fassung der Erstdrucke. Werkausgabe I. 1982. S.Fischer Verlag. 686 S. Gottfried Benn ist wohl für das 20. Jahrhundert der der bedeutenste Lyriker deutscher Sprache. Je nach Geschmack und Interesse mag man noch Paul Celan und Bertolt Brecht hinzufügen, sonst aber wird sich wohl kaum zu einem anderen Dichter derartige Übereinstimmung erzielen lassen. Der bedeutenste deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts – gelesen wird er aber kaum. Vielleicht von wenigen, die sich für Poesie interessieren noch, bei den meisten lesenden Menschen findet sich aber eher: Nein, danke, der ist zu schwierig, zu unverständlich, gefällt mir nicht. Einen Teil des ganzen Unwillens, den Benn hier erzeugt, mag man auf den Expressionismus zurückführen, der, was immer sich dahinter verbergen mag, etwas sperrig, zumindest ungewöhnlich daherkommt – der Alltagsgebrauch der Sprache scheint ausgeschaltet, die Oberfläche reizlos, auch wenn man hinter Schillers »Bürgschaft« oder Fontanes »Herrn Ribeck« auch mehr findet, als eine einfache, poetische Überarbeitung der Themen »Freundschaft« oder »Freundlichkeit«. Aber genau hierin liegt der Unterschied. Expressioistische Gedichte sind in der Regel allenfalls noch melancholisch, oft aber morbide, zersetzend, zynisch – und man muss dies schon mögen.Ein anderer Grund für eine gewisse Abneigung gegen Benn mag dann auch in Schulunterricht liegen, der, zudem er nur zwei seiner Gedichte kennt, eher abschreckend ist, in der Interpretation zerstückelt, ohne dann die Ernte einzufahren, wieder zusammenzusetzen – und oft zudem Menschen anspricht in Lebenssituationen, in denen gerade diese Lektüre so oder so nur wenig fruchtbar gemacht werden kann. Die folgende Rezension soll nun also nur wenig hineingreifen in die interpretatorischen Tiefen, dafür etwas mehr vorstellen und dies, da nahezu 400 Gedichte auch nicht ansatzweise abgebildet werden können, stattdessen die (chronologisch angeordneten) Gedichte mit dem Leben Benns illustrieren – zumindest bis 1933, ein zweiter Teil, der die Spätphase auch biographisch abdeckt, wird dann folgen. Geboren wird Gottfried Benn 1886 in Mansfeld / Westpriegnitz als Sohn eines protestantischen Pfarrers, der wiederum selbst Sohn eines Geistlichen war. »Das Religiöse« schreibt Benn später »durchdrang meine Jugend ausschliesslich« (Dichterglaube), wirkte beim Erwachsenen dann als »Fanatismus zur Transcendenz«, nun aber ohne jeden Gott. Der kleine Benn wächst also ländlich wie auch frömmelnd auf, bis er 1896 das Gymnasium in Frankfurt a.d.O. besucht. In der Zeit datiert auch der Beginn der Freundschaft mit Klabund, die nach dem Abitur 1903 dann etwas abkühlt, aber anhält bis zu dessen Tod 1928, zu dem Benn die Leichenrede hält. Dem väterlichen Wunsche folgend studiert Benn dann Theologie und Philosophie in Marburg und Berlin, hält dies aber keine zwei Jahre aus und wirft dann 1904 die Brocken zugunsten eines Medizinstudiums. Die renomierte Kaiser-Wilhelm-Akademie nimmt ihn auf und erlaubt ihm so, wie es nicht unüblich war, seine Praxiserfahrungen in Ableistung seines Militärdienstes zu machen.Ab 1910 findet sich Benn dann als Unterarzt an der Charité, 1912 folgt die Promotion mit einer Arbeit über Diabetes mellitus und die Assistenzzeit am pathologisch-anatomischen Institut des Krankenhauses in Charlottenburg (Westend). In diese Zeit datiert die Freundschaft mit Else Lasker-Schüler und der Kontakt zu Paul Zech und dem heute beinahe vergessenen Carl Einstein – und in dieser Zeit fallen auch nahezu dreihundert Sektionen an, die Benn bis 1914 durchführt – was sich unübersehbar in einem der zwei bekannten Gedichten Benns, in »Kleine Aster« geltung verschafft: Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellhila Aster zwischen die Zähne geklemmt. Als ich von der Brust aus unter der Haut mit einem langen Messer Zunge und Gaumen herausschnitt, muss ich sie angestossen haben, denn sie glitt in das nebenliegende Gehirn. Ich packte sie ihm in die Bauchhöhle zwischen die Holzwolle, als man zunähte. Trinke dich satt in deiner Vase! Ruhe sanft, kleine Aster! Das Gedicht, 1912 veröffentlicht in »Lyrische Flugblätter«, ist das erste der fünf Morgue-Gedichte. Ins Auge springt sofort eine gewisse Morbidität, die schon das Ambiente der Pathologie erzeugt, in der hier einer, dem Fliessband-Sezierer Benn nicht unähnlich, einen Leichnam aufschneidet. Der Tod ist also im Mittelpunkt des Obduktionssaales wie des Gedichtes und man steht ihm mit der Gleichgültigkeit desjenigen gegenüber, der sein täglich Brot hier verdient, dem der Schnitt in den Balg geübter Handgriff ist. Das Auffällige ist also nicht der Bierkutscher, der namenlos bleibt, aber, so scheint es, dem Beruf nach bezeichnet wird, um die Anonymität sowohl zu unterstreichen, als auch die zunehmende Entindividualisierung – das Auffällige ist die Blume. Eine Aster, die nun, dies fällt als zweites auf, dann doch selbst ein Symbol des Todes ist. Und diese Todesblume, der lediglich die letzten drei Zeilen des Gedichtes gewidmet sind, die Zeilen, die die nüchterne Betrachtung, die Bestandsaufnahe aufgeben und gefühlich nun das Blümchen ansprechen, diese Todesblume wird nun selbst zum Sterben gebettet. Genauer: Ihr wird anempfohlen, sich am Tod satt zu trinken, um dann selbst zu sterben, oder: das Leben des längst Toten für das eigene Leben zu verwerten, das auch längst todesgeweiht ist, wird das Blümchen doch dann (»ruhe sanft«) mit eingenäht, erstickt – so, wie der Bierfahrer schon ersoffen ist.Wir wollen die Betrachtung hier verlassen – anempfohlen sei denen, die nun noch ein Weilchen bei der Aster verweilen möchten, dem Weg der Organe zu folgen (aus der »Bauchhöhle«, ich zitiere hier nach den Erstdrucken, wird 1956 in der »Gesammelten Gedichten« dann die »Brusthöhle«), deren sinnbildliche Bedeutung kaum chiffriert ist – und noch kurz auf das fünfte der
Bilder von Sämtliche Gedichte / Gottfried Benn
Morgue-Gedichte, »Requiem«, schauen, das in ähnlicher Stimmung und Aussage schwelgt, dies jedoch schon nicht mehr so Deutschunterricht-verträglich, es in Schulbüchern zu finden: Auf jedem Tische zwei. Männer und Weiber kreuzweis. Nah, nackt, und dennoch ohne Qual. Den Schädel auf. Die Brust entzwei. Die Leiber gebären nun ihr allerletztes Mal.Jeder drei Näpfe voll: von Hirn bis Hoden. Und Gottes Tempel und des Teufels Stall nun Brust an Brust auf eines Kübels Boden begrinsen Golgatha und Sündenfall. Der Rest in Särge. Lauter Neugeburten: Mannesbeine, Kinderbrust und Haar vom Weib. Ich sah von zweien, die dereinst sich hurten, lag es da, wie aus einem Mutterleib.Das waren, ich denke, auch heute noch nachzuempfinden, höchst anstössige Verse im wilhelminischen Deutschland und entsprechend viel das mediale Echo aus. A.R.Meyer, der Herausgeber der o.g. »Flugblätter, schreibt später: »Wohl nie in Deutschland hat die Presse in so expressiver, explodierender Weise auf Lyrik reagiert wie damals bei Benn«. Der wohlwollenden Aufmerksamkeit im kleinen Kunstkennerkreis korrespondierte also breite Ablehnung schroffester Art, oft schon in unverhohlenen Hass umschlagend. Die Anerkennung, die ihm diese frühen Gedichte in Künstlerkreisen verschafften, sollte schon längst verblasst sein, als ihm dieser Ruf des seine »Schweinereien« verbreitenden Bürgerschrecks in ganz anderen Kreisen noch anhaftete, wie Pech. Nationalsozialistische Kameraden und kommunistische Genossen waren sich da im übrigen, dies nur am Rande, immer einig.Die Härte des o.g. Gedichtes aber liegt dennoch weniger in den Leichenstückeleien, als vielmehr in dem zentral plazierten »Und Gottes Tempel und des Teufels Stall nun Brust an Brust auf eines Kübels Boden«. Die Beschreibung der Morbidität, die die Gesellschaft, die Welt, die Kultur nur zu einem Aussensaal der pathologischen Abteilung macht, diese Perspektive ist eine der immer wieder sich in Benns Gedichten findenden, von früh an, im Spätwerk erst dann eingefasst und überformt von kühlem Zynismus, Einsicht in die Sinnlosigkeit alles Treibens und Resignation. Doch auch dies findet sich in den frühen Gedichten schon. »Saal der kreißenden Frauen«, auch aus 1912 , beginnt noch, wie vom späteren Brecht verfasst, endet dann aber ohne jede Hoffnung: Die ärmsten Frauen von Berlin - dreizehn Kinder in anderthalb Zimmern, Huren, Gefangene, Ausgestossene – krümmen hier ihren Leib und wimmern.[...] Durch dieses kleine fleischerne Stück wird alles gehen: Jammer und Glück. Und stirbt es dereinst in Röcheln und Qual, liegen zwölf andre in diesem Saal. Benn selbst aber durchbricht erst einmal diesen ewigen Kreislauf des Leidens, als er 1913 die Schauspielerin Eva Brandt kennenlernt, die eigentlich Edith Brosin heisst und als eine Osterloh auf die Welt kam und wohl einiges an Heiterkeit in Benns Leben brachte – wenngleich, folgt man den Erinnerungen der dieser Beziehung entstammenden Tochter Nele, da einiges vielleicht dem Benn schon zu heiter – oder: zu flach im Heiteren war. 1914 heuert Benn als Schiffsarzt an, kommt nach New York, eine zweite Passage lässt er dann schon wieder sausen, das Schiff geht ohne ihn unter. Dann beginnt auch Benn der Krieg. Er wird als Sanitätsoffizier eingezogen und zuerst nach Brüssel geschickt. Das Leben als Offizier nimmt sich ganz angenehm aus, die Arbeit im Prostituierten-Krankenhaus wohl etwas weniger, fügt sich dafür aber nahtlos in die Kette Benn’scher Erfahrung mit den Abgründen des Menschlichen. Ebenfalls in dieser Zeit beginnt die Freundschaft mit Thea und Carl Sternheim.Im März wird der Gedichtband »Fleisch« veröffentlicht, den Oskar Loerke wunderbar, Lob und Ambivalenz untrennbar verflochten, rezensiert hat: »Benn schleudert fast wahllos Unrat und Sternenmasse. Er stammelt, stöhnt, schreit. Manchmal möchte man seine herausfordernde Besessenheit verspotten, doch aus den Stellen, die man mit kalter Hand berührt, fährt ein Schlag.« »Der Psychiater« (1917), erstes aus einem Zyklus von fünfzehn unter gleichem Titel zusammengestellter Gedichte, zeigt eindrücklich, wie sich die nach aussen gerichtete Hoffnungslosigkeit nun nach innen wendet. Meine Innenschläfe ist die Fresse, Die mich anstinkt. Tisch ist: Auge und Hand: Gesichts- und Tastempfindung: Erbrechend: ICH. Die Sternblumen Betiert mein Blick, den keuschen Strauss. – Mein Hirn nächtigt mich Einen kurzen Traum; Doch aus dem Morgen Weht Altersodem, unbeholfen, Zerfallsgeruch. –
So die erste Strophe, die nahezu lebensüberdrüssig daherkommt, nicht (nur) die Welt, sondern sich selbst, das sog. »lyrische Ich«, als Teil der Veranstaltung nun im Zerfallen betrachtet. Schön, wie die Doppelpunkte eines aus dem anderen folgen lassen, bis das gehütete und wichtige »Ich« nur noch (a) erbrochen und (b) aufgebrochen werden kann. Auch hierzu noch ein weiteres Beispiel – das fünfzehnte und letzte Gedicht aus dem »Psychiater«-Zyklus, »Synthese«: Schweigende Nacht. Schweigendes Haus. Ich aber bin der stillsten Sterne; Ich treibe auch mein eigenes Licht Noch in die eigne Nacht hinaus. Ich bin gehirnlich heimgekehrt Aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieh Auch was sich noch der Frau gewährt, Ist dunkle süße Onanie.Ich wälze Welt. Ich röchle Raub. Und nächtens nackte ich im Glück: Es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub Mich, Ich-begriff, zur Welt zurück. Ich denke, dies Gedicht spricht für sich. Auch wenn es in einigen Passagen an das heranreicht, was man gern »hermetisch« oder schlicht »dunkel« nennt, ist eine Sehnsucht, ein Hoffnungsschimmern, zumindest aber: Hoffnungssuchen kaum verkennbar – und sei es nur durch die klingenden Endreime angedeutet. Und das Spielen mit Selbstzeugung und Einsamkeit, fraglichem Ich und Glück taugt auch für eine längere Beschäftigung (zumal der Titel »Synthese« nicht übersehen werden darf).Nur, um einmal kurz hereinzugraben in dies Gedicht: »auch was sich noch der Frau gewährt« kann (muss aber nicht) erst einmal begriffen werden als das Fleisch, das Materielle, dass sich hier in »dunkler«, unverstandener wie ungetrennter, nämlich »süsser« Selbstbefriedigung, vielleicht sogar Selbstbefriedung befindet und ausgerichtet ist auf »gehirnliche Heimkehr«, auf Geist, so bietet es sich zumindest an – und Geist bedeutet dem Benn in dieser Zeit einiges, ist ihm der letzte Rettungsanker in einer dumpfen Welt. Dies zu verstehen sollte man sich kurz vor Augen halten nicht nur das Ende, sondern schon den Beginn des ersten Weltkrieges, der in Sinnlosigkeit und Langeweile einen Hurra-Patriotismus auf allen Seiten hervorbrachte - oder, wie Enzensberger es sagt: »zum Vergnügen, heldenhaft, und weil uns nichts besseres einfällt« (aus: »Leichter als Luft«). Es folgen dann Tod, Kriegselend und erste Massenvernichtungsversuche, dann, gerade für das unterliegende Reichsdeutschland, bittere Armut und Not und das Aufkommen eines primitiven, schnell wiederbelebten Antisemitismus und leichtgängiger, hirntoter Populismen - und auch die kommenden »roarin‘ twenties« sind nur an der Oberfläche und nur für wenige derart »swingin‘«, für viele, befördert dann durch den Zusammenbruch der Weltwirtschaft, aber nacktes Elend. Der Ruf nach »Geist« scheint hier also verständlich – wenngleich ihn sich dann später ganz andere Herren zu eigen machen. Benn selbst wird 1917 entlassen und eröffnet eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin. Die Praxis wird nie eine florierende und das Werk des Dichters ist über den Krieg auch mehr und mehr ins Dunkel gesunken, befördert noch dadurch, dass manch anderer grosser Dichter des Expressionismus auf den Gefallenenlisten erscheint oder anderswie ums Leben kam: Georg Heym war schon 1912 (ertrunken), gerade 24jährig, gestorben, Georg Trakl wurde zwei Jahre älter und starb 1914 (Überdosis Kokain), August Lichtenstein 1914 im Feldzug gegen Frankreich, ebenso Ernst Wilhelm Lotz, August Stramm, den Kasimir Edschmid einmal als »einen der wenigen echten Stotterer« bezeichnete, dann 1915 in Russland, um nur einige wenige wichtige zu nennen. Der Expressionismus blutete also, wenn man so will, aus – und um den Untergang der anderen (ohne Vollständigkeit) gleich anzufügen: Carl Sternheim, vor dem Krieg vielleicht beachteter, als Benn, lebte noch bis 1942, jedoch ohne weitere Wirkung, Hans Davidsohn (Jakob von Hoddis) wurde wohl noch im selben Jahr ermordet, die Nazis deportierten ihn im April, Max Hermann-Neisse war bereits 1941 gestorben, Lasker-Schüler verstarb erst 1945, aber völlig verarmt, in Jerusalem – es dauerte noch das eine oder andere Jahr, bis ihre Geburtsstadt Wuppertal (eigentlich: Elberfeld) es chique finden sollte, sich mit ihrem Namen zu schmücken –, Alfred Wolfenstein nahm sich 1945 in Paris das Leben, Albert Ehrenstein, der rechtzeitig in die USA emigrierte, starb 1950 in einem New Yorker Armenhospital, Paul Zech, mit ähnlichem Schicksal, 1946 in Buenos Aires. Der Expressionismus in der Dichtkunst, als bunte und vielstimmige Veranstaltung begonnen, verstummte also abrupt, seine Vertreter zunehmend. Dass er auch in seiner kurzen Blüte sich kaum einer Definition unterwarf - man vergleiche nur Trakl, Heym und Benn exemplarisch – ist nahezu selbst eine Definition geworden. Paul Fechtner schrieb schon 1919: »Expressionismus ist eine Zurückführung der künstlerischen Produktion von der wissenschaftlichen Intellektualisierung des Impressionismus zu ihrem Gefühlsquell und ursprünglichen Sinn [...]«, was kaum mehr. als eine negative Definition ist. Bei Gero Wilpert findet sich noch heute: »[...] rein geistiger Ausdruck innerlich geschauter Wahrheiten und seelischer Erlebnisse des Ich unter freier Benutzung der äusseren Gegebenheiten [...]« - um die Problematik zu verdeutlichen: der erste Teil scheint nahezu auf Benn gemünzt zu sein, dem zweiten hätte Benn, dessen Formbewusstsein deutlicher, als bei den meisten anderen ausgeprägt war, aber kaum zugestimmt. Was nun Wilpert wohl meinte, hat Theodor Däubler schon in den 50ern (veröffentlichet 1967) aber kurz und treffend ausgedrückt: »Der Volksmund sagt: wenn einer gehängt wird, so erlebt er im letzten Augenblick sein ganzes Leben nochmals. Das kann nur Expressionismus sein.« Und da dieser selbst sich nun als Nicht-Richtung nach dem ersten Weltkrieg am Strick befand, schauen wir wieder auf Benn, der 1921 feststellt: »fünfunddreissig Jahre und total erledigt [...] ich lese nichts mehr [...] ich denke keinen Gedanken mehr zuende« - und in der Tat findet man bspw. für 1921 gerade fünf, für 1920 zwei, für 1919 ein, für 1918 gar kein Gedicht. Erst der für die »Gesammelten Schriften« 1921 verfasste »Lebenslauf« scheint wieder ein wenig Tatenmut zu bringen:Schutt. Alle Trümmer Liegen morgens so bloß, Wahr ist immer nur eines: Du und das Grenzenlos. Trinke und alle Schatten Hängen die Lippe ins Glas, Fütterst du dein Ermatten – Laß - ! So lautet die zweite Strophe des Gedichtes »Spuk« (1922), mit zwei anderen zusammengefasst zu eunem kleinen Zyklus namens »Schutt«. Es erinnert hier und da an das spätere Gedicht »Nur zwei Dinge«, schwelgt aber erst (scheinbar) noch im Dionysischen, um dies dann umso wirkungsvoller, explizit in der fünften Strophe (»Letztes Lebensgelüsten | Laß. es ist schon zu spät.«) zu vernichten. Wie sehr aber selbst Verachtung und Hoffnungslosigkeit mit dem Witz skurriler Betrachtung einhergehen können, zeigt »Tripper« aus demselben Jahr: Blut, myrtengrüner Eiter, das ist kein Bräutigamsurin, die Luft ist klar und heiter von Staatsbenzin. Familienglück: der Rammelalte, der Schweißfuß und das Spülklosett – hier tröpfelt die geschwollne Falte das Flirt-Minette.Die Götter wehn, die Kosmen knacken, der Dotter fault, es hebt sich ab der Lust-Lenin in Eisschabracken – Polar-Satrap. Im November stirbt dann Benns Ehefrau Edith. Vielleicht nicht der einzige Grund, aber sicher ein massgebender, dass die Dichterlaune nun gleich wieder erlahmt. Erst 1925 wieder ist etwas mehr von Benn zu hören, die im Vorjahr beginnenden freundschaflichen Beziehungen zu Erich Reiss, Heinz Ullstein, George Grosz und Tilly Wedekind mögen ein wenig Licht in die Finsternis gebracht haben, auch wenn Benn sich weiterhin »am Ende« sieht, zunehmend auch materiell an der Schmerzgrenze, vereinsamt. Auf 1927 datiert dann das Gedicht »Liebe«, dessen zweite Strophe diese Sehnsucht sehr schön wiederspiegelt: Liebe – schluchzende Stunden, Dränge der Ewigkeit löschen ohne viel Wunden ein paar Monde der Zeit, landen – schwärmender Glaube, Arche und Ararat sind dem Wasser zu Raube, das keine Grenzen hat.
1928, das Jahr in dem der Schulfreund Klabund stirbt, ein Jahr, bevor sich die Freundin Lili Breda das Leben nimmt, wird Benn, vielleicht unerwartet, in den Berliner PEN-Club aufgenommen. Für den, der sich nur noch »in sehr kleinem Kreis« gelesen wähnte, vielleicht eine Überraschung, die materielle Situation ändert sich jedoch nicht. 1931 schliesslich ist der Dichter von der Pfändung bedroht und bitter »[...] die Leute sind irre, der Staat muss zertrümmert werden [...] da bleibt einem die Spucke weg u. vergeht einem die Laune« (an Thea Sternheim).Dass diese »Zertrümmerung« nahe ist, mag er vielleicht schon geahnt haben, er wird dann 1933 sogar ein Jahr mit den neuen Herren liebäugeln – auch wenn er 1932 überraschend in die Preussische Akademie der Künste, die Max Liebermann damals leitete und deren Vorsitzender der Sektion für Dichtkunst Heinrich Mann war, gewählt wurde und kaum ein Jahr später dnn soviele bedeutende Kollegen gehen sieht. Doch dazu, zu der Biographie ab 1933, später (in einem zweiten Teil zu Benn) etwas mehr – und stattdessen nun noch ein Blick auf die Lyrik dieser Zeit. In »Einsamer nie -« (1936) spricht der schon völlig Isolierte – und dennoch (oder deshalb) ist es eines seiner schönsten Gedichte: Einsamer nie als im August: Erfüllungsstunde –, im Gelände Die roten und die goldenen Brände Doch wo ist deiner Gärten Lust?Die Seen hell, die Himmel weich, die Äcker rein und glänzen leise, doch wo sind Sieg und Siegsbeweise aus dem von dir vertretenen Reich? Wo alles sich durch Glück beweist Und tauscht den Blick und tauscht die Ringe Im Weingeruch, im Rausch der Dinge, –: dienst du dem Gegenglück, dem Geist.« Doch dieser Geist wird dem Dichter immer unsicherer. »Der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust«, wie »Probleme der Lyrik« es dann noch einmal 1951 fordert, beginnt Benn in dieser Zeit eher aus den Händen, durch die Finger zu rinnen. Die Form wird so für Benn letztes und einziges Residuum, Fluchtpunkt und Emigrationsstätte, womit der Kreis der Todesthematik kaum verlassen, die Hoffnung auf eine Zukunft aber nun zumehmend draussen bleibt. Stattdessen wird der Kunstproduktcharakter der Gedichtes zunehmend betont: »[...] da ist eine Heidelandschaft oder ein Sonnenuntergang, und da steht ein junger Mann oder ein Fräulein und hat eine melancholische Stimmung, und nun entsteht ein Gedicht. Nein, so entsteht kein Gedicht. Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht. Wenn Sie vom Gereimten das Stimmungsmässige abziehen, was dann übrigbleibt, wenn dann noch etwas übrigkbleibt, das ist dann vielleicht ein Gedicht«. (»Probleme der Lyrik«). Der Bruch, das gebrochene (lyrische) Ich soll offen erkennbar bleiben, unverstellt. Und es bleibt unverstellt als Form. Jeder Inhalt muss nicht nur Form werden, um als Inhalt transportiert werden zu können, sondern wird als Form erst beachtenswert. Die Schwierigkeit, mit dieser Spannung nicht nur praktisch (im Dichten), sondern auch theoretisch (im Reflektieren der Möglichkeiten des Dichtens) konfrontiert zu werden, löst Benn paraphrasierend: »Ich verspreche mir nichts davon, tiefsinnig und langwierig über die Form zu sprechen. Form, isoliert, ist ein schwieriger Begriff. Aber die Form ist ja das Gedicht.« (ibd) Das Gedicht als Entstehungsprozess und Produkt wird so von Benn konsequent auf ein Selbstgespräch des lyrischen Ichs mit sich selbst beschränkt, auf die »die monologische Kunst, die sich abhebt von der geradezu ontologischen Leere, die über allen Unterhaltungen liegt und die die Frage nahelegt, ob die Sprache überhaupt noch einen dialogischen Charakter in einem metaphysischen Sinne hat. Stellt sie überhaupt noch Verbindung her, bringt sie Überwindung, bringt sie Verwandlung, oder ist sie nur noch Material für Geschäftsbesprechungen und im übrigen das Sinnbild eines tragischen Verfalls? Gespräche, Diskussionen - es ist alles nur Sesselgemurmel, nichtswürdiges Vorwölben privater Reizzustände, in der Tiefe ist ruhelos das Andere, das uns machte, das wir aber nicht sehen. Die ganze Menschheit zehrt von einigen Selbstbegegnungen, aber wer begegnet sich selbst? Nur wenige und dann allein« (ibd). Für dieses und auch gegen dieses und als eine kleine Summe des Bennschen Lebens nun sei das 1953 veröffentlichte, neben der »Aster« als zweites etwas bekannter »Nur zwei Dinge« angeführt: Durch so viel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du, doch alles blieb erlitten durch die ewige Frage: wozu? Das ist eine Kinderfrage. Dir wurde erst spät bewußt, es gibt nur eines: ertrage -ob Sinn, ob Sucht, ob Sage- dein fernbestimmtes: Du mußt.Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere, was alles erblühte, verblich, es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich. Die Skepsis gegen die Dialog- und Lernfähigkeit des Menschen bleibt Benn also, doch der »Fanatismus zur Transzendenz«, die von Benn gesuchte Tiefe, ist die weniger durch Metaphysik oder Ontologie (wobei diese beiden Begriffe und der der »Transzendenz« zudem noch gern verwechselt werden), durch Sinn oder Sein bestimmt, als durch Desillusionierung und Sinnverlust. Vielleicht kommt Nietzsche dem hier grundliegenden Verständnis am nächsten, wenn er den Begriff der Tiefe gerade in der Tiefe der Oberfläche findet. Doch auch hier fällt man wieder zurück auf das »Worte, Worte – Substantive! Sie brauchen nur die Schwingen zu öffnen und Jahrtausende entfallen ihrem Flug.« (Lyrisches Ich, 1928) – und mit den zwei letzten Strophen des der Droste gewidmeten »Kann keine Trauer sein«, soweit ich sehe, Benns letztes Gedicht, datiert auf den 6.Januar 1956, soll dann auch dieser kleine Einblick im ersten Teil beendet sein: Wir tragen in uns Keime alles Götter, das Gen des Todes und das Gen der Lust, wer trennte sie: die Worte und die Dinge, wer mischte sie, die Qualen und die Statt, auf der sie enden, Holz mit Tränenbachen – für kurze Stunden ein erbärmlich heim.Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit, zu unberührbar Bett und Tränen, kein Nein, kein Ja, Geburt und Körperschmerz und Glauben, ein Wallen, namenlos, ein Huschen, ein Überirdisches, im Schlaf sich regend, bewegte Bett und Tränen – schlafe ein! ..................................................................................... (weitere Gedichte: http://www.geocities.com/~aristipp/litlinks/b/benn.htm)
..................................................................................... © 01/2002
Preisvergleich
sortiert nach Preis
|
Klett-Cotta Sämtliche Gedichte
Der vorliegende Band enthält sowohl die zu Lebzeiten Benns gedruckten Gedichte ...
|
€ 19,95
Händler kann Preis erhöht haben |
136 Bewertungen
|
Versandkosten: EUR 0,00
Verfügbarkeit: Auf Lager
|
zum Shop
buecher.de
|
|
Smtliche Gedichte - Benn, Gottfried
Buch, gebundene Ausgabe, 541 S., Erschienen: 1998
|
€ 19,95
Händler kann Preis erhöht haben |
21 Bewertungen
|
Versandkosten: versandkostenf...
Verfügbarkeit: sofort lieferbar
|
zum Shop
Buch24
|
|
Sämtliche Gedichte - Gottfried Benn
Seiten: 541, Ausgabe: 7., Aufl., Gebundene Ausgabe, Klett-Cotta
|
€ 19,95
Händler kann Preis erhöht haben |
3407 Bewertungen
|
Versandkosten: Kostenlose Lieferung
Verfügbarkeit: Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden...
|
zum Shop
Amazon.de Bücher
|
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Das könnte Sie interessieren
Verwandte Tags für Sämtliche Gedichte / Gottfried Benn
|
|
01.04.2008 16:46
Sämtliche Gedichte? Ich hatte mal ein Buch (Band kann man dazu wohl nicht mehr sagen) mit - meine ich zumindest - ausgewählten Gedichten. Im letzten Jahr. Ich habe es verschenkt, glaube ich, unter anderem weil ich nichts mit Benn anfangen konnte. Vielleicht könnte ich es jetzt. Ich werde es nochmal versuchen. Toll.
01.04.2008 16:44
Im Taumel war ein Teil, ein Teil in Tränen, // in manchen Stunden war ein Schein und mehr, // in diesen Jahren war das Herz, in jenen // waren die Stürme - wessen Stürme - wer? -- // Niemals im Glücke, selten mit Begleiter, // meistens verschleiert, da es tief geschah,// und alle Ströme liefen wachsend weiter // und alles Außen ward nur innen nah. -- //Der sah dich hart, der andre sah dich milder, // der wie es ordnet, der wie es zerstört, // doch was sie sahn, das waren halbe Bilder, // da dir das Ganze nur allein gehört. // Im Anfang war es heller, was du wolltest // und zielte vor und war dem Glauben nah, // doch als du dann erblicktest, was du wolltest, // was auf das Ganze steinern niedersah,-- // da war es kaum ein Glanz und kaum ein Feuer, // in dem dein Blick, der letzte, sich verfing: // ein nacktes Haupt, in Blut, ein Ungeheuer, // an dessen Wimper eine Träne hing. (Das Ganze)
22.03.2004 12:52
Warum dieser Bericht es Dir schwer machen sollte, meine Aktion zu kritisieren? Der junge Benn hat wie kaum einer vor ihm die überlieferte Form zerstört. Im Spätwerk hat er sich in das strenge Korsett von Versmaß und Reim gezwängt. Deine Beispiele demonstrieren, dass er sogar Satzübergriffe zwischen den Versen vermied. Warum? Hatte er den Mut oder die Virtuosität mit dem Regelverstoß verlernt? Nein, er wollte den Sinn, das Transzendente, hervorheben. Nun, ich will mich nicht mit Benn messen. Das läge mir fern. Aber meinen Elan zum Regelverstoß habe ich mit Joghurt- und Duschgelberichten betätigt. Die Provokation der Wortwahl ist in meinen (formal strengen) Sonetten. Meine Aktion soll die Autoren durch formale Beschränkung zwingen, sich mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen. Manche Autoren können das, andere nicht. Die Leser möchte ich durch die Akzeptanz der erzwungenen formalen Begrenzung bewegen, den Sinn eines Berichts zu erfragen. Das mit das nicht bei jedem SuperOpel2000 gelingt, finde ich nicht weiter tragisch.