Im "Sandman Special" Band 2 - "Der Gesang des Orpheus" erzählt Neil Gaiman gemeinsam mit Zeichner Brian Talbot und Tuscher Mark Buckingham die griechische Tragödie von Orpheus und Eurydike nach, die er zu diesem Zwecke behutsam in seine ureigene Traumwelt des Sandman Universums verlegt.
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Erfahrungsbericht von logan über Sandman Special - Bd. 2: Der Gesang des Orpheus / Gaiman, Neil 3. Juni 2003
Produktbewertung des Autors:
Aufmachung:
sehr schön
Zeichnungen:
supergut
Unterhaltungswert:
sehr hoch
Anspruch:
anspruchsvoll
Fun-Faktor:
schwach
Pro:
alte griechische Sage in ein moderne Erzählform gebettet
Kontra:
kein Kontra
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Im "Sandman Special" Band 2 - "Der Gesang des Orpheus" erzählt Neil Gaiman gemeinsam mit Zeichner Brian Talbot und Tuscher Mark Buckingham die griechische Tragödie von Orpheus und Eurydike nach, die er zu diesem Zwecke behutsam in seine ureigene Traumwelt des Sandman Universums verlegt. Die Übersetzung von Frank B. Neubauer klingt im Deutschen sehr gelungen.
Prolog:
…Alle beginnt mit einem Traum des jungen Mannes Orpheus am Vortag seiner Vermählung: "Er treibt allein auf der weindunklen See. Er blickt sich nach seiner Geliebten um, aber sie ist nicht da. Er ruft ihren Namen: 'Eurydike. Eurydike.' Keine Antwort. Aus Gründen, die er nicht versteht, bekümmert ihn das sehr. Er beginnt zu weinen. Salzige Tränen rinnen sein Gesicht herab und mischen sich mit dem Salz der Wellen. Dann fällt ihm ein, dass er wohl träumt, und er lächelt. 'Vater?' …"
Orpheus, Sohn des Oneiros und der Kalliope, wünscht sich von seinem Vater, dass dieser seinen Traum für ihn deute. Doch der weigert sich. "Ich bin Euer Sohn. Warum sagt Ihr mir nicht, was Ihr wisst?" "Weil Du mein Sohn bist."
Erstes Kapitel:
Am Tage der Hochzeit erscheinen die Verwandten des Orpheus; seine Onkel und Tanten, die dem Sandman-Leser altbekannten Endlosen, welche elegant in die Geschichte dieser Graphic Novel eingebunden sind. In einem ersten 'Familienbild' werden sie von Teleute/Death vorgestellt: "Alle sind da!" - und alle werden sie, wenn auch nicht alle in personam, noch eine Rolle spielen. Tod, Schicksal und Zerstörung ragen groß und in farbenfroh im Hintergrund auf, die 3 Schwestern Freude/Delirium, Sehnsucht und Verzweiflung sind blass im Zentrum des Panel gruppiert.
Orpheus ahnt noch nicht, was der Tag seiner Hochzeit für ihn bereithalten wird, und stolz stellt er seiner Eurydike die Mitglieder seiner Familie vor: "Meine Tante Teleute; meine Tante Aponoia; meine Tante Mania; mei-, öh… Onkel-Tante Epithymia; mein Onkel Olethros; und schließlich mein Onkel Potmos. … Onkel? Wollt Ihr uns nicht Glück wünschen?" - "Ich bin das Schicksal. Ich bin Potmos. Ich wünsche nicht, ich weiß. Was geschehen muss, wird geschehen. So ist der Lauf der Dinge. Aber der Priester erwartet Euch, Kinder. Eure Hochzeit beginnt." Spricht Potmos, die Augen im Dunkel seiner Kapuze verborgen und mit seiner rechten Hand an ein eisern versiegeltes Buch gekettet.
Orpheus und Eurydike sind geradezu vernarrt ineinander. Dies soll der schönste Tag ihres Lebens werden, und beide wünschen sich in ihrer naiven Selbstbezogenheit nichts mehr, als das alle mit ihnen zusammen genauso glücklich sein sollen. Orpheus wird an diesem freudigen Tag nicht einmal einem Opfertier ein Leid antun, wie er seinem neuesten Freund Aristaios anvertraut. Doch noch während der Feier versucht eben dieser lüsterne Satyr im Rausch, über Eurydike herzufallen, die auf der Flucht vor ihm von einer Schlange gebissen wird und noch in der gleichen Nacht stirbt.
Zweites Kapitel:
Der Verlust der Geliebten ist zu viel für Orpheus. Aus seinem Schmerz heraus flüchtet er sich in Musik und versucht so, dem Leid Ausdruck zu verleihen. "Der Rauch ihres Scheiterhaufens treibt himmelwärts in der windstillen Sommerluft. Es fällt ihm leicht, es zu ignorieren. Manche Dinge sind zu groß, um gesehen zu werden; manche Gefühle zu riesig, um empfunden zu werden. Statt dessen konzentriert er sich auf den korrekten Fingersatz des Torgesanges, darauf, jede Note genau und fein anzuschlagen. Die Melodie windet sich um ihn herum, verschlungen und seltsam, wie ein Lied aus einem Traum. Er bemerkt, dass er noch nie so gut gespielt hat. Und es erfüllt ihn mit leichtem Stolz. Und als er bereit ist, als die Musik ein Teil von ihm ist, hebt er an zu singen und errichtet das Tor mit seiner Stimme und den Noten seiner Leier." Orpheus betritt das Traumreich seines Vaters. Dieser ist der Meinung, sein Sohn hätte der Beerdigung seiner Braut beiwohnen sollen: "Das ist der irdische Weg: Du nimmst an der Beerdigung teil, sagst den Toten Lebewohl, trauerst, dann setzt du dein Leben fort. Manchmal wird dich die Gewissheit ihrer Abwesenheit wie ein Schlag in die Brust treffen, und du wirst weinen. Aber es wird immer seltener passieren. Sie ist tot. Du lebst. Also lebe!" Doch Orpheus kann und will diesen Rat nicht annehmen. Er würde alles daran setzen, sie aus der Unterwelt zurück zu gewinnen, und er bittet seinen Vater darum, bei den Göttern Hades und Kore ein gutes Wort für ihn einzulegen. Doch der lehnt kategorisch ab, und Orpheus spricht trotzig die Worte "Ich bin nicht länger Euer Sohn." Während er über Selbstmord nachsinnt, erscheint Orpheus zum zweiten Male sein Onkel Olethros, der ihn auslacht: "Ohh, Orpheus, du bist ein komisches Kind. Ich glaube, du bist verliebter in die Idee deiner toten Geliebten, als du es jemals in das Mädchen warst…" Der abgeklärte, ruppige Kerl hat kein Gefühl, die Übermacht der romantischen Liebe seines Neffen zu begreifen. Doch er geht auf dessen Wunsch ein, ihm zu einem Gespräch mit Teleute zu verhelfen. "Wird sie mich empfangen?", fragt Orpheus seinen Onkel zweifelnd. Dessen Antwort fällt gelassen: "Oh, ja. Sie wird dich sehen. Früher oder später empfängt sie jeden." Teleute will Orpheus den Zugang zur Unterwelt zunächst verweigern; doch als sie in seine Seele blickt, erkennt sie, dass er zutiefst bereit ist, selbst dem eigenen Tod ins Auge zu sehen, wenn er dadurch nur seiner geliebten Eurydike näher kommen kann. Und so gewährt Teleute ihm seinen Wunsch: "Geh nach Tainaron, im Süden von Hellas. Dort gibt es ein Tor, das dich in die Unterwelt bringen wird."
Drittes Kapitel:
"…In diesem Gebirge war eine tiefe Höhle, aus der sich widerliche und ungesunde Dämpfe erhoben. Diese Höhle wurde für das Tor zur Unterwelt gehalten." Orpheus begibt sich auf die lange und beschwerliche Reise nach Tainaron und steigt tief hinab in die Höhle, deren zerklüftete Tropfsteinoberflächen gewisse Ähnlichkeiten mit den Windungen eines Gehirns haben. Er überreicht dem Fährmann des Totenreichs einen goldenen Mistelzweig, der ein Geschenk des Orakels von Delphi an ihn und das seltene Fährgeld der Lebenden ist. Nachdem er den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos in den Schlaf gesungen hat, tritt Orpheus vor Hades und Persephone, wo er zu den Klängen seiner Leier seine Klage und sein Begehren vorträgt. Mit seinem Gesang hatte Orpheus bereits den Fährmann zum Weinen gebracht; nun lauscht ihm gebannt die Menge der Toten: "Ixions Rad steht vor Staunen still. Die Geier hören auf, Tityos Leber zu zerfressen. Tantalos macht keine Anstalten, seinen Hunger oder Durst zu stillen." Es stellt eine ungeheure Anmaßung dar, von Hades und Persephone zu verlangen, Eurydike in die Welt der Lebenden zurückzuschicken.
Orpheus: "Aber wenn Ihr das nicht gewähren könnt, möchte ich nicht zurückkehren in Länder, die die Sonne sehen. Und Ihr mögt mein Leben haben, genauso wie das ihre." Hades: "Ein nettes Angebot, aber zwecklos. Du gehörst nicht hierher, Sterblicher." Persephone: "Du hast die Furien zu Tränen gerührt, Orpheus. Das ist unerhört." Orpheus: "Gebt mir meine Braut, und ich werde diesen Ort verlassen." Persephone: "Du hast die Furien zum Weinen gebracht, Orpheus. Das werden sie dir niemals vergeben." Hades: "Du störst meine vollendet geordnete Welt, Orpheus. So sei es. Aber es gibt Bedingungen. REGELN. Es gibt immer Regeln. Niemand verlässt die Unterwelt auf dem Weg, den er gekommen ist. Es gibt einen Pfad, der hinaufführt. Folge dem Pfad und weiche nicht davon ab. Nun geh. Geh zurück in die Welt da oben, und Eurydike wird dir als dein Schatten folgen. Aber raste nicht, sprich nicht und dreh dich nicht, um hinter dich zu schauen, bis ihr beide unser Königreich verlassen habt. Und dann, und nur dann wird sie dein sein. Sieh nicht zurück."
Auf dem langen Weg zurück überkommen Orpheus Zweifel an der Ehrlichkeit des Königs. Kurz bevor er sein Ziel erreicht hat, schaut er hinter sich, wo er Eurydike das letzte Mal zu Gesicht bekommt. Vor dem Ausgang der Höhle bricht Orpheus zusammen. Jetzt, da er Eurydike zum zweiten Mal verloren hat, kann er endlich um sie weinen.
Viertes Kapitel:
Orpheus zog sich daraufhin trauernd von der Welt zurück und umgab sich mit wilden Tieren, die einträchtig zu seinen Füßen lagerten um seinem Leierspiel zu lauschen. Noch einmal kommt seine Mutter Kalliope, die den Vater Oneiros inzwischen verlassen hat, um ihren Sohn zur Rückkehr unter die Menschen zu bewegen; als dieser ablehnt ("Menschen verletzen. Menschen verschwinden. Ich bleibe hier."), warnt sie ihn vor den Bachkantinnen, den Schwestern der Raserei. Als es um den Einsamen herum Nacht wird, kommen die Mänaden über ihn. Sie versuchen vergebens, ihn zu verführen: "Schließ dich unserer Verehrung an. Trink Wein mit uns. Schlaf mit uns. Iss rohes Fleisch mit uns. Feiere mit uns." Orpheus will sie nicht einmal sehen: "Es gibt nur eine Frau, die ich geliebt habe. Der ich meine Liebe hätte geben können, und sie ist fort." Doch die Geliebten des Dionysos lassen nicht von ihm ab. Wütend fallen sie über Orpheus her, zerfleischen ihn, reißen ihm das Herz heraus und fressen es auf. Seinen Kopf aber werfen sie ins Meer.
Epilog:
Orpheus begegnet noch einmal seinem Vater, der ihm verspricht, Tempel für ihn errichten zu lassen. Das ist alles, was er für ihn tut. Die Bitte seines Sohnes, ihn endgültig zu töten, lehnt er ab: "Dein Leben gehört dir. Dein Tod genauso. Immer und ewig dein. Leb wohl." Zu den Zeichnungen:
Der Zeichenstil ist genauso poetisch und klar wie die Sprache. Die Anordnung der Panels führt das Auge des Betrachters ganz natürlich und unaufdringlich. Oftmals werden die Panels der eigentlichen Erzählung - sie sind immer ganz nah an den Menschen - in einen größeren Zusammenhang eingebunden; sie sind dann ganzseitig hinterlegt mit einem übergeordneten Gemälde, welches die jeweilige Szenerie im Großformat ausführt, für noch mehr Atmosphäre sorgt, und nicht zuletzt auch als eine Art zeichnerischer Überschrift das dramatischste Thema oder die Gefühle der Hauptfigur wiederspiegelt.
Meine Meinung:
"Der Gesang des Orpheus" ist eine Geschichte über Verlust und Trauer, über die Grausamkeit und den Wert des Lebens, über Familie und Einsamkeit, über Verstrickungen und Schicksal, über den Schmerz des Erwachsenwerdens und das Übernehmen von Verantwortung, über das Unbewusste und damit nicht zuletzt auch über Träume.
Dieser Band kann nicht nur für sich selbst bestehen; er ist auch - vielleicht noch mehr als mancher andere der übrigens ganz hervorragenden Sandman Reihe - ein künstlerisches Meisterwerk, in dem Text und Bild hervorragend miteinander korrelieren und ineinander verschmelzen. Dem Leser wird keine alleingültige Interpretation der Geschichte übergestülpt, vieles wird nur angedeutet. Dennoch wird man nicht mit der grausamen, auf den ersten Blick jeglicher Moral entbehrenden Geschichte, alleingelassen. Die Charaktere sind so menschlich angelegt, dass man sie nicht nur nachvollziehen, sondern auch mit ihnen fühlen kann. Man beginnt ganz von allein, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, die Motive ihres Handelns und das allgemein Menschliche in ihnen zu suchen. Das Buch regt dazu an, sich seine eigenen Gedanken zur Thematik zu machen, deutet dabei auf zahlreiche Figuren und Hintergründe aus der griechischen Mythologie hin, und schafft es darüber hinaus, dem alten Stoff zeitlose und auch einige moderne Facetten abzugewinnen.
Ich kann dieses Werk wirklich jedem empfehlen; seien es Liebhaber alter Sagen, künstlerisch gestalteter Comics, anspruchsvoller Literatur oder gut gemachter Unterhaltung.
ISBN: 3-928108-70-0
[ Als Lektüre-Soundtrack zum leisen Hören im Hintergrund empfehle ich "Dummy" von Portishead, ein Album das ausgezeichnet zur stimmungsvollen Untermalung geeignet ist. ]
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