***Der Traum von Sansibar***

5  17.04.2003

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Zora1

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 73 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Zur Zeit liege ich danieder mit einer Höllengrippe. Habe mal wieder Zeit, während der Wachphasen ein Buch zu lesen. Es ist ein älteres Werk von Alfred Andersch, d.h. es ist schon etwas länger her, als ich es das erste Mal las. Beim zweiten Lesen stimmte mich dieser Roman doch etwas nachdenklicher, gerade in dieser Zeit (Krieg im Irak), wenn auch schon nicht mehr so aktuell. Ich möchte nun meine Gedanken zu diesem Buch den Lesern und Leserinnen näher bringen.


DER AUTOR
04.02.1914 = geb. in München
1920 - 1928 = Schulbesuch in München
1928 - 1930 = Buchhandelslehre in München
1931 - 1933 = arbeitslos, tritt in den Kommunisten Jugendverband ein, ab 1932 dessen Organisationsleiter.
27.02.1933 = Verhaftung, ins KZ-Dachau gebracht, im Mai entlassen. Im Herbst wieder verhaftet. Nach erneuter Entlassung, steht Andersch unter Aufsicht der Gestapo.
1933 -1940 = Büroangestellter in München und Hamburg.
1940 - zu einer Pioniereinheit in Siegen eingezogen, danach als Besatzungssoldat in Frankreich.
1941 - aus der Wehrmacht entlassen.
1943 - wieder eingezogen
1944 - desertiert am 6. Juni an der italienischen Front.
1944 - 1945 = in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Mitarbeiter der Kriegsgefangenenzeitschrift „Der Ruf“.
1945 - 1946 = Redaktionsassistent von Erich Kästner.
1946 - 1953 = verschiedene Veröffentlichungen und Leiter einer Redaktion.
1955 - Beginn der Niederschrift „Sansibar oder der letzte Grund“.
1957 - Herausgabe von Sansibar und anderen Büchern.
1958 - gibt alles auf und siedelt in die Schweiz über. Lebt fortan als freier Schriftsteller.
1977 - Andersch erkrankt schwer. Bekommt eine Nierentransplantation.
1980 - In der Nacht vom 20ten auf den 21ten Februar stirbt Alfred Andersch an Nierenversagen.


INHALT
An einem frühen Nachmittag, im Oktober 1937, ist der kleine Ostseehafen Rerik (bis 1938 Alt Gaarz, Stadt und Badeort im Kreis Bad Doberan, Bez. Rostock, nordöstlich Wismar, am Salzhaff und an der Ostsee) Ausgangspunkt verschiedener Fluchtvorhaben.
Zufällig treffen fünf Menschen zusammen: „Der Junge, der KPD-Funktionär Gregor, die aus Hamburg stammende achtzehnjährige Jüdin Judith, Fischer Knudsen und Pfarrer Helander“. Alle fünf sind nach Stand und Herkunft verschieden, doch unter dem Druck der politischen Verhältnisse sind sie für eine kurze Zeit aufeinander angewiesen.
Alle fünf Personen haben einen anderen Grund, Rerik verlassen zu wollen.

ZU DEN PERSONEN
DER JUNGE: ist der Sohn von Hinrich Mahlmann, 15 Jahre alt. Er will unbedingt weg aus Rerik, weg von zu Hause. Seine Tätigkeit als Schiffsjunge füllt ihn nicht aus. Sein großes Vorbild ist Huckleberry Finn.

GREGOR: ist ein junger Mann, unauffällig, eher klein als groß, ein Mann, wie es ihn überall gab. Seinen wirklichen Namen erfährt man nicht. Er stammt aus Berlin und ist von dem dortigen Jungendverband auf die Lenin-Akademie nach Moskau geschickt worden. Dort legte er seinen Namen ab und wählte einen neuen. Er ließ sich Grigorij (Gregor) nennen. Dann ist er mit einem falschen Pass über Wien nach Rerik gereist, um hier im Auftrag des Zentralkomitees eine Kadergruppe aufzubauen.

HELANDER: Pfarrer der St.-Georgen-Kirche in Rerik. Er nahm am 1. Weltkrieg teil und ist in Lille (Verdun) beinamputiert worden. Zur Fortsetzung des Theologiestudiums heimatentlassen. Nach bestandenem Examen hat er geheiratet. Seine Frau stirbt im Kindbettfieber. Seitdem ist er psychisch am Ende. Durch Kartenspiel und Studium der Psychoanalyse versucht er seine Einsamkeit zu bewältigen. Es gelingt ihm nicht, und er gerät in eine tiefe Glaubenskrise.

KNUDSEN: ist ein Fischer aus Rerik, der ein kleines Motorboot und ein Haus mit Garten besitzt. Er ist ein Kommunist aus Überzeugung, hat aber mit der Partei als Organisation gebrochen. Seine früheren Genossen haben sich von der Partei abgewandt, er ist noch der einzige Kommunist in Rerik. Man spricht zwar noch mit ihm, aber nicht mehr über Politik. Er hat eine geistesverwirrte Frau, die er intensiv liebt.

JUDITH: Judith Levin, die einzige Person, deren vollen Namen man erfährt, ist ein 18jähriges Mädchen aus einer gutsituierten Hamburgischen Familie. Schon ihr Vater ist ein konvertierter Jude gewesen und auch sie ist getaufte Protestantin. Ihr Vater ist schon lange tot, und um Judith die Möglichkeit zur Flucht vor den einsetzenden Judenverfolgungen zu geben, begeht ihr kranke Mutter Selbstmord.

MEINE MEINUNG ZU DEM BUCH
Der Roman wurzelt in einer bestimmten geschichtlichen Situation (1937, Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Unterdrückung geistiger und künstlerischer Freiheit, kommunistische Untergrundbewegung) und ist damit bis zu einem gewissen Grad ein Zeitroman.
Der Nationalsozialismus wird in diesem Roman nie direkt geschildert oder verurteilt, er wird nicht einmal beim Namen genannt (außer „Die Anderen“) und er tritt bis auf die „schwarze Limousine“ und die „vier Männer“, die den „Lesenden Klosterschüler“ abholen wollen, nicht in Erscheinung. Insofern ist „Sansibar“ kein Zeitroman.
In diesem Roman steht nicht die Handlung oder die Beschreibung äußerer Gegenstände im Mittelpunkt, sondern die Darstellung des Menschen in seinem innersten Wesen.
Der Mensch wird in diesem Roman unter der Bedrohung einer äußeren, unmenschlichen Gewalt dargestellt. Dargestellt in seinem Widerstand gegen diese Gewalt und auf dem Weg in die Freiheit.
Die Darstellung des Menschen im Widerstand gegen die „anonyme Macht der totalen Bedrohung“ ist das Thema, was mir beim Lesen dieses Romans bewusst wurde.
Andersch gelingt es in diesem Roman, die reale historische Situation als stets gegenwärtige Gefahr einer „totalen Bedrohung des Menschen, als Sinnbild der Tyrannei“, gegenwärtig zu machen.

Der Inhalt dieses Buches ist nicht nur Historie, sondern meiner Meinung nach allgegenwärtig.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mel87

mel87

31.03.2004 20:01

Da ich das Buch jetzt in der Schule lesen werde, wollte ich mich vorab darüber informieren, was mir dank dieses wirklich guten Berichts gut möglich war!

5chw4b3

5chw4b3

15.01.2004 21:11

wir mussten das Buch neulich auch in der Schule lesen und dein Bericht spiegelt das Wichtigste wieder. Wichtig war für mich auch, dass der Roman nur an einem einzigen Tag spielt! Trotzdem super Bericht!!! mfg schwabe

Gernal

Gernal

13.08.2003 23:33

Der Ausführliche Lebenslauf über den Autor hat mich auch sehr gut gefallen ;).

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