Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Einfühlsamkeit, Offenheit, Sprachwahl, lässt den Leser an allem teilnehmen |
| Kontra: |
wird aufgrund der "chwere" vermutlich oft ignoriert werden ~ genau wie die Krankheit an sich |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
"Der Test, den Bill gerade gemacht hat und den auch ich mich unterziehen werde, hat einen unmenschlichen Aspekt. Er verkündet modrigen Sumpf und düsteren Nebel, hält jedoch keinen Ortsführer oder auch nur eine Laterne bereit. Er beweist nur, dass man HIV-infiziert ist und sagt nichts darüber aus, ob man bereits krank ist oder ob man die Krankheit in vollem Ausmaß bekommen wird. Aber plötzlich muss ich die Wahrscheinlichkeit ins Auge fassen, dass mein Mann erkranken und schneller sterben kann als andere zweiundzwanzig Jahre alten Ehemänner.“
(ZITAT; S. 14)
Bei dem Buch
Sarahs Lied
welches im Jahre 1995 erstmalig im BertelsmannClub erschien, handelt es sich nicht nur um den Schicksalsbericht von und mit Janice Burns, sondern stellt gleichso eine Art Liebeserklärung an ihren Mann Bill, ihre engste Familie und das Leben selbst dar.
Mir war von Anfang an klar, dass diese Lektüre nicht leicht sein würde; doch dass sie mich derartig erfassen würde...damit hätte ich nicht gerechnet, zumal ich des öfteren eher „harte Kost“, gerne auch Schicksalsberichte, lese, die mich zwar nie kalt lassen, aber eben auch nicht derartig bewegen, wie es hier der Fall war.
Janice Burns mag in ihrem Buch hier und dort aus- und abschweifen; hinzu kommt, dass die einstigen Tagebucheinträge im Nachhinein ergänzt wurden und sich manche Anekdote obendrein wiederholt ~ und doch hatte ich als Leserin keineswegs das Gefühl, in dieser Schreibweise unterzugehen.
Die sog.
Story, um die es in „Sarahs Lied“ geht, lässt sich kaum besser beschreiben als die Autorin es durch ein wiedergegebenes Gespräch mit ihrem Mann tat:
„Neulich bemerkte ein Freund: „Hör mal, in diesem Buch geht es im Grunde gar nicht um AIDS. Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte.“ Als ich dir das erzählt habe, hast du gelacht und gesagt: „Stimmt, Junge lernt Mädchen kennen, Junge bringt Mädchen um. Nicht zu vergessen den ersten Teil: Junge lernt Jungen kennen. Junge bringt Jungen um.““
(ZITAT; S. 172)
Zur Umsetzung
kann ich im Grunde wiederholen, was ich obig kurz anschnitt. „Sarahs Lied“ rührt den ein oder anderen zu Tränen; von Anfang an liegt auf der Hand, dass es hier kein eigentliches Happy end geben kann. Und doch scheint die Autorin eines für sich gefunden zu haben, weist sie doch bereits im Vorwort auf das nachfolgende hin:
„Die Arbeit an meinem Bericht hat mir gezeigt, dass man Grenzen hinausschieben kann und sollte, dass man nicht immer alles hinzunehmen braucht, was Anfang, Mitte oder Ende eines Lebens zu sein scheint.“
(ZITAT; S: 9)Wohl wahr, ein „richtige happy end“ sieht anders aus, doch für Menschen mit HIV kann es nach wie vor kein „und wenn sie nicht gestorben sind“ geben ~ es lautet „und wenn sie noch nicht an AIDS gestorben sind“
Sicherlich ist jeder von uns sterblich, auch wenn der nicht-infizierte diese Tatsache allzu oft zu verdrängen oder gar zu vergessen bereit ist. „Sarahs“ Lied erinnert nicht nur an das unumgängliche, sondern lehrt eine ganz besondere Art von Demut; ohne hierbei auch nur einen Hauch von Lehrmeistertum anzuwenden:
„Manchmal meine ich, das Wichtigste, was Bill durch seine Krankheit lernte, war Demut. Ganz zum Schluss lernte er die Lektion, der er sich acht Jahre lang widersetzt hatte, nämlich – das er ein Mensch war. Und dass Menschen, egal, wie intelligent, lustig, wundervoll, wie mutig und zäh sie auch sind, Menschen bleiben. Und Menschen sterben.“
(ZITAT; S. 115)
Janice Burns drückt keineswegs auf die Tränendrüse ~ dieser „Effekt“ wird sich beim Leser völlig allein einstellen. Und doch erzählt die Autorin einfach ihre Geschichte, ihr „Leben“ mit der HIV-Infektion, die sie sich durch ihren Mann Bill zuzog; lässt den Leser an diversen kleinen Wundern teilnehmen und bleibt dabei stets schonungslos offen.
Mir sind bereits andere Bücher von HIV- bzw. AIDS-Erkrankten bekannt; doch nie wurde der Inhalt so deutlich nachempfindbar dargebotenen. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich gegen ein immens bedrückend, belastendes Gefühl ankämpfen musste, um überhaupt weiterzulesen. Die Autorin berichtet von ihren intimsten Gedanken, erzählt von ihren Träumen, gewissen Unerklärlichkeiten... egal, was der Leser davon halten mag. Und genau das macht „Sarahs Lied“ aus; oftmals kommt es vor, dass die Autoren vorrangig für potentielle Leser zu schreiben scheinen ~ bei diesem Buch jedoch spürt man, dass Janice Burns es insbesondere für sich selbst und ihren Mann Bill tat.
Von Anfang an fällt auf, dass Janice mit Gedanken, Überlegungen, Taten oder eben Nicht-Taten zu kämpfen hat, mit denen man sich selbst gar nicht „belasten“ muss. Gedankenspielereien kennt jeder, und so wird sich der ein oder andere schon mal die Frage gestellt haben, wie (bzw. ob) er selbst „weitermachen“ würde, wenn er an HIV erkranken würde. Ob er diese Erkrankung für sich behält, lediglich ein paar Personen einweiht, ob er auf der Arbeit die Wahrheit sagen sollte oder gar muss...
All dies findet hier einen weitaus intensiveren Platz, als ich es mir in meiner diesbezüglich fast schon zwangsweise-oberflächlichen Gedankenart zuvor je gemacht habe.
Janice und Bill wollten ursprünglich Kinder, im Zusammenhang mit der HIV-Infektion ein beinahe unverantwortlicher Wunsch. Janice entschließt sich somit schweren Herzens zur Sterilisation ~ und muss sich erneut mit ihren unerfüllten Lebenstraum konfrontieren lassen, als nicht nur ihre Schwester, sondern auch eine Bekannte aus der Selbsthilfegruppe Mutter wird.
„Sarahs Lied“ zeigt diverse Grenzen auf; Grenzen, die man gezwungen wird, einzuhalten, Grenzen, die man sich selbst um des anderen Willen setzt, Grenzen, die man zur Selbsterhaltung einhält. Eine wirkliche Wahl haben die an HIV-Erkrankte dabei nicht.
Nicht unerwähnt bleiben soll von mir die Tatsache, dass das Buch mehrere Schicksale – und somit eben auch Tode – miteinschließt; demnach allerdings auch (noch) bedrückender ist; zugleich vor allem aber unumwunden und -gänglich ehrlich.
Summa summarum
stellt diese Lektüre eine der schwermütigsten Bücher dar, die ich seit längerer Zeit gelesen habe. Und das will bei mir und meiner sonstigen Lektüre schon was heißen.
„Sarahs Lied“ hinterlässt ähnliche Gefühle wie „Maya mein Mädchen“..... und das über Tage hinweg. Ich persönlich war in diesem Zusammenhang heilfroh, mich dank des deutschen TVs gestern Abend erneut über „Die Wutprobe“ amüsieren zu können ~ mit dem Nachgeschmack, den „Sarahs Lied“ hinterließ, wollte ich nicht länger allein in dieser Stimmung verweilen.
Zusammenfassend bleibst festzuhalten, dass ich „Die wahre Geschichte einer Liebe – die den Tod überwindet“ zwar uneingeschränkt empfehlen möchte, will und werde; jedoch gewissermaßen eine „Warnung“ mit auf den Weg geben möchte: leichte Kost sieht definitiv anders aus.
„Jahrelang träumte ich von meinem Kind, das ich weder empfangen noch abgetrieben hatte; ich nannte es Sarah. Ich träumte, sie wäre ein brauner Regenwurm, den ich vorsichtig im Mund hielt, der sich mir zum Schutz anvertraut hatte. Statt dessen schluckte ich sie wie ein Stück Kaugummi hinunter.
In meinen Augen lebte und starb sie. Ich gäbe alles darum, Sarah wiederzuhahen.“
(ZITAT; S. 29)