Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
sehenswert |
| Kontra: |
keine |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Schatten über dem Kongo ist eine erstklassige Umsetzung des gleichnamigen Buches.
Die Regisseurin Pippa Scott ist eine Meisterleistung gelungen. Die Dokumentation unterhält und ist dennoch eng an das Buch gehalten.
Der Film nähert sich Leopold II und stellt nebenbei Missionare und Idealisten vor die gegen ihn ankämpften. Nach diesem Film ist unmissverständlich klar das Leopold II ein Massenmörder war.
Dieser Film sollte in jeder belgischen Schulklasse Pflicht sein, da im belgischen Geschichtsunterricht nach wie vor jegliche Erwähnung der damaligen Massaker fehlt. Eine Schande für Belgien.
Einige Belgier - die ich mittlerweile allesamt auf dieses Thema anspreche - meinten sogar Leopold II sei doch ein großartiger König gewesen.
Noch schlimmer ist nur die offizielle Homepage des belgischen Königshauses, dort kann man zu Leopold II lesen:
1890
Im Juli verurteilt die internationale Konferenz von Brüssel die Sklaverei und löst unter dem Impuls des Königs die Antisklavereikampagne in Afrika aus.
1904
Aufgrund der durch die Europäer in Afrika begangenen Exzesse wird der Ruf von Leopold sowie der seines überseeischen Werkes in Frage gestellt. Der König setzt eine internationale Untersuchungskommission ein, welche die Verdienste der königlichen Aktion im Kongo anerkennt, jedoch zugleich die Missstände und Lücken nachweist, die zu korrigieren sich König Leopold II. bemüht.
(Quelle: http://www.monarchie.be/de/monarchy/history/leopol d_II.html)
Sehr milde...
Auch das Königliche Museum für Zentralafrika berichtet nicht über die Massaker und Morde im Kongo. Ich habe es mir zu einem Zeitpunkt angesehen als ich selbst noch nichts vom Massenmord im Kongo wusste. Hätte ich es damals gewusst wäre mein Besuch in Brüssel sicher anders ausgefallen.
Offensichtlich ist die Sichtweise des belgischen Königshauses sehr einseitig, wird von der belgischen Öffentlichkeit aber toleriert.
Im Film wie im Buch werden die Gründe für den Rückgang der Bevölkerung im Kongo um unglaubliche 10 Millionen Menschen genannt:
1. Mord. Viele Kongolesen wurden einfach ermorden. Die Gründe waren :
Nicht ordnungsgemäße Lieferung von Materialien, die Niederschlagung von Aufständen oder auch nur der Verdacht von Widerstand. Auf alles stand in Leopolds Kongo die Todesstrafe.
2. Verhungern, Erschöpfung, Obdachlosigkeit. Die Zwangsverpflichtung großer Teile der Bevölkerung zu Zwangsarbeit führe dazu dass sie nicht mehr genügend Zeit hatten ihre Nahrungsmittel zu beschaffen
3. Krankheit. Die Kongolesen fielen eingeschleppten Krankheiten zum Opfer
4. Sinkende Geburtsrate durch allgemeine Erschöpfung. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen führten zu einer drastischen Verminderung der Zahl der Schwangerschaften.
Das einzige Manko des Buches - die geringe Darstellung afrikanischer Quellen - wird hier durch Spielszenen ausgeglichen.
Die Schauspieler - allen voran der großartige Don Cheadle - sind erstklassig. Weitaus besser als man es in Dokumentationsfilmen gewohnt ist.
Zur Rechtfertigung von Hochschild: Kongolesische Quellen gab es damals nicht und Kongolesen die ihre Meinung öffentlich kund taten waren damit schon so gut wie Tod. Der Autor führt Beispiele von Kongolesen an die einer Kommission todesmutig von ihren Peinigungen erzählten, obwohl sie wussten dass sie damit ihr Leben verwirkt hatten. Ein Beispiel ist ein kongolesischer Häuptling der von den Massakern in seinem Dorf erzählt, von Kindern denen die Belgier die Hand abhackten etc - und der daraufhin von den Belgiern getötet wurde.
Die meisten Berichte kommen freilich von europäischen und amerikanischen Beobachtern. Dadurch bekommt man auch in diesem Buch nur die Spitze des Eisbergs der Grausamkeiten präsentiert aber dies ist schon mehr als man ertragen kann.
Die Berichte von Augenzeugen über einen Berg von Skeletten oder abgehackten Händen sind erschütternd.
Die Zitate sind sehr eindrücklich, die Regisseurin hat hier die heftigsten aus dem Buch übernommen. Eine richtige Entscheidung da nur dadurch die Grausamkeit der Belgier klar wird.
Ein schwedischer Missionar wird zentral zitiert der damals meinte "sah ich... Leichen in den See treiben, denen die rechte Hand abgehackt worden war, und als ich zurückkam, erzählte mir der Offizier, warum man sie getötet hatte. Wegen des Kautschuks... Beim Überqueren des Flusses sah ich, wie von den Ästen mancher Bäume Leichen ins Wasser hingen. Als ich das Gesicht von dem grausigen Anblick abwandte, sagte einer der schwarzen Unteroffiziere, der uns folgte: 'Das ist gar nichts, vor ein paar Tagen kam ich von einem Gefecht zurück und brachte dem Weißen Mann 160 Hände, die wurden dann in den Fluß geworfen.'"
König Leopold II und seinem kranken Charakter wird auch in der Dokumentation sehr viel Platz eingeräumt. Man bekommt so einen guten Einblick in die verquere Logik dieses Massenmörders. Insgesamt ist die Dokumentation etwas weniger objektiv als das Buch und macht keinen Hehl aus der Abneigung gegenüber dem König.
Der König war ein Schreibtischtäter, er selbst war nie im Kongo. Die Einnahmen aus dem Kongo verschleuderte er für hässliche Bauwerke und Feiern - aber auch um Journalisten zu kaufen. Leopolds PR war damals freilich vorbildlich und seine Vorstellung des Kongos als "Konföderation freier Negerrepubliken" durchaus glaubhaft. Allerdings wurde er bald von ehrlichen Journalisten entlarvt und schon damals bloss gestellt.
Ebenso schlecht kommt Henry Morton Stanley weg, dessen Entdeckungsreisen nach Afrika der Autor als Vernichtungsfeldzüge entlarvt. In der Dokumentation ist er aber nicht so zentral behandelt wie im Buch. Dies stört jedoch nicht.
Dafür werden Joseph Conrads Erlebnisse behandelt.
Er nahm dem belgischen König seine Rolle als selbstlosen Humanisten ab. Als er den Kongo bereist ist er zutiefst schockiert und meint "die verkommenste, beutegierigste Balgerei an, die je die Geschichte des menschlichen Gewissens veranstaltet hat" vorgefunden zu haben. 10 Jahre braucht er um die schockierenden Erlebnisse zu verarbeiten - dann schreibt er Heart of darkness. Figuren wie der von Conrad erfundene Mr. Kurtz der seinen Gartenzaun mit den Köpfen der hingerichteten Schwarzen zierte gab es im Kongo Leopolds II wirklich.
Kurtz Vorbild: Hauptmann Léon Rom. Er ließ Kongolesen wegen den geringsten Vergehen hinrichten und hatte in seinem Blumenbeet Köpfe hingerichteter Kongolesen. (!!)
Den Gegenpunkt zu König Leopold II bilden sein Widersacher - der Journalist George Washington Williams und Edmund Morel.
Der Afroamerikaner George Washington Williams bereiste den Kongo und war entsetzt über die Menschenrechtsverletzungen.
In seinem «Offenen Brief an den König», beschrieb er die Greuel die er sah und forderte den König auf zu handeln. Er schrieb auch dem Präsidenten der USA und forderte ein neues System für den Kongo «das afrikanisch und nicht europäisch, gerecht und nicht grausam» wäre. Er verwendete den mittlerweile gebräuchlichen Ausdruck «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an. Leopold II ließ Artikel abdrucken, in denen Williams als "geistesgestörter Neger" und "Affe" abgetan wurde. Williams war davon tief getroffen und starb wenig später mit nur 41 Jahren.
Den anderen Kritiker des Königs wurde er nicht so schnell los.
Morel ist ein Beispiel das Menschen immer schon für die Wahrheit einstanden und für die Rechte anderer Menschen. Morel zeigte unglaubliches Engagement indem er Tausende von Briefen veröffentlichte, Lichtbildervorträge organisierte und es schaffte das Thema des Kongos auf den Titelseiten vieler Zeitungen zu bringen.
1905 folgte die Broschüre "King Leopolds Soliloqui" in der er den Medien-König Leopold vernichtend mit dessen eigenen Waffen schlug.
John Galsworthy, Sir Arthur Conan Doyle und Mark Twain unterstützen ihn dabei. So lassen sie den König in der Broschüse sagen "Zwanzig Jahre lang habe ich nun Millionen dafür ausgegeben, die Presse beider Hemisphären zum Schweigen zu bringen, und immer noch gibt es undichte Stellen." und sich über die Kodakkamera beschweren "Der einzige Augenzeuge, den ich nicht bestechen konnte."
Erschreckend nur das der König heute noch positive Publicity in Belgien bekommt.
Wir sollten es hingegen Morel gleichtun und uns permanent für die Menschenrechte der Entrechteten einsetzen. Dem belgischen König Leopold II gebührt lediglich ein Platz als größter Massenmörder der Menschheitsgeschichte.
Wer das Buch kennt bekommt freilich keine neuen Informationen. Für mich war der Film dennoch sehenswert.
Die Dokumentation ist absolut sehenswert für alle die das Buch noch nicht kennen. Sie ist eine hervorragende Umsetzung des Buches und eine gelungene filmische Aufarbeitung eines in Vergessenheit geratenen Massenmordes.
Daten:
Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Polyband & Toppic Video/WVG
DVD-Erscheinungstermin: 27. März 2009
Produktionsjahr: 2008
Spieldauer: 93 Minuten
ASIN: B001DDP4U4
Preis: 17,95 Euro