Konzept: kein Konzept
10.10.2004 (01.01.2005)
Pro:
gute Idee
Kontra:
überwiegend miserable Umsetzung
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Kultstatus:
Durchhaltevermögen:
mehr
 sannahschnuffi
Über sich:
Wenn ein Bericht "besonders hilfreich" ist, fällt mir auch etwas Sinnvolles aus mehr als 2...
Mitglied seit:25.03.2001
Erfahrungsberichte:131
Vertrauende:53
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 160 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Es ist Freitagabend, 22.15 Uhr, Ausgehzeit ? wenn man nicht gerade durch die langwierigen Nachwirkungen eines Knöchelbruchs daran gehindert werden würde, mal wieder so richtig abzappeln (=tanzen) zu gehen. Und auch die Kino-Kneipen-Kombination kann auf die Dauer recht langweilig und teuer werden. Deshalb vertraue ich das Abendprogramm meinem Fernseher an, denn der soll ja schließlich ein abwechslungsreiches Programm liefern - außerhalb des Sommerlochs. Und das das überwunden ist, verrät das Thermometer. Abwechslungsreiche Unterhaltung durch Innovationen verspricht Sat1 mit seinem Konzept des "Comedy-Freitags". Comedy, das ist das, was Anfang der 90er Jahre mit "RTL Samstag Nacht" und (den ersten Folgen) der "Wochenshow" noch so verheißungsvoll begann. Was vorher auf Kleinkunstbühnen ein elitäres Publikum begeisterte, wurde nun salonfähig und brachte die Massen zum Lachen - sei es mit einem dreckigen "hoho", wenn Tabus gebrochen wurden oder mit einem herzhaftes "haha" über die humorvolle Schilderung der Tücken des Alltags. In den folgenden Jahren passierte schließlich das, was man mit "Comedy"-Inflation bezeichnen kann: Irgendwann lachte man sich schließlich tot.Dennoch dieser Comedy-Freitag von Sat1 - allerdings versucht man nun, neue Wege zu gehen. Das neue Konzept heißt "Konzeptlosigkeit", Improvisation soll nun zeigen, wer wirklich Humor besitzt. Was bei "Genial daneben" in einer Talkrunde schon länger die Zuschauer begeistert, das "Draufloserraten" von absonderlichen Begriffen und Begebenheiten, soll nun auch auf einer improvisierten Bühne funktionieren. Das Konzept dieser neuen Show SCHILLERSTRASSE, die seit dem 3. September auf Sendung ist, besticht also durch seine Einfachheit. Zur GRUNDAUSSTATTUNG dieser Sendung gehören ein Studio mit Bühne und Zuschauern, ein Spielleiter (Georg Uecker - bekannt aus der Lindenstraße und in letzter Zeit vermehrt sein "komisches Potential" entdeckend), eine Hauptfigur (Cordula Stratmann - bekannt als "Annemie Hülchrath", der Nachbarin der "Zimmer frei"-WG) und ihre Freunde, ebenfalls allesamt mehr oder weniger der Comedy-Szene angehörend, die sie regelmäßig besuchen.Denn Cordula ist nach der Trennung von ihrem Ex Rüdiger in ihre eigene Wohnung gezogen. Und diese stellt (nach einem Wanddurchbruch in die richtige Richtung) die Bühne dar, so dass die Zuschauer zu Hause und im Studio an ihrem verrückten
Bilder von Schillerstraße
Leben teilhaben können. Zu sehen ist eigentlich nur eine riesige Wohnküche, wobei der Küchenteil sehr klein ausfällt und abgegrenzt von einer Bar an den rechten Rand der Bühne geschoben wurde. Von immenser Bedeutung ist außerdem die Türklingel, denn auf diese Art und Weise kommen die Freunde ins Haus, die Cordulas Leben erst so richtig spannend (und für den Zuschauer sehenswert) machen. Das Klo, was wahrscheinlich keins ist, ermöglicht es den Beteiligten, mal kurz von der Bühne zu verschwinden um sich ein wenig zu erholen.Denn was auf der Bühne, pardon, in Cordulas Wohnung, passiert, ist das pure Leben, live, ohne Aufzeichnung, Schnitt und Take 1 bis 100. Jeder Abend steht unter einem bestimmten Motto, ob man nun einen Videoabend machen will, ein Ikea-Regal geliefert oder die neue Freundin vorgestellt bekommt, dem Spuk in Cordulas Wohnung auf den Grund gehen möchte oder gemeinsam das von Cordula bestellte Fitness-Set ausprobiert. Dies ist das Grundgerüst, die Details kommen vom Spielleiter. Jeder der Mitwirkenden hat einen KNOPF IM OHR, über die er (und nur er!) eine REGIEANWEISUNG vom Spielleiter bekommt - für das Publikum wird diese oberhalb der Bühne ebenfalls sichtbar gemacht. Und so abstrus diese auch erscheinen mag, sie muss umgesetzt werden.Soweit die Theorie. Denn in der Praxis hapert es häufig an der Umsetzungswilligkeit bzw. -kompetenz der Beteiligten. Die Besetzung wechselt zwar von Sendung zu Sendung, aber einige Gesichter finden sich als besonders gute Freunde häufiger ein. Es versteht sich natürlich von selbst, dass die Wohnungsinhaberin in jeder Folge dabei ist. Als sehr enge FREUNDE finden sich vor allem Annette Frier (Nachfolgerin von Anke Engelke bei der "Wochenshow") und Martin ?Maddin? Schneider (langsam sprechender und scheinbar im gleichen Tempo denkender Hesse und schon allein aufgrund seiner Gesichtsanatomie ein Brüller) häufiger ein. Ebenfalls mehrfach dabei waren auch schon Dirk Bach (witzelnde Billardkugel), Michael Kessler (ich bin mir nicht sicher, aus der "Wochenshow"?), Ralf Schmitz ("Die dreisten Drei") oder Wigald Boning ("RTL Samstag Nacht", "Clever"). Einige mehr oder weniger comedyfremde Gesichter haben sich auch schon zu Gastauftritten hinreißen lassen, seien es nun Barbara Eligmann, Katy Karrenbauer oder Janine Kunze, Hausmeister Krauses Tochter, als Maddins neue Freundin. Ja, diese Konstellation birgt für sich schon einiges an Komik. Georg Uecker als Spielleiter versucht nun, dem meist ohnehin schon selbstlaufenden Treiben auf der Bühne etwas mehr Leben einzuhauchen. So führt die Regieanweisung "Annette, der Barhocker stimuliert deine erogenen Zonen" dazu, dass sich Frau Frier auf eben diesen setzt, mit dem Hintern auf der Sitzfläche kreist und nahezu einen Orgasmus simuliert - ungeachtet der anderen Personen, die dann aber zwangsläufig auf sie und ihr Treiben aufmerksam werden und dieses mit spitzen Bemerkungen kommentieren. Ebenso komisch: Maddin, der auf einer handelsüblichen Haushaltstrittleiter auf Regieanweisung plötzlich Höhenangst bekommt und nur unter größter Kraftanstrengung und mit gutem Zureden den Abstieg schafft. In solchen Situationen wird offenkundig, wer wahrhaft komödiantisches Talent besitzt.Denn fehlt dieses oder auch einfach nur der Wille, die Anweisungen wirklich gut umzusetzen, wird so manch gute Idee zum hoffnungslosen Rohrkrepierer. So kommt es schon einmal vor, dass aus der Anweisung "Sprich Sächsisch" ein: "Ich soll jetzt sächseln, aber das kann ich doch nicht!" wird. Das ist unlustig und - tritt es geballt auf - vergrault den Zuschauer. Dem Lachen ebenfalls sehr förderlich ist eine dezente Umsetzung, wenn man den Spannungsbogen einhält und auf die eigentliche Pointe hinarbeitet, anstatt gleich damit rauszuplatzen. Beispiel gefällig? Gut. In der Folge mit dem Videoabend brachte Wigald Boning seinen "Neffen" Jonas mit, ein Kind von etwa 10 Jahren. Nach einigem Vorgeplänkel schließlich die Regieanweisung "Martin, leihe dir 50 Euro von dem Kind." Und anstatt gleich mit dieser direkten Frage herauszuplatzen, fing Herr Schneider mit "Sag mal Jonas, wie viel Taschengeld bekommst du denn so?" an. Jeder weiß, worauf dies hinauslaufen wird, aber so ist der Lacher noch einmal so groß. Und an dieser Stelle zeigt sich für mich wahres komisches Talent. Schlagfertigkeit muss man dabei in meinen Augen ebenso mitbringen wie eine gewisses Selbst- und Körperbewusstsein zur Ganzkörpercomedy, denn schließlich sollte mir als Berufskomiker bei der Ausübung meiner Profession nichts peinlich sein, und die Einsicht, dass die Holzhammermethode nicht immer die meisten Lacher bringt. Doch an diesen Kriterien scheinen viele der Akteure zu scheitern. Die Kunst der Improvisation scheinen viele verlernt oder nie beherrscht zu haben.Doch natürlich kann keiner der Beteiligten die Folge retten, wenn die Basis nicht stimmt. Manche Themen bergen einfach nicht so viel Potential in sich wie andere, die Folge zur "Fitness" fand ich persönlich stinklangweilig, beim "Videoabend" oder der Vorstellung von "Maddins Freundin" habe ich mich scheckig gelacht. Doch da stimmten dann auch die Regieanweisungen von Herrn Uecker und die Chemie zwischen den Beteiligten, die sich auch gerne selbst auf den Arm nehmen oder dann eine Situationskomik entwickeln, die vollkommen ohne Regieanweisungen auskommen. Leider haben in letzter Zeit die Folgen das Potential, das hinter diese Idee der völligen Improvisation steckt, ganz und gar nicht ausreizen können. Die Akteure waren zunehmend lustlos (selbst Martin Schneider, der mich die ganze Serie über positiv überrascht hat, konnte da nicht mehr viel retten), das Timing der Anweisungen stimmte nicht und das Publikum lachte vor. Vielleicht täuscht mich meine Erinnerung, aber ich meine, dass in den ersten Folgen das Publikum die Regieanweisungen noch nicht über der Bühne mitlesen konnte. So lachen die Zuschauer im Saal bereits über das, was man daraus machen könnte - die tatsächliche Umsetzung allerdings ist mehr als dürftig. Und noch etwas stört mich zunehmend: der Eindruck, dass mitten im Spiel unterbrochen wird, weil die Sendezeit verstrichen ist. Damit ist keine Folge so richtig "rund". Ob eine Verlängerung der Folgen auf 45 statt 30 Minuten dies aber ändern könnte, wage ich zu bezweifeln - wahrscheinlich würde so eher die Spielfreude noch weiter schwinden.Trotzdem: Ich hoffeimmer wieder, dass ich in der nächsten Folge (Thema ersichtlich auf VT-Seite 380) wieder mehr zu lachen habe. Denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und sie ist es auch, die mich an jedem Freitagabend wieder einschalten lässt. Denn Improvisation in dieser Form ist mir immer noch lieber als die abgelesenen Witze der zeitgleich laufenden "7 Tage, 7 Köpfe". Bleibt abzuwarten, wie lange es noch Leben in der SCHILLERSTRASSE gibt. Die Grundidee stimmt, an der Umsetzung hapert es zunehmend. Aber es lohnt sich, einen Blick zu riskieren, wenn das Programm und die Zusammensetzung von Cordulas Clique stimmt. Immer freitags 22.15-22.45 Uhr, die Wiederholung am Sonntag, 10.00-10.30 Uhr. Weitere Informationen unter http://www.sat1.de/comedy/schiller/. NEUIGKEITEN: Man hat sich meine Worte des vorletzten Absatzes zu Herzen genommen, wie mir scheint. Zum einen verändert sich ab der nun neuen, zweiten Staffel der Sendeplatz auf den Donnerstag abend, zum anderen gibt es ab dem 13.1. die Schillerstraße in einer Bruttolänge von 60 Minuten. Der Grund dafür, laut elterlicher Programmzeitschrift: Weniger Szenen sollen dem Schneidetisch zum Opfer fallen. Netto also demnächst 45 Minuten Improvisation, mal schauen, ob das mehr Folgen "rund" macht... Ich werde wahrscheinlich wiederum mit einer gesunden Skepsis probeweise einschalten.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
06.11.2005 11:48
Toller Bericht. Einige Folgen habe ich gesehen, und die meisten fand ich wirklich gut. Leider kann ich in meinem Wohnheim kein Sat1 empfangen außer im Fernsehraum. Aber wenn jemand früher dort drin ist, habe ich verloren :(
06.11.2005 10:34
Ich glaube ja gar nicht an Improvisation und schon gar nicht an kein Konzept, wie sonst hätte "Schillerstraße" ins Fernsehen kommen können?
09.05.2005 22:58
da verpasse ich keine Folgen! super! LG, Vanessa