Madame Susanne
07.07.2002
Pro:
hübsch, wächst und gedeiht
Kontra:
wächst und gedeiht
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Pflegeaufwand:
Schnellwüchsigkeit:
mehr
 pamelap
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:148
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 163 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Suse, wir müssen mal miteinander reden. Ich bin ein gastfreundlicher Mensch, und ich will, dass man sich in meiner Nähe wohlfühlt und sich entfalten kann. Bei mir muss auch niemand hungern oder dursten, ich teile gerne.
Aber es gibt ja das Sprichwort mit dem kleinen Finger, den man reicht... Am Anfang dachte ich, Du bist eine treue und liebe Freundin. Hübsch sahst Du aus, als wir uns kennen lernten, und ich habe eine Schwäche für Schönes, ich betrachte gerne Schönes.
Interessante Gespräche konnte man mit Dir noch nie führen, Du bist mehr so der introvertierte Typ, dachte ich am Anfang, und besonders unternehmenslustig bist Du auch nicht, aber ich hatte Dich einfach auf den ersten Blick gern. Weil Du so einzigartig aussiehst – ganz anders als all die anderen langweiligen jungen Dinger, mit denen Du gemeinsam gewartet hast, dass Dich jemand abholt. Und dann diese Augen! Schwarz, tiefschwarz, umrahmt von orangefarbenem Lidschatten (ja gut, das ist Geschmackssache, aber ich fand es interessant, eben ein bisschen seltsam und andersartig)!
Zart sahst Du aus, noch nicht sehr reif, aber auch nicht schwächlich. Nachhause habe ich Dich trotzdem getragen. Die Ablösesumme war gering, wenn man Deine Anmut bedenkt. Und dann haben wir uns miteinander angefreundet. Wir saßen zusammen auf dem Balkon, einander gegenüber, und starrten einander an. Ich habe immer als erste weggeguckt, denn erstens war ich noch nie gut darin, Blickkontakt mit jemandem zu halten, und außerdem ist das bei Dir besonders schwierig, denn Du kannst stundenlang in die gleiche Richtung gucken, ohne mit der Wimper zu zucken – ganz schwarzäugig, man kann in ihnen versinken, in diesen dunklen Augen.
Du legtest Deine Schüchternheit recht schnell ab, richtetest Dich häuslich bei uns ein, und ich tischte Dir regelmäßig Essen auf. Deine Essgewohnheiten überraschten mich, denn feste Nahrung scheinst Du gar nicht zu Dir zu nehmen, alle liebevoll gekochten Speisen rührtest Du nicht an, aber dafür säufst Du wie ein Loch. Das soll ja gerade im Sommer gesund sein, und ich möchte auch gerne, dass das mit uns nicht nur eine Ferienfreundschaft bleibt, sondern noch den einen oder anderen Sommer überdauert, denn für eine einzige Saison nur mag ich Dich zu gern. Freundschaften muss man pflegen, ja, ich weiß. Aber das muss immer von zwei Seiten kommen, Susanne!
Wie gesagt, ich bin kein kleinlicher oder geiziger Mensch, aber ich habe mich doch ein bisschen erschrocken, als ich sah wie aus dem zarten Pflänzchen, für das ich Dich hielt, dieses vereinnahmende Wesen wurde. Ja, sicher, Du verlangst immer nur Wasser, nichts Ausgefallenes, aber immerhin muss ich Dich ständig bedienen, Madame Susanne bewegt sich keinen Zentimeter, sondern bekommt die Getränke an ihren sonnigen Platz serviert. Aber nicht zu viel Sonne, dann bekommt Madame nämlich eine Sonnenallergie oder zumindest Sommersprossen auf ihrer makellosen Haut. Und dieser Drang zur Expansion! Von Männern kennt man das, die lassen ihre Socken überall rumliegen und breiten sich so langsam, aber sicher in der ganzen Wohnung aus. Ich dachte, Frauen wären da anders? Bescheidener, irgendwie zurückhaltender. Auch Dein Name klingt so nett, ein bisschen langweilig vielleicht, „Susanne“, das hat so etwas Altbackenes, aber Du benimmst Dich langsam wie ein aufsässiger Jugendlicher, dem kein Platz genügt.
Und so wucherst Du besitzergreifend in der Gegend herum, verlangst Dein wohltemperiertes Wasser, ziehst Insekten an, und in Deiner Arroganz, die Du vielleicht aus Deiner jugendlichen Frische und Unverwüstbarkeit beziehst, gibst Du mir rein gar nichts von meiner Freundschaft und meiner Fürsorglichkeit Dir gegenüber zurück – außer Deiner Schönheit. Suse, ich weiß nicht recht. Ich würde mir so ein forderndes Wesen nicht von jedem gefallen lassen, andere Freundinnen hätte ich schon zusammengestaucht, denn ich mag es nicht, wenn meine Großzügigkeit so ausgenutzt wird, aber Du bist wohl einfach nicht klein zu kriegen, oder wer kann schon einer solch hübschen Schmarotzerin vorwerfen, dass sie ist, wie sie ist, wenn es doch scheinbar Dein einziger Lebenszweck ist: gut aussehen.
Also, stell Dich in die Ecke und sieh gut aus. Ja, Wasser kommt sofort, Madame.
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09.02.2003 19:32
wundervoller Bericht, der mich sehr schmerzlich an meine Susanne erinnert hat und wie sie verlassen hab, für ein schnödes Auslandsstudium. Klicke mich so langsam durch deine Berichte, denn mit solchen Preziosen sollte man sich Zeit lassen. lg, cateinparis
14.11.2002 07:12
ich sag doch: poetisch! recht hab ich! toll, wie du über eine pflanze schreibst...
28.09.2002 08:31
Sehr schön und unterhaltend geschrieben ;-)) Gruß la luna