Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Schwarzhumorige, teilweise zeitkritische Inhalte, überragend gezeichnet . |
| Kontra: |
nichts |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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In Kürze:
In der zwischen 1977 und 1983 entstandenen Serie "Schwarze Gedanken" konnte der belgische Comiczeichner André Franquin in genialen Zeichnungen seiner schwarzhumorigen, teilweise sehr pessimistischen Weltsicht Ausdruck verleihen. Hatte er vorher bei seinen Arbeiten für die Jugendzeitschriften "Spirou" und "Tintin" immer diverse "Scheren im Kopf" und konnte sich nicht voll ausleben, war in dieser Serie, die ursprünglich in "Fluide Glacial" erschien, (fast) alles möglich, so dass Franquin Themen wie die Todesstrafe oder die drohende Zerstörung unseres Planeten auf seine Weise behandeln konnte. Als Zeichenstil wählte er ein Verfahren, bei dem die Figuren öfters wie weiß auf schwarz gezeichnet aussehen, so dass die Serie auch von daher aus dem Rahmen fällt.
Der Zeichner:
André Franquin (1924 bis 1997) konnte sich kurz nach dem zweiten Weltkrieg als einer der jungen Zeichner beim belgischen Verlag Dupuis, und damit bei der Zeitschrift "Spirou", etablieren. Ihm wurde sogar die Gestaltung der Titelserie "Spirou" (später auch "Spirou & Fantasio") übertragen, und er enttäuschte dabei nicht: in teilweise sehr langen Episoden beschrieb er das abenteuerliche Leben des ehemaligen Hotelpagen Spirou (seine Ex-Berufskleidung trug er noch lange) und seines Freundes, des Reporters Fantasio. Für die Serie erfand Franquin das bemerkenswerte Marsupilami, das ursprünglich aus dem Urwald von Palumbien stammt und zum dauernden Begleiter der Helden wird. Diese hatten mit dem Eichhörnchen Pips allerdings bereits vorher einen tierischen Freund. Die in den achtziger Jahren begonne Comic-Serie um das Marsupilami stammt übrigens nicht von André Franquin, auch wenn die ersten Bände ihn noch als "Berater" nennen.
Wichtig für Franquins weiteres Werk wurde ein Streit mit dem Verlag Dupuis Mitte der fünfziger Jahre. Franquin verließ kurzerhand seinen Stammverlag und ging zur direkten Konkurrenz - nämlich zum Verlag Lombard, der Heimat der Zeitschrift "Tintin". Da er schnell eine neue Serie entwickeln musste (die Figur Spirou war Eigentum von Dupuis), verlegte er sich auf kurze Geschichten von nur einer Seite Länge um die Figuren "Modeste et Pompon" / "Mausi und Paul". Franquin hatte seinen Stil gefunden und schuf nach Beilegung des Streits mit Dupuis ab 1957 eine weitere Serie im "one page gag"-Format, nämlich "Gaston".
Nachdem er "Mausi und Paul" 1959 beendet hatte, war er zeitweise nur noch für Dupuis tätig, gab aber Ende der sechziger Jahre die Serie "Spirou" an Jean-Claude Fournier ab. In den siebziger Jahren erchienen auch die ersten "Schwarzen Gedanken" in einer Beilage zu "Spirou", bevor die Serie in einem anderen Verlag weitergeführt wurde, da sie sicherlich nicht dem typischen "Spirou"-Stil entsprach, obwohl Franquin selbst einer der Begründer dieses Stils gewesen war.
In seinen letzten Lebensjahren konnte Franquin aufgrund gesundheitlicher Probleme nur noch sporadisch tätig sein - er starb 1997.
Warum so schwarz ?
Wenn man sich Franquins Gesamtwerk ansieht, fällt auf, dass die Serie "Schwarze Gedanken" aus dem Rahmen fällt, da die anderen Serien des Künstlers an ein jüngeres Publikum gerichtet waren und ihre Späße wesentlich freudlicher gehalten waren. Allerdings gibt es schon in Franquins früheren Schöpfungen Hinweise auf einen anderen Franquin. Anfang der sechziger Jahre war seine Gesundheit schon einmal so angegriffen, dass er die Arbeit an der "Spirou & Fantasio"-Episode "QRN ruft Bretzelburg" im ganzen Jahr 1962 nicht fortsetzen konnte. Zwar konnte er die Arbeit dann noch beenden und schuf sogar noch weitere Episoden, aber ein gewisser Bruch war schon erkennbar. Die letzte Episode "Schnuller und Zyklostrahlen" wirkt wie eine Selbstparodie und zeigt deutlich, dass Franquin mit einer gewissen Art von Comics gebrochen hatte. "Gaston" war mit seiner Verweigerungshaltung ja schon als Antiheld geboren und entsprach so viel eher Franquins Weltsicht. Außerdem hat die Serie bei allem Spaß auch ihre depressiven, nachdenklich stimmenden Momente. Es gibt mehrere Folgen, in denen Gastons depressiver Freund Berti aufgeheitert werden soll, was allerdings nicht gelingt. Auch Gaston selbst zeigt Anzeichen von Depressionen, ganz zu schweigen von seiner Lachmöwe, die auch gelegentlich überhaupt nichts zu lachen hat, sondern die anderen mit ihrer schlechten Laune ansteckt. Trotzdem bleibt "Gaston" natürlich eine eher komische Serie, die auch aufgrund der herrlichen Zeichnungen und der sehr gelungenen Farbgebung viel gute Laune verbreitet.
SCHWARZE GEDANKEN - Inhalt
Da inzwischen auch in Deutschland verschiedene Ausgaben der Serie vorliegen, werde ich im Folgenden keine Seitenzahlen der Bände angeben, sondern mich auf Franquins eigene Nummerierung der Seiten beziehen.
Die Serie beginnt mit einigen kurzen Strips, in denen Franquin vor allem seiner Abneigung gegen Jäger Ausdruck verleiht (2,5 und 11). Diese werden bei Ausübung der Jagd ihre eigenen Opfer, da die von Franquin erdachten Jagdgewehre nur den Jäger umbringen, das Wild aber unschadet bleibt. Die Zeichnungen der ersten Strips haben den Stil der Serie noch nicht ganz gefunden: sie sind schwarz-weiß gehalten, und die durchgehend schwarz gezeichneten Figuren sind noch nicht so modellliert wie in den späteren Folgen. Es gibt einige frühe Strips, die wie ein kleiner Vorgschmack auf die besten Folgen der Serie wirken: in Strip 4 wird erst der Segen der Atomkraft gepriesen, obwohl bald danach alles in die Luft fliegt. In Strip 12 sehen wir in einem zeichnerischen Kabinettstück einen winzigkleinen eingeschüchtertern Sohn und einen riesigen, brutal wirkenden Vater (dass die Größenverhältnisse noch extremer ausfallen können, beweist später eine der besten Seiten des Werks). Inhalt von Nummer 12 ? Der winzige Sohn soll in der Dunkelheit Wasser an den Brunnen holen gehen, fürchet sich aber vor irgendetwas. Der erzürnte Vater geht schließlich selbst zur Wasserpumpe, hinter der eine unglaubliche Armada von Monstern lauert - damit endet die Episode...
Auch ein weiteres großes Thema des Bandes wird bald angesprochen: die Absurdität der Todesstrafe - und zwar in Folge 13. Im ersten Bild wird ein armselig wirkender Angeklagter von einem herrischen König zum Tode verurteilt, da er einen anderen willentlich getötet hat. Begleitet wird der König übrigens von einem lächerlich wirkenden Priester, der sein Kruzifix auch wie ein Spielzeug-Flugzeug verwendet. Der Verurteilte kommt auf die Guillotine, der Henker hat allerdings nicht lange Freude an der getanen Arbeit - auch er kommt unters Fallbeil, da er willentlich getötet hat. Im letzten Bild sehen wir eine lange Reihe von Guillotinen und Henkern und wissen, wie es weitergeht...
Ein früher genialer Höhepunkt der Serie ist Folge 16: ein pervers wirkender Sammler von Modellen erklärt einem stummen Gast seine Sammlung; schließlich kommt er zu den Bonsais und berichtet mit sadistischem Sachverstand über die Herstellung der kleinen Bäume. An einem der Bonsais bermekt er etwas und schreit wütend los: er hatte seinen Kindern doch verboten, auf die Bäume zu klettern - tatsächlich kommen zwei winzige verkrüppelte Kinder vom Baum und laufen ängstlich weg. Der Bonsai-Sadist ist großartig ins Bild gesetzt, wirkt sehr plastisch und wie weiß auf schwarz gezeichnet; er verfügt über gefährlich wirkende Zähne und furchtbare Fingernägel, die er zum Entfernen der Triebe braucht. Insgesamt eine überragende Seite Comic.
Franquin war auch kein Freund des Militärs und zeigte es unter anderem in Folge 20: Ein Offizier zu Pferde führt einen Trupp ängstlicher Soldaten in den Kampf, wird aber leider vom Blitz getroffen, der in seinen erhobenen Säbel einschlägt. Die Soldaten nutzen die Gelegenheit und ziehen sich zurück -die im Hintergrund sichtbaren Feinde finden es sehr komisch, vor allem da das Skelett von Pferd und Reiter wie ein Mahnmal stehenbleiben - ungewöhnlich für Tierfreund Franquin, dass dem Pferd das Schicksal des Reiters nicht erspart bleibt.
Einen äußerst pessimistischen Ausblick auf unsere Zivilisation liefert der Künstler in Folge 23: einige intelligente Fliegen unterhalten sich über den Fortschritt ihrer Gesellschaft und stellen auch die Frage, ob sie die gleichen Fehler wie die Menschen machen werden. Immerhin haben diese ihnen schöne Städte hinterlassen - bestehend aus Schädeln und Knochen...
Auch die Atomkraft lässt den Künstler nicht los und gibt in Folge 31 Anlass zu einer kleinen Stellungnahme im Radio: eine Frau, deren Mann in einem Atomkraftwerk arbeitet, lobt die Kernenergie und beschimpft deren Gegner. Im vorletzten Bild stellt ihr bislang unsichtbarer Mann ihr die Frage, warum sie das getan hat. Im letzten Bild, in dem wir Ehemann und zwei Kinder zu Gesicht bekommen, erklärt sie, dass andere doch auch unter der Atomkraft leiden sollten. Ihr Mann und vor allem ihre Kinder zeigen furchtbare Mutationen und erregen unser Mitleid.
Ich denke, ich habe die wichtigsten Themen angerissen. Wer etwas über das Ende der "Spaßgesellschaft" erfahren will, dem rate ich zu Folge 48, wer das ganze Dasein eh als völlig perspektivlos ansieht, dem sei Folge 51 ans Herz gelegt.
Meinung:
Hier gelang André Franquin ein überragender Band, der über mehrere Jahre entstanden ist, aber durch die durchgehenden Themen und den dazu passenden Zeichenstil sehr zusammenhängend wirkt. Kann man darüber lachen ? Diese Frage scheint mit nicht einfach zu beantworten. denn die gemeine Wahrheit kommt öfters erst im letzten Bild, so beim Bonsai-Sadisten oder dem Loblied auf die Atomkraft. Ob das ein Anlass zum großen Lacher sein kann, ist wohl jedem selbst überlassen, so dass das Gelächter auch im Hals steckenbleiben kann.
Die Themen, die Franquin hier in sehr persönlicher Weise ausgreift, wirken wie eine Sammlung menschlicher Verfehlungen, die einer kritischen Analyse unterzogen werden. Die Menschen in den Strips zerstören die Welt, ihre Menschen und Tiere als Jäger, Soldaten, Henker oder Mitarbeiter in der Atomkraft. Gar das Ende unserer ganzen Zivilisation scheint möglich. Es scheint, dass diese äußerst negative Sicht der Dinge auch eine gewisse Zeitgebundenheit hat, die natürlich in Franquins eigener pessimistischer Weltsicht gespiegelt wird. Diese hoffnungslose Sicht der Dinge kann ( und soll ?) Widerspruch auslösen, ganz ähnlich einer "Gaston"-Seite, die Franquin einst für Amnesty International gestaltete. Nachdem Gaston dort im Tagtraum die Qualen von Gefangenen in Diktaturen "erlebt" hat (zeichnersch den "Schwarzen Gedanken" näher als "Gaston"), endet die Seite mit dem Aufruf, etwas dagegen zu tun. Ein solcher Aufruf fehlt bei den "Schwarzen Gedanken", ist aber wohl impliziert.
Das alles ist in Zeichnungen gehalten, die in ihrer Verfeinerung einen der Höhepunkte der Comic-Geschichte bieten. Genial modelliert Franquin seine "schwarzen" Gestalten und gibt ihnen die Charakterisierung gleich mit auf den Weg. In dem Bonsai-Freund erkennt jeder gleich den Sadisten, der er nun einmal ist. Auch Personen wie der herrische König, der bekloppte Priester oder der verzweifelte Verurteilte sind überragend ins Bild gesetzt. Auch die endlos scheinende Reihe von Guillotinen in diesem Strip (13) nutzt die Mittel des Mediums Comic meisterhaft aus. Aufgrund seiner zeichnerischen Klasse gelingt es Franquin insgesamt, sehr viel Inhalt in eine Seite zu packen; auch die schon bei "Gaston" erprobte Art des Signierens trägt dazu bei: der Name Franquin wird mit einer kleinen Zeichnung verbunden und liefert noch einen letzten Kommentar zur Folge.
Daten:
André Franquin
"Schwarze Gedanken"
Carlsen-Verlag 2005
Rund 70 Seiten in Schwarz-Weiß
ISBN 3-551-764-778
Preis: 10 Euro
Fazit:
Ich denke, dies ist einer jener Comic-Bände, die sogar Feinde des Genres von den Qualitäten des Mediums überzeugen könnten. André Franquin krönte damit sein Lebenswerk und erreichte inhaltlich und zeichnerisch einen Höhepunkt der Comic-Kunst. Man muss die Seiten auf jeden Fall selbst sehen und lesen, da jede Nacherzählung dem hier Gebotenen nicht entsprechen kann.
| weitere Erfahrungsberichte |
Franquin mal anderst
Bewertung für Schwarze Gedanken / André Franquin von
puckylein
Pro: Bitterböse Geschichten, toll gezeichnet
Kontra: Bitterböse Geschichten,
und zwar tiefschwarz, bitterböse und zeitkritisch, was mich doch sehr verwundert hat.
Wie kam ich dazu?
Als ich das erste Mal von einem Bekannten auf diesen Comic aufmerksam gemacht wurde, dachte ich, oh der ist ja nur Schwarz/Weiss,.... dann habe ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich |
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sehr hilfreich
27.09.2000
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Franquin mal anderst .
Bewertung für Schwarze Gedanken / André Franquin von
TheUnholy
Pro: Schwarzer Humor in seiner besten Form
Kontra: Leider viel zu kurz das Büchle
...Als mich vor kurzem ein Geschäftskollege fagte , ob ich schwarze Gedanken kennen würde, sagte ich daß ich diese immer hätte wenn ich ihn sehe ! Ok , nicht gerade originell die Anwort , aber woher sollte ich bei dieser Fragestellung wissen worauf er hinaus ...
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sehr hilfreich
04.10.2002
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