Mach Geld - mach mehr Geld! Der Scientology-Wahnsinn

1  25.09.2009

Pro:
gar nichts

Kontra:
leere Versprechen, hoher Druck, immense Kosten, fragwürdige Praktiken

Empfehlenswert: Nein 

Dilanya

Über sich:

Mitglied seit:03.04.2009

Erfahrungsberichte:38

Vertrauende:1

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Lange hab ich hin und her überlegt, ob ich diesen Bericht schreiben soll, da das Thema recht heikel ist und ich keine Probleme bekommen wollte. Heute habe ich mich aber endlich dazu durchgerungen. Und deshalb erfahrt ihr jetzt hier alles, was man über die Sekte Scientology wissen muss. Inklusive meine Erfahrungen, die ich in einer Beziehung mit einem Scientologen sammeln durfte/musste/wieauchimmer ;)

***Vorgeschichte:***

Es ist heute schon ein paar Jahre her, da lernte ich einen netten jungen Mann kennen. Es dauerte nicht lang und ich kam mit ihm zusammen. Ich fühlte mich sehr wohl bei ihm und auch bei seiner Familie. Schon nach kurzer Zeit ging ich in deren Haushalt ein und aus und lebte mehr oder weniger schon mit dieser Familie zusammen. Ich wurde von Anfang an herzlich in dieser Familie aufgenommen. Irgendwelche auffälligen Dinge gab es nie. In meinen Augen war die Familie total normal. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem ich es wagte, den Familiennamen meines damaligen Freundes zu googeln. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon ca. 6 Monate zusammen. Das Internet spuckte mir eine Scientology-Seite nach der anderen aus und ich war erst einmal total geschockt. Als ich ihn darauf ansprach, hatte ich endlich Klarheit. Mein Freund, dessen Familie und auch sämtliche Bekannte, welche ich bereits kennengelernt hatte, waren Scientologen. Da ich mit diesem Thema vorher nie etwas zu tun hatte, machte ich mich natürlich erst einmal über Scientology schlau.

***Was ist also Scientology?***

Scientology ist eine Bewegung, welche allgemein als Sekte angesehen wird und weltweit verbreitet ist. Der Begriff Scientology leitet sich von den lateinischen Verben scire (wissen) und scientia (Wissenschaft) ab, und wird von Scientologen allgemein als Wissen über das Wissen übersetzt. Die meisten Scientology-Anhänger leben in den USA. Genaue Zahlen über die Mitglieder sind nicht bekannt. Scientology selbst sprach im Jahr 2005 von über 100 Millionen Anhänger, während seriöse Schätzungen lediglich ca. 100.000 Anhänger angeben.


***Wer steckt hinter Scientology?***

Scientology geht auf den amerikanischen Schriftsteller L. Ron Hubbard zurück, welcher 1911 in Nebraska geboren wurde. Hubbard schrieb hauptsächlich Science-Fiction Bücher und interessierte sich sehr für Philosophie und Magie. In den 50er Jahren entwickelte Hubbard seine Lehre von der Dianetik. Er bezeichnete dies als angewandte religiöse Philosophie. Im Jahr 1954 gründete er aufgrund dieser Lehre Scientology. Hubbard starb im Jahr 1986 in Kalifornien.
Nach Hubbards Tod übernahm David Miscavige die Leitung von Scientology. Miscavige kam durch seine Eltern zu Scientology und brach bereits im Alter von 16 Jahren die Schule ab, um sich voll und ganz Scientology zu widmen. Bereits mit 26 Jahren gehörte Miscavige zur Führungsspitze von Scientology. Nach Hubbarts Tod kämpfte sich Miscavige intern an die Spitze von Scientology. Von ehemaligen Scientologen wird Miscavige als bösartig und grausam beschrieben. Er soll seine Untergebenen ausserdem psychisch und körperlich misshandeln.


***Was macht Scientology nun genau?***

Im Weltbild der Scientologen ist das physikalische Universum Matter, Energy, Space und Time (Materie, Energie, Raum und Zeit) der wichtigste Ausgangspunkt. Scientologen glauben, dass sich der Mensch insgesamt aus drei Teilen zusammensetzt. Nämlich dem Thetan, dem Verstand und dem sterblichen Körper. Bei dem Thetan soll es sich um ein unsterbliches Wesen handeln (man könnte es auch als Seele oder Geist bezeichnen), welches jeder Mensch besitzt. Durch zahlreiche traumatische Erlebnisse soll der Thetan scheinbar in seiner Funktionsweise gestört sein. Scientology will mit seinen Praktiken die Funktionsweise dieses Thetan wieder herstellen und somit das Leben jedes einzelnen verbessern. Es wird versprochen, dass der Mensch durch die Arbeit von Scientology sein geistiges und körperliches Wohlbefinden steigern kann und mehr Geld verdienen kann. Hauptziel eines Scientologen sollte also sein, durch diverse Praktiken das Stadium des frei operierenden Thetans zu erreichen. In diesem Zustand soll der Scientologe nicht mehr an Materie, Energie, Raum und Zeit gebunden sein und völlig frei sein.

Schauen wir uns den Prozess einmal genauer an, der den Scientologen zum frei operierenden Thetan werden lassen soll. Menschen, welche die Scientology-Praktiken nicht praktizieren, werden als Pre-Clear bezeichnet. Man könnt also sagen, jeder Mensch ist erst einmal Pre-Clear, sobald er auf die Welt kommt und noch nichts mit Scientology am Hut hat. Als aller erstes gilt es daher, dass der Scientologe den Clear-Status erreicht. Dies bedeutet, er soll von seinem reaktiven Verstand befreit werden, um künftig in der Lage zu sein, sämtliche auftretenden Probleme in den Griff zu bekommen. Die Befreiung vom reaktiven Verstand soll durch einen körperlichen und geistigen Reinigungs- und Bearbeitungsprozess erreicht werden. Ist dieser Clear-Status erst einmal erreicht, hat der Scientologe die Grundlage geschaffen, die nächsten Operating-Theta-Stufen (es gibt insgesamt 8) zu durchlaufen und schließlich das Hauptziel des frei operierenden Thetans zu erreichen.

Um die Clear-Stufe zu erreichen, praktiziert Scientology hauptsächlich Techniken, welche die Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse in der Gegenwart bewirken sollen. In den Operating-Thetan Stufen, arbeiten die Scientologen dagegen verstärkt daran, störende Einflüsse auf den Thetan zu beseitigen. Dieser gesamte Prozess wird von den Scientologen als „Brücke zur völligen Freiheit bezeichnet“.


***Welche Praktiken werden angewendet?***

Mit am wichtigsten in der Lehre der Scientologen ist das Auditing. Mit dieser Methode soll der Zustand „Clear“ erreicht werden. Bei dem Auditing handelt es sich um ein Gespräch zwischen dem Auditor, welcher das Auditing leitet und dem Scientology-Mitglied, welches auditiert wird. Der Auditor benutzt während des Gespräches einen E-Meter, ein Gerät mit zwei Elektroden, welches das Scientology-Mitglied in den Händen halten muss. Das Gerät misst die Veränderung des Widerstandes zwischen den Elektroden und soll dem Auditor helfen, zurückliegende schmerzhafte Ereignisse zu erkennen. Sind diese Ereignisse erst einmal erkannt, werden diese während des Auditings so lange wiederholt besprochen, bis die emotionale Spannung verschwindet, welche durch diese Geschehnisse ausgelöst wurde.

Eine weitere Praktik um den Zustand Clear zu erreichen, ist der so genannte Purification Runddown. Hierbei handelt es sich um eine Art Entgiftungsprogramm, bei dem das Scientology-Mitglied seinen Körper über mehrere Wochen durch Sport (extremes Joggen), Saunagänge (über mehrere Stunden) und die Einnahme von Vitaminpräparaten (unter anderem mit gefährlich hohen Dosen Niacin) entgiften soll.

Ist der Zustand Clear letztendlich erreicht, folgen weiter Kurse, Auditing und ähnliches, bis letztendlich der Zustand des frei operierenden Thetans erreicht ist.


***Wie gewinnt Scientology neue Mitglieder?***

Scientology gibt sich Anfangs harmlos und bietet interessierten meist zu aller erst einen Persönlichkeitstest an. Oft werden diese Tests an Strassenständen angeboten, ohne dass auf den Scientology-Hintergrund hingewiesen wird. Auch im Internet werden diese Tests angeboten und es kommt auch immer wieder vor, dass der Test auch von diversen Beratungsfirmen angeboten wird. Hat man den Test erst einmal gemacht, erhält man von Scientology eine Auswertung mit einem meist so schlechtem Ergebnis, so dass man selbst sehr verunsichert wird. Die Lösung wird selbstverständlich auch gleich mitgeliefert: Scientology kann helfen, die Persönlichkeitsprobleme zu beseitigen. Ehe man sich versieht, kann man so in einem Kurs von Scientology landen.
Auch immer mehr Stars und Sternchen bekennen sich mittlerweile zu Scientology. Natürlich ist dies für Scientology zusätzlich eine ausgezeichnete Werbung. Hubbard erkannte schon frühzeitig, dass prominente Persönlichkeiten ein sehr gutes Aushängeschild für seine Organisation sind und setzte verstärkt darauf, eben diese Persönlichkeiten zu rekrutieren. Hubbards Nachfolger David Miscavige schaffte es schließlich, bekannte Stars wie Kirstie Alley, Tom Cruise, John Travolta, Priscilla Presley und viele mehr für Scientology zu gewinnen.


***Was ist das gefährliche an Scientology:***

Auch wenn es von Seiten von Scientology immer so dargestellt wird, als ginge es den Scientologen um das Wohlergehen eines jeden Menschen, so greift doch eigentlich viel eher Hubbards Leitspruch „Mach Geld – Mach mehr Geld“. Bei Scientology dreht sich vorrangig alles um das Geld. Ist der oben erwähnte Persönlichkeitstest noch kostenlos, so werden Interessierte bereits frühzeitig bei den ersten Kursen kräftig zur Kasse gebeten. Die Kurse und Auditings sind alle kostenpflichtig und es wird gemunkelt, dass der Stundensatz für diese Dinge bei ungefähr 400.- Dollar liegt. Umso höhere Stufen man erklimmt, umso teurer werden auch die Kurse, so dass man schnell in die Lage kommt, sein gesamtes Vermögen Scientology in den Rachen zu werfen. Hat man kein Geld mehr, ist das allerdings auch kein Problem. Auch hier hat Scientology die passende Lösung parat. In dem Fall muss man eben für Scientology arbeiten und sich damit seine Kurse verdienen. In diesem Fall kommt es durchaus vor, dass Scientology seine Mitglieder von frühmorgens bis spätnachts schuften lässt.

Aber nicht nur finanziell ist Scientology ein absolutes Risiko. Persönliche Beziehungen zwischen Scientologen und Nicht-Scientologen sind nahezu unmöglich. Scientologen haben die strikte Anweisung unterdrückerische Personen zu „bekehren“ oder eben den Kontakt mit denselben abzubrechen. Als unterdrückerische Personen werden dabei sämtliche Personen bezeichnet, die sich gegen Scientology stellen und/oder einfach nur nichts mit Scientology zu tun haben wollen. Scientologen glauben, dass durch den Umgang mit unterdrückerischen Personen die spirituelle Entwicklung des Scientologen gestört wird. Auch Scientology-Aussteiger werden zu unterdrückerischen Personen erklärt. Pflegt ein Scientologe Kontakt zu einer unterdrückerischen Person, wird er innerhalb der Organisation als potentielle Schwierigkeitsquelle angesehen und erhält so lange Druck, bis der den Kontakt beendet.

Dass Scientology sich immer mehr auch in die Wirtschaft drängt und viele Firmen bereits Scientologen in Chefpositionen haben, ist bereits allgemein bekannt. Nun in Zeiten der Wirtschaftskrise, hat Scientology eine weitere Möglichkeit gefunden, Mitglieder zu werben. Arbeitslose werden mit der Aussicht auf einen Job angelockt. Beispielsweise werden Stellen im Büro, in der Finanzabteilung oder sogar im Management von Scientology angeboten. Gefährlich hierbei: Mit Antritt einer solchen Stelle wird man automatisch Mitglied bei Scientology. Als Gehalt gibt es, trotz einer 40-Stunden-Woche, nur ein geringes Taschengeld.


***Meine Erfahrung mit Scientology:***

Insgesamt lebte ich ca. 10 Monate fest integriert in der Familie meines Freundes. Wie bereits erwähnt, merkte ich die ersten 6 Monate gar nichts davon, dass es sich bei der ganzen Familie um Scientologen handelte. Ich habe während dieser ganzen Zeit nichts von Kursen, Auditings oder ähnlichem mitbekommen. Auch sprach mich während dieser Zeit niemand auf Scientology an und keiner bot mir an, einmal in die entsprechenden Einrichtungen mitzukommen. Als ich jedoch herausgefunden hatte, dass ich in einer Scientologenfamilie gelandet war, ging alles sehr schnell. Mein Freund, welcher damals noch keine Kurse besuchte, erhielt von seinen Eltern plötzlich solch einen enormen Druck, dass schließlich einwilligte den Purification Rundown zu machen. Kurz darauf folgten auch die ersten Kurse und Auditings. Nachdem ich meinem Freund gegenüber erwähnt hatte, dass er gar nicht erst versuchen soll, mich in die ganze Sache rein zu ziehen, lies man mich komplett in Ruhe. Ich war darüber etwas verwundert, da ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass die ganze Familie nun hartnäckig versuchen würde, mich von Scientology zu überzeugen. Stattdessen merkte ich, wie sich mein Freund nach und nach veränderte. Er verbrachte fast seine gesamte Zeit nur noch in der Org (so werden die „Kirchen“ genannt) und wollte sich immer öfters von mir Geld leihen, weil sein ganzes Geld für Scientology drauf ging. Es gab natürlich diesbezüglich auch oft Streit und ich merkte, wie sich mein Freund immer mehr von mir distanzierte. Ich wurde längst als unterdrückerische Person angesehen und mein Freund wurde daher natürlich angehalten, die Beziehung mit mir zu beenden und den Kontakt abzubrechen. Einige Monate versuchte er noch, dies zu verhindern, aber schließlich kam er gegen den Druck nicht mehr an. Von heute auf morgen machte er mit mir Schluss. Ich hatte dies allerdings im Grunde auch schon erwartet und im nachhinein war ich auch sehr froh darüber.


Alles in allem kann ich heute sagen, dass ich sehr froh bin, nicht in die Fänge von Scientology geraten zu sein. Durch meine Beziehung sind mir Scientology-interne Dinge und Grausamkeiten bekannt, die einem absolut die Haare zu Berge stehen lassen. Zu meinem persönlichen Schutz, werde ich diese Dinge aber nicht an die Öffentlichkeit bringen, denn ich bin mir sicher, dass Scientology auch heute noch eine Akte über mich hat und diverse Veröffentlichungen streng verfolgen und hart ahnden würde. Ich wurde beispielsweise schon mehrfach, teils anonym, teils durch meinen Exfreund, darauf hingewiesen, dass ich aufpassen soll, was ich in der Öffentlichkeit über Scientology sage.


***Schlusswort:***

Ich kann nur jedem Raten: Lasst die Finger von Scientology. Die Ideologie ist purer Irrsinn. Es geht und ging nie um das Wohl der Menschen, sondern lediglich um möglichst hohe Umsätze und darum, den Mitgliedern das Geld aus den Taschen zu ziehen. Tut euch das bitte nicht an! Und lasst euch bloß nicht von irgendwelchen Stars blenden, die Scientology als den Weg zur Erlösung preisen! Bei Scientology kann man nicht gewinnen. Dafür aber einen ganzen Haufen verlieren. Nicht nur Geld, sondern auch Freunde, Familie und seine Beziehung!




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BennySep

BennySep

28.10.2010 22:49

Sehr guter Bericht. Scientology ist eine sehr große Gefahr. Zum Glück bewacht der Verfassungsschutz diese Organisation.

SabineG1959

SabineG1959

05.07.2010 15:38

Ich finde es sehr mutig von Dir, dass Du das hier berichtet hast. Meiner Ansicht nach verliert noch viel mehr als nur "äußere" Dinge wie Geld und Menschen, dadurch dass die Persönlichkeit sich so drastisch ändert, verliert man vor allem den wichtigsten menschen, den man, nämlich sich selber! Ich befasse mich gerade ganz allgemein mit Macht und Persönichkeitsvernderungen und den Heilslehren die´verser Organisationen und Gurus etc., also nicht nur mit Scientology, habe aber letztens den film darüber gesehen, wo es um ein Scheidungskind geht, das der bei Scientology ausgetretene Vater nicht vor der scientologybesessenen Mutter "retten" konnte weil bei Ämtern und Gerichten niemand ihn sondern nur das Nein des Kindes ernst nahm. Das war Horro putr, was da gezeigt wurde. Herzlichen Dank für Deinen Bericht - einfach klasse! Alles Liebe von Sabine :)

steveninferno

steveninferno

17.04.2010 23:12

@Dilanya, auch die können nicht deine Adresse anhand eines Ciao-User-Namens herausfinden.

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