Raimund Harmstorf in seiner besten Rolle!

5  05.04.2001 (07.04.2001)

Pro:
Ausgezeichnete Verfilmung eines ausgezeichneten Romans .

Kontra:
Leider nicht auf DVD erhältlich .

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Action:

Anspruch

Romantik:

Spannung

Spaß

mehr


Papth

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:202

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 34 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Es ist schon dreißig Jahre her, da brachte das ZDF erstmals den Vierteiler "Der Seewolf", eine von vielen Verfilmungen des 1903 von Jack London geschriebenen Romans. Es ist meiner Ansicht nach die gelungenste, und die Rolle des hochintelligenten, körperlich bestens entwickelten Kapitäns Wolf Larsen wird von Raimund Harmstorf sehr überzeugend gespielt.

Die Geschichte hat wirklich ihren besonderen Reiz: In ihrer Jugend begegnen sich zwei völlig verschieden aufwachsende Menschen: Der eine kommt aus einem besonders wohlhabenden Elternhaus und braucht sich um nichts selbst zu kümmern, der andere wohnt in einer Elendssiedlung und hat sehr früh gelernt, sich alles zu erkämpfen. Nichts ist ihm je geschenkt worden. Doch weil der Sohn aus den materiell hervorragenden Verhältnissen erstens große Probleme mit seinen schulischen Leistungen hat und zweitens das Abenteuer sucht, haut er von zu Hause ab und geht mit dem anderen auf eine große Reise mit unbekanntem Ziel. Hauptsächlich zu Fuß und als blinde Passagiere auf den Dächern von Zugwaggons kommen sie voran. Solange alles gut läuft, macht die Sache beiden Spaß, doch wenn Schwierigkeiten auftauchen, zeigt sich deutlich die sehr unterschiedliche Lebenserfahrung. Als beispielsweise ein Zugbegleiter, der soeben einen anderen blinden Passagier getötet hat, die beiden festnehmen will, wird er von "Frisco Kid", wie der aus den Slums heißt, kurzer Hand vom Dach des Waggons getreten und ist ebenfalls tot - für den Jungen aus dem reichen und behüteten Elternhaus völlig außerhalb seines Horizontes. Irgendwann trennen sich die Wege der beiden, einfach so. Der eine bleibt sitzen, der andere geht weiter.

20 Jahre später: Humphrey van Weyden, der Junge mit den reichen Eltern, ist inzwischen Schriftsteller geworden. Es geht ihm sehr gut. Bis zu jenem Tag, als er in dichtem Nebel auf einem Dampfer durch die Bucht von San Franzisco fährt: Ein anderes Schiff verhält sich völlig regelwidrig, rammt die Fähre, die sehr schnell untergeht und fährt einfach weiter. Die Passagiere der Fähre sind in dem eiskalten Wasser fast alle hoffnungslos verloren. Van Weyden gelingt es, sich an einen treibenden Balken zu klammern. Dann wird er bewusstlos. Als er wieder aufwacht, befindet er sich an Bord der "Ghost", einem besegelten Robbenfänger. Zunächst ist er dem Kapitän dankbar für seine Rettung.

Schnell jedoch merkt er, in welche aussichtslose Situation er da geraten ist: Der Kapitän hat keineswegs vor, den Schiffbrüchigen an Land zubringen, auch nicht für viel Geld. Vielmehr ist es seine feste Absicht, ihm beizubringen, was es bedeutet, seinen Lebensunterhalt mit harter Arbeit zu verdienen. Van Weyden bleibt gar nichts anderes übrig, als fortan auf dem Schiff seinen Job zu machen. Dabei bekommt er so manche Unmenschlichkeit mit - offenbar der Normalzustand auf diesem Schiff. Der Kapitän ist sehr hart und unnachgiebig zu seinen Leuten. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird mit äußerster Brutalität bekämpft.

Doch der Kapitän versteht offenbar auch eine Menge von Wissenschaft und Philosophie, und als Van Weyden eines Tages in dessen Kabine aufräumen soll, fallen ihm zahllose Bücher auf, die nicht nur Dekoration sind, sondern auch gelesen wurden. Eines davon lässt im ein Licht aufgehen: Ein uraltes Lexikon. Er kannte das Buch: Der Junge, der damals mit ihm befreundet war, besaß genau dieses Buch. Und nicht nur das: Der Junge und Kapitän Wolf Larsen waren dieselbe Person!

Neben vielen spannenden Situationen während der nächsten Stunden des Vierteilers beschäftigt auch die Frage den Zuschauer, ob die beiden ein Wiedersehen feiern werden, ob es wieder Freundschaft zwischen ihnen geben wird. Dazu kommen zum Teil wunderschöne Landschaftsaufnahmen und die schöne Filmmusik von Hans Posegga. Das ist der, der auch die Melodie zu "Derrick" und "Die Sendung mit der Maus" geschrieben hat.

Trotz der enormen Länge wird dieser Film somit nie langweilig. Er ist wirklich ein ganz besonderer Abenteuerfilm. Ich wünsche mir, dass es ihn eines Tages auf DVD geben wird, am besten als Doppelpack, mit je zwei Folgen auf einer Scheibe. Auf keinen Fall fehlen sollte ein Portrait des Raimund Harmstorf. Mag sein, dass einige, die den Film vor langer Zeit gesehen haben, nur noch die Szene in Erinnerung haben, wo Harmstorf eine - deutlich erkennbar gekochte - Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrückt. Mit einer rohen Kartoffel wäre es auf keinen Fall gegangen. So stark kann niemand sein. Immerhin aber hatte der Schauspieler in der Tat einen sehr muskulösen Körper, und auch seine Mimik und Sprache passten ausgezeichnet zu der Rolle des "Seewolf".

Raimund Harmstorf erkrankte 1994 an Parkinson. Er musste seither starke Medikamente nehmen, die unter anderem Angstzustände und Halluzinationen auslösten. Vermutlich hat er gelegentlich die Dosis deutlich überschritten, um ohne Parkinson-Symptome Theater spielen zu können. Am 5. April 1998 kam es dadurch zu besonders starken Nebenwirkungen, die eine Behandlung in einer Klinik erforderlich machten. Bild-Reporter bekamen von dem Krankenhausaufenthalt Wind und berichteten, Harmstorf sein psychisch sehr labil. Sein ganzes Leben wurde als eine Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen geschildert, was reichlich absurd ist. Harmstorf verfolgte in den folgenden Wochen den Schwachsinn, der in der Presse über ihn verbreitet wurde. Um seine schwere körperliche Krankheit wissend und eine totale Vernichtung seines Rufes fürchtend, nahm sich Raimund Harmstorf im Mai 1998 das Leben. Für die Presse war die Erklärung ganz einfach: Er sei eben nicht damit fertig geworden, den starken "Seewolf" gespielt zu haben, und im richtigen Leben so schwach zu sein. Oh je, wie bescheuert!


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
silbertanne3

silbertanne3

01.09.2006 01:10

Gerade läuft der Film als DVD bei mir, daher kam ich auf Deinen Bericht. Gut gemacht. Es ist ein seltsames Gefühl, das erste Mal wieder diesen guten Film zu sehen, den man als kleines Kind in Fragmenten mal gesehen hatte. Bei Harmstorf weiss man nie, ob man ihn verabscheuen soll, ihm Verständnis zeigen soll oder ihn (in seiner Rolle als Jugendlicher Frisco-Kid) sogar sympathisch finden soll. Der Unterschied der beiden Hauptdarsteller (er und der Schiffsbrüchige) ist wirklich gut dargestellt. Auch die Auto-Kommentar des Gestrandeten gefallen mir, sie sind stets objektiv und nie selbstmitleidig, obwohl da ja eine Menge Schlimmes passierte, angefamgem beim Untergang des Dampfers am Beginn des Films. Ich meine auch, das es seine beste Rolle war. Damals war ja die Bartmode (Phil Collins, Woodstock) noch modern, bald darauf nicht mehr, bis heute ... LG Tomas

Manuela.

Manuela.

07.04.2001 21:18

Trotz der enormen Länge dieses Berichts ist er nie langweilig. Ich glaube, den Seewolf habe ich damals auch gesehen (oder durfte ich noch nicht zuschauen), ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Ich hoffe ebenfalls auf eine vernünftige DVD-Ausgabe.

Aleno

Aleno

07.04.2001 16:59

Es ist schon tragisch in welch eine Situation der Druck der Medien einen bringen kann....

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