Sprache, die verzaubert
18.01.2002
Pro:
die Sprache verzaubert
Kontra:
nix
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 mumm
Über sich:
Derzeit bin ich wieder öfters online, denn wir haben endlich wieder eine Flat. :-). Ich hab mir auch...
Mitglied seit:05.07.2000
Erfahrungsberichte:181
Vertrauende:168
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 81 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Über Bücher habe ich schon lange nicht geschrieben. Das kommt sicher auch daher, dass ich viel auf Plattformen lese, was ja auch interessant sein kann. Früher habe ich Bücher verschlungen, so vor 20 Jahren und mehr. Das letzte Buch, welches ich gelesen habe, war ein Katzenbüchlein und ein Geschenk meiner Mumm. Auch dieses Buch bekamen steff und ich geschenkt, von einem besonders lieben Freund und seine Widmung macht es für mich einzigartig. Daher widme ich ihm diese Meinung. *smile* Für Stuebi Es ist gar nicht so einfach, dieses Buch, eigentlich ist es auch eher nur ein Büchlein, zu beschreiben. Am Heilig Abend landete es auf dem Gabentisch und ich wollte zunächst nur ein wenig reinlesen, doch die Sprache von Alessandro Baricco zog mich in ihren Bann und ich muss gestehen, ich hätte es am Liebsten in einem Ritt durchgelesen, so hat es mich gefesselt. Doch durch die Feiertagsverpflichtungen wurden 3 Tage daraus. Nein, es ist weder ein Krimi noch Thriller, vielmehr ist es eine Geschichte voll Sehnsucht, die man fühlen kann, so wundervoll ist sie beschrieben. Doch nun möchte ich euch ein wenig in das Buch einführen. Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Der zweiunddreißigjährige Hervé Joncour hat einen besonderen Beruf oder eher eine Berufung, denn er handelt mit Seidenraupen oder besser gesagt mit den Eiern der Raupen, bevor sie sich verpuppen. Mit dem Erlös aus dem Geschäft kann er mit seiner Frau Hélène im Süden des Landes gut leben. Sein Leben ist recht eintönig. Jahr für Jahr macht er sich auf den Weg, um die Seidenraupen in Syrien oder Ägypten zu erwerben. In europäischen Züchtungen grassieren Seuchen und Qualität ist wichtig in diesem Geschäft. Jeweils 3 Monate dauern seine Reisen über das Meer. Nun die Eier noch verkaufen und der Rest des Jahres kann genossen werden. Dennoch gibt er sich bescheiden. So hätte sein Leben bis an das Ende seiner Tage weiter verlaufen können, wenn nicht eben diese Seuchen, die in Europa die Eier unbrauchbar machten, auch auf Afrika und Indien übergegriffen hätten. Nun hieß es für ihn, nach neuen Quellen zu suchen, nachdem sich die letzte Lieferung als verseuchte Fehlinvestition entpuppte. (wie treffend ;-)) Man bekam die Seuche einfach nicht in den Griff. 8 gute Jahre hatte Hervé Joncour, der eigentlich auf Wunsch seines Vaters hin die Militärlaufbahn einschlagen sollte, nun schon Baldabiou zu verdanken, der ihn damals anheuerte, um für die von ihm gebauten Spinnereien im Ort mit unverseuchten Eiern zu versorgen. Nun galt es zu überlegen, was man tun könnte. Zu diesem Zeitpunkt war Japan von der Außenwelt abgeschottet und so dachte man, wenn niemand dieses Land betritt oder verlässt, kann es dort wohl keine Seuchen geben und sie wollten den Versuch starten, heimlich ins Land zu gelangen, um ihre Existenzen und die der Dorfbewohner zu sichern. Aber wo dieses *Japan* nun genau lag, wusste man nicht, am Ende der Welt........., doch ob das als Wissen ausreichte? Dennoch machte sich Hervé Joncour im Oktober 1861 allein auf den Weg, dieses ferne Land zu erreichen und so Gott will, auch Seidenraupen zu erwerben. Mit reichlich Geld ausgestattet tritt er seinen beschwerlichen Landweg an. Ein Schmugglerschiff verhilft ihm, zur Insel überzusetzen. Doch wo findet man nun Seidenraupen, in einem Land, das man nicht kennt und dessen Sprache man nicht beherrscht? Aber er bekommt Hilfe. Mit verbunden Augen bringt man ihn zu Hara Kei, einem Geschäftsmann, der glücklicher Weise der französischen Sprache mächtig ist. So kann er sich vorstellen und sein Anliegen vortragen. Hervé Joncour ist kurz abgelenkt, als seine Blicke auf dieses Mädchen fallen. Ihre Augen waren nicht asiatisch geschnitten und ihren Blicken konnte er sich nicht entziehen. >>Das Mädchen hob sanft den Kopf. Zum ersten Mal wandte sie ihren Blick von Hervé Joncour und richtete ihn auf die Tasse. Sie drehte sie langsam, bis ihre Lippen genau die Stelle erreicht hatten, von der er getrunken hatte. Sie schloss die Augen und trank einen Schluck Tee. Dann nahm sie die Tasse von ihren Lippen. Sie ließ sie dorthin zurückgleiten, wo sie sie aufgenommen hatte.<< (Zitat Seite 33) Die Geschäftsleute werden sich einige und nach dem alles an Fragen geklärt sind, beginnt Hervé Joncour seine Heimreise. Pünktlich, wie auch früher, also am ersten Sonntag im April, kehrt er wieder zu Hause ein. Der Erlös ermöglicht ihm den Kauf von Land. Bis zum Herbst genießt er die Zeit, dann beginnt wieder die Reise in jenes ferne Land. Doch die nächsten Besuche unterscheiden sich vom ersten. Diese junge Frau, der er stets bei Hara Kei begegnet, weckt ihn ihm eine unstillbare Sehnsucht nach mehr, die er wohl selbst nicht einordnen kann. Er liebt seine Frau Hélène gewiss, aber dennoch fasziniert ihn diese unscheinbare Frau. Sie lässt ihm bei einem der Besuche einen Brief in diesen Schriftzeichen zukommen. Lange zögert Hervé Joncour nach seiner Heimkehr, bis er es wagt, heimlich eine Japanerin aufzusuchen, um sich die Zeichen in Worte übersetzen zu lassen. Hélène indessen bemerkt sehr wohl die Veränderung ihres Mannes, auch wenn sie sich dazu nicht äußert. Viel mehr möchte ich hier nicht verraten, obwohl ich in Versuchung gelange, einfach, weil mich diese doch so einfache Story so gefesselt hat und ich geneigt bin, euch gleich an der Geschichte im vollen Umfang teilhaben zu lassen. Nur so viel sei gesagt, dass der Krieg in Japan die Situation dort verändert, es einen zweiten Brief geben wird und das Ende eine Wendung nimmt, die ich nicht erwartet hätte. Aber was verleiht nun diesem Buch seine Anziehungskraft? Schließlich ist die Story überwiegend recht klar und ohne viel oder gar dramatische Handlung. Ein Mann schippert Jahr für Jahr übers Meer, kauft Seidenraupen, verkauft sie und von dem Erlös kann er die restlichen Monate gut leben. Er ist verheiratet, hat aber keine Kinder. Eigentlich passiert nicht viel in seinem Leben, bis zu seiner Begegnung mit jener jungen Frau in dem fernen Land. Nun, ich möchte euch das Geheimnis verraten, warum man so seltsam berührt ist, beim Lesen dieses Buches. Es ist die Sprache. Sie ist poetisch und doch einfach, ohne viel Schnörkel eben, dennoch aber anschaulich. Es ist eine leise Sprache und dennoch ist sie sehr ausdrucksstark. Obwohl der Autor oft Textpassagen wiederholt, ich dachte erst, Moment mal, ist das ein déjavue, hast du das nicht vorhin schon gelesen?, wird einem bewusst, dass er genau das beabsichtigt. Es zeigt einem, dass Hervé Joncour eigentlich ein zwar eintöniges Leben führt, dennoch geht dem Buch die Spannung dabei nicht verloren. Jede seiner Reisen bringt uns ein Stück näher zu seiner geheimen Sehnsucht, die Gedanken daran kann er mit niemandem teilen, außer mit dem Leser. Ob es eine Liebesgeschichte ist? Ja und nein, denn um Liebe und Sehnsucht geht es schon, aber um eine eher nicht erfüllte. Vielleicht macht das den Reiz aus. Es ist wie bei einem Kind, es wünscht sich ein Spielzeug, hat einen Drang nach Erfüllung des Wunsches, wird er jedoch erfüllt, vergeht diese Sehnsucht oft schnell. Doch so eine unerfüllte Sehnsucht birgt eine Hoffnung in sich, eine, die einen am Leben hält, die einem sagt, das Leben kann noch eine Wendung nehmen, heraus aus dieser Eintönigkeit. Allein der Aufbau des Buches ist schon ungewöhnlich. Jede kleine Szene ist ein Kapitel, manchmal sind es nur wenige Zeilen. So kann man fast in jedem Moment des Lesens das Buch beiseite legen, ohne den Anschluss zu verlieren. Wie oben erwähnt fällt das jedoch schwer. Es lässt sich sehr flüssig lesen und trotz der wenigen Ereignisse ist die Geschichte fesselnd geschrieben. Geschehnisse (Szenen) wiederholen sich, werden jedoch mit gewissen Nuancen versehen, aber so haben Dinge oder Personen einen hohen Wiedererkennungswert. Ich war zwar zunächst verwundert, aber im Nachhinein empfinde ich es nicht als negativ. 132 Seiten im nicht mal A5-Format lassen sich lesen, wie im Flug. Das liegt aber sicher auch an der guten Übersetzung von Karin Krieger, die es aus dem Italienischen übersetzt hat. Hörprobe gefällig? Dann schaut auf http://www.cdhandel.ch/HoerbuchProben.htm nach, es sind die ersten Zeilen des Buches zu vernehmen. Der Autor Alessandro Baricco ist also Italiener und in seinem Land keineswegs unbekannt. Er wurde 1958 in Turin geboren und leitet die in Italien bekannteste Creative Writing School. Weitere Infos konnte ich nicht finden, außer einige wenige in der Meinung von Stuebi, die ich euch nur empfehlen kann. :-) Die meisten seiner bisherigen Bücher sind im PIPER Verlag erschienen und wurden von Karin Krieger übersetzt. 1988 Il Genio in Fuga (nicht übersetzt worden) 1991 Castelli di Rabbia - Land aus Glas 1992 L'anima di Hegel e le Mucche des Wisconsin - Hegels Seele oder Die Kühe von Wisconsin 1993 Oceane mare - Oceano Mare Das Märchen vom Wesen des Meeres 1994 Novecento - Novecento Die Legende vom Ozeanpianisten (hat die Katzili zu geschrieben) 1996 Seta - Seide 1999 City - City Das Buch Seide gibt es als Taschenausgabe für 7,50 Euro (ISBN 3492235204), die Nobelausgabe als Hardcover, wie meine, kostet jedoch 9,90 Euro (ISBN 3492042600) und ist schon rein optisch ansprechender, wie ich finde. Für Faule unter euch gibt es das Werk auch als Hörcassette oder als CD Seide. 2 Cassetten. Alessandro Baricco 1997 ISBN 3886984141 EUR 20.00 Seide. 2 CDs. Alessandro Baricco 1997 ISBN 3886984265 EUR 22.00 Fazit: Es wird sicher keinen verwundern, dass ich für dieses poetische und leise Werk 5 Sterne vergebe, denn Nachteiliges konnte ich beim besten Willen nicht entdecken. Das Buch hat mich verzaubert und wer gerne die leisen Töne mag und an wahre Liebe glaubt, dem wird dieses Büchlein sicher ebenso begeistern, wie mich. Ich danke Stuebi, dass er mir diesen Genuss ermöglicht hat.
Preisvergleich
sortiert nach Preis
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Verwandte Tags für Seide - Roman / Alessandro Baricco
|
|
25.03.2006 00:12
Bei der Wahl zwischen Lektüre eines "richtigen" Buches und Lektüre der auf Plattformen veröffentlichten literarischen Ergüsse würde ich mich - mit sehr wenigen Ausnahmen - doch immer für ersteres entscheiden. Denn eine Sprache, die wie bei diesem Buch tatsächlich verzaubert, findet man hier selten.
26.02.2006 21:35
Ein sehr schöner Bericht über ein sein schönes Buch! Ich werde mir wohl demnächst sein Werk über den Ozeanpianisten kaufen. Den Film dazu fand ich sehr schön...
23.12.2004 14:33
ein ganz wundervolles buch, das ich mit viel begeisterung fürs detail gelesen habe und mich entführen ließ in die welt der sehnsucht