Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
kreativ, lehrreich, kontemplativ . . . und praktisch |
| Kontra: |
macht süchtig, ist nicht ungefährlich |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Eines Tages stolperte ich über eine Webseite mit Seifenrezepten, und die Vielfalt dessen, was man mit etwas so scheinbar alltäglichem anstellen kann, faszinierte mich so sehr, daß ich mich am Seifensieden versuchte. Beim Lesen der Rezepte möchte man am liebsten gleich unter die Dusche springen... besonders an so einem heißen Tag wie heute.
*** Das Prinzip ***
Seife wird hergestellt aus Fett, Lauge und Wasser. Die Lauge wird in das Fett eingerührt und wandelt es um in etwas fettlösendes - in Seife. Noch heute wird oft Rindertalg zur Seifenherstellung verwendet. Die Lauge wurde aus Holzasche gewonnen und die Seife unter Kochen hergestellt. Die Methode, die ich verwende, nennt sich Kaltverfahren: Die einzige Hitze, die darin vorkommt, wird vom chemischen Umwandlungsprozeß selbst erzeugt.
*** Der Nachteil ***
Wer ein bißchen Ahnung von Chemie hat, kann sich schon denken, daß das Hobby nicht ganz ungefährlich ist: Starke Laugen sind ebenso ätzend wie Säuren, also muß man sehr, sehr vorsichtig mit ihnen umgehen. Das heißt, die Arbeitsfläche muß gut abgedeckt werden, man muß Gummihandschuhe und eine Brille tragen, sollte so wenig Haut wie möglich unbedeckt lassen und für sehr gute Belüftung sorgen: Auch die Laugendämpfe sind ungesund. Am besten macht man das Ganze im Freien.
Wenn das so gefährlich ist, warum sollte man sich damit überhaupt beschäftigen? Nun, gar so gefährlich ist es auch wieder nicht. Nicht schlimmer als Autofahren: Bei beiden muß man ständig wachsam sein, ein paar Regeln beachten, und dann ist es OK.
*** Das Gute dabei ***
Das erste Gute am Seifensieden ist, daß man volle Kontrolle über die Inhaltsstoffe hat. Tierfreunde z.B. haben die Garantie, daß kein Tierfett enthalten ist. Allergiker können Allergene meiden. Wer trockene Haut hat, kann sich eine überfettete Seife machen; wer oft im Garten buddelt, eine Rubbelseife; und ein jeder kann sich die Düfte hineinmixen, die er mag.
Das zweite Gute ist, daß Seifensieden unheimlich kreativ ist. Es gibt fast unendlich viele Kombinationen aus Fetten, Zusätzen, Duft- und Farbstoffen, mit denen man experimentieren kann. Man kann Transparentseifen machen, Marmorseifen, Karottenseife, Mohnseife, Milchseife, Kaffeeseife, Rosen- , Gewürz-, Schokoseifen etc. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
*** Die Zutaten ***
Das Fett:
Ich habe zwar keine moralischen Bedenken gegen Tierfett, aber trotzdem benutze ich nur Pflanzenfett: Tierfette müssen speziell behandelt werden, damit sie nicht stinken, und ich will weder eine nach Braten stinkende Seife noch eine Zutat, die Verfahren unterworfen wurde, die ich nicht unter Kontrolle habe. Das würde ja den oben genannten ersten guten Aspekt zunichte machen. Also Pflanzenfett. Da gibt es viele Möglichkeiten: Alle erdenklichen Speiseöle incl. Olivenöl, Palmfett, Margarine und alle jene Öle, die in der Kosmetik Verwendung finden: Mandel, Jojoba, Avocado, Kakaobutter, Sheabutter... Und die kann man wiederum nach Belieben kombinieren. Jedes Fett hat andere Eigenschaften, z.B. ergibt es festere oder weichere, stark oder wenig schäumende Seifen. Genauere Auskunft geben die Webseiten im Anhang.
Das Wasser: Entweder einfach nur Leitungswasser, Destwasser oder etwas anderes wässriges, z.B. Kaffee, Tee (schwarz, Früchte oder Kräuter), Obst- oder Gemüsesaft, Rosen- oder Hamameliswasser, Milch, Bier...
Die Lauge:
Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Natrium- oder Kalilauge, NaOH oder KOH. Die Wahl spielt meines Wissens keine Rolle, außer beim Verseifungsfaktor (dazu später). Ich benutze NaOH, das als Ganulat erhältlich ist.
Optionale Zusätze:
Wie schon angedeutet, kann man noch andere Sachen in die Seife kippen, um bestimmte Effekte zu erzielen. Das wichtigste sind wohl die Duftstoffe, denn eine Seife ohne riecht einfach nur wie Kernseife. Versuche z.B. ätherische Öle, Parfümöle von Spinnrad & Co., Hobbythek-Buftbasen, natürliche/naturidentische Aromastoffe oder Gewürzpulver. Curryseife? Warum nicht! Nicht alle Duftstoffe halten gleich gut; manche haben sich verflüchtigt, kaum daß die Seife zur Verwendung bereit ist.
Mit festen Zusätzen kann man Rubbeleffekte erzielen und so eine Peelingseife herstellen, ob für unreine Haut oder verdreckte Hände. Es eignen sich Kleie, kernige Haferflocken, Mohnsamen, holzige Fasern, Meersalz, Sand und was einem sonst noch so einfällt.
Farbstoffe sind eigentlich nur Spielerei, wenn auch eine sehr hübsche. Es eignen sich Lebensmittelfarben aller Art ebenso wie Pigmente. Annatto wird gern für Orange genommen, Kaffe und Tee färben natürlich auch, und ich werde nächstes Mal statt normalen Wassers einfach das vom Krappfärben übriggebliebene rötliche Wasser verwenden.
*** Was man sonst braucht ***
- eine grammgenaue Waage
- eine hitzefeste Plastikschüssel zum Anrühren der Lauge
- eine Plastikschüssel zum zusammenrühren von Fett und Lauge
- einen Holz- oder Plastiklöffel
- einen Mixer
- eine hitzefeste Form oder mehrere (Kuchebatzeförmchen ;)), in die man die Seife gießt
- eine Decke, um die es nicht schade ist
- Essig, um die Lauge im Notfall zu neutralisieren
- Gummihandschuhe, Brille, alte Kleidung
*** Die Methode ***
Ich werde sie nur kurz umreißen, damit Du weißt, was auf Dich zukommt. Achtung: Dies ist keine ausreichende Anleitung! Es sind so viele Dinge zu beachten - besonders, was die Sicherheit betrifft - daß das den Rahmen eines Berichtes sprengen würde. Die Webadressen am Ende werden Dich umfassend informieren.
1. Erstellt man sich ein Rezept. Man kann auch ein fertiges verwenden, was für Anfänger anzuraten wäre - dann mußt Du Dich aber genau an dieses Rezept halten. Es ist nämlich so, daß jedes Fett eine je andere Menge an Lauge zum Verseifen braucht - das ist der Verseifungsfaktor. Wenn Du also andere Fette verwendest oder die Mengenverhältnisse änderst, stimmt die im Rezept angebene Laugen- und Wassermenge nicht mehr. Es gibt im Web Tabellen mit den Verseifungsfaktoren aller möglichen Öle sowie JavaScript-basierte Seifenrechner, in die man nur eintragen muß, welches Fett man in welcher Menge verwenden will, um die erforderliche Laugen- und Wassermenge ausgespuckt zu bekommen.
2. Schmilzt Du die Fette auf, sofern sie nicht von Haus aus flüssig sind, und rührst die erforderliche Menge Lauge in die angegebene Menge Wasser (oder Kaffee, Tee, Milch etc.) ein. Vorsicht: Wenn man die Lauge mit dem Wasser verrührt, entsteht durch chemische Reaktion Hitze. Atme die Dämpfe nicht ein! Die Flüssigkeit ist stark ätzend.
3. Rühre die Lauge lagsam in das flüssige Fett. Rühre, bis die Masse dicklich wird.
4. Jetzt ist die Zeit, optionale Zusätze beizufügen. Man kann nun auch teurere kosmetischen Öle hineinkippen, die beim Verseifungsfaktor nicht berücksichtigt waren. Das soll die Seife "überfetten", d.h. ihr rückfettende Eigenschaften verleihen, wie trockene Haut sie braucht.
5. Wickle die Form in eine Decke und stelle sie für mindestens 24 Std. beiseite.
6. Nimm die Seife aus der Form, schneide sie in Stücke und laß sie 4-6 Wochen "reifen". Vorher ist der Verseifungsprozeß noch nicht ganz abgeschlossen, so daß die Seife zwar nicht mehr ätzend, aber dennoch hautunverträglich ist.
*** Fazit ***
Ich habe bisher erst zwei Seifensorten hergestellt, und wenn man mal davon absieht, daß sich der Duft schneller als gedacht verflüchtigt hat (hätte wohl mit den Duftölen großzügiger sein sollen), waren die Versuche erfolgreich. Es juckt mich, weiter zu experimentieren. Oh, was man da noch alles machen könnte! Es gibt nur ein Problem: Wohin mit all der Seife? Nun, als Geschenk eignet sich selbergemachte Seife hervorragend, besonders, wenn man sie in hübsche Förmchen gegossen hat. Kaufbare Seifen aus reinem Pflanzenöl sind teuer und oft gar nicht so toll, wie sie tun, also werden sich die meisten Leute wahrscheinlich über so ein Geschenk freuen, das obendrein nicht nutzlos in irgendeinem Regal verstaubt, wie so viele andere Geschenke.
Seifensieden ist ein wunderbares Hobby für Amateurchemiker und experimentierfreudige Spielratzen. Es ist auch sehr geeignet für Leute, die abends und am Wochenende die Arbeit nur schwer "abschalten" können: Man muß ein gewisses Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit anwenden, um Verletzungen und Fehlschläge zu vermeiden, und wird so zum Abschalten quasi gezwungen. Beim Rühren kann man dann die befreiten Gedanken wandern lassen.
*** Weiterführende Info ***
http://www.naturseife.com
Private Website einer erfahrenen Seifensiederin mit Rezepten, Eigenschaften der Fette, Anleitung, Seifenrechner u.v.m.
http://www.seifensieder.info
Selbe Webmistress wie oben; historische Seifenrezepte
http://groups.yahoo.com/group/seifenmanufaktur
Mailingliste von Hobby-Seifensiedern
http://www.omikron.de/cyberchem
Versandhandel für Chemikalien (z.B. Laugen) und Naturkosmetik-Bedarf (z.B. kosmetische Öle)