dann bin ich halt weg
07.10.2004
Pro:
nichts
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Nein
 lissy9
Über sich:
Mitglied seit:10.02.2002
Erfahrungsberichte:25
Vertrauende:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 30 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich habe lange überlegt, ob ich nun wirklich über so ein Thema schreiben will, weil es doch sehr persönlich ist. Aber dann, vielleicht hilft es mir, etwas besser mit all dem umzugehen. Ich denke ja immer noch, dass es etwas ist, wofür ich mich schämen müsste, dabei sind essstörungen eine krankheit. so wie diabetes. ok, gut, vielleicht war der vergleich unglücklich gewählt, aber ihr wisst bestimmt, worauf ich hinaus will. Nun, angefangen hat es bei mir vor ca. 6 Jahren. Ich kann gar nicht mehr sagen, warum. Und im Gegensatz zu den meisten fing ich mit Bulimie an und wurde dann später erst magersüchtig. Aber die Grenzen sind sowieso fließend, wenn ihr mich fragt. Ich war dann voriges Jahr den Sommer über in einer Klinik, um eine Therapie zu machen. Damals wog ich bei 170cm Körpergröße 46kg. (Ich finde das eigentlich nicht so schlimm, alle anderen sind immer so schockiert). Mittlerweile hab ich 52kg und halte dieses Gewicht auch. Ich fühle mich jetzt wohl damit. Ich möchte auch gar nicht darauf eingehen, woran man Essstörungen erkennt usw. Und leider kann ich auch keine Anleitung dazu geben, wie man sich als Freund oder Verwandter zu der essgestörten Person verhält. Tut mir wirklich leid. Mir hat einfach geholfen, dass mich meine Freunde so behandelt haben wie immer. Also nicht netter oder freundlicher oder sonstwie. Damals, an diesem Ort hab ich mir gedacht "Ach Gott, wieso sind die so gemein zu mir? Es geht mir nicht gut, sie sollten doch nett zu mir sein". Und, Gott, war ich wütend. Auf alle. Auf meine Eltern, weil sie mir immer sagten, dass ich essen solle, auf meine Freunde, weil sie sich nicht so verhalten haben, wie ich es mir gewünscht hatte, sogar auf fremde Leute. Rückblickend kann ich sagen, dass ich froh bin, dass meine Freunde so zu mir waren. Und mich nicht verhätschelt haben oder sonstwas. Mit der Krankheit ging es mir absolut nicht gut. Blöde Aussage, wem gehts schon gut dabei, wenn er mit dem Kopf über der Toilette hängt und sich so stark erbricht, dass es sogar schon aus der Nase kommt und man das Gefühl hat, zu ersticken. Ich konnte manchmal nach meinen Kotz-Sessions nicht mal mehr aufstehen, so schwach war ich. Im Spital bekam ich dann Infusionen. Ich würde gerne sagen, dass ich jetzt geheilt bin. Dass es mir gutgeht und ich nur mehr mit einem Lächeln auf all die Jahre zurückblicke. Das kann ich nur leider nicht. Ich kann nicht die letzten 6 Jahre einfach so aus meinem Leben streichen. Oder so tun, als ob nichts gewesen wäre. Ich fühle mich immer noch ausgeschlossen. Ausgeschlossen in dem Sinn, dass ich nicht mehr in die Klinik gehöre, aber auch nicht hier draußen zu den "normalen" Menschen. Ich kann nicht essen, ohne darüber nachzudenken. Und ich habe immer noch Rückfälle, obwohl ich jetzt damit leben kann. Und das ist jetzt nicht nur eine leere Floskel. Es geht mir gut in meinem Leben, vielleicht das erste Mal. Natürlich habe ich auch noch Tage, wo ich am liebsten nicht aufstehen will und mir das Fett am liebsten vom Bauch und von den Beinen absägen will, aber meine Hassgefühle sind mittlerweile so gedämpft, dass ich es nicht mehr machen würde. *lol* Ich muss dazu sagen, dass ich auch Anti-Depressiva habe/hatte. Ich versuche gerade mal wieder, davon loszukommen.Aber um auf das Thema zurückzukommen: Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir Essgestörten jemals ganz gesund werden. Ich denke, es ist bei uns so wie bei Alkoholikern oder Drogensüchtigen. Obwohl bei ihnen ja das Zauberwort "Abstinenz" heißt. Das geht nur bei uns nicht. Weil wir andauernd, tagtäglich von Essen umgeben sind. Jetzt nicht, dass Drogensucht oder Alkoholismus nicht schlimm und furchtbar wären, aber man braucht keine Drogen zum Leben. Man braucht keinen Alkohol zum Leben. Aber man braucht Essen. Ich war zeitweise so frustriert. Ich dachte immer, dass sogar ein scheiß-baby essen kann und weiß, wann es Hunger hat und ich schaffe das nicht. Ich geh nachher aufs Klo und spucke alles wieder aus. Naja, jedenfalls, ich denke, solange wir uns mit dem Essen beschäftigen und darüber nachdenken, werden wir nie gesund sein. Das ist sicher so wie bei Ex-Alkoholikern. Sie sind halt trocken. Bei uns kann man das halt nicht sagen. Keine Ahnung, welcher Ausdruck da am besten zutreffen würde. ich bin aber auf alle Fälle auf eine perverse Art und Weise froh, dass ich an diesem Ort war, weil ich auch viel Spass mit den anderen hatte. Es war zeitweise wirklich lustig, aber auch traurig. Und diese Leute werden mich immer besser kennen als meine Freunde hier draußen oder meine Familie. Weil ich mich vor ihnen das erste Mal in meinem Leben wirklich vor anderen geöffnet habe. Ich musste nichts erklären oder mich rechtfertigen. Ich wurde verstanden und so angenommen, wie ich bin. Egal wie ich ausgesehen hatte, ob ungewaschene Haare, unrasierte Beine oder Pickel. Sie haben mich gerngehabt. Und nicht ein Bild von mir, was ich sonst immer der Öffentlichkeit präsentiert hatte. Und das hat mich soviel weitergebracht in meinem Leben. Selbst wenn ich nicht mehr zu allen Kontakt habe, ich werde sie doch immer in meinem Herzen behalten (Dieser kitschige Satz musste jetzt sein). Wenn jemand an Essstörungen leidet und Hilfe suchen will, würde ich demjenigen raten, sich mit dem psycho-sozialen Notdienst in Verbindung zu setzten, weil die einen am kompetentesten beraten können und auch wissen, an wen man sich wenden muss.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
17.10.2004 21:44
es ist ein sehr sensibles thema, was du hier ansprichst, krankheiten einzugestehen erfordert auch grossen mut, das bewunder ich auch und deshalb gibts auch das b.h. von mir. viele grüsse diana
09.10.2004 00:09
Ich finde es gut, dass Du Dich entschlossen hast, diesen Bericht zu schreiben... und kann mich nur den Worten von "annonymus" anschließen: was heißt denn hier "normal"? Nur, weil man selbst das Bild etwas schlechter aufrechterhalten kann als andere, muss man sich doch nicht schämen... eigentlich ganz im Gegenteil - ich finde, es gehört Mut und Einsicht dazu, sich einer Abhängigkeit (egal welcher Art) mit allen ihren Konsequenzen bewusst zu werden und sich damit auseinanderzusetzen, sie im besten Fall zu "beheben". Komisch, dass so einige Süchte so gesellschaftsfähig sind (Nikotin, Alkohol, und sogar manche Einstiegerdrogen), und andere werden hingegen abfällig betrachtet, wie z.B. auch verschiedene Essstörungen... LG, Sandra
08.10.2004 14:08
ich find es gut, dass du dich mit deinem Problem so auseinandersetzt. Ich wünsche dir viel Kraft und Mut in deinem weiteren Leben VLG Tanja