Keine Macht den Fleischfachverkäuferinnen!
28.02.2003
Pro:
es macht Spaß, freundlich zu sein
Kontra:
es fällt manchmal schwer
Empfehlenswert:
Ja
 pamelap
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:148
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 133 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Alle sprechen sie von der Servicewüste Deutschland. Letztens eilte ich nach Feierabend um zehn vor acht noch schnell in den Supermarkt, und es wurden bereits die Lichter ausgeknipst. Das ist das eine Extrem (davon, dass man in einigen Läden eine halbe Stunde vor Ladenschluss keinen frischen Aufschnitt mehr bekommt, weil die ewig schlechtgelaunten Fleischfachverkäuferinnen bereits die Schneidemaschinen gesäubert haben, reden wir am besten gar nicht). Das andere Extrem, erlebe ich oft von der anderen Seite. Seit zwei Jahren arbeite ich in einer Firma, die Nachhilfe-, Sprachlehrer und EDV-Techniker vermittelt. In ein paar Wochen werde ich keinen Telefondienst mehr dort machen, sondern mich nur noch um andere Firmenbereiche kümmern, und ich weiß noch nicht so richtig, ob ich das bedauerlich oder erfreulich finden soll.Einerseits macht es Spaß, den ganzen Tag mit Menschen zu tun zu haben, auf der anderen Seite strengt neunstündiges Dauertelefonieren mit geplagten Eltern ziemlich an. Meine private Telefonrechnung ist seitdem drastisch gesunken. Der Kunde ist König, das sollte man sich natürlich immer wieder sagen, und die Rechnungen, die man abends verschickt, sorgen dafür, dass man selber seine eigenen Rechnungen bezahlen kann. Schlechter Service gleich weniger Aufträge gleich schlechtere finanzielle Situation des Betriebes gleich unsicherer eigener Arbeitsplatz. Sehr einleuchtend eigentlich, aber in manchen Situationen schwer zu verinnerlichen.Z. B. dann wenn... ... man auf die Frage nach einer günstigen Rückrufzeit die Antwort „So ab circa 22 Uhr!“ erhält. Ich arbeite schon manchmal lange, aber bis 22 Uhr dann doch eher selten.... man einen zahlungspflichtigen Kunden nach der dritten Mahnung nochmals telefonisch höflich auffordert, die Rechnung doch bitte, bitte zu begleichen und die Reaktion ist „Ach, das ist doch schon soooooo lange her, dass Sie mir die Rechnung geschickt haben – muss ich das WIRKLICH noch bezahlen?“ Der freundliche Hinweis meinerseits, dass ja eben genau der Umstand, dass die Rechnungsstellung schon so lange her sei, ein zügiges Zahlen erfordere, stieß auf Unverständnis. ... man sich dafür entschuldigt, dass da eine Mahnung rausgegangen ist, obwohl das Geld bereits unterwegs war, das habe sich halt leider überschnitten (genau für solche Fälle gibt es ja auch den netten Satz „Sollten Sie die Zahlung inzwischen beglichen haben, betrachten Sie dieses Schreiben bitte als gegenstandslos“), und der Kunde erwidert „Ach erzählen Sie doch nichts, das tut Ihnen doch gar nicht leid!“... man eine ewig lange Liste mit zu erledigenden Rückrufen und zu beantwortenden Mails hat und einen Kunden am Telefon, der einem immer wieder beteuert, dass der Sohn ja gar nicht blöd sei („Neeeeiiiin, natürlich nicht, das ist ja völlig normal, dass man Nachhilfe in fünf Hauptfächern braucht!“), sondern einfach nur faul, und wissen Sie, die Scheidung hat ihn so mitgenommen, und dann ist auch noch seine Lieblingstante vorigen Herbst gestorben, und die Pubertät, na Sie wissen ja, wie Jungs in dem Alter sind, nicht? ... man sagt „Entschuldigen Sie bitte, von dieser Sondervereinbarung zwischen Ihnen und unserer Firma weiß ich nichts, da muss ich mal gerade die Kollegin fragen, die dieses Telefonat geführt hat“, und die Antwort ist ein patziges „Ja, ja, immer sind die anderen schuld, nicht wahr?“... bereits das Inkassoverfahren gegen eine Firma läuft, die eine Rechnung über 1000 € noch nicht bezahlt hat und deren Ansprechpartner dann dreisterweise anruft und fordert „Wir hätten gerne ein Zertifikat über die Teilnahme an dieser Schulung!“ Den – wie ich fand ziemlich geistesgegenwärtigen – Vorschlag, dass dieses Zertifikat 1000 € kosten soll, wir der Firma dafür ihre Schulden bei uns erlassen würden, fand der Ansprechpartner nicht akzeptabel. ... man einen Kunden anruft, um ihn daran zu erinnern, dass er seine monatliche Gebühr für einen Frühenglischkurs schon seit einem Vierteljahr nicht bezahlt hat, sein Kind aber immer noch an dem Kurs teilnimmt, und der legt dann einfach auf mit den Worten „Propaganda am Telefon ist verboten!“ Ich habe empört nochmals angerufen, woraufhin der gereizte Mann mir erklärte, er wüsste überhaupt nicht, wer ich denn sei – und wieder den Hörer aufknallte. Da freut man sich doch fast über den beruflichen Umgang mit Behörden, die wollen nie einen Rückruf um 22 Uhr. Wenn die nämlich irgendeine Bescheinigung von uns wollen und man sagt „Kein Problem, schicke ich Ihnen heute noch raus“, wird es erst mal still auf der anderen Seite der Leitung. So eine schnelle Bearbeitung sind die gar nicht gewohnt, und ich habe die Befürchtung, dass sie das auch gar nicht wollen, denn je eher diese gewünschte Bescheinigung bei ihnen ist, desto schneller müssen SIE sich ja auch damit befassen. Auch nervig sind die Kunden, die behaupten, sie hätten uns einen Auftrag erteilt, die man aber auch nach gründlichster Suche nicht im Computer findet, bis sich dann rausstellt, dass sie ja doch bei einer anderen Vermittlungsagentur angerufen haben oder versehentlich unter ihrem Mädchennamen einen Auftrag erteilt haben.Zumindest ersteres passiert mit schöner Regelmäßigkeit. In den meisten dieser Situationen hilft nur Dauerlächeln und nach dem Telefonat mal kurz fluchen, damit man seinen Frust nicht am nächsten Kunden auslässt, der ja nichts dafür kann, dass der vorherige Anrufer ein bisschen zu sehr König sein wollte. Sicherlich gibt es oft schlechte Dienstleister – in jeder Branche – und es spricht nicht unbedingt für Deutschland, dass Word das Wort „Dienstleister“ nicht erkennt. Aber es gibt Sachen, die einfach mal schief laufen können, z.B. werden die meisten Mahnungen automatisch verschickt, wenn kein Zahlungseingang da ist, und der Computer kann schlecht wissen, dass der Kunde am Vortag eine Überweisung in die Wege geleitet hat. So etwas als schlechten Service abzutun und eine Entschuldigung für eine Mahnung zu fordern, ist einfach unfair und unrealistisch. Genauso wie das Phänomen, dass der (deutsche?) Konsument überall Abzocke und Servicewüste Deutschland vermutet. Wenn man z.B. eine Nachricht auf dem AB vorfindet, und auch nach mehrmaligem Abhören die darauf hinterlassene Telefonnummer nicht versteht, sie dann löscht und der Kunde ein paar Stunden später erbost anruft und einem tatsächlich nicht glauben will, dass man ihn nicht bewusst vergessen hat. Das sind alles nur Kleinigkeiten, aber wenn sie gehäuft auftreten, können sie einem den (Arbeits)Tag ziemlich verderben.Erschreckend finde ich, wie überrascht die meisten Kunden sind, wenn eine Anfrage per Mail innerhalb der nächsten 30 - 60 Minuten beantwortet wird. Scheinbar ist das nicht selbstverständlich. Mit einer guten Organisation und der richtigen Einstellung (dass nämlich zumindest der höfliche Kunde König ist) sollte das aber kein Ausnahmefall sein. Manchmal gibt es aber auch Reaktionen, die einem nicht nur die Laune verderben, sondern einen an der ganzen Welt verzweifeln lassen.Immer wieder passiert es, dass Eltern einen farbigen oder türkischen Nachhilfelehrer ablehnen, meistens mit der Begründung „Ich bin kein Rassist, aaaaaber...“. Diese Nachhilfelehrer haben in der Regel in Deutschland ihr Abitur gemacht, sie studieren an deutschen Universitäten – man kann also davon ausgehen, dass sie der deutschen Sprache durchaus mächtig sind. Schön auch Leute, die für einen Fremdsprache einen Muttersprachler haben wollen und sich dann beschweren, dass der vermittelte amerikanische Lehrer schwarz ist. In solchen Fällen habe ich mir angewöhnt, ruhig zu sagen, dass ich diesen Grund nicht nachvollziehen kann, dass wir aber einen anderen Lehrer vermitteln werden.Einmal aber erzählte mir eine Kundin, die in einem dieser für die dort herrschende Ausländerfeindlichkeit bekannten Bezirke in Ostberlin lebte, so viel Schwachsinn, dass Ruhe bewahren nicht mehr möglich war. Sie selber habe natürlich nichts gegen Ausländer (das haben diese Leute komischerweise NIE), aber ihre Nachbarn würden ihr doch nie im Leben glauben, dass „der Neger“ nur der Nachhilfelehrer ihrer Tochter sei und nicht ihr neuer Liebhaber. Ja und, selbst wenn? sagte ich. Sie habe Angst vor Schmähungen und Drohungen aus der Nachbarschaft. Und wenn ich jetzt schon nicht mehr ganz so ruhig war, dann ging gar nichts mehr, als sie meinte „Ich habe nichts gegen Neger, aber sie verstehen schon, was ich meine, oder?“ Wenn man schon so dumm ist, dann sollte man nicht noch davon ausgehen, dass einem andere Leute für diese Ignoranz Absolution erteilen. Und dann sollte der Kunde auch nicht mehr König sein, finde ich, denn so verspielt er sich jeglichen Respekt. Das ist dann nicht mehr eine geschäftliche Unterhaltung, sondern da geht es um persönliche Prinzipien. Alles in allem ist es natürlich wichtig und richtig, zuvorkommend zu sein, aber manche Kunden machen es einem wirklich nicht leicht. Ich würde mir wünschen, dass jeder Verbraucher mal so ein paar Tage im Bereich Kundenbetreuung oder gar im Callcenter arbeiten müsste, danach würde er vielleicht guten Service besser zu würdigen wissen und auch verstehen, dass nicht jeder Mitarbeiter, mit dem er es telefonisch zu tun hat, darauf aus ist, ihn übers Ohr zu hauen.Seitdem ich selber in dem Bereich arbeite, motze ich jedenfalls nicht mehr gleich los, wenn mir die Telekom irgend etwas schickt, was ich nicht verstehe, sondern frage erst mal höflich nach. Manchmal passieren natürlich auch schöne Sachen, da bekommt man z.B. eine nette Mail, in der eine Mutter sich bedankt und erzählt, dass dem Kind die Schule jetzt wieder richtig Spaß machen würde, seitdem es Nachhilfe über uns nimmt, oder man bekommt von einem Lehrer eine Tüte Kirschen vorbeigebracht als Entschuldigung, weil er so lange vergessen hat, seine Gebühren zu bezahlen. Vielleicht sollte ich den Fleischfachverkäuferinnen bei Minimal auch demnächst Obst mitbringen, eventuell sind sie dann ein bisschen gnädiger gestimmt.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
06.02.2005 14:06
Ich arbeite in einer Arztpraxis und solche Telefonate nehmen auch bei uns immer mehr zu. Leider! Am schönsten ist es immer ,wenn die Patienten, die vor einem stehen, meinen, die Praxisgebühr und individuellen Gesundheitsleistungen (IGel-also selbst zu bezahlenden Leistungen) haben wir uns als Praxis, aber am Besten noch wir Helferinnen ausgedacht. Hallo? Informationen in den Medien? Davon wollen sie dann noch nie was gehört haben... Aber ich habe auch so einige schlechte Erfahrungen in Sachen Service in den letzten 3 Monaten machen müssen, was aber Großhandelsunternehmen betrifft. Von daher sind mir beide Seiten geläufig:)! LG und schön beschriebene Erfahrungen und Beispiele! Sandra
26.10.2004 12:27
Dein Bericht ist ja gut geschrieben, aber Du kannst nicht alle Fleischerei- verkäuferinen über einen Kamm scheren. Ich finde es ein wenig ungerecht ,das auch noch als Titel und sogenanten Aufmacher zu benutzen! Wir haben auch eine Fleischabteilung und sogar in einem Supermarkt!!! Und jeder bekommt auch 5 vor Ladenschluß noch das, was er wünscht, mit einem freundlichem Lächeln dazu! Liebe Grüssse Manuela
29.09.2003 16:39
Der Kunde ist König, solange er sich nicht wie ein Penner verhält (obwohl das auch wieder blöde ist, weil die sogenannten "Penner" sich oftmals gar nicht daneben benehmen). Ciao und Mau, Melanie !