Shirley / Charlotte Brontë

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Shirley und Caroline: Die Starke und die Zarte!

5  31.03.2004

Pro:
spannend, ergreifend

Kontra:
viel Lesestoff

Empfehlenswert: Ja 

Kardelen

Über sich: Verzeiht mir's bitte, aber ich bin seit Wochen ohne Internet und der Zustand wird noch einige Zeit a...

Mitglied seit:22.02.2003

Erfahrungsberichte:142

Vertrauende:28

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 99 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Bei der Schriftstellerin Charlotte Bronte werden viele an ihr bekanntestes Werk „Jane Eyre" denken, einer ausgezeichneten Version des 19. Jahrhunderts zum Thema „Cinderella". Ihr Roman „Shirley" ist nicht ganz so bekannt und doch meiner Meinung nach noch gelungener als „Jane Eyre". Mit „Shirley" hat es die Autorin meisterhaft verstanden, Sozialkritik und eine klassische Liebesgeschichte nicht nur parallel laufen zu lassen, sondern auch noch meisterhaft miteinander verknüpfen. Bei diesem Roman kommen daher viele auf ihre Kosten: Sowohl Liebhaber klassischer romantischer Liebesgeschichten als auch geschichtlich und politisch interessierte Menschen, die es auch etwas spannend haben möchten.

Die Autorin:

Charlotte Bronte wurde 1816 in eine Pfarrfamilie abgelegen in den Hochmooren Yorkshires geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter lebte sie mit ihren beiden Schwestern und ihrem Bruder unter bedrückend abgeschiedenen Zuständen gemeinsam mit dem Vater. In ihrer Not um ihr tristes ödes Leben ohne Zukunftperspektiven entwickelten die Geschwister große Phantasie und ein Schreibtalent, mit deren Hilfe sie die Einsamkeit überwanden.

Mit zuwenig Möglichkeiten, Schönheit und Mitgift versehen, war es Charlotte mit ihrem wachen Geist schon früh klar, daß sie ihr Leben als Hauslehrerin fristen müßte. Mit 26 wagt sie sogar den Schritt nach Brüssel an ein Mädchenpensionat, trifft in Gestalt des Direktors die Liebe ihres Lebens, die aber unerfüllt bleiben wird. Die Qualen ihrer unerfüllten Liebe hat sie in ihrem bekanntesten Buch „Jane Eyre" verarbeitet. Sowohl sie als auch ihre Schwestern Emily und Anne, ebenfalls begnadete Schriftstellerinnen, konnten in der damaligen Zeit ihre Bücher nicht unter ihrem richtigen Roman veröffentlichen. Es galt als unschicklich für eine Frau. Und so wurden ihre Bücher unter den Pseudonymen der Gebrüder „Bell" veröffentlicht.

1954, mit 38 Jahren, entschließt sich Charlotte zur Ehe mit einem Hilfsgeistlichen ihres Vaters. Ein Jahr später stirbt sie an den Folgen schwerer Schwangerschaftskomplikationen.

Wenn ich die Bücher der Bronte Schwestern lese, die vor Leben, Lieben, Leiden und viel viel Wissen über Geschichte, Politik und Religion nur so strotzen, und sie dann mit dem tristen eintönigen Leben der Schwestern vergleiche, werde ich traurig. Was für Möglichkeiten hätten solche hochbegabten, wißbegierigen und talentierten Frauen heutzutage! Frauen wie die Bronte Schwestern würden heute an Hochschulen unterrichten, als Journalistinnen arbeiten oder ähnliches.

Was für eine Wahl hatten die Frauen ab der Bürgerschicht aufwärts damals? Heirat oder alte Jungfer, entweder „geduldet" im Haus einer verheirateten Verwandten und zur kostenlosen Kinderaufsicht mißbraucht oder als Gouvernante in einem fremden Haushalt ausgenutzt. Als Alternative wäre auch noch die Aufnahme in ein Kloster oder Stift zu nennen. Ein eigenständiges Leben mit freier Berufswahl mit oder ohne Mann war zu dieser Zeit undenkbar. Dieses Thema wird auch in „Shirley" intensiv aufgegriffen, aber dazu später.

Das Buch:

„Jane Eyre", der unter einem Pseudonym 1848 veröffentlichte Roman war der Kassenschlager der damaligen Zeit und so erhofften sich viele Leser 1849 bei der Veröffentlichung von „Shirley" eine Fortsetzung der Gattung „Gouvernantenroman". Mit dieser Hoffnung wurden sie enttäuscht und dieser Makel blieb für immer auf „Shirley" hängen, so daß dieses Buch zwar bekannt wurde, aber nie den Status von „Jane Eyre" erhielt. Heute erfreut sich der Roman aber wachsender Beliebtheit. „Shirley" hielt der damaligen Gesellschaft den Spiegel vor und was die Gesellschaft darin sah, war nicht schön. Die sozialpolitische Kritik tat weh, eben weil sie so wahr war.

Bis zur Mitte des Buches fragt sich der Leser auch leicht verwirrt, warum denn dieses Buch „Shirley" heißt, kommt doch bis dahin keine Dame dieses Namens vor. Die Protagonistin der ersten Buchhälfte ist eindeutig ein junges Mädchen von 18 Jahren, Caroline Helstone.

Wir befinden uns im England der Jahre 1810/11. England ist wie ganz Europa geschwächt durch die Napoleonischen Kriegszüge durch ganz Europa und zusätzlich durch die Kontinentalsperre, die Napoleon gegen England verhängt hat. Die Kontinentalsperre war eine gegen England gerichtete Handelsblockade, um den Warenaustausch mit Kontinentaleuropa zu verhindern und somit die Waffe des Wirtschaftskriegs zu gebrauchen.

Wirtschaftlich geschwächt durch die politischen Geschehen im Europa der damaligen Zeit zusammen mit der fortschreitenden Industrialisierung, die besonders in England sehr schnell und mit aller Macht einbrach, entwickelte sich eine neue Gesellschaftsschicht, die Arbeiterklasse, die zu diesem Zeitpunkt völlig schutz- und rechtlos war. Hohe Arbeitslosigkeit und bittere Armut waren die Kennzeichen der Zeit.

Der belgische Tuchfabrikant Thomas Moore findet in Belgien keine Existenzgrundlage mehr, da bedingt durch Napoleon nur noch verbrannte Erde übrig geblieben ist. Er entsinnt sich englischer Vorfahren und Grundbesitz und siedelt sein Unternehmen in England an. Als Fabrikbesitzer und Ausländer hat er keinen leichten Stand und muß sich wiederholt mit Maschinenstürmern auseinandersetzen. Doch umgekehrt nützt auch er die billigen Arbeitskräfte, auch von Kindern, aus.
Mit der Beschreibung von Moores Charakter beweist Charlotte Bronte bereits die Fähigkeit, eine Person nicht nur im guten oder schlechten Licht darzustellen. Thomas Moore ist entwicklungsfähig, lernfähig. Einerseits der gnadenlose Fabrikbesitzer, den das Not und Elend seiner Arbeiter nicht sonderlich nahe geht, ist er im Privatleben ein überraschend sensibler und kultivierter Mensch. Als Leser schwankt man sehr in den eigenen Empfindungen dieser zwiespältigen Figur gegenüber.

Caroline Helstone, eine entfernte Cousine, besucht Thomas Moore regelmäßig, da Thomas’ Schwester ihr die französische Sprache beibringt. Caroline ist ein hübsches, introvertiertes und sehr sensibles Mädchen und verliebt sich unglücklich in ihren Cousin. Sie kann in ihm keine romantische Zuneigung für sie entdecken, er sieht sie wohl eher als kleine Schwester. Caroline selber wächst bei Mr. Helstone, dem örtlichen Pfarrer auf, ein entfernter Verwandter wiederum von ihr. Dort bekommt sie Nahrung, Kleidung, (religiöse) Bildung, aber keinerlei Zuwendung und Liebe, da Mr. Helstone ein sehr kalter, gefühlloser Mann ist.

Und so fristet Caroline ihr Leben auf der Suche nach Liebe und Anerkennung, die sie aber bei Thomas Moore nicht zu finden scheint. Noch viel mehr sehnt sich Caroline nach einer wahren Aufgabe. Da sie keinen anderen als Thomas heiraten möchte, sieht sie ihr zukünftiges Leben als unverheiratet. Wie gesagt, keine schöne Perspektive damals... Wie gerne würde sie eine kaufmännische Ausbildung machen! Aber überall stößt sie nur auf Hohn, Spott und Unverständnis.

Doch dann tritt Shirley in ihr Leben. Shirley Keeldar ist eine Waise, aber eine reiche Waise! Sie ist Alleinerbin eines immensen Vermögens und hat dadurch die Möglichkeit, wirklich frei und unabhängig zu leben. Etwas, das man eben nur damals konnte, wenn man über großes Vermögen verfügte. Shirley, obwohl noch sehr jung, beweißt, daß eine Frau sehr wohl ein ganzes Familienunternehmen verwalten kann. Mit ihren etwa 20 Jahren verpulvert sie ihr Erbe nicht, sondern setzt sich intensiv mit den wirtschaftlichen Seiten ihres Vermögens auseinander um es zu vermehren, oder zumindest nicht zu vermindern. Heutzutage würde man sie wohl als eine „Managerin" bezeichnen.
Shirley ist das völlige Gegenteil von Caroline. Ebenfalls sehr hübsch, aber temperamentvoll, extrovertiert, schlagfertig und stark. Und wie das eben so ist, Gegensätze ziehen sich an und beide werden die besten Freundinnen und profitieren von der Andersartigkeit untereinander.

Doch dann mehren sich die Anzeichen, daß Thomas und Shirley sich immer näherkommen und Gerüchte über eine Hochzeit der beiden werden immer lauter. Für Caroline ein harter Schlag! Soll sie auf diese Weise den Mann ihres Lebens sowie ihre beste Freundin auf einmal verlieren?...

Nun dürft ihr selber weiterlesen...

FAZIT:

Zwei gesellschaftliche Mißstände werden von Charlotte Bronte neben einer herzergreifenden Liebesgeschichte angeprangert: Die Ausbeutung des Proletariats und die eingeschränkte Lebensplanung der Frau. Immer wieder führt sie uns das Elend der untersten Schicht vor Augen. Schildert manchmal auch nur am Rande die müden Kleinkinder, die an der Seite von der Frühschicht vorbeischleichen, während der große Thomas Moore die Arbeiter anschreit...
Gleichzeitig prangert sie auch die Kirche an. Die sich entweder aus ohnmächtiger Hilflosigkeit oder auch aus purem Opportunismus auf die Seite der Reichen schlägt.

Charlotte Bronte mußte es selber erleben, daß ihr als hochbegabte Frau alle Möglichkeiten auf Bildung und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben verwehrt war.
Mit der Figur von Shirley schreibt sich Charlotte ihre Sehnsucht von der Seele. Wie es wäre, wenn man so eigenständig wie Shirley sein könnte.

Mit der Figur von Caroline beschreibt sie eher ihre eigene Situation und die fast aller Frauen der damaligen Zeit. Die panische Suche nach einem Ehemann, oft die Wahl eines schlechten Mannes, denn das Los war noch immer besser als unverheiratet zu bleiben und als alte Jungfer auch gesellschaftlich auf dem Abstellgleis zu landen. Dies wird eindrucksvoll in einem Kapitel geschildert, als sich Caroline mit ihrem zukünftigen Leben als alte Jungfer auseinandersetzen will und die beiden alten Jungfern ihres Dorfes über ein paar Wochen begleitet. Zwei herzensgute Damen, ständig bemüht allen wohltätigen und karitativen Zwecken zu dienen, und doch ständig verhöhnt und belacht von der Gesellschaft...

Keine Chance auf eine Berufsausbildung außer Erzieherin und Lehrerin. Caroline ist fasziniert von Zahlen, von Wirtschaft, nicht von Kindererziehung. Sehnsüchtig bleibt sie oft länger als nötig im Büro ihres Cousins und wünscht sich so sehr, dort arbeiten zu können. Es ist nicht nur nicht möglich, es ist sogar verboten in der damaligen Zeit!

Wer nun glaubt, dies sei ein trauriges, deprimierendes Buch, den kann ich trösten: Nein! Neben allen sozialkritischen Passagen verfügt das Buch auch immer wieder über sehr viel Satire und Witz! Ein „Trio Infernal" kommt als Running Gag immer wieder im Buch vor: Die drei Hilfsgeistlichen der Gemeinde, die die Autorin meisterhaft in ihrer Rüpelhaftigkeit, Peinlichkeit und Dummheit schildert!

Wunderschön und komisch auch immer wieder die Beschreibungen von Hortense Moore, der Schwester von Thomas Moore, die mit französischem Akzent und Temperament durchs Buch fegt und sich über die Engländer mockiert!

Ein Buch, das ich seit 10 Jahren immer wieder mal lese und immer wieder große Freude daran habe! Ein schöner Schmöker für den Urlaub oder auch für lange Winterwochenenden! Wer wie ich die Romane des Englands im 19 Jahrhundert liebt ,wird auch an diesem Buch seinen Gefallen finden!


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Finetta12

Finetta12

14.02.2007 19:02

Klasse Bericht.

binebaby1981

binebaby1981

28.04.2005 09:43

Toller Bericht. Ich werde beim nächsten Besuch in der Bibliothek mal nach dem Buch suchen. LG Bine

Miss_Piper

Miss_Piper

26.01.2005 18:42

Prima Bericht, muss das Buch auch mal lesen.

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