Sich lieben / Toussaint, Jean-Philippe

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... „Sich lieben“, das klingt so poetisch, so leicht abgehoben. Aber: Poetisch, leicht abgehoben, das ist dieser kleine große Roman eigentlich gar nicht. Immerhin, in der zweiten Hälfte, da könnte es auch um „sich lieben“ in ganz egoistischem Sinn gehen. Aber poetisch wird es da immer noch nicht. Mehr? ... Bericht lesen





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Liebe Trennung
Erfahrungsbericht von dcbe über Sich lieben / Toussaint, Jean-Philippe
21. Mai 2004


Produktbewertung des Autors:   

Niveau: anspruchsvoll 
Unterhaltungswert: sehr hoch 
Spannung: ziemlich spannend 
Humor: kein Humor 
Aufmachung: sehr schön 

Pro: Eindringlich und nachhaltig
Kontra: Kann auch schmerzen

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Der erste Eindruck auf dem Cover: Eine urbane Nachtszene, halb von oben, vermutlich irgendwo in Tokyo – erinnert stark an „Lost in Translation“. Vielleicht gibt es ja auch thematische Nähe? „Lost in Translation“ ist wohl zumindest der Buchtitel. Im Original heißt das Teil „Faire l’amour“, und das deutsche „Liebe machen“ erscheint mir jedenfalls für die erste Hälfte als die korrektere Übersetzung. „Sich lieben“, das klingt so poetisch, so leicht abgehoben. Aber: Poetisch, leicht abgehoben, das ist dieser kleine große Roman eigentlich gar nicht. Immerhin, in der zweiten Hälfte, da könnte es auch um „sich lieben“ in ganz egoistischem Sinn gehen. Aber poetisch wird es da immer noch nicht.

Mehr? Vorgeschmack

Ist es normal, eine kleine Flasche Salzsäure um den Hals zu tragen? Ist es normal, den ganzen Tag zu weinen – in Gesellschaft des Partners? Ist es normal, mit der langjährigen Partnerin auf die andere Seite der Erde zu fliegen, ohne eigenes Interesse, nur um sich dort gleich am ersten Tag zu trennen (zugegeben, es ist ein langer Tag)? Vielleicht scheint manches an der Story auf den ersten Blick abseitig, konstruiert, doch eigentlich, tja, geht es um ganz unspektakulär normale Dinge...

Wer schreibt da?

Jean-Philippe Toussaint ist französisch schreibender Belgier Mitte 40, lebt hauptsächlich auf Korsika und anteilig noch in Brüssel. Seit knapp 20 Jahren ist er in der frankophonen Literaturszene eine bekannte Größe. Fast alles von ihm ist auch auf Deutsch erschienen, z.B. „Das Badezimmer“ oder „Selbstportrait in der Fremde“ (dringende Kauftipps beide). Im Herbst 2002 erscheint „Faire l’amour“ beim den sehr renommierten französischen Éditions de Miniut (das sind diese weißen Taschenbücher, von denen jeder Franzose mindestens ein halbes Dutzend irgendwo herumstehen hat).
Toussaint ist bekannt für seinen sehr reduzierten Stil, lakonisch, auf männliche Wahrnehmung gestützt. Oft ist er bei aller scheinbaren Spröde aber doch intensiv und zumeist leicht ironisch. Ich schätze diese Art des Schreibens sehr, um mal einen Vergleich zu wagen: Der Bursche schreibt so ähnlich, wie ein Manzanilla-Sherry schmeckt: Trocken, hell, anfangs leicht, und doch mit viel Gehalt und leicht salzigem Abgang.
Mit „Faire l’Amour“ geht er allerdings aus seiner gewohnten abgründigen Leichtigkeit heraus – in deutlich dunklere Gefilde.

Na denn, zur Story

Gegenwart. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler begleitet seine Freundin Marie nach Tokyo. Beide sind so um die Vierzig, sie ist Künstlerin und Modedesignerin, in Tokyo wird sie eine Ausstellung zu ihren Ehren gestalten und eröffnen. Seit sieben Jahren sind die beiden zusammen, gefangen im Jetlag werden sie den ersten Tag und die erste Nacht in Tokyo erleben. Dort ist es kalt und regnerisch. Marie weint, viel.
Die Nacht im teuren Hotel wird schlaflos bleiben, von nicht vollendeten Annäherungen geprägt. Irgendwann in den frühen Morgenstunden werden die beiden zu dünn bekleidet durch den Schneeregen irren, ein kleines Erdbeben wird noch einen letzten „Liebes“akt unter einer Brücke provozieren – doch er hat Schluss gemacht.
Der nächste Morgen ist nur zwei Stunden entfernt, und eine erste Besichtigung der Ausstellungshalle steht auf dem Programm. Der Erzähler flüchtet schon nach kurzer Zeit, während Marie sich auf die Räumlichkeiten zu konzentrieren beginnt. Er flüchtet weit, aus Tokyo, nach Kyoto. Dort war das Paar mal vor Jahren, und ein alter Freund wohnt immer noch da.
Der nimmt ihn auch auf, am Abend wird noch ein Fax in ihr Hotel gesandt: „Warte nicht auf mich“. Einige Tage werden vergehen, geprägt von Schlaf und heftiger Erkältung. Irgendwann wird er halbwegs genesen durch Kyoto wandern, und sie im Hotel anrufen. Das Gespräch hat starke Sogwirkung und abrupt bricht er wieder nach Tokyo auf, abends ist Ankunft, doch Marie ist nicht im Hotel.
Er wird sich Zugang zur nächtens geschlossenen Ausstellung verschaffen. Die ist mittlerweile aufgebaut, noch nicht eröffnet. Vom Wachpersonal vertrieben flüchtet er in den Park vor der Ausstellungshalle, leert die bislang stets mitgeführte kleine Flasche Salzsäure auf den Boden, eine kleine Blume findet ein schnelles Ende.
Ende.

Worum es geht

Der gute Toussaint stellt eine ganz einfache These auf. Der aktive Teil dieser Trennung, die eigentliche Hauptperson, der Erzähler, ja der egoistische Hund, der die attraktive und ihn liebende Frau verläßt – der leidet letztlich mehr. Es fällt ihm irrsinnig schwer, die Trennung wirklich zu vollziehen, seine Flucht nach Kyoto ist Selbstkasteiung, sein Taumeln ist bei aller vordergründigen Gefühlskälte vor allem eins: Sauschwer und schmerzhaft. Sie kann sich in eine Aufgabe flüchten, ihm bleibt kleines und bitteres Leiden. Ziemlich traurig, diese kalte kleine Geschichte. Und ziemlich groß!

Wer sollte das lesen?

Eigentlich ist es ja ganz einfach. Die Sprache ist nicht kompliziert, die Sätze kurz. 150 knapp bedruckte Seiten, das Teil lässt sich schnell lesen. Vordergründig.
Für Entspanner, Unterhaltungssucher und Realitätsflüchter ist es allerdings gänzlich ungeeignet. Es spielt zwar in Tokyo, doch dieses kalte regnerische Tokyo ist kein bißchen exotisch oder fremd. Es geht zwar um Liebe, doch „Romantik“ gibt es hier wohl kaum. Dies ist ein Buch für Leute,
- die schon ein bisserl gelebt haben,
- die beim Lesen nicht „abschalten“ wollen,
- die Interesse an realen Figuren haben,
- nicht vor Nachdenklichkeit zurückschrecken,
- sich auch mal lesend mit weniger angenehmen Themen beschäftigen können.

Für solche Leute, die dann auch noch den ökonomisch trockenen Stil Toussaints gut vertragen können, für die ist „Faire l’Amour“ eine zutiefst bewegende und ziemlich großartige Lektüre. Klar, ich habe mich selbst in so mancher Szene wiedergefunden, und das prägt natürlich das Urteil auch ein wenig mit. Für mich ganz persönlich kommt das Buch locker auf fünf Sterne – doch eingedenk der Community nehme ich mal ein Sternchen raus.

Solltest Du Dich von den Hinweisen jedoch nicht abgeschreckt, sondern vielleicht sogar angezogen fühlen: Das ist das bisher beste Buch eines ohnehin schon brillianten Autors – mit Abstand. Es ist ordentlich übersetzt, ein wenig zu altväterlich manchmal, aber durchaus in Ordnung. Eine Entdeckungsreise wert...
 

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