Se7en
08.01.2005
Pro:
alles
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:
mehr
 JerryMaguire
Über sich:
Mitglied seit:01.08.2002
Erfahrungsberichte:183
Vertrauende:38
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 115 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Konventionell ist „Se7en“ nicht wirklich, und wenn, dann nur bezüglich der Tatsache, dass auch in diesem Film von David Fincher eine kunstvoll inszenierte Einleitung den Beginn dieses stilbildend photographierten Thrillers markiert, um den sich im Finale eine artifizielle Klammer legt, die Ton und Bild, Anfang und Ende, Inhalt und Intention, kohärent, elegant und bisweilen brillant miteinander verschmelzen lassen. Konzeptionell verfolgt das Werk der mordlüsternen Spur seines Serienmörders, denn in erster Linie ist dies eine Geschichte mit kriminalistischem Hintergrund, inmitten der unpersönlichen Düsternis einer industrialisierten Großstadt, mit all ihrem Dreck und Schmutz, menschlichem Abfall und sozialer Isolation, ein Schmelztiegel der Verrottung und Verwahrlosung, umgeben von Apathie. Es sind die Bilder, die den Reiz ausmachen. Finchers exzeptionelles Verständnis für Farben und Formen macht aus abstraktem Gekritzel eines mordenden Soziopathen so etwas wie groteske Kunst, erschafft scheinbar mehrere Versionen von Dunkelheit, verschiedene Arten Regens, irgendwo in diesem kafkaesk angehauchten Mikrokosmos, der kaum einengender sein könnte. Nicht nur das visuell spektakuläre und vielfach kopierte Intro beeindruckt in seiner kunstvollen Virtuosität, nein, es ist der Film als solcher, der funktioniert und bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet wirkt. Von Grund auf hintergründig, weniger um den plastischen Thrill besorgt als um die Positionierung einer photographisch einmaligen Umwelt. Hinter dieser kühlen Fassade, die eine marode und vor Verwesung triefende Gesellschaft porträtiert, befindet sich mehr als das kriminalistische Katz-und-Maus-Spiel, der ein oder andere mag gar eine tiefgreifende Zivilisationskritik in Finchers Werk erkennen.
Die Art wie seine Figuren sprechen, wie sie agieren, welchen Problemen sich sowohl Gut als auch Böse ausgesetzt sehen, dies alles geschieht in einer scheinbar prä-apokalyptischen Gegenwart, »die Hölle auf Erden« wenn man so will, doch es ist kein psychedelisches Farbenmeer à la Scorsese, dessen Präsenz eine Welt am Rande des Wahnsinns skizziert, sondern ein gräuliches Grau, gepaart mit Braun und Schwarz, getränkt in Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, gar Resignation. Einer, der nun schon zu lange in dieser unwirtlichen und nicht länger lebenswerten Wirklichkeit seine Existenz fristet ist Detective William Somerset (Morgan Freeman), altgedienter Mordermittler und auf seine Art ausgebrannt, kurz vor der Kapitulation. Somerset ist narratives Zentrum und Spiegelbild des Fincher-Universums zugleich. Einsam und doch nicht allein, kühl, aber nicht emotionslos, präzise, ohne penibel zu sein. Es sind nicht die Morde, nicht der Beruf, nicht die Menschen allein, die zur unerträglichen Realität des Polizisten beitragen, es ist die Stadt als solche, sein Leben als ganzes, die Gesellschaft um ihn herum, deren Abartigkeit sich ständig pervertiert, aber vielleicht ist es auch nur die hoffnungslose Normalität, der sich Somerset erst jetzt, sieben Tage vor seiner Pensionierung bewusst wird. Doch Fincher stellt ihm eine Figur zur Seite, einen Partner, Detective David Mills (Brad Pitt), aufstrebender, ehrgeiziger und hitzköpfiger Nachfolger von Somerset, den er innerhalb einer Woche ersetzen soll. Die tiefe Diskrepanz zwischen beiden Charakteren, ihre gegensätzlichen Lebensentwürfe und Erwartungen, die einerseits unerfüllt bleiben, andererseits noch nach Erfüllung streben, lassen alt und jung aufeinanderprallen, beschreiben sie jedoch ihre Stärken und Schwächen, die sich im furiosen Ende offenbaren. So treffen sich Lehrer und Schüler – denn gleichberechtigte Partner sind sie noch längst nicht – am Tatort eines Gewaltverbrechens, ein Szenario, das beiden unlängst bekannt ist. Eine bizarre Serie von Morden bringt beide auf eine gemeinsame Spur, die auf einen religiös motivierten, intelligenten und geduldigen Täter hinweist, jemand, dessen letale Perfektion sich in den wohl abartigsten und vor allem einfallsreichsten Serienmorden der Filmgeschichte wiederspiegelt. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den mittelalterlichen sieben Todsünden - prägend beschrieben von Anselm von Canterburry - Maßlosigkeit, Habsucht, Trägheit, Wollust, Hochmut, Neid und Zorn und den Gewaltverbrechen des psychopathischen John Doe ist leicht herzustellen, doch das gerissene Spiel des selbsternannten Messias können die zwei Ermittler nicht stoppen, denn was sie nur erahnen: Sie selbst sind Teil des Spiels.
David Fincher vereint seine ambitionierte Stilistik mit einem schlicht und ergreifend fesselnden Plot, der nicht nur auf überraschende Momente fokussiert ist, sondern durch seine Stringenz selbst fasziniert. Die Inszenierung als solche hat etwas altertümliches, ist nicht veraltet, aber seltsam antik. Jene Welt in der sich Fincher bewegt scheint einer komplexen Mischung verschiedener Epochen gleichzukommen, denn auf bizarre Art und Weise vermischt sich amerikanische Klassik der 30er mit mittelalterlichem Katholizismus und obendrein erinnert vieles an Motive aus Ridley Scotts Zukunftsvision „Blade Runner“. Der Stilmix gelingt, die Etablierung einer parallelen Filmwelt erweist sich als dankbares Instrument, um Se7en den Hauch von Mystik und Unberechenbarkeit zu verleihen, den die brillant erzählte Geschichte benötigt. Nicht umsonst erklingt Bachs „Air“ inmitten der Handlung, die sich einem ständigen Bruch mit den Erwartungen und konterkarierenden Fixpunkten verschreibt. Zu den besten Vertretern seines Genres zählt Finchers Werk ohnehin, denn neben all den technischen Finessen, virtuosen Solis und markanten Filmminuten, baut die Geschichte auf solidem Grund und kann sich überdies einer exquisiten Darstellerschar versichern. Es kommt nicht nur auf das Ende an, scheint Fincher sagen zu wollen, doch das Ende, welches er gewählt hat, vervollständigt nicht nur »John Does Meisterwerk«.
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10.05.2006 17:49
"Es kommt nicht nur auf das Ende an, scheint Fincher sagen zu wollen, doch das Ende, welches er gewählt hat, vervollständigt nicht nur »John Does Meisterwerk«." Nein, es macht es zu diesem. Das Ende ist der, wenn auch traurige, Höhepunkt. Ich verbeuge mich angesichts dieser Analyse tief vor dem Autor. LGB
28.04.2005 09:22
Seven ist einer meiner "Lieblingsthriller" - gut beschrieben. LG Julchen
16.03.2005 09:48
Klasse Bericht zu einen der wenigen Thriller, die ich mehrmals ansehen kann. LG anke