Silvester

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..und doch ist es kein Tag wie jeder andere

5  01.01.2006

Pro:
Zeit kann man nicht aufhalten .  .  .  . nur  leben

Kontra:
Zeit ist das Endgültigste des Lebens

Empfehlenswert: Ja 

rotesHaaruebergruenenAugen

Über sich: wieder aufgetaucht, nie richtig weg gewesen, viel erlebt, glücklich geblieben und geworden

Mitglied seit:01.05.2002

Erfahrungsberichte:4

Vertrauende:6

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 67 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Es ist Morgen und es ist der erste Morgen des neuen Jahres. Ab heute werde ich, wie jedes Jahr, erst einmal einige Tage das Datum ändern müssen, weil ich mich nicht so abrupt an die neue Jahresangabe gewöhnen kann.

Ich sitze beim ersten Kaffee des neuen Jahres und schaue aus dem Fenster auf den nahen Wald. Der Schnee hat sich verabschiedet, nur kleine weiße Flecken erinnern an die vergangene Pracht, die ich mit Mühe und ungern von meinen Parkplätzen entfernte und die gleichermaßen barmherzig alles verdeckten, was der Herbst mir auf die Rasenflächen warf.

Es ist eine unglaubliche Ruhe. Die Menschen liegen wahrscheinlich noch nach durchzechter und befeierter Nacht in ihren Betten und schlafen sich in den ersten Tag des Jahres.

Rückblende:

Ich muss bei 2004 beginnen, um den Weg ins 2006 zu beschreiben.
Nach einigen wundervollen Jahren in meiner Beziehung hatte ich mich getrennt und war in weiser Voraussicht, dass Silvester nicht gerade zu den Höhenpunkten des Jahres zu zählen sein wird, kurz vorher in die Klinik gegangen und hatte mich einer längst geplanten Operation unterzogen. So lag ich also in Schmerzen gekrümmt und emotional recht unstabil in den Kissen, als die Uhren zeigten, dass 2005 begann. Es war wie eine Selbsthilfe für mich allein sein zu dürfen und hatte mich einige Erklärungen gekostet, dass sich niemand von meinen Freunden und Bekannten zur "Pflege" einstellte. Die Trennung hatte ich weitgehend verarbeitet, doch Silvester und andere Tage sind eben die Zeit, da Resümee gezogen wird, völlig unabhängig, ob man das will oder nicht.

Im Februar 2005 stellte ich für mich fest, dass ich wieder auf meinen inneren Füssen stand und meine Trauerzeit abgearbeitet war. Dabei hatte mir das Jahresende sehr gut geholfen.

Als der kalendarische Herbst 2005 anbrach, wurde ich von Freunden, Familie, Bekannten gelegentlich gefragt, was ich wohl zum Jahresende plane und ob man sich nicht treffen könne zum gemeinsamen Feiern. Ich bin gern unter Menschen, habe gern Gesellschaft und kann diese auch sehr gut bieten. Doch immer, wenn ich mit dieser Frage konfrontiert wurde, war sie für mich überraschend, weil in mir das Jahresende noch gar nicht programmiert war. Irgendwie fand ich keinen Bezug dazu, dass dieses Jahr schon wieder enden sollte.

In stillen Stunden fragte ich mich, ob ich etwas noch nicht erledigt habe, ob ich etwas suche, was in diesem Jahr verborgen ist, ob ich die Jahre nicht gern zähle, weil sie auch in meiner Lebensuhr ticken, die " Einschüsse immer näher kommen".
Doch ich antwortete freien Geistes immer mit:" Nein, dies ist es nicht."

Nun gehöre ich nicht zu der Gruppe von Menschen, die sich ständig unter Selbstanalyse stellen, sondern bin recht fließend in meinen Erkenntnissen. Aus diesem Grund legte ich auch keine besondere Bedeutung in diese Überlegungen.

Aufmerksam wurde ich erst, als ab November die Einladungen zu Weihnachts- und Silvesterfeiern konkret wurden.
Ich hatte einfach keine Lust auf Gesellschaft. Es war mir unmöglich, mir vorzustellen, dass ich das Jahresende im Trubel vieler Menschen verbringe.

Überraschend stellte ich fest, dass meine Absagen, egal wie sie formuliert waren, einfach nicht verstanden wurden. Immer wieder wurde ich ausgefragt wohin ich denn gehen werde oder ob ich selbst eine Party gebe.

" Ich möchte gern allein sein", war die wohl unglaubwürdigste Aussage, die ich machen konnte. Da ich aber auch nicht lügen lernen will, blieb ich bei der Wahrheit und erntete Besorgnis, gegen die ich fast keine Argumente hatte.

Manchmal wurde ich sogar ärgerlich und ungeduldig, denn diese ewigen Nachfragen, was denn mit mir los sei und ob ich immer noch traure, konnte ich nur mit einem klaren "Nein" beantworten. " Ich möchte einfach nur gern allein sein", verstand meine Umwelt nicht.

Meine Freundin fragte nur einmal und akzeptierte meinen Willen. Das zeigte mir, dass sie eben meine Freundin ist.

Wieder zurück:

Alle Telefone auf lautlos, die Mailfächer auf Abwesenheit geschaltet, die Klingel abgestellt, freute ich mich auf die Stille der Zeit. Leise Musik von einer CD, damit mich dieser Jubeltrubel nicht doch noch erreicht, habe ich die Nacht wunderbar erlebt.

Und doch ist es nicht eine Nacht wie andere Nächte gewesen, sondern dieser kleine leise Spaziergang durch die eigene Zeit, die vergangen ist und das bewusste Anschauen meines Lebens, gelebtes Leben.
Viele Situationen der vergangenen Monate konnte ich mir auf diese Weise noch einmal anschauen. Ich fand mich lachend, besinnlich, nachdenklich und froh wieder und fühle mich frei, glücklich und ohne Lücken. Alles, was ich erleben durfte, habe ich gelebt. Alles, was mir begegnete habe ich angenommen und mich damit auseinander gesetzt.

Mir sind Menschen begegnet an den Kreuzungen des Lebens, mit denen ich für den Augenblick der auf Rot geschalteten symbolischen Ampel gemeinsame Momente erlebte und die ich bei Grün wieder aus den Augen verlor, weil jeder in seine Richtung weiterging. Und ich traf Menschen , mit denen ich einen gemeinsamen Weg gefunden habe, wie weit er auch immer führt.

Es gab Tod auf meinem Lebensweg und ich musste Abschied nehmen. Es gab Tränen der Freuden und des Leids. Es klingt wie Pathos, wenn jemand sagt: " Ich bereue nichts".
Es klingt wie nachträgliche Legitimierung, wenn jemand behauptet: " Ich würde alles wieder so machen".

Heute am Morgen saß ich hier und wusste, ich bereue nichts, würde aber manches anders machen können, weil ich jetzt mehr weiß, als vorher.

Eine Entscheidung aber würde ich unbesehen wieder so treffen:

Silvester 2005 allein zu bleiben.

Ich war keinen Moment einsam und als ich heute Morgen auf mein Handy schaute fand ich unzählige SMS und Nachrichten in meiner Voicebox. Mein Mailfach ist gefüllt mit Grüssen und guten Wünschen und besorgten Nachfragen, ob ich nicht doch noch schnell vorbeischauen möchte. Ich fand Angebote anrufen zu können, wenn ich einsam bin.

Ich glaube, ich muss mir die "Liste" meine Freunde und Bekannten noch einmal genau anschauen. Wo beginnt berechtigte Sorge und wo endet die Akzeptanz des freien Willens eines Menschen?

Aber dazu habe ich nun Zeit, denn ich bin frei und froh im neuen Jahr angekommen.

Herzlich Willkommen!


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
biene1987

biene1987

21.07.2006 15:01

schöner bericht.. ich denke. es zeugt auch von stärke, seinem eigenen Willen nachzukommen und sich nicht doch von "freunden" überreden zu lassen.. LG cathi

STYXX

STYXX

07.02.2006 02:50

Wenn auch spät und erst jetzt im Februar....Willkommen in 2006....Dein Bericht hat mich sehr angesprochen. Und ich freue mich für Dich, wenn es Dir gut geht. VlG....Jürgen....

Angela1

Angela1

29.01.2006 17:38

Super schönes 2006 mit vielen neuen Erfahrungen und vor allem Gesundheit wünsche ich Dir! glg angela

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