"Karl May war schwul."( - ??) - Nun ja...
14.11.2002
Pro:
wunderbar leichter und witziger Schreibstil, ungewöhnliche Gedankengänge und Analysemethoden
Kontra:
teils abstruse Ergebnisse, Hauptthese des Buches ist nur in Grenzen überzeugend
Empfehlenswert:
Ja
 sp_66
Über sich:
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Arno Schmidt, der berühmte, geliebte und gehasste Nachkriegsautor, hat abgesehen von seinen Romanen sich Zeit seines Lebens auch als Literaturhistoriker gesehen und sich viel mit anderen (v.a. verstorbenen) Autoren auseinandergesetzt. So entstanden zahlreiche Essays über zumeist unbekanntere und halbvergessene Autoren des 19.Jahrhunderts im Rahmen seiner Betätigung beim Rundfunknachtprogramm ab Juli 1955. (z.B. Wieland, Karl Philipp Moritz, Brockes...) Mit zwei Autoren hat sich Arno Schmidt zudem so sehr auseinandergesetzt, dass er jeweils eine Biographie verfasste: 1955: "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen", nach 25 Jahren Arbeit!1963: "Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk und Wirkung Karl Mays." Während Friedrich de la Motte-Fouqué (1777-1843) ("Undine") wohl kaum jemandem ein Begriff sein dürfte (mir auch nicht – noch nicht!) hat von Karl May wohl jeder zumindest Winnetou, Der Schut, Schatz im Silbersee, Old Surehand,...oder ein anderes bekannteres Buch gelesen. Schmidts Ergebnis: "Karl May war schwul": ******************************************
Vorweg möchte ich schon mal Schmidts Hauptergebnis bei seiner May-Studie präsentieren: Er attestiert ihm eine latente Homosexualität, die er in seinem Werk durch Textanalyse und einen starken Bezug zu Mays Lebenslauf zu manifestieren sucht.Wie kommt Arno Schmidt zu solch einem Ergebnis? 1. Personenbeschreibungen '''''''''''''''''''Zu allererst geht Arno Schmidt auf die Gestalt Winnetous ein. Anhand von Zitaten vor allem aus den drei Winnetoubänden, Weihnacht und Surehand, in denen die körperliche Gestalt Winnetous beschrieben wird, setzt sich ein gelinde gesagt zweideutiges Bild zusammen: ((Anmerkung: Die an dieser Stelle genannten Seitenzahlen stimmen nicht mit der heutzutage am weitesten verbreiteten Bamberger Ausgabe überein: Schmidt verwendete ältere Orginalausgaben, da der Karl-May-Verlag sämtliche Manuskripte Mays teilweise sehr stark überarbeitete und veränderte! Dieser Tatbestand war Arno Schmidt ein Dorn im Auge, er wettert an vielen Stellen gegen die "Bamberger" und beruft sich ausschließlich auf alte Ausgaben. Dadurch lassen sich die zitierten Textpassagen leider nur schwer auffinden und nachvollziehen – die Mühe habe ich mir nur selten gemacht...))W ist eine "fehlerlose männliche Schönheit", "herrliches blauschimmerndes Haar", "dunkle sammetartige Augen, in denen die ganze Welt der Liebe liegen konnte", mit "halbvollen, ich möchte sagen, küsslichen Lippen",...und so weiter: Die Richtung ist jetzt denke ich klar. Jedem Karl May Leser wird wohl schon aufgefallen sein, dass W wahrhaftig der beste edelste und vollkommenste Mensch auf Erden ist, Schmidt sagt jedoch (man beachte die Interpunktion):"...wenn Ihnen ein Bekannter, oder Junge, von seinem >Freunde< in Wendungen der obigen Art vorschwärmte, was würden Sie dann denken? - - : ! ? ! - - :Sehr richtig ; einverstanden..." Zu diesem Zeitpunkt mag man denken, dass dies allein die Phantasie Arno Schmidts sei, die Winnetou und Old Shatterhand als ein durch den Wilden Westen reitendes Schwulenpärchen interpretiert. Aber es geht noch weiter...2. Landschaftsbeschreibungen '''''''''''''''''''''' Einen wichtigen Punkt stellen die Landschaftsbeschreibungen in Mays Büchern dar. Wenn man sich darauf konzentriert, wird man feststellen, dass sich die Lokalitäten einander häufig sehr ähneln: Im Prinzip spielen fast alle Bände an sich sehr stark ähnelnden Orten; diese stellen laut Schmidt Sexualsymbole (S-Symbole) dar.Karl Mays Landschaften, insbesondere der Wilde Westen, stellen keine naiv aufgefassten abenteuerlichen bunten Gegenden dar, sondern: "Eine Welt aus Hintern erbaut! - : Hintern als Felsenkessel ; Hintern als Tälchen ; Hintern als Höhlen und schlimme Klüfte ; Riesenbäume lümmeln phallisch an liebreizenden Leibritzen ; und hoch über allem kreist nachtdiebisch die Scheibe eines Hintern als Gestirn -..."Arno Schmidt sieht Karl Mays Unterbewusstsein von Hintern beherrscht (nicht das Bewusstsein: sämtliche Andeutungen hat Karl May nicht bewusst geschrieben!) und diese tauchen in den Landschaftsszenarien immer wieder aus, insbesondere in der Gestalt von Tälern, in denen W und OS beinahe ständig hineinreiten... An dieser Stelle sei auch "Sitara" erwähnt: Für alle Nichtexperten (einschließlich mir selbst): Dies ist der Name eines utopischen Gestirns aus Karl Mays Spätwerk ("Ardistan und Dschinnistan") – Die Landmasse sieht folgendermaßen aus: Auf der einen Seite das edle Ardistan mit Marah Durimeh, einer alten Frau, die das Pendant zu Winnetou darstellt, auf der anderen Seite das niedere Dschinnistan. In der Mitte dazwischen Märdistan (Etym: frz. merde...) mit einem dunklen Wald von Kulub, im Zentrum dessen die Geisterschmiede (aus Karl Mays einzigem Theaterstück "Babel und Bibel"...). Mit einem Schuss Fantasie stellt Sitara somit einen überdimensionalen Riesenhintern dar: Arno Schmidt hatte reichliche Fantasie...Als Ergänzung sei noch der Hinweis auf einzeln aufragende Riesenkakteen, Wasserfontänen, Bächen die in Felsspalten verschwinden, usw... gegeben. 3. Bezug zu Mays Biographie: ''''''''''''''''''''''''''''Eine starke Betonung liegt bei Arno Schmidt auf der Biographie Karl Mays, die sein Werk stark beeinflusst hätte. Es fängt an mit kleinen, einleuchtenden Fakten: Karl Mays Vorliebe für Geräuchertes und Zigarren (an sehr schönen Plätzen ist in den Büchern beides vorhanden!) Karl May verbrachte 7 Jahre im Gefängnis namens "Waldheim" und nachweislich tauchen in den Büchern übermäßig viele Worte auf, die die Silben "Wald" und "heim" (geheimnisvoll, heimlich..). Dass der prägende Gefängnisaufenthalt sich so immer wieder einschleicht, finde ich durchaus einleuchtend, Arno Schmidt geht jedoch zusätzlich davon aus, dass Karl May im Gefängnis seine sexuellen Neigungen vollends entdeckte und auslebte. Die sich daraus entwickelnden Schuldgefühle führten Zeit seines Lebens zu einer unterdrückten und latenten Homosexualität und einer Fixierung auf den "Po", was unterbewusst in seinen Werken versteckt ist.Interessant ist zudem, dass die Figur des W in Waldheim entwickelt und ausgedacht wurde – eine Wunschprojektion Schmidts sozusagen. Die zwei späteren Ehen Mays lässt Schmidt nur eingeschränkt gelten, da diese nur zeitweise funktionierten. Wertung Karl Mays durch Arno Schmidt: *************************************
Warum hat sich A.Schmidt eigentlich mit Karl May beschäftigt, wo er doch feststellt, er sei "literarisch nicht ernstzunehmen" und er seine Abenteuerromane folgendermaßen charakterisiert:"...Rohe, eilfertige Erfindungen: aus Arabien oder Wildwest; wer also zwei kennt, kennt alle; ...ein Vielschreiber (an anderen Stellen: lachhafte stilistische Künste, armseliger Wortschatz, usw...) Insgesamt lässt Arno Schmidt von Karl May gerade einmal 2 Spätwerke übrig, die er für hohe Literatur erachtet: "Ardistan und Dschinnistan" (aus eben jener Welt namens Sitara) und Band 3 und 4 von "Im Reiche des silbernen Löwen" Ob es sich dabei wirklich um Mays beste Bücher handelt, werde ich im Moment aber nicht nachprüfen (ich habe genug anderes zu lesen!), somit sei diese Behauptung in den Raum gestellt...Auf der letzten Seite finden wir dann letzten Endes Schmidts Bekenntnis: "...weil ich ja schließlich, mit 12-14, auch mal May-Fan der üblich-einfältigen Sorte war,..."Der Bezug zu Karl May ist für Schmidt somit ein emotionaler, er war früher einer seiner Lieblingsschriftsteller. Diese Analyse gleicht jedoch weniger einer Huldigung vielmehr einer Abrechnung, in der sich Schmidt auch von seinem Idol zu distanzieren sucht: Auf der einen Seite der schlampige Vielschreiber, auf der anderen Seite der niveauvolle und gründliche Schmidt, so wie er sich gerne selbst sah. Lesemodelle: ***********
Arno Schmidt legte dem Textverständnis 4 Lesemodelle zugrunde:- Lesemodell I : Die oberflächliche Abenteuergeschichte, also dass was man als Normalleser mitbekommt.
- Lesemodell II: Die aus dem Unterbewusstsein kommende Sexualsymbolik
- Lesemodell III: Der Bezug zur Autobiographie Karl Mays
- Lesemodell IV: Das Mystische und Religiöse, das vor allem im Spätwerk verstärkt auftritt.
Den immer noch anwährende und zeitlose Erfolg Karl Mays (weit über 100Mio. Verkaufte Bücher), der Arno Schmidt als Nicht-Massenautor spürbar beschäftigte, erklärt er folgendermaßen: Das von May beim Schreiben unbewusst hineingemogelte Lesemodell II wird vom Leser decodiert und vom Unterbewusstsein empfangen – daher der Erfolg trotz Plattheit der Charaktere, Wiederholungen, Einfallslosigkeit und Schwarz-Weiss-Malerei.Deshalb sei auch Mays Spätwerk vor allem bei jüngeren pupertären Lesern nicht so beliebt wie seine Abenteuerromane...Ob dies alles so stimmt, wage ich sehr zu bezweifeln, doch dazu später mehr. Bewertung von Schmidts Theorie: ******************************* Ich muss ganz klar sagen, überzeugt hat mich Arno Schmidts These nicht: Er ist einfach zu stark einerseits auf Mays Lebenslauf fixiert und liest auf der anderen Seite sexuelle Anspielungen in Textpassagen hinein, auf die weder mein Bewusstsein, noch mein Unterbewusstsein jemals gekommen wären. Vor allem seine Etymtheorie, das heisst das unterbewusste Vermischen und Verwechseln von ähnlich klingenden Worten (Märdistan: frz.merde; "po" als häufige Silbe) ist meines Erachtens nach nur begrenzt aussagekräftig, da sie an vielen Stellen nicht die Assoziationen des Autors, sondern lediglich des Interpreten wiedergibt. Zum Beispiel:Possen: > Po-Szenen < Gefäße: >Gesäße < Bad-lands: > Bett+Lende < Aber auch an vielen anderen Stellen setzten Schmidts Wortzer/verlegungen außer umfangreichen Englisch-und Lateinkenntnissen auch noch Spanisch und Französisch voraus. Und das bei May, der wahrhaft kein Sprachgenie war!Außer seiner Etymtheorie, die er vor allem in "Zettels Traum" anhand von Poe bis zur Unendlichkeit zelebrieren wird, ist die starke Fixierung auf Freud spürbar: Arno Schmidt beschäftigte sich stark mit Psychoanalyse und Freudscher Traumdeutung – und interpretiert dementsprechend auch bei May kräftig herum. (Großmutterkomplex, Symbolhafte Bedeutung von Gewehr, Pistole, Reiten, Treppensteigen,...) Er folgt somit der psychoanalytischen Werkinterpretation, die Freud selbst schon durchgeführt hatte. ("Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva', 1907: Studie zu einer Novelle von Wilhelm Jensens...)Als Allgemeingültig sollte man es jedoch Freud dann doch nicht auffassen, wie es Schmidt tut. Man muss jedoch als Leistung Schmidts hinzufügen, dass sein Buch der erste ernsthafte Versuch einer angemessenen Karl May-Analyse ist. Mit seinem vieldiskutierten Standardwerk setzt die ernstzunehmende May-Besprechung in der Literatur eigentlich erst ein: Und das ist ja schon ein großer Verdienst! Schmidt in Hochform: ********************
Ganz abgesehen von der durchaus zweifelhaften Textanalyse ist eines nicht zu bezweifeln: Sitara ist sprachlich gesehen einfach köstlich! Nach langer Zeit unbelastet von allzu großen finanziellen Sorgen ging Schmidt seine Arbeit gelassen und, im Gegensatz zu späteren Werken, entspannt an, man möchte fast sagen übermütig und man spärt an vielen Stellen seinen Humor."...Ehe ich auf >die Roten< allgemeiner eingehe -...ebenso wortkarge wie schöne Häuptlingsfreunde – nur ewig schade, dass sich der Wortschatz der Leutchen meist auf >Uff< beschränkt ; (gewiss, ...auch der Schwabe vermag mit >Ha no?!< sämtliche Gefühlsregungen ausdrücken ; aber für einen vor der Schreibmaschine ergrauten Wortmetz wie mich...werden Unterhaltungen auf so knapper Basis sehr bald&weitgehend uninteressant )..." Schmidt bezeichnet sich selbst auf der letzten Seite als "einen ausgesprochenen Klarglas-Witzbold", dessen Arbeit "periodisch zu einer humoristischen wurde". Und genau das ist es, was dieses Buch so schön zu lesen macht: Herrlich ironisch=böse Passagen, Wortspiele, selbstironische Betrachtungen, vorgetragen mit Lässigkeit und merkbarer Schreiblust.Stilistisch gesehen ist das Buch leicht zu lesen, Schmidt für jedermann, gewiss in seiner ihm eigentümlichen Klangfärbung doch man merkt deutlich, dass der Anspruch dieses Buches im Prinzip ein wissenschaftlicher ist, dadurch bedingt: allgemeine Verständlichkeit! Fazit: ***** Zusammenfassend lässt sich folgendes feststellen: 100%-überzeugt bin ich von Arno Schmidts Beweisführung nicht, dies wird angesichts doch teilweise wagemutiger Interpretationen und Assoziationen wohl kaum jemand sein. Doch angesichts der Fülle von Beweisen und Halbbeweisen und Indizien ist der Eindruck schwer wieder loszubekommen, dass an Mays latenter Homosexualität doch was dran ist.Auch wenn ein schwuler Winnetou(ch) in Zeiten von "Schuh des Manitu" wohl kaum jemanden mehr schocken wird, wie es bei Erscheinen des Buches in den 60ern durchaus der Fall war, so ist die Studie dennoch immer noch hochinteressant! Sie war übrigens auch Schmidt erster "Verkaufsschlager" angesichts magerer Auflagenzahlen: In etwa vierfache Verkaufszahlen in den ersten Monaten, worüber der stets auf Anerkennung hoffende Schmidt sehr erfreut war. - Eingefleischte Karl May-Fans jedoch weniger, noch heute ist Arno Schmidt für sie oft ein rotes Tuch!Wenn man also auch nicht alles in diesem Buch zu ernst nehmen sollte, unbedarft und unkritisch wird man keinen Karl May mehr zur Hand nehmen! Übrig bleibt einer amüsante, unbeschwerte und brilliante Lektüre (trotz einiger Längen und stellenweise veralteten Aussagen v.a. bez. Auflagen und Ausgaben) Ausgaben: ********** Gebunden ist Sitara bei Suhrkamp (ISBN 3518800426) für läppische 128,00€ erschienen. Wer verständlicherweise nicht so viel Geld erübrigen möchte, darf gerne auf die Taschenbuchausgabe des Fischer-Verlags zurückgreifen (ISBN 3596137977), die 9,45€ kostet. P.S. Wer jetzt endgültigt neugierig auf Arno Schmidt geworden ist, der sei einerseits auf meine Berichte über "Leviathan", "Seelandschaft mit Pocahontas", "Stürenburggeschichten" verwiesen. Außerdem auf meinen nächsten Bericht, der sich mit der Biographie Schmidts beschäftigen wird...
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19.02.2003 18:39
Als "eingefleischter Karl-May-Fan" war ich doch sehr gespannt, was ich hier zu lesen bekommen würde. Alle Achtung! Ein sehr gut lesbarer Bericht, der verständlich in die komplizierte Thematik einführt. Tatsachen (bezl.May, Bedeutung der Studie für die Forschung) werden zutreffend wiedergegeben. In puncto Bewertung des Buches kann man sich dem Bericht sehr gut anschließen! Gruß Pegasos
10.12.2002 18:38
Ob er schwul war oder nicht ist mir egal, mit 12 -15 habe ich seine Werke verschlungen! Gruß Peter
07.12.2002 01:28
@Einleitung: "und, vor allem, weitgehend ignorierte"