Der kopfloseste Horrorfilm aller Zeiten
21.07.2001
Pro:
Dichte Atmosphäre, wirklich schaurig
Kontra:
Geradliniges und unspektakuläres Ende
Empfehlenswert:
Ja
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 143 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Sieh ihn Dir nur an, wenn Du Dich traust. Aber sage hinterher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt... ’Sleepy Hollow’ ist nicht irgendein Horrorschinken, nein, er ist von Tim Burton, einem Meister des skurrilen Films, auf Zelluloid gebannt worden. Und genau dieser Regisseur zog sich einen Haufen Spezialisten und seinen Leib- und Magen-Musiker Danny Elfman heran, um Dich zum Lachen zu bringen und Dich im selben Atemzug in grausamen Bildern das Fürchten zu lehren. Also pass’ gut auf!
~~~~~ Eine dunkle Story für starke Nerven Im New York des ausgehenden 18. Jahrhunderts wird der Gerichtsmediziner Ichabod Crane (Johnny Depp) von einem Richter (’Dracula himself’ Christopher Lee in einem dankbaren Kurzauftritt) ins Dörfchen Sleepy Hollow quasi strafversetzt.
Er soll dort drei Morde aufklären, bei denen den Opfern jedes Mal der Kopf abgetrennt wurde. Die Dorfbewohner behaupten, dass ein kopfloser Reiter immer wieder losziehe, um des Nachts sein einstmals verschlepptes Haupt zu suchen. Jeder, der ihm dabei in die Quere komme, riskiere eben seinen eigenen Kopf...
Ungläubig beginnt Crane seinen Dienst und begegnet tatsächlich dem grauenhaften Geist. Fortan muss er unter ’erschwerten Bedingungen’ weiter ermitteln... Mehr sei Dir nicht verraten, denn Dich soll ja noch das schaurig-schöne Gruseln packen, wenn Du den Streifen selbst ansiehst. Aber nuuur, sofern Du durch die Luft fliegende Köpfe und gepeinigte Opfer ertragen kannst. Dein Nervenkostüm sollte also nicht aus allzu feinen Fäden gesponnen sein...
~~~~~ Ist doch alles nur ein Film! Ja, und was für einer! Tim Burton hat die besten Leute zusammengerufen, um Dir mit seinem Märchen Angst einzujagen.
Im November 1998 baute die Crew um den Production Designer Heinrichs, der für seine Arbeit übrigens einen Oscar bekam, vom prächtigen Gutshaus über eine unheimliche überdachte Holzbrücke bis zu Sleepy Hollow selbst ein Dorf aus dem Nichts auf. Vier Monate dauerte allein dieser Part. In den Shepperton Studios entstand daneben ein düsterer Zauberwald mit Bäumen aus Stahl und Kunstharz, die schließlich mit echten, forstamtlich genehmigten Zweigen versehen wurden. Auch eine unheimliche Windmühle mit wahrlich tierisch wirkenden Flügeln durfte nicht fehlen.
Dreh- und Angelpunkt des unheilvollen Todesforsts ist der Totenbaum, unter dessen Wurzeln die letzte Ruhestätte des Schwarzen Reiters zu finden ist (wenn er doch nur ruhen würde!). ~~~~~ Genial-düsteres Licht- und Farbenspiel
Glaube nicht, man könne heute keinen authentisch wirkenden Horrorfilm drehen. Tim Burton ließ die Szenen im Freien in aschfahles, fast farbloses Blau tauchen. Die blassen Farben allein lassen Dich im Sessel über den Rücken frösteln. Wahnsinnig gut die Ankunft Cranes in Sleepy Hollow: Die Kutsche lässt ihn nahezu im Stich, ein matschiger Weg zeigt geradezu auf das nicht gerade einladend wirkende Dorf hinunter. Wie wohl tun da Aufnahmen im Inneren der Gebäude, in denen Du Dich an gelblich-warmen Kaminfeuerflammen wärmen darfst. Aber dieses Farbenspiel symbolisiert Dir auch die eindeutige Trennung zwischen vermeintlicher Sicherheit drinnen und dem drohenden Tod draußen. Die feiernde Menschenmenge wirkt wie eingesperrt, wie verschanzt – wieso machen die das?
~~~~~ Idealbesetzung für diesen Grusel Natürlich hat Burton auch bei der Besetzung der Rollen optimale Wahl getroffen, um Dich in die richtige Stimmung zu versetzen. Nur ein paar Beispiele:
Du darfst lachen über Johnny Depp, der wieder einmal in einem skurrilen Film eine Hauptrolle spielt. Er verkörpert Ichabod Crane als fast schrulligen Stadtbewohner, der bereits ob seines Berufes eine seltsame Wirkung auf seine Mitbürger ausstrahlt. Dazu kommen seine merkwürdigen, teilweise selbst entworfenen Sezierinstrumente, deren Einsatz später gründlich die Farbe seiner Kleider und seines Gesichts verändert. Ein liebenswerter Schussel, dabei aber doch feiner Pinkel, der aufgeschnittene Hälse begutachten kann, auf der anderen Seite aber panische Angst vor (zugegeben ziemlich großen) Spinnen hat. Du darfst Dich weiden am hübschen Antlitz der seit ’Meerjungfrauen küssen besser’ (1990) herangewachsenen Christina Ricci, der die Stiefmutter das Leben schwer macht, die aber selbst auch einen Hang ins Mysteriöse hat.
Du darfst schwere Herzattacken beim Anblick des Todesreiters haben: In Rückblenden und den Szenen, wo er seinen Kopf besitzt, wird er von keinem geringeren als Christopher Walken (’True Romance’) verkörpert. Überraschend jung und flink hat man ihn herausgeputzt, mit seinen punkartig hochdrapierten Haaren, dem Bleichgesicht, den spitz gefeilten Reißzähnen und scheußlich toten Kontaktlinsen. Eine Glanzrolle, obwohl er nur grölen und fauchen darf... Last but not the least brilliert Martin Landau (Captain Koenig aus ’Mondbasis Alpha 1’ oder Gepetto in ’Die Legende von Pinocchio’) in einer Winzrolle als erstes sichtbares Mordopfer. Er spricht ebenfalls kein Wort, aber wie seine Mimik von Angst gepackt wird, als seine Kutsche in nächtlicher Nebelfahrt stehen bleibt und er seinen enthaupteten Kutscher sieht, ist genial gespielt. Glaube nicht, er kommt davon! Obwohl er noch zu Fuß durch Schilf und Feld vor dem Schwert schwingenden Reiter flüchtet, gelangt er nur noch bis zu einer typischen ’Nightmare before Christmas’-Vogelscheuche (so schließt sich der Burton’sche Kreis), die schließlich scheinbar lachend seinen blitzschnellen, unausweichlichen Tod beobachtet.
~~~~~ Gar schauderhafte Trickeffekte Der schrille Horror lebt aber für Dich hauptsächlich durch die hervorragenden Trickeffekte, die teilweise auch durch ILM, George Lucas’ Werkstatt, erzeugt wurden. Neben phantastischem Make-Up ziehen Dich unglaubliche Visual Effects und 3D-Animationen in ihren Bann. Diese ganze Mixtur schmilzt zu einer untrennbaren Symbiose aus Schaudern, Grusel und Blut zusammen – ein Film aus einem Guss, mit eigenem und unverwechselbaren Stil.
~~~~~ Dichte Atmosphäre - huuuu Rückblenden zeigen in teilweise alptraumartigen Einstellungen die Vergangenheit Cranes oder des rächenden Schwarzen Reiters und führen Dir so die Charaktere näher, als Dir bisweilen lieb ist. Cranes Wesen wird so verständlicher, man sieht (auch schlimme) Episoden aus seiner Kindheit.
Eine überdachte alte Holzbrücke, die zwar zu beiden Seiten offen ist, fungiert im Film des öfteren als Einbahnstraße. Wahnsinn die Toneffekte: Wenn Crane gerade auf der Brücke ist, hören wir das laute Pferdestampfen des Rächers, und die schlimmsten Vermutungen werden nicht enttäuscht. An diesem Ort vollzieht sich auch einer der härtesten Mann-zu-Mann-Kämpfe mit dem ruhelosen Monstermann: Ein Mitstreiter Cranes hört nicht auf die Warnung von ihm, dass er doch gar nicht vom Todesboten gesucht werde, kämpft hart mit diesem und wird der Länge nach durchteilt, um wie ein geschlachtetes Schwein in zwei schmalen Hälften auf den Brückenplanken aufzupoltern.
Eine Sequenz, in der ein kleiner Junge miterleben muss, wie seine Eltern IM HAUS (!) vom kopflosen Todesreiter kurzerhand niedergestreckt werden, lässt Dich wieder ein paar Zentimeter tiefer rutschen – besonders schlimm für mitfühlende Eltern. Erst wird der Vater geköpft. Währenddessen versteckt die Mutter bibbernd den Kleinen unter den Bodendielen, um darauf blitzschnell gerichtet zu werden. Der Junge darf den letzten Blick seiner Mama durch einen Bodenplankenspalt entgegennehmen – natürlich ist ihr Haupt dabei bereits nicht mehr an seinem ursprünglichen Platze. Als der Todesritter dann mit höllischer Gewalt die Planken aufreißt, um das Kind zu holen, erlöst uns Tim Burton und versetzt uns schnell nach draußen in die Nacht, nicht ohne den markerschütternden, letzten gellenden Schrei des Knaben hinterher zu schicken – furchtbar.
~~~~~ Halten die Nerven das aus? In diesem Film mögen vielleicht Todesreiter und viele Opfer recht kopflos sein, der Streifen ist es aber ganz und gar nicht. Die Vollstreckungen sind oft starker Tobak, so bleibt mir nur zu wiederholen: Nichts für schwache Gemüter! Ich warne Dich...
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10.02.2003 20:54
Habe den Film gestern im TV gesehen.Super Bericht zum Film. Klasse Cu Uwe
11.08.2002 14:57
Solche Filme wie diesen mag ich. Ich habe den Film schon mehrere Male angesehen und könnte es immer wieder tun. Grüsse Belisana.
04.07.2002 19:57
Schöner Bericht zu einem genialen Film... :) Gruß, Maurice