Ein Beruf mit Zukunft
11.12.2001
Pro:
Gute Situation am Arbeitsmarkt, Spannend und Abwechslungsreich
Kontra:
Arbeitszeiten
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Einstellungschancen:
Aufstiegschancen
Verdienstmöglichkeiten:
Sozialleistungen:
 Karina_r_s_
Über sich:
Mitglied seit:02.10.2001
Erfahrungsberichte:60
Vertrauende:37
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 59 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich arbeite in einem Rechenzentrum des öffentlichen Dienstes (Österreich) und wurde dort als Organisationsprogrammierer eigestellt. Ich möchte Euch nun einen kurzen Überblick über den Tätigkeisumfang in diesem Beruf und meinen Ausbildungsweg dorthin geben. (1) Was ist ein Organisationsprogrammierer? =========================================
Ein Organisationsprogrammierer entwickelt Anwendungssoftware - in meinem Fall für Spezialgebiete im öffentlichen Bereich - und zwar von der Analyse weg über das Design bis hin zur tatsächlichen Realisierung. ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
In den meisten Fällen beginnt das damit, daß man zu seinen Kunden (in meinem Fall andere Abteilungen) hinkommt und erstmal mit der Phase der Analyse beginnt. Dazu gehört zu allererst die Ermittelung der momentanen Situation (Ist-Analyse). Dabei muß man sich ansehen, wie Abläufe beim Kunden zur Zeit gehandhabt werden und absolviert werden. Dabei wird - auch wenn der Kunde bereits Vorstellungen vom Funktionsumfang der neuen Software hat - ebenfalls der Bereich außerhalb dieses Funktionsumfangs beleuchtet. Untersucht wird z.B. folgendes: o ist bereits Software in diesem oder angrenzenden Bereichen im Einsatz o wie sehen die Akten-, Formular- und ev. Genehmigungsläufe aus o wieviel Personal ist momentan im Einsatz und welche Qualifikationen sind vorhanden o wie ist Arbeit auf die Einzelnen Mitarbeiter verteilt o was wird für die Arbeit an Informationen benötigt und wie bzw. von wem und in welcher Form werden diese Informationen erhalten o wie werden die Informationen verarbeitet und was soll dabei herauskommen bzw. an wen geht das Ergebnisund in welcher Form. o welche internen oder auch gesetzlichen Regelungen gibt es o und natürlich der Arbeitsablauf ansich.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ BEISPIEL: Ich möchte als Beispiel eine Software wählen, unter der sich viele etwas vorstellen können: Elektronische Verwaltung der Mitglieder eines Vereins. In der Istanalyse wird dann folgendes ermittelt: Momentan werden alle Mitglieder des Vereins vom Schriftführer auf Karteikarten verwaltet. Auf diesen Karteikarten wird neben den Persönlichen Daten des Mitglieds (Name, Adresse, Telfonnummer, E-Mail-Adresse) auch vermerkt ob und wann er seine Mitgliedsbeiträge bezahlt hat. Bezahlt ein Mitglied zu spät, wird es gemahnt, bei der Schriftführer zuvor alle Karteikarten durchsehen muß, ob die Zahlung fehlt. 4 Mal im Jahr wird eine Vereinszeitschrift herausgegeben und an die Mitglieder versendet. Dafür hat sich der Schriftführer eine Serienbriefdatenbank erstellt, die aber leider nicht immer vollständig ist bzw. bereits ausgeschiedene Mitglieder enthält. Das gleiche gilt, wenn Informationsschreiben über Veranstalltungen des Vereins an die Mitglieder geschickt werden.
Belassen wir's bei diesem Umfang des Beispiels. ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Aufbauend auf diese Ist-Analyse wird ein Soll-Konzept erstellt. Darin werden Gedanken festgehalten, wie die Situation mit der neuen Software aussehen und was sie enthalten ssoll, also welche Anforderungen an die Software gestellt werden.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ BEISPIEL: Hier ist dann festgehalten, daß sich der Schriftführer eine Software wünscht, die ihm die Verwaltung erleichtert. Alle Daten der Mitglieder sollen in elektronischer Form vorhanden sein. Die Software, soll ein Mahnwesen enthalten, das den Schriftführer erinnert, wenn Mitglieder noch nicht bezahlt haben und auf Wunsch Mahnschreiben erzeugen. Für Informationsschreiben sollen Serienbriefe automatisch erzeugt werden. Für die Versendung der Vereinszeitschrift, sollen die Adressettiketen auf Wunsch gedruckt werden können. usw.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Auf das Sollkonzept erstellt der Organisationsprogrammierer, das sogenannte Pflichtenheft, in dem die Anforderungen an das Programm nochmal aber detailiert und Punkt für Punkt aufgeführt werden. Dieses Pflichtenheft sollte dann vom Kunden unterschrieben werden, damit Mißverständisse ausgeschlossen werden.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Ist das erledigt, überlegt sich der Softwareentwickler, welche Datenbank er verwendet und welche Programmiersprache ... beides muß natürlich auf der EDV-Ausstattung des Kunden lauffähig sein, außer es wurde vereinbart, daß neue Hard- und ev. auch Datenbanksoftware angeschafft wird, aber auch in dem Fall muß man sich an die Vorgaben halten. Wichtig bei der Auswahl ist weiters der Aspekt der Datensicherheit und die Datenmenge.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ BEISPIEL: In unserem Fall wird z.b eine Access-Datenbank verwendet und die Anwendung in Visual Basic geschrieben.
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Dannach beginnt die eigentlich Softwareentwicklung. Wobei es dabei auch nicht sofort an die Programmierung geht, sondern erstmal ein Grob-Konzept und dannach ein detailierteres Fein-Konzept über den Aufbau des Programms, erstellt wird. Dabei überlegt man sich das Aussehn des Programms:
o welche Menüpunkte es im Groben gibt o welche Eingabe-Masken im wesentlichen vorhanden sein sollen o in welcher Maske was an Verarbeitung passiert o wie der Output aussehen soll ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
BEISPIEL: Es gibt eine Maske, wo die Stammdaten der Mitglieder eingegeben werden können. Es gibt eine Maske, wo Zahlungen erfaßt werden. Es gibt eine Maske für Optionen, wo z.B. die Termine für die Zahlungen eingestellt werden. Es gibt ein Erinnerungsfenster, wenn Mitglieder gemahnt werden müssen. Es gibt eine Maske wo, der Text für die Informationsschreiben, den der Vereinsvorstand per E-Mail geschickt hat, importiert werden kann. usw. ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Danach geht es an die Erstellung eines Prototypen. Ein Prototyp ist graphisch und funktionell noch nicht so aufgemotzt und durchdesignt und ist dafür gedacht, daß der Kunde sich die Funktionalität erst einmal in der Praxis ansehen kann - also eine Art Vorentwurf. ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Ist der Prototyp von der Grundfunktion her so, wie sich der Kunde das vorgestellt hat, wird das eigentliche Programm mit allen Details und Finessen realisiert, getestet, im Probebetrieb beta-getestet und dann in Produktion übernommen. ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Ist ein Projekt fertig, ist die Arbeit für den Entwickler - zumindest bei uns - noch nicht vorbei. Es werden Handbücher erstellt, die Kunden auf der Software geschult und die Benutzerbetreuung übernommen. Der Entwickler über nimmt dabei den 2nd Level Support. Daß heißt in erster Instanz wenden sich Benutzer die Fragen haben an so genannte Leitanwender - das sind Anwender die sehr intensiv auf das Produkt geschult wurden. Erst wenn diese keine Lösung wissen, wird der Softwareentwickler eingeschaltet und die Frage an ihn weitergeleitet. ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Wenn auch hauptsächlich, wird jedoch nicht nur Anwendungssoftware entwickelt. Auch bestehende Software wird betreut, oder zusätzliche Module und Komponenten zu bestehender Software, bzw. Systemkomponenten programmiert. (2) Ausbildung ===========
Ich habe in der HTBLA (Höhere technische Bundeslehranstalt) den Zweig "EDV und Organisation" besucht. Diesen Schultyp gibt es so weit ich weis nur in Österreich. Es ist eine 5jährige höherbildende Schule die mit der Matura abgeschlossen wird. Nach der Matura und einer 3jährigen Berufspraxis im Anschluß ist man berechtigt den Titel "Ing." zu tragen. Im Zweig "EDV und Organisation" gibt es neben den Allgemeinbildenden Fächern wie Chemie, Phyisk, Mathematik, Geographie, Geschichte, Religion, usw.; die Technischbildenen Fächer wie, Grundlagen der EDV, Betriebsysteme (DOS, Windwos, OS2, Unix/Linux, ...), div. Programmiersprachen (Pascal, Assambler, C / C++, Cobol, RPG II), Datenbanken und Datenbankdesign, Ver- und Entschlüsselungsalgorithmen, Projektentwicklung, Netzwerktechnik (Grundsätzliches, wie z.B. Client-Server.-Achitekturen, aber auch Spezielle Netzwerkprodukte, wie Novell oder Banyan Vines, NT), Systemtechnik usw. Seit einigen Jahren gibt es an der Schule auch Web-Ausbildung (HTML, Java, Perl, Webserver, Proxy, Reversproxy, ...); Der letzte Teil der Ausbildung sind die Betriebswirtschaftlichen fächer - eine Besonderheit, dieses Zweigs - wie Betriebsorganisation, Rechnungswesen, Steno und Maschineschreiben, Rechtswissenschaft, usw.
Info's zur HTBLA-Leonding gibt es unter http://www.htl-leonding.ac.at/
~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ In meiner Firma werden aber nicht nur HTL-Absolventen genommen, sondern auch Studenten der Datentechnik und Informatik und da es seit kurzem auch einen Lehrberuf für den IT-Bereich gibt, werden sowohl Lehrabsolventen als auch Lehrlinge aufgenommen.
(3) persönliche Voraussetzungen für dies Berufsgruppe ======================================== Wenn ich mal von mir ausgehe, bevor ich die HTL besucht habe, hatte ich noch nicht mal einen Computer eingeschaltet. Bei den Grundlagen, hatte ich daher eine Menge nachzuholen, aber im Grunde ist eine Vorbildung in diesem Bereich nicht zwingend notwendig.
Von Vorteil ist aber ein gutes mathematisches, logisches und technisches Verständnis, da ein Computerprogramm aus Algorithmen, logischen Ausdrücken, Berechnungen und dergleichen besteht. Weiters wären es gut Experimentierfreude zu haben und sich gerne mit Detailfragen zu beschäftigen - kombiniert mit analytischem Denken. Denn mehr als in anderen Bereichen gilt bei der Softwareentwicklung: der Teufel steckt meistens im Detail. So ist es wichtig bei Analysen zu einem Programm sich vor allem nach den Details zu erkundigen und dort nachzubohren, denn gerade die Ausnahmen sind es, die einen oft mehr beschäftigen als die grundsätzlichen Dinge. Und natürlich auch bei der Fehlersuche in der Testphase ist Analyse das A und O. Vor allem durch die Webtechnologie ist es auch wichtig geworden ein Auge für Layout und Design zu haben. Natürlich sollte auch Anwendungssoftware übersichtlich und gut strukturiert mit, für den Benutzer angenehmen, Farbzusammensetzungen entwickelt werden, aber gerade eine Web-Site einer Firma ist die Fassade nach außen und repräsentiert das Unternehmen
Das ist im Prinzip alles was man als persönliche Voraussetzungen mitbringen sollte, wenn man sich entscheidet eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen, den Rest lernt man in der Ausbildung. (4) Fazit: =======
Ich muß sagen ich liebe meinen Beruf und gehöre zu den "Wahnsinnigen" die auch zuhause mal für sich selbst ein Programm entwickelt und am PC herumbastelt. Er ist sehr abwechlungsreich und spannend und da es ja mittlerweile in der IT-Branche so viele Sparten gibt, kann sich jeder das heraussuchen, was ihm am besten gefällt und zusagt. Allerdings wird man in diesem Bereich kaum mit einer 40-Stundenwoche durchkommen, vor allem wenn es Richtung Projektabgabe geht und noch Tests anstehen, und muß auch mit Wochenendeinsätzen und Überstunden rechnen. Aber wer seine Arbeit gern tut nimmt das in Kauf, nur sollte man sich pucto Arbeitszeit eben keine Illusionen machen. Man kann sich in der Branche auch aussuchen ob man gerne mit Leuten arbeitet, sprich so wie oben beschrieben lieber Anwendungssoftware entwickelt wo das Gespräch mit den Kunden und die Analyse als Vorarbeit für die Anwendung dazugehört, oder ob man lieber Systemnahe entwickelt oder in die Forschung geht und dort mehr im stillen Kämmerlein sitzt als, mit Menschen kommuniziert. Eines muß man sich aber klar sein. Den Alleskönner am Computer-Sektor - so wie früher - gibt es nicht mehr. Spezialisten sind gefragt und da ist es entscheiden sich für den persönlich richtigen Bereich zu entscheiden.
Die Lage am Arbeitsmarkt ist derzeit auch sehr gut. Fachkräfte im Computerbereich sind gefragter denn je. Und ein Ende dieser Entwicklung ist zur Zeit noch nicht abzusehen, daher ist auch die Bezahlung entsprechend gut. Die IT-Branche ist ganz sicher eine zukunftsorentierte Berufsgruppe. Natürlich muß jeder selber entscheiden, ob er für diesen Beruf geeignet ist und was ihm Spaß macht, aber aus meiner Sicht ist diese Berufsgruppe sehr empfehlenswert.
Liebe Grüße Karina
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
11.12.2003 11:39
Grüße von einem ebenfalls-SW-Entwickler und auch-HTL-EDVO-Absolventen!
24.01.2002 16:59
Boah, das machen wir alles ? Und dann kommt SAP und wir sind alle arbeitlos, oder ? Das haben wir auch mal gedacht, aber sind eines besseren belehrt worden. Na ja, die Arbeit halt sich halt ein bisserl mehr ins administrative verlegt, aber wie gesagt, der eine oder andere ABAP ist schon mal drin.
09.01.2002 14:22
Na endlich habe ich es auch geschafft, deinen Bericht zu lesen. War wirklich sehr interessant! Ich würde mich für soetwas sehr interessieren, aber ich bin mir noch etwas unsicher. Ich bin derzeit in der 12. Klasse, also vorletztes Jahr vor dem Abitur, am Gymnasium. Bei uns in D ist das ja anscheinend anders, mit der Ausbildung zum Softwareentwickler, da du schreibst, dass es diese eine schule nur in Ö gibt. Ein weiteres Problem ist, dass ich Mathe nicht unbedingt zu meinen Stärken zählen kann. Die Frage ist nun, welcher Bereich an Mathe hier wichtig ist. Kann man das mit der Schulmathematik vergleichen, wie groß ist der Anteil an Mathe? Kann man das Lernen wenn man sich darauf spezialisiert, oder muss man einfach gut in Mathe sein, wenn man Softwareentwickler werden will. Ich liebe es mit PCs was zu machen, zu programmieren, naja, Homepages, aber mit Software bzw mit Programmiersprachen habe ich noch nie was zu tun gehabt, ausser einmal früher mit Turbo Pascal, aber das ist lange her. Es wäre super wenn du mir antworten würdest. Evtl auch per mail? Danke! Ciao saubazi mail@petergiglinger.de da kommts wenn dann immer an.