Das Geschäft mit dem Krieg
18.11.2000
Pro:
Guter, teilweise beklemmender Kriegsfilm
Kontra:
Stellenweise flach und pathetisch
Empfehlenswert:
Ja
 Moviemaster!
Über sich:
Abgesehen davon, dass ich beruflich viel mit Kino zu tun habe, ist Film, egal ob auf der großen Lein...
Mitglied seit:09.12.1999
Erfahrungsberichte:53
Vertrauende:12
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 46 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wer erinnert sich nicht an die Oscarverleihung 2000 ? „Liebe siegt über Krieg“ hieß es damals in allen Zeitungen. Gemeint waren natürlich die beiden großen Favoriten „Shakespeare in Love“ und der „Soldat James Ryan“. Das Duell endete schließlich 7:5 für Shakespeare. Obwohl der Film schon 1998 in den deutschen Kinos lief, seit länger als einem Jahr auf Video erhältlich ist und wohl in den nächsten Monaten im Fernsehen laufen wird, hat Paramount erst jetzt, genauer gesagt am 10.11.2000 die DVD-Version veröffentlicht.
Zum Inhalt: Wir schreiben den 06. Juni 1944, D-Day. Alliierte Truppen landen an der Küste der Normandie um eine neue Front gegen die Nazis aufzustellen und einen Brückenkopf zu erobern. Angeführt von Captain Miller (Tom Hanks) kommt es zu einem heftigen aufeinandertreffen von Nazis und Amerikanern und zu großen Verlusten auf beiden Seiten. Nach diesem etwa halbstündigen Prolog beginnt der eigentliche Film. Eine findige Sekretärin im Kriegsministerium findet heraus, dass drei der vier Ryan-Brüder gefallen sind. Um der Mutter wenigstens den letzten Sohn zu lassen, wird eine Gruppe von acht Männern ausgesandt eben diesen James Ryan (Matt Damon) zu finden, ihn aus dem Kriegsdienst zu befreien und sicher zu seiner Mutter zurückzubringen. Die Gruppe macht sich auf den Weg durch halb Frankreich, bis sie Ryan endlich finden und erleidet dabei selbst Verluste in den eigenen Reihen. Unmut macht sich breit und es stellt sich die Frage, ob ein einzelnes Menschenleben überhaupt so viel wert ist...
„Der Soldat James Ryan“ wird von vielen als Antikriegsfilm bezeichnet. Dem kann ich mich überhaupt nicht anschließen, vielmehr ist es ein sehr guter Kriegsfilm. Viel wurde diskutiert über die ersten 30 Minuten des Films. Noch nie wurde der Krieg so grausam und brutal dargestellt, wie in diesem Film. Leute sind in Ohnmacht gefallen oder haben sich im Kino übergeben, und wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann sind es wirklich heftige Szenen, die Steven Spielberg zeigt. Da stellt sich natürlich sofort die Frage, ob man überhaupt dieses drastische Stilmittel anwenden musste, oder ob es sich dabei lediglich um Effekthascherei handelt.
BEISPIELE: Neben einem amerikanischen Soldaten explodiert eine Granate, sein Arm wird abgerissen. Er läuft durchs Schlachtfeld und sucht eben diesen. Als er ihn endlich findet, hebt er seinen Arm auf und läuft damit weg...
Ein anderer Soldat liegt in Großaufnahme im vorderen Bereich des Bildes. Seine Därme, Organe und ähnliches liegen auf und neben ihm, wie es Peter Jackson nicht schöner hätte zeigen können. Dieser Soldat ist allerdings nicht tot, sondern stöhnt und schreit. Es ist also sehr harter Tobak, den Spielberg seinen Zuschauern zumutet, Er hat es so gewollt, wohl nicht des Effektes wegen. Sicherlich, macht so eine Szenenfolge den Film zum Mediengepräch Nr.1 und lockt viele ins Kino, aber wären diese Leute nicht sowieso in diesen Film gegangen...? Schließlich sind Steven Spielberg und Tom Hanks große Zugpferde des amerikanischen Kinos. Naja, wie dem auch sei, die Rechnung ging auf und „Der Soldat James Ryan“ plazierte sich unter den 50 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten...
Bisher habe ich allerdings nur über die erste halbe Stunde geschrieben. Diese könnte man durchaus als Antikriegsfilm bezeichnen. Allerdings folgen noch zwei weitere Stunden, die größtenteils flach, platt und pathetisch sind. Auf einmal ist die Kameradschaft im Krieg soo toll und alle haben sich lieb, Der Soldat der nach Hause darf, will natürlich weiterhin seinem Land dienen und weiterkämpfen. „Meine Mutter wird das verstehen“. Kein Klischee wird ausgelassen, so gibt es z.B. den Nazisoldaten, der von einem Amerikaner verschont wird. Beim zweiten Aufeinandertreffen, tötet der Deutsche seinen „Lebensretter“ genüsslich mit einem großen Messer... und zum Schluß folgt schließlich der Dankesbrief vom Präsidenten persönlich und der Zuschauer geht aus dem Kino und sagt: „Ooooh, war das schön...“ Wie halt bei fast jedem Spielberg-Film. Die Mission Antikriegsfilm ist meiner Meinung nach gescheitert. Mission Kriegsfilm allerdings erfolgreich bestanden.
Die DVD-Umsetzung ist hervorragend gelungen. Bild und Ton sind bis auf zwei sehr seltsame Bildunschärfen grandios. Und Paramount hat diesmal sogar an Bonusmaterial gedacht. Auf einer zweiten DVD findet sich eine 25minütige Dokumentation "„Into the Breach“, die Originalmaterial, Filmausschnitte und Interviews verbindet, zwei (englische) Trailer und jede Menge Texttafeln mit interessanten Infos. Der Kauf der DVD lohnt sich in jedem Fall. Der Film ist trotz meiner Kritik gut gelungen und durchaus empfehlenswert. Wer allerdings einen Antikriegsfilm sehen möchte sollte auf „Full Metal Jacket“ oder „Der schmale Grat“ zurückgreifen. Zwar handelt es sich dabei um andere Kriege, jedoch wesentlich besser, wenn auch nicht konsumfreudiger umgesetzt.
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12.03.2001 12:26
Daß du im Kino-Business tätig bist, merkt man deinen Berichten an. Wirklich gut geschrieben. James Ryan habe ich im Kino gesehen und war so begeistert, daß ich das Video meinem Opa geschenkt habe. War ein Fehler, kann ich euch sagen. Der war gar nicht begeistert und fand, daß die Deutschen wie die letzten Deppen dargestellt wurden. Jedem seine Meinung. Ich fand den Film toll. Man liest sich. Berte
10.12.2000 00:14
Ganz anders als bei deinen anderen Meinungen, kann ich mich hier niemals anschliessen. Für mich ist der Film ein Anti-Kriegsfilm und das überhaubt darüber gestritten wird ob die "unbestritten" absolut Brutalen und "realistischen" Szenen nun abschreckend wirken oder nicht, beweist für mich das es einfach zu viele Leute gibt die Gewalt gegenüber total abgestumft sind. :-) mfg Hope
25.11.2000 23:45
ich hab den film damals mit zwölf jahren gesehen und er hat mich echt ziemlich mitgenommen... tolle kritik von dir zu diesem film! mfg, alpia