Der größte Schrott, den ich je gehört habe!

1  18.10.2004

Pro:
es geschieht wohl in guter Absicht

Kontra:
man geht zu weit, verherrlicht Straftaten, richtet Schaden an .  .  .

Empfehlenswert: Nein 

Der_Troll

Über sich: Bitte keine Klickzirkelanfragen (bzw. Leserunden, wie das manche so gern umschreiben)

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Vorweg ein kleines Dankeschön an ciao, die diesen Produktvorschlag innerhalb von 4 Minuten aufgenommen haben.
Das Thema, mit dem ich mich heute auseinandersetzen möchte, ist sozialer Ungehorsam oder auch ziviler Ungehorsam. Davon habe ich zum ersten mal letzen Sonntag gehört. Es ist so, daß ich in unserer Gemeinde sehr aktiv bin und deshalb auch öfters mal den Gottesdienst besuche. Als Kind war ich Meßdiener und seit einiger Zeit bin ich es aushilfsweise etwa einmal im Monat wieder (weil unserer Gemeinde einfach Leute fehlen). Und so war ich letzen Sonntag im Abendgottesdienst.

Unser Pfarrer ist sehr sympathisch und in unserer Gemeinde engagiere ich mich eigentlich gern, da sowohl unsere Gemeinde als auch das Bistum relativ fortschrittlich sind und versuchen, Kirche auch zeitgemäß erscheinen zu lassen. Für die nicht so bewanderten, wie den ciao-Autoren Mark_Oh ;-), eine kurze Erläuterung: Im Gottesdienst gibt es einen Punkt, der nennt sich Predigt. Der Pfarrer richtet dort einige Worte an die Gemeinde. Das sind theologische Gedanken, Glaubensfragen, Meinungen usw. Das ist der Moment, wo ich meistens abschalte und mit den Gedanken ganz wo anders bin. Gelegentlich macht unsere Gemeinde anstatt der Predigt auch Gesprächskreise, damit das nicht so ein blöder Monolog ist, den der Pfarrer hält, aber das ist eher selten, zum einen weil das Interesse der Gemeindemitglieder daran nicht so groß ist und zum anderen, weil es sich praktisch schlecht durchführen läßt.
Nun und die Predigt vom letzen Sonntag veranlaßt mich nun, diesen Bericht zu schreiben. Vorweg möchte ich sagen, ich bin sehr oft anderer Meinung als die Institution Kirche und der Vatikan, aber ich habe noch nie erlebt, daß ich mit einer Predigt so wenig einverstanden war, wie mit der vom letzten Sonntag.
Dazu muß man sagen, unser Pfarrer ist zur Zeit im Urlaub. Deshalb wurde er von einem anderen Pfarrer vertreten. Und was der in seiner Predigt abgelassen hat, ist weder politisch noch moralisch vertretbar. Ich vermute mal, daß selbst die Kirche nicht dahinter steht. Es kann sein, daß ich das ein oder andere vielleicht nicht ganz exakt so wiedergebe, wie das der Pfarrer gesagt hat, da ich mir während der Predigt natürlich keine Notizen gemacht habe.

Das Thema war sozialer bzw. ziviler Ungehorsam (er hat die Begriffe als Synonym benutzt). Ein Begriff, den ich noch nie zuvor gehört habe. Der Pfarrer erzählte, daß in einer Gruppe sei, die das veranstaltet. Er fing an: Seine Gruppe wollte als Zeichen gegen den Krieg im Irak ein Kreuz am Frankfurter Flughafen auf dem Rollfeld aufstellen. Um dorthin zu gelangen, mußten die nun mal zwei Zäune zerstören. Und dafür wären die doch tatsächlich zu 30 Tagessätzen verurteilt worden. Und dann würde man auch noch Schadensersatz für die beiden Zäune geltend machen. Er sprach weiter wie richtig er diese Aktion aber finde und daß sich diese Gruppe nicht unterkriegen ließe. Die Gruppe hätte damals angefangen, in Banken zu demonstrieren und sich auch anzuketten, mit der Forderung, nach Schuldenerlaß in der dritten Welt. Dann regte er sich auf, daß die damals wegen Hausfriedensbruch und Bannmeilenmißachtung (oder wie das heißt) angezeigt wurden. Und überhaupt hätte er schon öfters in Ordnungs- und Beugehaft gesessen. Er stand aber voll hinter dieser Aktion. Ich (©Troll) mußte da nur den Kopf schütteln. Aber ich war offenbar nicht der einzige, der mit dessen Meinung nicht konform ging. Ein Gottesdienstbesucher stand dann auf und meinte laut, das wäre der größte Schwachsinn, den er je gehört habe. Dann verließ er die Kirche. Als er draußen war, setzte der Pfarrer seine Predigt auf gleiche Weise fort. Es kam eine Zwischenfrage aus der Gemeinde, ich habe leider nicht alles verstanden, aber es ging wohl um die Stellung des Vatikans zu der Sache. Der Pfarrer meinte, der Vatikan könne da nicht viel machen, der habe ja selber kaum Geld usw. das läge an den deutschen Kirchen, die ja Kirchensteuer kassieren usw. Und deshalb würden sie ihre Aktionen auch in Deutschen Kirchen machen und wären deshalb sogar mal aus dem Kölner Dom geschmissen worden. Dann faßte der Pfarrer zusammen: „Der Herr dort hinten meinte, daß... und dann...“ Der Herr unterbrach: „Das habe ich nicht gesagt!“ Der Pfarrer rief den Herrn nach vorne und bat ihm, das mal genau zu sagen. Der stellte dann richtig, was er meinte. Na ja wollte aber auch nicht groß vorne diskutieren. (Kann ich auch verstehen, wer kommt schon auf die Idee, daß er mit einer Zwischenfrage plötzlich einen Diskussionspunkt vertreten sollte). Falls ich es schaffe, das richtig zusammen zu fassen, dann stimmte er dem auch nicht zu und meinte, man soll erst einmal bei sich selber anfangen, usw.

Der Pfarrer setzte seine Predigt fort und dann kam aus einer anderen Ecke wieder ein Zwischenruf. Den hat man leider nicht verstanden, es war offenbar wieder jemand, der anderer Meinung ist. Hat leider nur gebrochen Deutsch gesprochen und er wollte nicht nach vorne kommen um seine Meinung zu sagen. Das einzige, was ich verstanden habe, war der Begriff „Osteuropa“. Ich habe dann mal demonstrativ auf die Uhr geguckt, um der Gemeinde zu signalisieren, daß ich auch irgendwann wieder nach Hause möchte. Hat zwar vermutlich niemand mitgekriegt, aber es hat trotzdem gewirkt, danach war Ruhe.
Naja und so ging die Predigt weiter, es wäre gut, daß man das tut, Jesus hätte das damals im Tempel auch so gemacht und in der heutigen Zeit würde er sich auch so verhalten. Jedenfalls hielt er dieses Verhalten für absolut richtig und stellte sich ganz dahinter. Die Predigt beendete er mit er damit, daß er die Rechnung für die beiden zerstörten Zäune am Frankfurter Flughafen auch nach der 2. Mahnung, die er nun erhalten habe, nicht vor habe zu bezahlen.

Nach dem Gottesdienst hatte ich kurz überlegt, ob ich dem Pfarrer sagen sollte, daß ich das auch absolut Schrott fand, was er gesagt hat, aber es war Sonntag abend und ich war nun wirklich nicht in Diskussionslaune. Ich hielt mich dann lieber neutral und meinte zu den Zuschauerreaktionen nur, der Pfarrer habe halt ein sehr kritisches Thema angesprochen.


Soweit zu dem, was der Pfarrer gesagt hat. Ich fasse noch einmal zusammen, was ziviler/sozialer Ungehorsam ist. Es ist Widerstand, der auch vor dem Gesetz nicht halt macht, und das Gesetz für oder gegen eine Sache. Das ist zum Beispiel das, was wir im Fernsehen von den Castor-Gegnern kennen, die sich an Bahngleise ketten, aber auch so etwas wie das, was diese Gruppe macht. Dafür haben die auch strafrechtliche Konsequenzen zu ziehen.
Was ich davon halte, habe ich im Bericht eigentlich schon gesagt, aber noch einmal deutlich hier: Ich finde gut, daß man nicht alles mit sich machen läßt und das man sich auch mal für bestimmte Dinge einsetzt. Und in Deutschland darf man das zum Glück auch. Aber es gibt Grenzen. Und die werden hier eindeutig überschritten. Und wenn man das schon macht, dann soll man auch dafür einstehen und z.B. die Rechnung bezahlen für den Schaden, den man angerichtet hat.

Des weiteren bin ich froh, daß wir in Deutschland Meinungsfreiheit haben, aber ich persönlich habe Zweifel, ob der Pfarrer das hätte in der Predigt so sagen dürfen. Es ist ja auch quasi Propaganda oder Aufruf zu Straftaten gewesen. Er hat nicht direkt gesagt „macht das auch so“. Aber er hat diese Aktion befürwortet.

Zusammengefaßt will ich nur sagen, Protest ist gut (wenn er angebracht ist) und das Recht dazu hat jeder, aber wenn, dann soll man sich dann gefälligst selber an Regeln und Gesetze halten und vor allem nicht die Kirche ausnutzen um sich in einer Predigt für so etwas auszusprechen. (Im übrigen trägt er mit solchen Worten dazu bei, daß selbst gläubige Menschen aus der Kirche austreten)
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Trisa

Trisa

03.09.2008 02:11

Es gibt Berichte, die mehr am Thema vorbei sind.... deiner liest sich wenigstens flüssig und interessant. Und man erfährt auch als Nicht-Christ mal von interessanten Predigten..... ich finds auf jeden Fall gut, wenn ein Pfarrer/Pastor nicht nur stur irgendwelche Psalmen herunterbetet, sondern auch mal aktuelle Themen anspricht. Schade, dass du nicht mehr auf das Thema an sich eingehst und außer Hören-Sagen keine Erfahrungen in deinem bericht sind.

Katez

Katez

03.10.2007 17:03

Tze tze tze... aus welchem Bistum kommst Du eigentlich? Unser ehemalige Bischof (der jetzige Augsburger, der so nett mit den Gebärmaschinen in die Schlagzeilen geraten ist) hat seine Pfarrer sogar suspendiert, wenn sie zum evangelischen Abendmahl gingen... Als Predigt fand ich das ziemlich daneben, wobei ziviler Ungehorsam etwas ist, das ich zumindest in manchen Situationen nicht verurteilen würde... (Klassische Beispiele natürlich 3. Reich und DDR) LG Uschi

Nine19

Nine19

11.11.2006 08:12

"Ich habe dann mal demonstrativ auf die Uhr geguckt, um der Gemeinde zu signalisieren, daß ich auch irgendwann wieder nach Hause möchte. Hat zwar vermutlich niemand mitgekriegt, aber es hat trotzdem gewirkt, danach war Ruhe." Hä? Hat zwar keiner mitgekriegt, aber danach war Ruhe? *jooooohl* *gackergacker* Und ansonsten: siehe franzi. Und der Text war zwar nicht der größte Schrott, den ich je gelesen habe, aber in dem Bereich tendiert er schon. ;-) Aber hübsch ist doch, dass sich hier Tendenzen eines neuen Mitläufertums abzeichnen. Aber das wussten wir ja schon vorher, intuitiv. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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