Lesen macht süchtig, fangen Sie gar nicht erst an
05.05.2004
Pro:
hoch informativ und bestens recherchiert
Kontra:
manchmal subjektiv - zynisch - doch gerade das gefällt mir
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Informationsgehalt
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 dergruenehubertus
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25 Jahre. Das ist doch ein Jubiläum, nicht wahr? Seit 25 Jahren bin ich abhängig, ich gebe es zu. Kein Montag ohne frischen SPIEGEL. „Linke Propaganda“ hat mein Vater einmal gesagt, nachdem er sich eine Zeitlang ein SPIEGEL-Abo mit einem (linken) Freund geteilt hat. Aber das war schon in den 60ern. Ich selbst kam erst mit der jugendlichen Rebellion gegen das konservative Elternhaus und mit dem linken Erwachen der 70er Jahre zum SPIEGEL. Über Qualen und Freuden der Sucht will ich Euch hier berichten. Einmal, es ist noch nicht lange her, hat der Postbote den SPIEGEL erst am Dienstag gebracht, niemand weiß, warum. Ich sage Euch, der ganze Montag war verdorben. Als ich ein anderes Mal das frische Heft verlegt hatte (wie kann einem nur so etwas passieren!), bin ich nach verzweifelter, erfolgloser Suche gleich los und habe mir unter schwersten Entzugserscheinungen ein Ersatzheft gekauft.Doch lasst mich nun versuchen, Euch nahe zu bringen, warum ich süchtig bin. Der SPIEGEL, der sich selbst gerne in kapitalen Lettern sieht, ist eine Institution. Es ist weder meine Absicht, noch meine Berufung oder auch nur im Entferntesten meine Fähigkeit, hier einen umfassenden Essay zur Bedeutung des SPIEGEL abzuliefern. Nur eine kleine Liebeserklärung zum 25., ganz persönlichen Jubiläum sei mir gestattet.Der SPIEGEL wurde eine Institution dank Rudolf Augstein. Ich habe diesen Mann bewundert und ich liebte seine oft zynischen, mit beißendem, messerscharfem Verstand geschriebenen Artikel und Kommentare, auch wenn ich wirklich nicht immer seiner Meinung war. Dieser Mann war einer der letzten Dinosaurier, so prall und überreich an Bildung und Wissen, dass unsereins bei aller Eingenommenheit vom eigenen Selbst davor nur erblassen kann. Denn was wir uns nicht eingestehen mögen ist, dass „Pisa“ schon weit vor der heutigen jungen Generation eingesetzt hat. Vielleicht haben wir, die in den 60er und 70er Jahren die Schule besucht haben, noch eine höhere humanistische Bildung genossen als die heutige Jugend. Doch gegen das, was unsere Väter, so sie denn in den Genuss einer höheren Bildung kamen, gelernt haben, ist auch das nur noch ein blasser Abglanz. Bildung wurde und wird vielleicht breiter in der Bevölkerung verteilt, doch die Qualität ging auf Kosten der Quantität verloren und schwindet mehr und mehr. Was diese wenigen privilegierten Menschen der früheren Generation wussten, vermag sich heute kaum jemand mehr vorzustellen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn auch mein Vater gehörte zu diesen privilegierten Menschen, die in ihrer Jugend einen unglaublichen Wissensstock vermittelt bekamen, auf dem sie ihr ganzes Leben lang mit geschärftem Intellekt aufbauen konnten. Nach Rudolf Augstein? Wird der SPIEGEL noch der gleiche bleiben? Ganz ehrlich, ich bemerke seit seinem Tod die Veränderungen. Der bissig sarkastische Ton, den ich am SPIEGEL so liebe, weicht mehr und mehr einem präzisen, sachlichen Ton. Das mag dem geneigten Leser, der objektive Informationen sucht, als Vorteil erscheinen, dem SPIEGEL-Süchtigen hingegen sträuben sich die Nackenhaare, ist es doch gerade die ätzende Unsachlichkeit, die wir an unserer Hauspostille so hingebungsvoll lieben, schätzen und vor allem, mit jahrelanger Erfahrung, auch richtig zu lesen wissen.„SPIEGEL-Leser wissen mehr“ ist der allseits bekannte Slogan. Heute geht das Magazin dazu über, in seinem praktischen Merchandising-Shop Käppis mit dem Aufdruck „Denkzelle“ (in typischer SPIEGEL-Schrift) zu vermarkten. Mal ehrlich, haben wir das nötig??? Ich will jetzt auch ganz ehrlich sein. Die Würde meines Alters erlaubt es mir, mit entsprechender Selbstironie zuzugeben, dass ich in den ersten Jahren, als noch keine „zig“ mein Alter schmückte, den SPIEGEL von hinten nach vorne zu lesen pflegte, d.h., ich begann mit dem „Hohlspiegel“, blätterte lustvoll weiter zu Klatsch und Tratsch, las dann ausgiebig Kultur und Wissenschaft, und wenn noch Zeit war, kümmerte ich mich um Ausland, Gesellschaft und Politik.Heutzutage freilich lese ich ihn andersherum, verschlinge zunächst genüsslich die Leserbriefe und setze mich dann, Seite für Seite, mit dem gesamten Werk auseinander. Doch vielleicht ist heute der Tag, den SPIEGEL noch einmal in alter Tradition von hinten nach vorne zu lesen. Schauen wir uns doch erst mal Klatsch und Tratsch an. So profan kommt die Rubrik natürlich nicht daher. „Personalien“ heißt das. Doch was in der „Bild“ das nackte Mädchen von Seite 2 ist (oder 3? Ich weiß nur, dass sie existiert, Entschuldigung, da kenne ich mich nicht so aus), das ist dem SPIEGEL die halbentblößte Schönheit auf diesen vorvorletzten Seiten. Sie darf nicht fehlen, aber sie kommt so unschuldig am Ende des Magazins daher, getarnt mit einem knappen, möglichst sachlichen Bericht, dass niemand Verdacht schöpft, der SPIEGEL-Leser könne am Ende doch den gleichen Trieben wie der profane Bild-Zeitungs-Prolet unterlegen sein.In all den Jahren hat sie fast niemals gefehlt. Verdacht habe ich aber geschöpft, als im vorletzten Jahr in der Woche, in die Heiligabend fiel, urplötzlich an ebenjener Stelle die heilige, jungfräulich empfangende, selig unschuldige Maria, Mutter Gottes abgebildet war. Ein zynischer Scherz der Redaktion? Das würde ich mir wünschen. Honi soit qui mal y pense – ein Narr, wer Schlechtes dabei denkt – ist der kapitale SPIEGEL am Ende etwa doch nicht anders? Verkappt konservativ??? Verkappt sexistisch???? O, mir wird schlecht… Meine Frau jedenfalls sagt zu all dem mit postemanzipiertem Lächeln, dass sie nicht verstehe, warum der SPIEGEL sich nach all den Jahren noch immer auf halbnackte Frauen beschränkt und es scheinbar nicht begriffen hat, dass er inzwischen auch eine nicht unerhebliche weibliche Leserschaft um sich schart. „HALLO, SPIEGEL, die 60er sind vorbei!!! Es gibt auch Frauen, die nicht ausschließlich Brigitte und Freundin lesen!!!“ möchte sie ausrufen. Vielleicht mal ein halb entblößter Mann, nur zur Abwechslung, nach all den Jahren??? Oder… hmmm… wohl eine zu vermessene, zu gewagte, ja revolutionäre Idee… lassen wir es ganz mit den Halbnackten??? – Ok, ok, nein, ich geh in die Ecke und schäme mich! Wir müssen doch die Verkaufsquoten im Auge behalten.Blättern wir also weiter und erreichen, nachdem wir erfahren haben, wer alles gestorben ist und was die Woche an Schlagzeilen bot, den Bereich „Kultur“. Früher konnte man sich ja auf die Abfolge immer verlassen, heute geht das manchmal durcheinander, und wir könnten jetzt durchaus in „Wissenschaft“ oder gar „Medien“ gelandet sein. Doch bleiben wir konservativ. Die Kulturberichte sind (fast) immer grandios. Die Neuinszenierungen von absurden Theaterstücken in fernen Städten, gut, ich geben es zu, sie interessieren mich nicht soooo brennend. Aber die Kinokritiken – ein absolutes Muss für jeden Kinofan. Na, ehrlich, früher war es verlässlicher, als die Welt noch in Ordnung war. Sie beginnt sich zu verkehren, die SPIEGEL-Welt, ich deutete es ja bereits an. Jedenfalls war es früher so, das man sich hundertprozentig darauf verlassen konnte, dass ein Film, den der SPIEGEL in der Kritik pries, für den normalen Betrachter unerträglich war, und umgekehrt. So manchen Film habe ich mir dank positiver SPIEGEL-Kritik erspart, und umgekehrt. Die heile Welt der Verlässlichkeit brach erstmals zusammen, als der SPIEGEL den Disney-Film „Fluch der Karibik“ mit Johnny Depp in höchsten Tönen lobte. Ein Kommerz-Film von Disney – im SPIEGEL gelobt??? O tempora, o mores!!! Fast hätte ich mich nicht in den Film getraut, doch – o Wunder – SPIEGEL und ich einer Meinung – verkehrte Welt??? O, Rudolf Augstein…Wunderbar für jeden dem Trivialen anhaftenden Menschen die regelmäßigen Berichte über die Intrigen im Wallhall des heiligen Grals der Bayreuther Festspiele. In den letzten Monaten habe ich die Fortsetzungen vermisst und hoffe doch sehr, dass ich mit beginnender Saison in diesem Sommer nicht enttäuscht werde. Ich schweife zu weit ab, Ihr merkt es alle, und ich möchte Euch keinesfalls langweilen. Verzeiht mir bitte, meine Ausführlichkeit entspringt echter Liebe, oder wahrer Sucht, das Urteil überlasse ich nun Euch. Ich will versuchen, mich etwas kürzer zu fassen.Der wirkliche Kulturfreak, wenn er denn nun auch noch SPIEGEL-Abonnent ist, kommt zudem in den Genuss des monatlich erscheinenden Kultur-SPIEGELs. Ein dünnes Heftchen, das ich bestenfalls mal in der Badewanne lese. Außer abgehobenen Berichten gibt es hierin lauter Termine, die mich eigentlich nicht so wirklich interessieren, da hat die Sucht mich nicht so recht erfasst. Doch blättern wir weiter zurück und kommen zur Rubrik „Wissenschaft“. Ehrlich gesagt, das ist meine Lieblingsrubrik. Die Berichte sind fast immer hoch interessant und äußerst gut recherchiert. Manchmal, vor allem in letzter Zeit, bleiben Fragen und Wünsche offen. Rudolf passt nicht mehr auf???Die Rubriken „Ausland“, „Gesellschaft“, "Wirtschaft" und „Deutschland“ sind die politisch gefärbten Rubriken. Das ist eigentlich zu pauschal gesagt, denn natürlich sind auch die herrlichen Elegien über die Streitereien auf dem Grünen Hügel politisch, aber Ihr wisst schon, was ich meine. Politisch steht der SPIEGEL links, das weiß man. Er ist links, beteiligt sich nach Kräften an der Aufarbeitung der dunklen Punkte deutscher Geschichte und ist deshalb, wie die meisten Deutschen auch, sehr vorsichtig, wenn er über Israel und den Nahostkonflikt berichtet, denn ein kritisches Infragestellen der israelischen Haltung in diesem Konflikt ist nun mal hierzulande nicht opportun. Insofern bewegt sich der SPIEGEL artig im Mainstream.Schwierig wird es allerdings, sobald ökologische Themen gefragt sind. In letzter Zeit scheint sich auch das hin zu mehr Objektivität zu ändern, doch üblicher SPIEGEL-Ton war stets ein zynisch herablassendes Belächeln von allem, was auch nur im Entferntesten den Verdacht erweckte, in die „Latzhosen und Müsli-Ecke“ zu gehören. Die Grünen mussten verdammt lange agieren, bis der SPIEGEL anfing, auch nur einigermaßen ernsthaft über sie zu schreiben. Und, wie gesagt, bis heute haben es alle Ökothemen schwer im SPIEGEL. Ganz schlimm wird es natürlich, sobald die Ökoecke in Richtung Spiritualität verlassen wird. Erhält es gar den Anschein, es könnte esoterisch werden, dann ist es ganz aus. Mit beißendem Zynismus wird alles in der Luft zerrissen. Mit der christlichen Kirche steht der SPIEGEL auf ganz schwerem Kriegsfuß. Aber ich muss ja ehrlich gestehen, dass ich mir die bestens recherchierten und mit treffsicherer Ironie verfassten Artikel auf der Zunge zergehen lasse. Und ich denke dabei, dass die großen Kirchen gut daran täten, so manche Wunden, in die der SPIEGEL gerne seine Finger bohrt, mal einer heilenden Kur zu unterziehen.Wenn der amerikanische Präsident George Bush irgendetwas tut oder sagt, dann wirkt das umgehend, als ob der Torero vor einem ohnehin schon aufgebrachten Stier sein rotes Tuch schwenkt. Mal ehrlich, ich kann den Bush auch nicht ausstehen, und ich liebe es, wenn der SPIEGEL es ihm wieder mal so richtig ordentlich drauf gibt! Landen wir schließlich ganz vorne bei der Innenpolitik. Na klar, der SPIEGEL ist zwar links, aber mit der Schröder-Regierung kann er sich nicht wirklich identifizieren. Wer kann das schon. Die Artikel, in denen die neusten Versäumnisse, Schludereien, Halbheiten und Unentschlossenheiten aufgezeigt werden neben den Artikeln, in denen präzise eruiert wird, wie es eigentlich besser zu machen wäre, sollten von den entscheidenden Stellen etwas genauer gelesen werden. Das würde vielleicht schon helfen?Nun ist es ziemlich ernst geworden. Das Thema ist ja auch viel zu traurig, um noch belächelt werden zu können. Blättern wir also ganz nach vorne, zu den Leserbriefen, hier gibt es mitunter wieder was zum Schmunzeln, was zum Kopfschütteln und was zum begeistert Zustimmen. Und, als starkes Blatt, selbstbewusst bis an die Schwelle zur Arroganz, kann der SPIEGEL es sich selbstredend leisten, auch manchen Leserbrief zu veröffentlichen, in dem er eine Ohrfeige oder Schlimmeres erhält. Die Titelbilder sind meist sehr gut und eindringlich, oft auch hervorragend. Der Stil – seit langen Jahren unverändert – muss im Wesentlichen so erhalten bleiben, ist er doch ein Markenzeichen, das für sich spricht. Das Papier freilich, auch immer gleich, ist ziemlich knitteranfällig, was letztlich aber wieder gut ist, denn man will ja schließlich sehen lassen, dass man seinen SPIEGEL bereits studiert hat. Sehr zu meinem Leidwesen ist es allerdings auch nicht besonders badewannentauglich.Nicht ernsthaft erwartet Ihr jetzt von mir Angaben über Preis, Auflagenstärke oder Bezugsquellen. Falls doch, zu ersterem: 3 € und er ist es wert; zu Punkt 2: um die 1.000.000 jede Woche, einer davon kommt zu mir; zu Punkt 3: Am besten, man abonniert ihn :-). Eine ganzseitige Anzeige kostet übrigens ab 48.500 €, falls Ihr meint, mich zukünftig mit Euren Produkten im SPIEGEL umwerben zu müssen. Es gibt, wie man an den 50 Prozent Werbung sieht, genug Firmen, die das investieren. Wenn die wüssten, dass ich über die Werbung immer einfach hinwegblättere… Genug der Theorie, nun wird es Zeit, dass ich mich meinem SPIEGEL widme! Danke für´s Lesen!
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03.07.2007 15:40
Ein guter, schön geschriebener Bericht, etwas nostalgisch vielleicht, aber das ist ja nichts schlechtes; bloß aktuell ist er nun wahrlich nicht mehr, denn links, nüchtern-sachlich und kritisch ist der Spiegel heute kaum noch. Da ist sowas hier nur die Spitze des Eisbergs: http://taz.de/blogs/bildschirmtext/2006/12/17/die-achse-spiegel-bild-2
15.02.2007 21:40
schreibe gerade eine facharbeit dazu und muss sagen: Respekt, echt super genial geschrieben!
10.03.2006 22:36
Hallo Hubert, das ist ein wirklich genialer Bericht. Selten etwas so Gutes, Informatives und dabei Witziges gelesen. Mach weiter..... LG Sue Ellen