Erfahrungsbericht über

Spieltrieb - Roman / Juli Zeh

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NEUES SPIEL, NEUES (LESE)GLÜCK? MITNICHTEN...

3  14.01.2005

Pro:
Interessante Gedanken um Macht und Moral

Kontra:
hanebüchene Geschichte in eitler Erzählweise

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


IlkaSehnert

Über sich: Wünsche allen ein gesundes, fried-und freudvolles - und Leserunden-Anfragen-loses 2011 !

Mitglied seit:06.05.2002

Erfahrungsberichte:200

Vertrauende:144

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 210 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

„Spieltrieb“ ist ein großer Roman über die Unmoral und ihre Folgen, letztlich also ein moralischer Roman, der die Fortgeltung von überkommenen Wertprinzipien in Frage stellt und sich damit einer der großen Fragen unserer Zeit annimmt: Wer weiß noch, was gut und was böse ist – und woher kann er das wissen?“

Große Worte auf dem Klappentext eines Romans, nicht wahr? Vor allem: eines Romans, geschrieben nicht von einem der großen Humanisten der Vergangenheit, sondern von einer 1974 geborenen jungen Frau im Jahre 2004.

Juli Zeh.
Ich bin ihr im letzten Jahr erstmals begegnet – da war ihr erster Roman aus dem Jahr 2001„Adler und Engel“ bereits ein Welterfolg
( inzwischen in zwanzig Sprachen übersetzt )
Den allerdings hab ich erst als zweites ihrer Bücher gelesen. Begonnen hat unsere Bekanntschaft mit ihrer Reiseerzählung „Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien“ (2002)
Ich war fasziniert.
Von der Geschichte.
Von der Art, sie zu erzählen.
Von ihrem Umgang mit dem Wort.

Das war noch genauso nach „Adler und Engel“.

Das ist nicht mehr so nach „Spieltrieb“.
Ich bin enttäuscht.
Warum? Ich vermute mal, man war in Kritik und Medien wohl zu verschwenderisch mit dem Lob, was ihre Sprache angeht: Sie ist ihrem eigenen Fabulierungs-Können auf den Leim gegangen. Der ganze dicke Roman „Spieltrieb“ las sich für mich wie ein einziger selbstverliebter Erguß einer Schreiberin, die stolz ist auf all die Worte und tollen Formulierungen, derer sie sich zu bedienen vermag.

Die Geschichte:

Ganz kurz gefasst geht es um Folgendes. Überdurchschnittlich intelligente knapp Fünfzehnjährige und überdurchschnittlich intelligenter knapp Achtzehnjähriger erfinden ein „Spiel“: Mädchen verführt Lehrer, Junge filmt es und dann geht eine lustige Erpressung los, die nicht einfach nur so aussieht: Wenn Du uns keine guten Noten gibst, zeigen wir die Bilder Deiner Frau. Nein, nein – Lehrer muß regelmäßig weiter mit Mädchen vor der Kamera poppen, wenn er nicht auffliegen will. Am Schluss verprügelt Lehrer Jungen, weil er sich während der ganzen Zwangsfickerei in Mädchen verliebt hat. Gerichtsverhandlung. Am Schluss Junge selber Schuld. Lehrer und Mädchen fahren mit Auto ins Glück.

Sorry. Ich weiß, Juli Zeh und ihr Verlag, Roman Schöffling & Co. würden mich steinigen für diese Kurzzusammenfassung.
Denn die stimmt so natürlich vorne und hinten nicht. Das Problem ist, dass die Geschichte als solche sicherlich ganz interessant sein könnte. Es geht schließlich um Macht, um Lust an der Macht, um Abhängigkeiten, um Moral und um Abwesenheit derselben.
Junge Menschen treiben ein perfides Spiel, und das nicht einmal wirklich gemeinsam, denn im Prinzip ist das Mädchen auch selbst Spielball der Fantasien und Psychospiele des Jungen.

Mein Problem liegt darin begründet, dass ich keine der handelnden Personen begreifen kann.
Alev, der Junge, ist für mich schlicht krank im Hirn. Intelligent, arrogant, berechnend, unausgelastet, kalt wie ein Fisch, emotional inkompetent, wies heute so schön heißt – und im übrigen auch noch impotent ( Keine Ahnung, warum Juli Zeh das in sein Profil einfügt. Leichte Art einer Erklärung für was auch immer! )

Ada, das Mädchen, ist auch eine krasse Aussenseiterin. Furchtbar klug, furchtbar belesen, und (natürlich) nicht hübsch. Sie fährt auf das pseudointellektuelle Gequatsche von Alev ab – weil es scheinbar in ihrer Umgebung sonst niemanden gibt, der ihr das Wasser reichen kann, weder Schüler noch Lehrer. Emotional ist auch bei ihr nicht viel zu holen: Locker mal als Geburtstagsgeschenk einem Mitschüler fast gewaltsam einen zu blasen und dadurch dessen Gefühle für sie völlig zu zerstören – leichte Übung. Wenn man das vorher mit paar anderen bespricht und ein paar Pornos studiert, ist sowas doch kein Problem...
( Zum Zwecke der Vorbereitung auf die Lehrerverführung ist es übrigens auch später kein Problem, sich von Alev mit Dildo-Unterstützung mal eben vorher noch schnell entjungfern zu lassen )
Mir unbegreiflich diese Typen, ehrlich! ( Na klar, die Familienverhältnisse, am Rande geschildert, sind bei beiden auch nicht recht schön...gähn...)

Der Dritte im Bunde. Sportlehrer Smutek, ein Pole. Der hat Probleme mit seiner Frau. Und mit seiner Herkunft. Und mit seiner Familiengeschichte. Ist doch toll, wenn da in seiner Schule ein sportlich begabtes Mädchen rumläuft, dem man auf Polnisch seine ganze traurige Geschichte erzählen kann, während man im Lauftraining neben ihr herrennt und ihre flinken Füße klasse findet. Na, von der muß man sich doch irgendwann verführen lassen...Ooops, und schon ist man erpressbar und muß auf Knopfdruck jeden Freitag in der Turnhalle wieder ran. Na bloß gut, dass man so sportlich ist...

Ich glaube, ich sollte aufhören an dieser Stelle. Verzeiht meinen Sarkasmus. Mag sein, ich habe den ganzen moralischen Grundgedanken des Buches nicht verstanden und gerade ein Meisterwerk verrissen...
Aber ihr könnt mir glauben, das fällt mir nicht leicht. Ich hatte gedacht, mit Juli Zeh auf eine wirklich wunderbare junge Schreiberin gestoßen zu sein, von der ich in Zukunft alles lesen würde, was ihre Feder hergibt. Nicht immer kaufe ich mir für knapp 25 Euro ein Buch in Hardcover, kaum, dass es erschienen ist. -

Ich finde den Gedanken HINTER der Geschichte, sich nämlich auf die Suche nach der Lust an der Macht zu begeben, moralische Bedenken zwar zu hinterfragen, aber gleichzeitig bewusst zu ignorieren, ziemlich interessant.
Was Juli Zeh zu dieser Suche allerdings für eine Geschichte eingefallen ist...ich weiß nicht.
Sieht für mich aus wie eine billige Provokation in Richtung: Schaut her, liebe Leser, was an unseren Lehranstalten hinter den Kulissen alles so abgehen kann. Ist nicht alles so nett, wie Ihr immer denkt, nein, nein...bissel kleine Monster gefällig? Und wisst Ihr was? Vielleicht erzieht Ihr auch gerad welche und merkt es nicht?...

Und dann die Sprache ! Juli Zeh ist eine Wortkünstlerin, unbestritten. Und ich will hier auch nochmal explizit anmerken, dass ich sie - auch was dieses Buch angeht - immer noch absolut überdurchschnittlich finde, was junge deutsche Autoren angeht. Sie kann wunderbare Bilder finden. Nur leider geht sie hier derart verschwenderisch damit um, dass man kaum eine Seite übersteht, ohne darüber zu stöhnen, dass hier schon wieder „Müllwagen die Mülltonnen auf ex trinken“, dort „die Zeit aus ihrem Korsett sprang, sich dehnte und streckte nach Belieben“ oder an anderer Stelle „die Himmel sich verfinstern und die Stadt unter einer geballten Ladung Saphirgrau zerquetschen“...
Jedes diese Bilder für sich ja ganz nett, aber tödlich in der Dosierung. Was für ein Geschwalle, dachte ich ein ums andere Mal.
Und damit jetzt nicht Ihr meinen Bericht für „Geschwalle“ haltet, beende ich ihn an dieser Stelle. Ich tue das ein wenig im Zweifel, ob ich vielleicht nur nicht in der richtigen Stimmung war beim Lesen des Buches, dass es mir derart missfallen hat...
Vielleicht gibt mir der eine oder andere von euch eine Rückmeldung? Juli Zeh ist auch hier bei Ciao keine Unbekannte mehr. Sowohl zu „Adler und Engel“ wie auch zu „Die Stille ist ein Geräusch“ werdet Ihr Berichte finden. Und ich kann Euch versprechen, dass Ihr im Vergleich mit diesen Berichten über meine Einschätzung zu „Spieltrieb“ sehr ins Stutzen geraten werdet.
So, wie ich selber...

Anhang:
Weitere Informationen zum Buch plus eine kurze Leseprobe:

ISBN 3-89561-056-9
Hardcover, ca. 25 Euro
566 Seiten
www.schoeffling.de
www.juli-zeh.de

Leseprobe:

„Eine Weile blieb Ada im Eingang stehen, um den Regen zu betrachten, der in starken Wasserseilen vom Himmel hing. Sie konnte sich nicht gleich überwinden, in diesen flüssigen Vorhang einzudringen, der keine andere Seite hatte, nur Vorhang war, ohne etwas Schönes oder Schreckliches zu verdecken. Kein normaler Mensch war bei diesem Wetter auf der Straße. Der Regen sperrte die Menschen ein, während ein gigantisches Reinigungsunternehmen der Welt das Gesicht abmontierte, um darunter gründlich sauber zu machen. Der Regen schloss Fenster, verriegelte Türen, löschte die Gärten aus. Autos pflügten als glotzäugige Fische vorbei, die Bürgersteige waren Stege für menschliche Scherenschnitte, für Außenseiter und Aasfresser, für die Angestellten der Niemandslandwirtschaft. Ein Stück der großen Dunkelheit, der die Städte wie Christbaumschmuck aufgesteckt sind, war in die Straßen gesickert und teilte den wenigen, die es aushalten konnten, etwas über die Weite unbewohnter Räume mit, über das Universum und dessen vollkommene Unabhängigkeit von aller menschlichen Existenz. Ada atmete tief, als gälte es, mit einer einzigen Lungenration bis nach Hause zu tauchen, und stieß sich von der Wand ab. Als sie losrannte, hatte sie bereits eine Grenze überschritten, und alles, was geschehen war, blieb hinter ihr zurück.“

Versteht Ihr, was ich meine?

P.S.
Meine Bewertung "empfehlenswert" bezieht sich irgendwie auf meine Neugier, wie Ihr das Buch findet, so Ihr es lesen wollt...lach...
Und "mittel", weil es selbstverständlich niveaulosere Bücher gibt.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Natalie1312

Natalie1312

28.02.2006 23:42

Hallo, dein Sarkasmus und vor allem deine Kurzzusammenfassung sind göttlich. :-) Ich habe nur dieses Buch von Juli Zeh gelesen und war auf ihrer Lesung. Fand das Buch zwar sehr interessant, kann deine Meinung aber sehr gut nachvollziehen. LG

Lithium23

Lithium23

03.09.2005 16:38

Ach ja, und: Deine Leseprobe bezieht sich in keiner Weise auf das, was du vorher kritisierst. "Versteht ihr, was ich meine?" - Ist klar. ^^

Lithium23

Lithium23

03.09.2005 16:36

Ich kann meine Meinung zu deinem miesen Bericht wohl kaum in ein paar Zeilen zusammenfassen. Ich versuche es dennoch einfach mal zu komprimieren. Dass dich das Buch nicht anspricht, wenn du es auf die sagen wir mal sexuellen Handlungen reduzierst, ist klar. Wahrscheinlich hast du alles andere nicht verstanden. Es kommt so rüber, als hättest du nur irgendwo mal gelesen, dass es in Spieltrieb "nebenbei" auch noch um die Machtkultur und ihre Unmoral geht. Das muss man natürlich brav mit drunterschreiben. Du reduzierst ein 500 Seiten schweres Buch mit primitiver Wortwahl und Erzählweise, nur weil du die eigentliche Aussage nicht kapierst.. Ich kann dazu nur sagen: Es ist nicht alles schlecht, was man nicht versteht.

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