Logbuch eines Irren: Mein Mittelrhein Marathon
20.06.2005
Pro:
Ich habs geschafft
Kontra:
Es war die Hölle
Empfehlenswert:
Ja
 Quines
Über sich:
Wieder aktiv! Als ambitionierter Hobby-Filmkritiker unterwegs.
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Lange keine Berichte von mir. Was treibt der "Quines" eigentlich den ganzen Tag? Soo viel kann man doch nicht zu tun haben um nicht mal für eine Stunde wöchentlich seine geistigen Ergüsse in Form von mittelschlechten Filmkritiken oder Berichte über die neuste Aldi Digicam auf Papier zu bringen. Die Antwort ist nüchtern, aber wahr: Der hat besseres zu tun. Für einen Marathon trainieren zum Beispiel. Und wie verrückt kann man eigentlich noch sein sämtliche Essgewohnheiten, von Pizza bis Schweineschnitzel über den Haufen zu werfen und wöchentlich etwa 60 km im Laufschritt hinzulegen? Auch diese Antwort ist nüchtern: Sehr verrückt. Um genau zu sein: Total irre. Die einen suchen die Herausforderung im Extrem- Sport: Bungeespringen, Freeclimbing, nackt aus einem Flugzeug hüpfen… das ganze Programm. Wieder andere sitzen täglich mit Bier und schlechten Pommes vor der Glotze und können ihrem Bauch in Echtzeit beim Wachsen zusehen. Aber ich bin da anders, ich suche den ultimativen Kick. Ich will wissen wie sich der griechische Feldherr Miltiades vor 2500 Jahren gefühlt hat, als er nach 42,195 Kilometern mit den Worten "Freut euch, wir haben gesiegt!" auf den Stufen der Akropolis tot zusammengebrochen ist. Wozu der menschliche Körper in der Lage ist, habe ich heut an eigenem Leib erfahren. Zwischendurch sah auch ich dem Tot ins Auge, wie mein griechischer Freund damals. "Gehs langsam an.", haben sie gesagt. "Es wird heiß" haben sie mir prophezeit. 34 Crad im Schatten, und langsam angegangen bin ich trotzdem nicht. Das Logbuch eines Irren: Die letzte Woche: Mein Tagesablauf ist reine Routine geworden. Früh ins Bett, ausschlafen, ein paar lockere Trainingseinheiten. Und viel Kohlenhydrate. Schaufeln wie ein Bagger. Bananen, Nudeln, Reis Kartoffeln… in den Mengen wie sie nur eine Großfamilie verputzen würde. In Ruhe den Renntag planen, wo werde ich wann wie schnell laufen? Nehm ich eine Trinkflasche mit oder warte ich die Verpflegungsstationen ab? Wann fährt mein Shuttle Zug zum Start? Wo muss ich meine Startnummer abholen? Mein fester, durchorganisierter Tagesablauf, ergänzt durch ein paar letzte Einheiten Magnesium und Entspannungsübungen wurde nach und nach zur Gewohnheit und lässt mich letztendlich ein Tag vor dem großen Tag in dem Glauben zurück, ich würde das schaffen, und ich würde es gut machen. Richtig gut.Der Morgen davor: Um 20 nach Fünf klingelt der Wecker. Ich habe kaum geschlafen aber das macht nichts. Denn in meinem Marathonbuch steht, nur der vorletzte Tag ist für die Regeneration im Schlaf von Belang. Routinisiert, wie die ganze Woche schon, gehe ich zum Frühstück. Es gibt Frühstücksei, eine Scheibe schlechtes Brot mit Honig und Quark. Dazu eine Tasse Kaffee und zum Aprés eine Banane. Oh wie hängen mir diese Bananen zum Hals raus. Ich kann euch sagen ich habe in meinem Leben noch nie so viele Bananen gegessen wie die letzten 10 Wochen, dem Zeitraum meines offiziellen Trainingsplans.Zum und am Start: Ich fahre mit dem Fahrrad zu meinem Trainingspartner der wohl genauso aufgeregt wie ich zu sein scheint. Unterwegs zum Bahnhof geh ich noch mal durch ob ich alles hab: Chip zur Zeitmessung am Schuh? Startnummer? Laufkleider komplett? Fahrkarte? Kleingeld? Alles dabei. Es kann losgehen. Der Zug fährt um 7:10 am Koblenzer Bahnhof ab. Die Sonne steht schon recht hoch für diese Uhrzeit. Und wir fahren an der noch leeren Marathonstrecke vorbei. Unheimliche Stille, endlose Weiten, die Verpflegungsstationen werden gerade aufgebaut. Einige ortsansässige taufen die endlose Gerade hinter dem Halbmarathonstart kurzerhand als "Death Valley". Ich hoffe mal, das ist nur so dahergesagt. Angekommen am Bahnhof in Oberwesel. Oberes Mittelrheintal, ich komme. Die Startprozedur zieht sich noch eine Weile hin. Anspannung. Noch ein wenig Flüssigkeit tanken. Und immer wieder die innere Stimme die sagt: "Geh's langsam an. Du hast Zeit."Es geht los Als der Startschuss fällt beginnt sich auf einen Schlag eine Vorbereitungszeit von fast einem halben Jahr binnen Sekunden zu armotisieren. Jeder Sinn meinen Körpers konzentriert sich auf diese eine jahrtausende alte Tätigkeit: Laufen. "Lauf Forrest lauf." Das erste Kilometerschild passiere ich bei 5 Minuten und 23 Sekunden. Das nächste bei 5:09 … Moment, da stimmt doch was nicht. Meine Beine fühlen sich an als könnten sie 100 Kilometer in diesem Tempo durchhalten. Ich hatte mir doch vorgenommen mit 6 Minuten pro Kilometer anzufangen. Und jetzt das. "Was solls", denke ich mir. Wohl wissend den Mann mit dem magischen 4 Stunden Luftballon, den Zug und Bremsläufer, hinter mir zu haben. Ich nehme mir vor mich bei einem 5:30er Schnitt einzupendeln, was mir dann auch gelingt. Auf diese Weise werde ich mein Ziel erreichen: den Marathon unter 4 Stunden Verleugnung Die ersten Verpflegungsstationen habe ich erfolgreich hinter mich gebracht. Zwar gab es etwas Chaos beim Austeilen der Getränke, aber was will man auch erwarten wenn diese mit der Mineralwasserflasche eingeschenkt werden. Die Leute die im Gehen trinken verspotte ich innerlich, schnappe mir meinen Becher und fülle ihn während des Laufens um, um keine Zeit zu vergeuden. Das kann ich mir auch erlauben denn ich bin ein weltklasse Läufer bei dem es auf jede Sekunde ankommt. Bei Kilometer 10 beginne ich die noch anstehende Distanz zu verleugnen. Schmunzele mit meinen Leidesgenossen über die Strecke und nehme mir vor meinen Schnitt zu halten. Es läuft rund, die Beine rollen, durch die Zuschauer angepeitscht fühle ich mich im siebten Himmel und wünsche mir ich würde ewig zu weiterlaufen. Kilometer 15, 16 und Folgende nehme ich hin als wären nur noch 10 Kilometer zu laufen, es geht auf die Halbmarathondistanz zu. Es ist beinahe halb 12, die Sonne brennt, langsam frage ich mich ob das schon alles war.Tobende Massen, spritzende Gartenschläuche überall. Zuschauer die dich bei deinem Vornamen nennen (dieser ist auf die Startnummer geschrieben). Den Schwamm noch mal eingetaucht, eine halbe Banane mitgenommen und auf geht es durch das Halbmarathon Tor. Über 21 Kilometer sind geschafft. So muss sich ein Tour de France Fahrer fühlen wenn er den Gipfel eines Berges erreicht hat. Längst habe ich aufgehört an die Distanz zu denken, dabei habe ich erst die Hälfte geschafft und bin schon knapp 2 Stunden unterwegs. Mein Kilometerschnitt ist solide. Ich werde es schaffen! Isolation Als ich aus Boppard, dem Halbmarathonpunkt, herauslaufe, begegne ich der darauf folgenden Rheinschleife. Ich sehe 10 km weit, über brennenden Asphalt, mehrere Versorgungsstationen hinweg bis zum Ende dieses mörderischen Tals wo sich die Spitzenläufer tummeln. Ich warte auf die nächste Kilometermarkierung, doch sie kommt nicht. Und ich warte und warte. Und sehe die 22… ungefähr genauso lang warte ich auf die 23. Zwar läuft es noch einigermaßen rund, doch langsam beginne ich über die Sinnhaftigkeit meines Vorhabens nachzudenken. Noch 20 Kilometer, noch 19, noch 18… die Sonne brennt vom Himmel. Das "Death Valley", wie es die Läufer auf der Hinfahrt zum Startpunkt betitelten, entpuppt sich wahrhaft als Tal des Todes. Kein Schatten, flimmernder Asphalt. Ab und an ein Zuschauer der es sich unter seinem Sonnenschirm bequem gemacht hat. Als ich die Rheinschleife passiert habe, habe ich immer noch nicht das 30., so wichtige Kilometerschild gesehen. Meinen Trainingspartner habe ich inzwischen wieder einkassiert. Und als ich durch Spay bei Kilometer 27 laufe und die Zuschauer mir noch mal ein wenig Motivation mitgeben, beginne ich wieder an mich zu glauben. Ich halte an um ein letztes Geschäft zu erledigen. Dann sammele ich noch einmal Kraft und hoffe bald das 30. Schild zu sehen. Doch es kommt nicht. Ich schaue auf die Uhr und bemerke dass ich bei einem 6 Minuten Schnitt angelangt bin. Was ist los? Ich versuche mich zu hören doch ich schaffe es nicht. Renne weiter und weiter und beginne zu verzweifeln. Als ich dann endlich bei km 30 angelangt bin fühle ich mich bestätigt. "Die letzten 12 schaffst du auch noch."Ich habe das Gefühl mich zu früh bestätigt zu haben. Ist es vielleicht doch noch zu weit? Langsam merke ich meine Beine, sie beginnen zu zucken! Konsequent nutze ich jede Versorgungsstation. Und ich merke, dass es doch besser ist im gehen zu Trinken, nachdem ich besagtes Ritual zunächst belächelt habe. Ich versuche mich noch stärker zu konzentrieren. Bei km 31 habe ich einen 7er Schnitt, bei km 32 sind es 8 Minuten! Was ist los? Ich beiße auf die Zähne, den 33. Kilometer versuche ich mein Tempo wieder zu finden. Ich schaffe es. 6:33 zeigt meine Uhr. Kilometer 34 beunruhigt mich. Es geht eine kleine Steigung hinauf, hindurch durch die wunderschöne Rheinstadt "Rhens"… meine Beine beginnen erneut zu zucken. "Soll ich stehen bleiben?". "Niemals!". Stehen bleiben käme einer Aufgabe gleich und ich gebe nicht auf! Der Einbruch Als meine übermüdeten Beine das 35. Kilometerschild passieren glaube ich in einem Moment einen Stock, zunächst in meinem rechten, dann in meinem linken Bein zu spüren. Ich bleibe stehen. Meine Beine zucken, als wolle die Muskulatur heraus. Krämpfe noch und nöcher. Ich krümme mich vor Schmerzen, halte es nicht mehr aus. Versuche stehen zu bleiben doch es geht nicht. Ich kann weder stehen, noch sitzen, noch gehen... geschweige denn weiterlaufen. Was soll ich tun? Ich beiße auf die Zähne und gehe im langsamsten Schritt unter brennenden Schmerzen den Berg hinauf. Viele Läufer kassieren mich, andere machen das gleiche durch wie ich, haben sich am Wegesrand niedergelassen. Ich versuche wieder zu laufen, nach 10 Metern erneute Krämpfe. 11 Minuten brauche ich für den 35. Kilometer, 12 Minuten für den 36. und 14 Minuten für den 37. Ich setze mich auf meine Treppe. Meterweise habe ich mich bis hierher geschleppt, bin teilweise auf allen Vieren gekrochen. Dehnen hat nichts gebracht. Ich habe an einer Versorgungsstation nachgetankt. Das Versprochene Red Bull bei Kilometer 35 war bereits leer. Den letzten Schub habe ich nicht bekommen. Ich krümme mich weiterhin vor Schmerzen. Auf was habe ich mich hier eingelassen? 5 Kilometer vor dem Ziel denke ich an Aufgeben. Doch ich weiß, dass ich nicht aufgeben werde. Ich rechne aus wann ich im Ziel sein werde, wenn ich beginne zu "walken"… Kilometer 38 schaffe ich auf diese Weise in einem 11er Schnitt, das ist zu langsam. Ich beiße wieder auf die Zähne, denke an das Gefühl im Ziel, verfluche meine Beine, für die ich so viel gearbeitet habe. Warum diese Hitze? Was mach ich hier eigentlich? Ich beginne schneller zu walken, noch schneller. Kilometer 39 schaffe ich in 8 Minuten. Da: Vertrautes Land, endlich weiß ich wo ich bin. Vor den Toren von Koblenz. Ich schöpfe neue Kraft.Das Ende Ich ziehe meinen rechten Fuß zu rechten und meinen linken Fuß zu linken Seite. Meine Beine sind leer, völlig ausgepowert, doch irgendwie schaffe ich es den Laufschritt wieder aufzunehmen. Sich anbahnende Krämpfe ignoriere ich. Die Zuschauer auf den letzten beiden Kilometern geben mir die nötige Kraft. Höllenqualen durchleide ich auf den letzten 500 Metern. Ich werfe meine Wasserflasche in die Menge, schreie so laut ich kann und kämpfe mich mit letzter Kraft ins Ziel wo ich unter tosendem Beifall, nach 4 Stunden und 41 Minuten fast zusammenbreche. Meine Beine wollen irgendwie weiterlaufen, ich kann mich nicht mehr bewegen. Höllenschmerzen, überall. Es ist grauenvoll. Die Sonne brennt, ich suche Schatten, was zu trinken. Ich finde meine Freunde, wir gehen ein Bier trinken… das hab ich mir verdient. Der Morgen danach Treppensteigen fällt sehr schwer, ich denke nach und wundere mich über jeden Kilometer den ich geschafft habe. Stolz steigt in mir hoch. Ich habe es geschafft. Ich wollte es besser machen, doch die Hitze war stärker. Sie hat mich dennoch nicht besiegt, darüber bin ich froh. Ich weiß wozu der menschliche Körper in der Lage ist, ich weiß dass ich es besser machen kann. Und trotz höllischer Schmerzen am ganzen Körper beginne ich bereits darüber nachzudenken, wann ich diesen Irrsinn wieder auf mich nehme.Quines für ciao.com
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17.08.2009 21:41
Hut ab! Ich bin den Marathon "nur" geskatet. Laufenderweise wäre ich NIE angekommen!
29.07.2006 21:39
Klingt mir nicht nach Spaß so ein Marathon...
09.07.2005 20:31
N'Abend. Erstmal meinen Respekt! Sehr interessant und irgendwie auch amüsant beschrieben. Konnte mit manchen Schmunzler nicht verkneifen. Übrigens auch sehr passende Bilder... Greetinx Nilote