Wenn alle Schlachten geschlagen sind, der Pulverdampf verzogen und die Auseinandersetzung beendet ist, wenn Sieger und Verlierer feststehen, dann ist die Zeit gekommen, Bilanz zu ziehen. Die Neigung, im nachhinein noch die eigene Sicht der Dinge zu betonen, erfasst dabei die Beteiligten unabhängig ... Bericht lesen
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Erfahrungsbericht von Filfar über Staatsfeind / Meyer, Till 22. August 2001
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
anspruchsvoll
Stil:
neutral
Unterhaltungswert:
sehr hoch
Wie ergreifend ist die Story?
berührt ein wenig
Informationsgehalt:
informativ
Aufmachung:
schön
Pro:
Interesante Einblicke in das Untergrundleben . . .
Kontra:
. . . die jedoch streckenweise zu unkritisch ausgefallen sind
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Wenn alle Schlachten geschlagen sind, der Pulverdampf verzogen und die Auseinandersetzung beendet ist, wenn Sieger und Verlierer feststehen, dann ist die Zeit gekommen, Bilanz zu ziehen. Die Neigung, im nachhinein noch die eigene Sicht der Dinge zu betonen, erfasst dabei die Beteiligten unabhängig von ihrem früheren Standpunkt. Unterschiede treten allenfalls dahingehend auf, dass die Verlierer ihre Niederlage zumeist in eine Gesamtbiographie ihres bisherigen Lebens einbetten, die Sieger hingegen sich darauf beschränken können, warum sie in einer bestimmten –Situation einen glorreichen Triumph erzielt haben, ja erzielen mussten.
Allgemeines:
Die Auseinandersetzung, um die es im Folgenden geht, meint den Konflikt zwischen bewaffneten Untergrund auf der einen Seite und der hochgerüsteten Staatsmacht auf der anderen Seite. Die Bilanz wird gezogen von Till Meyer, der die Zeit, um die es geht, als Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ erlebte und überlebte. In der autobiographischen Schrift von Till Meyer steht das schlagzeilenträchtige Untergrunddasein zweifelsfrei im Vordergrund. Aber auch Meyer kommt natürlich nicht umhin, anhand seiner vollständigen Vita zu erklären, wie er wurde, was er war.
Das Gesamtwerk ist vor beinahe fünf Jahren in der Reihe „SPIEGEL-Buch“ erschienen und zwischenzeitlich für knapp 20,00 DM im Goldmann-Verlag als Taschenbuch veröffentlicht worden. Auf über vierhundert Seiten legt Till Meyer darin dar, wie es aus seiner Sicht zur Gründung der „Bewegung 2. Juni“ gekommen ist, warum er dort Mitglied wurde, was deren Aktivitäten waren und welche Konsequenzen dies für ihn und andere hatte.
Als Einstieg in das Buch hat Till Meyer den vermeintlich spektakulärsten Coup der Bewegung 2. Juni gewählt: die Entführung von Peter Lorenz und die damit erfolgreich durchgesetzte Freilassung mehrerer inhaftierter Gesinnungsgenossen. Da anhand dieses Kapitels bereits exemplarisch einige Vorzüge und Schwachstellen des Buches erörtert werden können, will ich diesem Aufbau folgen und erst anschließend eine allgemeine Buchvorstellung und eine Einschätzung desselben formulieren.
Die Lorenz-Entführung:
„Who the fuck is Peter Lorenz“ – werden sich sicherlich einige Leser nun fragen, welche die Geschehnisse der 70er Jahre nicht präsent haben oder sich mit der Thematik des sogenannten „Terrorismus“ nur am Rande beschäftigten. Nun Peter Lorenz war zu der Zeit, von der in den folgenden Zeilen die Rede sein wird, also im März 1975, Spitzenkandidat der Berliner CDU bei den anstehenden Wahlen zum dortigen Abgeordnetenhaus. An diesen Wahlen konnte Lorenz selbst dann nicht teilnehmen, da er drei Tage zuvor von Mitgliedern der Bewegung 2. Juni entführt wurde. Die an die SPD-geführte Bundesregierung adressierte Hauptforderung der Entführer lautete auf Freilassung von fünf Mitstreitern. Da die gleich nach Bekanntwerden der Entführung eingeleitete Fahndung keinen Erfolg brachte, wurden die genannten Personen tatsächlich nach Jemen ausgeflogen. Im Gegenzug wurde Peter Lorenz wieder ins Licht der Öffentlichkeit gebracht. Der Triumph der Kidnapper war freilich nur von kurzer Dauer. Innerhalb von sechs Monaten nach der Entführung wurden beinahe sämtliche Mitglieder der Bewegung 2. Juni von der Polizei festgenommen und diese Gruppe damit zerschlagen. Selbst Till Meyer bemüht sich erst gar nicht, den sehr schnell vorübergehenden Pyrrhus-Sieg der Lorenz-Entführung zu beschönigen.
Die Beschreibung der Durchführung der Entführung, der Freude über die erfolglose Fahndung, des „Verhörs“ von Peter Lorenz, der Begeisterung, als die Bundesregierung auf die Forderungen eingeht und der „Urlaubszeit“ danach ist sehr kurzweilig ausgefallen. Auch wenn der grobe Verlauf und der Ausgang der Entführung allgemein bekannt sind, sind die jeweiligen Schilderungen der Einzelheiten durchaus spannend. Und der Autor Meyer hat offenkundig im Laufe der Jahre eine gewisse Distanz zum Täter Meyer entwickeln können, was dem Schreibstil mehr als gut getan hat. Auf übertriebene Dramatisierung stößt der Leser hier überhaupt nicht, bisweilen hat sich sogar ein leicht ironischer Unterton in die Erzählung eingeschlichen. Zudem wird der Lesefluss auch dadurch gefördert, dass hier keine seitenlange Rechtfertigung des damaligen Handelns vorgenommen wird. Dass Till Meyer seinerzeit derartige Aktionen für gerechtfertigt hielt, kann sich ohnehin jedermann denken und so wird die angebliche Richtigkeit der Entführung nur in sehr wenigen Sätzen angesprochen. Ansonsten beschränkt sich der Text weitgehend auf den bloßen Ablauf der Ereignisse aus Sicht eines der Beteiligten. Angesprochen werden aber auch die Schattenseiten der Entführung – beispielsweise die Panik, während der Fahrt zum Versteck mit Peter Lorenz im Kofferraum von Polizei entdeckt zu werden oder die Ungewissheit, was mit Peter Lorenz geschehen sollte, würden die Forderungen nicht erfüllt werden.
Andererseits wird bereits im ersten Kapitel deutlich, was die nachfolgenden nur noch unterstreichen sollen: auch wenn Till Meyer mit dem „bewaffneten Kampf“ endgültig abgeschlossen hat und später im Buch erklären wird, dass ihn schon während der Haft aufgrund der eigenen Analyse der Situation die Erkenntnis getroffen habe, der Untergrundkrieg sei zum Scheitern verurteilt, fällt die Selbstkritik durch recht bescheiden aus. Diese Beanstandung ergeht jetzt nicht in Erwartung einer schonungslosen Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, die an Selbstverleugnung oder Selbstzerfleischung grenzt. Aber Till Meyer stellt immer wieder die moralische Integrität der Untergrund-Aktivisten heraus, verweist im Zusammenhang mit der Lorenz-Entführung beispielsweise auf die durch und durch korrupte politische Landschaft West-Berlins, die sowohl die regierende SPD als auch natürlich – wie hätte es auch anders sein können – die CDU erfasste. Aber wurde dieser Korruption durch die Entführung von Peter Lorenz irgendein Schaden zugefügt? Wohl kaum. Die selbsternannten Kämpfer gegen das „System“ führten zwar Vorwürfe und Behauptungen im Munde, von wirklichen Wissen war jedoch keine Spur zu sehen. Und das, obwohl die Vorwürfe zutrafen und später durch Fakten belegt werden konnten. Sie hatten es schon immer gewusst – soweit geht vernünftigerweise noch nicht einmal Till Meyer. Besonders deutlich wird dieser Aspekt anhand des „Verhörs“ von Peter Lorenz. Die Befragung wurde nämlich bereits nach kurzer Zeit wieder eingestellt, da Lorenz nicht sonderlich auskunftsfreudig war und ohnehin niemand in der Lage war, Lorenz in irgendwelche Widersprüche zu verwickeln. Wenn aber keinerlei Aufklärungsarbeit mit der Entführung verbunden war oder gar das korrupte Treiben unterbunden werden konnte, welchen Sinn macht die Aktion dann überhaupt noch? Autor Meyer spricht es nicht direkt aus, zwischen den Zeilen wird aber deutlich, dass die Entführung letztlich reiner Selbstzweck war. Außer den Befreiten und dem vermeintlichen Propagandaerfolg gab es keinen erkennbaren Nutzen. Und dieser ist ausschließlich der Bewegung 2. Juni zuzuschreiben. Für wen die Entführer auch immer meinten stellvertretend einen Untergrundkrieg führen zu müssen – sie standen nur für sich.
Das Leben vor und nach der Entführung:
Till Meyer erblickte im März 1944 als jüngstes von sechs Kindern das Licht dieser Erde, wobei sich die folgenden Jahre kaum von anderen Berliner Schicksalen unterscheiden dürften: stets litt man unter Hunger, in den Wintermonaten kann dann noch die Kälte hinzu. Das letzte bisschen Barvermögen verlor die Familie im Zuge der Währungsreform. Klein-Till zeichnete sich während der Schulzeit durch extrem schlechte Leistungen und eine extrem hohe Fehlquote aus, dennoch schaffte er immerhin einen ordentlichen Schulabschluss. Über einen fehlgeschlagenen Versuch, als Seemann die Weltmeere zu bereisen, der permanenten Weigerung, eine richtige Lehre anzufangen, was ihm sogar einige Tage grauenhafter Ordnungshaft einbrachte, dem jähen Ende der ersten großen Liebe durch den Mauerbau am 13.08.1961, führte der Lebensweg von Till Meyer schließlich nach Trier, wo er sich jahrelang als Gelegenheitsarbeiter verdingen konnte, heiratete, einen Sohn zeugte und schließlich mit Randausläufern der Studentenbewegung in Berührung kam. Hochburg allen Protests war jedoch Berlin, also hieß es irgendwann: back to the roots. Hier waren die Auseinandersetzung mittlerweile zunehmend militanter geworden – insbesondere nachdem der Student Benno Ohnesorg anlässlich einer Demonstration gegen den Schah-Besuch am 02.06.1967 von der Polizei erschossen wurde und im April 1968 ein rechtsradikaler Attentäter Schüsse auf den Studentenführer Rudi Dutschke abgab. In dieses Klima geriet nun Till Meyer, der gerade erst sein revolutionäres Bewusstsein entdeckt hatte. In nächtelangen Debatten wurde sich nun der Kopf darüber zerbrochen, wie es weiter gehen soll. Die Entscheidung wurden dann vielen abgenommen, als im Mai 1970 ein bewaffneter Trupp Andreas Baader befreite und sich in den Untergrund absetzte. Klare Sache: das waren die neuen Vorbilder. Zum Aufbau einer geeigneten Logistik wurden Banken überfallen. Sobald die Polizei einem auf die Schliche kam, ging es ebenfalls in die Illegalität. Nach und nach ereigneten sich die Schießereien, die auf beiden Seite ihre Opfer hinterließen. Statt irgendeiner Form von Einsicht wuchs jedoch nur die Entschlossenheit. Im Jahr 1972 ging auch Till Meyer den Fahndern ins Netz, konnte jedoch später wieder aus der Haftanstalt fliehen. Nach dem Tod des RAF-Mitglieds Holger Meins planten Mitglieder der Bewegung 2. Juni spontan die Entführung des Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann. Die Aktion geriet zum Fiasko. Zurück blieb ein toter Richter. 1975 dann die Lorenz-Entführung.
Zum Zeitpunkt seiner zweiten Inhaftierung hatte sich die Lage enorm verschärft. Till Meyer galt nun offiziell als besonders gefährlicher „Terrorist“, das hieß verschärfte Einzelhaft, die von den Gefangenen und Menschenrechtsorganisationen als Isolationsfolter angeprangert wurde. Immer wieder wurden Hungerstreiks angesetzt, die jedoch nie zu einem Erfolg führten. Der Gesundheitszustand der Betroffenen verschlechterte sich zusehends. In dieser Extremsituation nahmen dann auch die Spannungen der Gefangenen untereinander zu. Der sogenannte „harte Kern“ der Bewegung 2. Juni war zu Beginn des Prozessauftakts, der insbesondere die Lorenz-Entführung und die Todesumstände des Richters von Drenkmann zum Inhalt hatte, bereits hoffnungslos gespalten. Nur das gemeinsame Strafverfahren hielt nicht zusammen, was schon auseinander driftete. Das Justizspektakel erwies sich letztlich über weite Strecken als Posse, da die aufgeworfenen Straftaten keiner Person zugeordnet werden konnte und einer der Angeklagten im Schlussplädoyer ein wasserfestes Alibi aufweisen konnte. Till Meyer bekam ein Haftstrafe von 15 Jahren aufgebrummt, die er aber teilweise schon abgesessen hatte. Nach seiner Abkehr vom „bewaffneten Kampf“ und erfolgreicher „Resozialisierung“ wurde Till Meyer Mitte der 80er Jahre entlassen und arbeitete bei der Berliner „TAGESZEITUNG (TAZ)“ als Spezialist für das Thema „Innere Sicherheit“ – wie passend. Hier sollte er immer wieder dem damaligen Berliner Innensenator zusetzen, der endgültig das Handtuchen werfen musste, als herauskam, dass er SPD-Abgeordnete bespitzeln ließ. Nebenbei erzielte Meyer weitere Einnahmen indem er der Stasi einige Informationen zutrug. Dies sollte ihm dann nach dem Fall der deutschen Wiedervereinigung zum Verhängnis werden.
Buchbewertung:
Wie bei allen „Personen der Zeitgeschichte“, zu denen auch Till Meyer zu zählen ist, sind bei deren autobiographischen Schilderungen Überraschungen und Neuigkeiten allenfalls in Detailfragen zu erwarten. Spannung wird hier demnach nicht durch den Handlungsverlauf selbst erschaffen, sondern aus dem Blickwinkel des Erzählers. Der Autor Meyer ist sich dieser Tatsache bewusst und versucht auch erst gar nicht, durch künstliche Dramatisierung den Leser in die Irre zu führen. Seine Sicht der Dinge ist vielmehr recht nüchtern ausgefallen – vielleicht sogar zu nüchtern, wenn man bedenkt, welchen Wirbel Till Meyer & Co. ausgelöst haben. Hierüber kann auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, dass sich Till Meyer nun nachdrücklich von seinen damaligen Aktivitäten distanziert, denn eine wirklich selbstkritische Auseinandersetzung, wie es überhaupt dazu kommen konnte, wird weitgehend vermieden.
Bereits die Lorenz-Entführung, die einzig erfolgreiche Gefangenen-Befreiung dieser Art, erwies sich bei näheren Hinsehen als politischer Flop, der die (vorsichtig formuliert) Begrenztheit des bewaffneten Kampfes“ zeigte. Je mehr jedoch die Konfrontation mit der Staatsmacht eskalierte, desto deutlich wurde auch, wie wenig durchdacht das „Konzept Stadtguerilla“ eigentlich war. Alle Schilderungen des Untergrund-Alltags machen vor allem stets eines klar: sonderlich politisch ging es nicht gerade zu. Wem kann man trauen, ohne aufzufliegen? Welche Bank kann man überfallen, ohne der Polizei ins Netz gehen? Welche Aktion wird als nächstes ausgeführt? Das sind die Fragen, die beschäftigen. Zwischendurch gibt es dann immer wieder kurze Abhandlungen über das allgemeine politische Geschehen – allerdings kaum geeignet, das Handeln von Till Meyer begreiflich zu machen. Man könnte dies eventuell auch als besonders geschickte Form rücksichtsloser Kritik ansehen. Ob dies auch dem tatsächlichen Willen Till Meyers entspricht, vermag ich jedoch nicht zu beurteilen. Dies ist Schade, denn dem Buch vorangestellt ist ein Zitat Simone de Beauvoirs, das größere Erwartungen geweckt hatte:
„Die Wahrheit ist eins; der Irrtum vielfältig. Es ist kein Wunder, dass die Rechte den Pluralismus lehrt.“
Das wirft natürlich Fragen auf. Ist jeder Irrtum automatisch auf rechtsgerichtete Politik zurückzuführen? Ist dann bei von Linken begangenen Irrtümern der Anspruch auf vollständige Wahrheitsermittlung nicht eingelöst worden? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Und aus der Tatsache, dass Till Meyer als Journalist wesentlich effektiver agierte denn als Möchtegern-Revolutionär ergibt sich die Frage, ob die Feder nicht doch mächtiger ist als das Schwert? Wollte Till Meyer hierauf eine Antwort geben, so müsste er noch eine Fortsetzung Schreiben.
Fazit:
Als Fazit lässt sich aus dem Buch ableiten, dass die staatliche Reaktion auf die Herausforderung durch den linksradikalen Untergrund mit der von den damals und heute Verantwortlichen lautstark beschworenen Rechtsstaatlichkeit nun so auch gar nichts zu tun hatte. Andererseits ist der Unterschied zwischen revolutionärem Freiheitskampf bzw. den Aktivitäten von Till Meyer und Konsorten kaum kleiner. Bleibt zu hoffen, dass die hier beschriebene Auseinandersetzung nun wirklich beendet ist. Allerdings wurde in einem Kommentar über die Todesschüsse beim G 8-Gipfel in Genua die Befürchtung geäußert, dass dieses Ereignis ein zweiter „2. Juni“ sein könnte. Vielleicht hilft ja die Lektüre des Buches von Till Meyer, um erkennen zu können, dass man nicht ein weiteres Mal versuchen muss, was schon beim ersten Mal nicht geklappt, weil es eben nie klappen konnte.
PS
Die Überschrift war als Graffiti an Berliner Hauswänden nach den wiederholten Gefängnisausbrüchen von Till Meyer zu lesen.
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