Erfahrungsbericht über

Stiller / Max Frisch

Gesamtbewertung (11): Gesamtbewertung Stiller / Max Frisch

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Frisch sich selbst erlebt

5  26.01.2005

Pro:
originell, man lernt einee Romanfigur mal auf andere Art kennen

Kontra:
wahrscheinlich kann nicht jeder was damit anfangen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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Boda

Über sich: "Gerade wenn wir alle in einem Boot sitzen sollten wir froh sein, dass nicht alle auf einer Sei...

Mitglied seit:07.05.2001

Erfahrungsberichte:123

Vertrauende:13

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 51 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

verzeiht das plumpe Wortspiel im Titel)
Also wieder eine Buchvorstellung, diesmal gewidmet dem von mir hochgeschätzten, wenn auch eigentlich (zumindest zu Lebzeiten) umstrittenen Max Frisch.
„Stiller“ habe ich gelesen, nachdem mich „Andorra“ in der Schule leicht genervt, „Homo Faber“ zu Hause neugierig gemacht und „Mein Name sei Gantenbein“ begeistert hat.

Max Frisch wurde 1911 in Zürich geboren und starb dort 1991. Wer hier auf ein wenig abwechslungsreiches Leben schließt, irrt: der Sohn eines Architekten arbeitet nach Abbruch eines Germanistikstudiums als freier Journalist, studiert schließlich 1936-1941 Architektur auf Diplom, danach eröffnet er ein Architektenbüro, schreibt aber nebenbei. Nach dem Krieg reist er durch Europa, hat u.a. Kontakt mit Berthold Brecht , 1952 folgt ein einjähriger Aufenthalt in den USA und Mexiko, dem später noch andere folgen.
Sein Architektenbüro schließt er 1954, in dem Jahr, als auch „Stiller“ erscheint.
In den folgenden Jahren schreibt er seine bekanntesten Werke, wie „Homo Faber“ oder „Biedermann und die Brandstifter“, er reist auch durch Arabien, die UdSSR, wohnt von 1960-1965 in Rom, reist Ende der 60er nach Japan. Für seine Stücke, Romane und Erzählungen erhält er u.a. den Literaturpreis von Nordrhein-Westfalen, den großen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung, den Heinrich-Heine-Preis, außerdem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1976.

Obwohl ich Werke wie „Homo Faber“ durchaus als Klassiker der Literatur bezeichnen würde, finde ich es eigentlich ganz nett, dass ich in bisher keiner Buchhandlung Frisch unter selbigen gefunden habe. Er findet seinen Platz immer noch zwischen aktuellen Romanen.

Einige Literaturkritiker bezeichnen Stiller als bestes Buch Frischs, zumindest neben Homo Faber, neben dem „der Stiller“ ja doch unterzugehen neigt. „Erster bedeutender Roman“ ist eine andere Bezeichnung.
Nun, ich bin kein Literaturkritiker, nein, auch ein Erfahrungsbericht bei Ciao macht mich nicht dazu *g*, aber ich versuche nun trotzdem einmal zu erörtern, was es mit diesem Buch auf sich hat.

So ein Roman sollte einem ja schon mit den ersten Sätzen in seinen Bann ziehen. Dieser beginnt mit dem Satz:
„Ich bin nicht Stiller.“
Ein Satz, der in sein Einfachheit doch sofort mein Interesse geweckt hat. Er fasst gleichzeitig die Grunproblematik des Romans zusammen: der Kampf seines Menschen um seine Identität, die objektiv eine andere ist, als er subjektiv empfindet.

Der Amerikaner Jim White wird beim Grenzübertritt in die Schweiz festgenommen, da er als der seit sieben Jahren verschollene und in eine Agentenaffäre verwickelte Ludwig Anatol Stiller identifiziert wird.
Natürlich bestreitet White jegliche Verbindung zu Stiller. In Untersuchungshaft soll er deshalb Aufzeichnungen machen, die seine Identität klären sollen. Tagebuchartig geschrieben bilden diese Hefte den Hauptteil des Romans.
In den Heften bildet sich langsam die Charakteristik Stillers heraus, dem Mann, der nicht er selbst sein möchte.
Es wird klar, dass alles, was Stiller bislang angefasst hat, misslungen ist, seine Karriere als Bildhauer, vor allem das Versagen in seiner Ehe mit der kühlen Julika, von der er sich weder als Stiller noch als White je richtig lösen kann, brachten ihn schließlich dazu, in der Hoffnung auf ein neues Leben nach Amerika zu fliehen.
Das Leben in Amerika war ein von Abenteuern geprägtes Leben. Schließlich ein Selbstmordversuch, auf den ein Neuanfang folgen sollte.
Diese Hoffnung wird enttäuscht, denn ein gerichtlicher Beschluss zwingen Stiller, seine Identität als selbiger anzuerkennen, obwohl er sich inzwischen als ein anderer fühlt.

Aus der Perspektive des Staatsanwaltes wird Stillers weiterer Weg geschildert, auf dem Stiller erneut an der Erlösung seiner Frau Julika scheitert, sich eigentlich alles ähnlich wiederholt wie auf dem Weg, den er schon einmal gegangen ist und hinter sich lassen wollte. Wie das denn so ausgeht, könnt ihr selber lesen.


Wie eigentlich alle Protagonisten Frischs leidet auch Stiller unter der Sehnsucht nach einem anderen Ich.
Verständlich gemacht wird das auch mit einem Zitat Kierkegaard, das vor den Roman gestellt wurde:
„Sieh, darum ist es so schwer, sich selbst zu wählen, weil in dieser Wahl die absolute Isolation mit der tiefsten Kontinuität identisch ist, weil durch die jede Möglichkeit, etwas anderes zu werden, vielmehr sich in etwas anderes umzudichten, unbedingt ausgeschlossen wird.“
„- : indem die Leidenschaft der Freiheit in ihm erwacht (und sie erwacht in der Wahl, wie sie sich in der Wahl selber voraussetzt), wählt er sich selbst und kämpft um diesen Besitz als um eine Seligkeit, und das ist seine Seligkeit.“ (aus Entweder-Oder)

„Stiller“ ist eines von diesen Büchern, mit denen ich anfangs kämpfte, die mir dann aber mit jeder Seite mehr ans Herz wuchsen. Es ist in der Tat mühsam, den Bericht eines Menschen zu lesen, der ein Lügner zu sein scheint. Schließlich liest man gewöhnlich Romane, die von zuverlässigen Erzählern wiedergegeben werden.
Aber gerade dieser Aspekt macht die Charakterisierung Stillers auch so interessant. Wir erfahren von Stiller nicht durch Stiller, sondern durch White, der Stiller als einen neuen Menschen kennenlernt, sich für ihn interessiert und ihm nachforscht, sich über Parallelen und Unterschiede in ihren Leben wundert. White, für den das Leben so ein Albtraum sein muss: er begegnet all diesen Menschen, die zu Stillers Leben gehören und ihn als Stiller identifizieren, der er nicht mehr ist.
White lernt dabei nicht nur Stiller, sich selbst, als neuen Menschen kennen, sondern auch dessen Freunde, Familie. So fällt ihm bei einem Gespräch mit seinem Bruder auf, wie unterschiedlich sich ihre „beiden“ Mütter sind.
Schön sind die Gefühle, die dieser Mensch nach und nach im Leser auszulösen vermag, unterschiedlich. Abscheu, Mitleid, auch Wut und Schmunzeln über die zeitweilige Lächerlichkeit Stillers, stets getragen von einer tiefen Sympathie, von der ich mich von Anfang bis Ende nicht lösen konnte.
Angenehmerweise gibt es zwischen all diesen Neurosen auch Platz für den Leser sich zu amüsieren. Wie häufig bei Frisch amüsieren wir uns auch etwas über die Schweiz, natürlich auch über die Ausgangssituation als solches, die sich zunächst objektiv als völlig absurd darstellt.

„Stiller“ ist auch ein Roman, der polarisiert. Meine Mutter liest ihn seit über einem Jahr (nur nebenbei), wurde also offensichtlich nicht wirklich von dem Menschen Stiller gefesselt, auf den es sich einzulassen gilt.

Wichtig ist bei diesem Buch das, was auch Dürrenmatt beschreibt: „Der Leser mache auch mit, spiele mit. Ohne Mitspielen ist der Siller weder zu lesen, noch zu begreifen.“
In der Tat: um Stiller kennenzulernen müssen wir uns auf seinen White einlassen. Dann wird Stiller zu einem durchweg überzeugenden, fesselnden Charakter.
Ein Mann, den man irgendwie, obwohl merkwürdig, verstehen kann, da er auch zugibt, lächerlich zu sein:
„Warum lassen Sie nicht ab! Mein Verhalten ist lächerlich, ich weiß, meine Lage wird unhaltbar. Aber ich bin nicht der Mann, den sie suchen, und diese Gewissheit, meine einzige, lasse ich nicht los.“

„Stiller“ ist vielleicht kein Thriller, aber fesselnd, wenn man ihn richtig liest. Wenn ich noch einmal eine Formulierung Dürrenmatts aufgreifen darf: „Das Ich wird ein Kriminalfall.“
Wenn man ihm den Raum gibt, sich zu entfalten.

Vielen Dank für eure Zeit!


ISBN 3-518-36605-X
Erschienen (natürlich) im Suhrkamp-Verlag
Preis: 10 Euro

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
dieFantafrau

dieFantafrau

26.01.2005 19:05

Ich hab das Buch mal so mit 15 gelesen und damals verschlungen. Muss es unbedingt mal wieder zur Hand nehmen - Danke für die Erinnerung! (c; Sehr gute Buchkritik! LG, dieFantafrau (c:

logan

logan

26.01.2005 18:05

sehr interessant

quamber3

quamber3

26.01.2005 16:10

Auch dr Verfasser des Romans hätte deinen Beitrag mit Vergnügen gelesen, nehme ich an.

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