"Nichts ist schwerer als sich selbst anzunehmen!"
22.09.2009
Pro:
siehe Text
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 Christin78
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Es gibt Bücher die lese ich und wenn ich auf der letzten Seite angelangt bin, möchte ich gleich wieder auf der ersten Seite anfangen, Bücher die mir nicht über werden, Bücher die mich bei jedem Lesen erneut bereichern. Zu dieser Art Bücher gehört für mich „Stiller“ von Max Frisch und über dieses Buch möchte ich euch heute ein wenig erzählen. LesemotivationDas erste Mal habe ich dieses Buch vor ungefähr 7 Jahren gelesen, das letzte Mal vor ein paar Tagen. Damals vor 7 Jahren kaufte mein Mann dieses Buch, las es, war begeistert und da ich an seiner Begeisterung teilhaben wollte las ich es ebenfalls. Seitdem greife ich immer wieder zu diesem Buch, wenn mich so eine Art Leseunlust überfällt, wenn ich an den Büchern und ihrer Bedeutung für mich zweifele, wenn ich lesen möchte, ohne mich auf etwas komplett Neues einzulassen, wenn ich mich mit einem Buch beschäftigen möchte, dessen Wert ich für mich schon erkannt habe und „Stiller“ gehört zu dieser Kategorie Buch. Der AutorWirklich nur ein paar wenige Angaben über den Autor, detaillierte Informationen sind bei Interesse im Internet zu finden und es würde an dieser Stelle zu viel sein, eine detaillierte Biografie zu schreiben. Geboren wurde Max Frisch 1911 in Zürich wo er 1991 auch starb. Er studierte Architektur und arbeitete in diesem Beruf etliche Jahre. Er bekam zahlreiche Literaturpreise unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Worum geht es?Die Handlung läßt sich recht schnell zusammenfassen: Mr. White wird bei der Einreise in die Schweiz verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt. Der Verdacht liegt nahe das es sich bei Mr. White um einen gewissen Anatol Stiller, seit 7 Jahren verschollen, verheiratet mit Frau Julika Stiller Tschudy, damals beruflich tätig als Bildhauer, handelt. Mr. White wehrt sich gegen den Verdacht der Verschollene zu sein und setzt sich aus der Untersuchungshaft hinaus mit dem Leben des Verschollenen auseinander. Er führt Tagebuch, welches er nach der Verhandlung, seinem Staatsanwalt zur Verfügung stellt, eben jener Staatsanwalt der im Laufe der Untersuchungshaft sein Freund wird und mit deren Frau Stiller eine Affäre hatte die fast zur Scheidung von dem Staatsanwalt und seiner Frau geführt hätte. Es ist die Geschichte der Suche nach der eigenen Identität, die Geschichte einer Ehe, auch ein bisschen die Geschichte der Emanzipation der Frau, eine Geschichte des sich selber nicht Annehmen Könnens und die Folgen wenn man sich der Identität zuwendet die andere einem zugedacht haben, vor der man selber aber fliehen wollte. Die Geschichte vom Kampf um die innere Freiheit und der Anerkennung von Außenstehenden. Im kommenden Abschnitt werde ich immer wieder auf den Inhalt zurückkommen, möchte es aber an dieser Stelle bei der kurzen Inhaltsangabe belassen. Wie habe ich dieses Buch empfunden? „Stiller“ ist ein Buch welches ich bei jedem erneuten Lesen anders verstehe, bei dem ich immer wieder etwas für mich noch Neues entdecke, Zusammenhänge die ich nicht erkannt habe, erschließen sich mir auf einmal. Für mich gehört „Stiller“ zu den reichsten Büchern die ich bisher gelesen habe, Stiller ist eine Figur die ich nicht wieder vergesse, eine Figur die sehr oft in meinen Gedanken herumspuckt, mich begleitet. Die Thematik der Selbstsuche, des vor sich selber Fliehens, der Annahme einer anderen Identität, spricht mich sehr an und bei vielen Stellen im Buch fühle ich mich direkt angesprochen, als wäre ich selber gemeint, vielleicht ist dieses Buch für mich auch etwas ganz Besonderes. Ich habe bisher einige Bücher gelesen, aber nur sehr wenige Protagonisten fand ich wirklich lebendig. Stiller lebt, Stiller kommt mir fast schon real vor, Stiller der nicht Stiller sein möchte, sein kann und es letztendlich doch sein muß. Von der ersten Seite des Buches, vom ersten Satz an, übrigens einer der besten ersten Sätze in Büchern überhaupt – „Ich bin nicht Stiller“ – wird der Leser mit dem Zwiespalt von Stiller konfrontiert, mit der Suche nach seiner Identität. Beim ersten Lesen wußte ich nicht ob White denn nun Stiller ist und was es mit diesem Stiller überhaupt auf sich hat. Beim wiederholten Lesen ist mir aufgefallen das es auf der ersten Seite schon ersichtlich ist, dass White Stiller ist und letztendlich doch nicht ist. White ist nicht Stiller, da Stiller zurückgelassen wurde um zu White zu werden, aus der Schweiz wegzugehen, in Amerika und Mexiko ein neues Leben zu leben, das Leben von White, der mit Stiller nicht im Geringsten etwas zu tun hat, zu tun haben wollte. Doch wie sehr können wir eine einmal angenommene Rolle einfach wieder ablegen und nehmen wir eine Rolle freiwillig an oder wird sie uns von Außen aufgedrängt, wir, die nicht in der Lage sind zu unterscheiden zwischen dem was wir sind, sein möchten und dem was andere von uns erwarten. Eine Rolle spielen, jeder Mensch lebt in mehreren Rollen, doch wo bleibt der Mensch dabei. Er kann sich einreden das es sein Leben sei, welches er lebt, mag sein das es wirklich sein Leben ist, es kann aber auch sein das er ein Leben lebt weil er in dieses hineingerutscht ist, er zu lange andere hat entscheiden lassen, sich zu lange angepasst hat und dann mit einem Male merkt, daß das Leben nicht seins ist, er es gar nicht haben möchte, doch was ist dann zu tun? Ich glaube sehr, das es vielen Menschen genauso geht, sie wachen irgendwann auf und beginnen zu bemerken das sie das Leben eines anderen leben, daß das was sie wollten, sich von ihrem Leben vorgestellt haben nicht verwirklicht werden konnte. Stiller ist ein Mensch der sich in gewissem Maße angepasst hat, der funktioniert hat, so wie er dachte das andere es von ihm erwarteten, ein Mensch der auf die Anerkennung von anderen Menschen angewiesen ist und ich glaube je mehr ein Mensch von solch einer Anerkennung abhängig ist, desto mehr passt er sich an, spielt die ihm zugewiesene Rolle und es wirklich zu merken. Stiller hat es irgendwann gemerkt, konnte vermutlich die innere Zerrissenheit nicht mehr aushalten und floh vor Stiller, vor seinem Leben. Max Frisch läßt Mr. White auf das Leben des Stillers zurückblicken indem er White darüber schreiben läßt was ihm über Stiller von seinem Staatsanwalt, von seinem Verteidiger, von Stillers Frau Julika und seinem Wärter Knobel erzählt wird. Ich als Leser bemerke bei diesen Aufzeichnungen immer wieder ein sich Annähern von White an Stiller und dann wieder der Rückzug und das sehr vehemente Beteuern das er nicht Stiller sei. Eine sehr eindrucksvolle und intensive Darstellung, die den Leser an Stillers Seelenleben und Dasein teilhaben läßt. Soll White von sich erzählen, um ihm nachweisen zu können das er Stiller ist, flüchtet sich White in Geschichten, Abenteuer die er teilweise real erlebt hat und teilweise in seiner Fantasie. Es sind Geschichten über Liebe, über Abenteuer, über Mord, über andere Länder die mich immer wieder auf´s Neue begeistern und faszinieren. Diese Geschichten alleine machen das Lesen dieses Buches schon absolut lesenswert. Frau Julika Stiller Tschudy, Stillers Frau, eine beinahe ebenso interessante Person wie Stiller selbst. Die schöne Julika, wie sie auch genannt wird, grazil, eine Ballettänzerin, Lungenkrank, unnahbar, eine Waise. Stiller ist der einzige Mann den sie an sich heranläßt. Wie ich finde gehen Stiller und Julika eine Art Zwangsgemeinschaft ein, 2 Menschen die einander retten wollen, die in den anderen die Hoffnung legen, er würde sie zu ihrem Vorteil verändern können selber aber gar nicht wissen wie sie verändert werden möchten und letztendlich jeden Einfluß des Partners ablehnen. Zwei schwache Menschen die Angst vor starken Partnern haben sich gegenseitig das Leben sehr schwer machen, 2 Menschen die nicht miteinander reden können, über sich und darüber was sie jeweils vom anderen erwarten. Wobei Julika immer als die schwächere von beiden dargestellt wird, die arme kranke Julika, die zerbrechliche die mit dem egoistischen Stiller liiert ist. Sicher ist Julika krank, verbringt Wochen in Davos, wird dort auch noch von Stiller verlassen, aber dennoch finde ich ihr Verhalten gegenüber Stiller ebenso egoistisch. Julika und Stiller sind Menschen die nicht miteinander können, aber auch nicht ohne einander und drohen aneinander kaputt zu gehen. Stiller flüchtet sich in eine Liebschaft mit Sybille, die Frau von Whites Staatsanwalt. In ihr sieht er all das was er in Julika nicht sieht und auch Sybille kann den Erwartungen von Stiller letztendlich nicht gerecht werden. An dieser Affäre wird sehr eindrucksvoll die Ehe dargestellt. Teilweise wird die Affäre aus Stillers Sicht erzählt, zum Teil aus Sybille und zum Teil aus der Sicht des Staatsanwaltes. Es werden Stiller und Sybille durchleuchtet, genauso wie Sybille und ihr Mann. Anhand von Sybille wird auch die schon angesprochene Emanzipation der Frau der Frau sehr gut dargestellt. Die Flucht der Frau aus der Abhängigkeit eines Mannes, das selbstbestimmte Handeln erlernen wollen, das von einem Mann unabhängige Leben auch in finanzieller Hinsicht, die Selbstbestimmung über die Mutterschaft und die Reaktion des Ehemannes auf solch ein Verhalten seiner Frau. Ein weiteres Thema dieses Buches ist der spanische Bürgerkrieg in dem Stiller kämpfte und wie er findet versagte. Eine Art traumatisches Erlebnis von Stiller auf das er immer wieder zurückkommt, das sein Leben prägt und ihm die Meinung verliehen hat er sei als Mann unzulänglich. Ich kann mich erinnern, das ich diese Szenen beim ersten Lesen langweilig fand und sie nicht wirklich in einen Zusammenhang bringen konnte. Mit jedem weiteren Mal das ich dieses Buch las, stieg mein Interesse an diesen Szenen und ich habe irgendwann verstanden wie wichtig sie für das Verständnis der Figur Stiller sind. Ich erwähnte schon, das die Handlung zum größten Teil in der Schweiz spielt, nur die Geschichten von White spielen in Amerika und Mexiko. White lehnt die Schweiz, aber verachtet sie und kann so gar nichts Gutes an diesem Land finden. Gleichzeitig wird die Schweiz von allen anderen auftretenden Figuren verteidigt und in Schutz genommen. Der Leser bekommt dadurch ein sehr deutliches Bild dieses Landes und ich habe beim Lesen das Gefühl, dass sich dieses Bild im Laufe der Lektüre immer deutlicher abbildet.Ohne Zweifel gehört „Stiller“ zu den bestgeschriebensten Büchern die ich bisher gelesen habe. Das Buch ist in einer Sprache geschrieben worden, die ich in vielen, insbesondere zeitgenössischen Büchern, vermisse. Vielleicht kennt ihr das Gefühl etwas beschreiben zu wollen und dabei zu bemerken das man kläglich scheitert, nicht in der Lage ist etwas so darzustellen wie man es empfindet, wie man es sieht. Einem anderen etwas durch Worte verständlich zu machen, ohne Gefahr zu laufen mißverstanden zu werden. Man sucht nach einem Wort von dem man weiß das dieses und kein anderes passend ist. In „Stiller“ ist jedes Wort passend und ich erfreue mich immer wieder an der grandiosen Sprache des Textes. Max Frisch erzählt präzise, sehr nachhaltig, ohne Schnörkel, dennoch manchmal ausschmückend aber ohne das Langeweile beim Lesen aufkommt, die angeführten Vergleiche sind sehr bildhaft. Mir kommt „Stiller“ vor als wäre das Buch von einem Menschen geschrieben worden, der für die Sprache gelebt hat, der alles daran gesetzt hat seine Gedanken so genau wie nur eben möglich in Worte zu fassen, von jemanden der noch nicht von den Massenmedien und deren Sprache zu sehr beeinflußt war. Ich würde den Stil dieses Buch als sehr klar bezeichnen und wenn man kein Interesse an der Handlung findet, so hat man noch die Möglichkeit sich für die Sprache des Buches zu begeistern. Ich bin überwältigt von Sprache und Handlung. „Stiller“ ist ein Buch das in die Tiefe geht ohne das der Leser in dieser Tiefe versinkt und alleine gelassen wird, ein Buch das psychologisch durchdacht erscheint und in mir immer wieder die Frage aufkommen läßt, wie Stiller und Julika zu dem geworden sind als das sie dargestellt wurden. Ein Buch über das man sich stundenlang unterhalten kann, das man analysieren kann, sicher oft geteilter Meinung sein kann, das sehr viel Gesprächsstoff bietet und das meiner Ansicht nach wert ist, sehr oft gelesen zu werden, gerade danach verlangt. Das Ende des Buches, welches ich nicht verraten werde, ist eines der bewegensten Enden die ich in einem Roman erlebt habe. Ein Ende welches ich als solches auch nach mehrmaligem Lesen nicht anerkennen möchte und hat man einen geeigneten Gesprächspartner kann man über dieses Ende und einen eventuellen anderen Ausgang sehr lange diskutieren. Genauso darüber wie es zu diesem Ende kommen konnte. Für mich ist „Stiller“ so etwas wie ein Lieblingsbesuch das mich persönlich sehr intensiv anspricht und ich habe schon oft gesagt, das wer dieses Buch liest, mich vielleicht etwas besser versteht. Das mag sich vielleicht etwas überzogen anhören, aber dieses Buch ist irgendwie ein Teil von mir und ich bin mir vollkommen bewußt das der Versuch, ich möchte es dann doch rezensieren nennen, dieses Buches im Vergleich zu der Großartigkeit des „Stiller“ nur ein spärlicher Versuch ist, ich hoffe dennoch das ich bei dem ein oder anderen, der diese Zeilen eventuell gelesen und nicht nur überflogen, gar abgeklickt hat, Interesse wecken konnte. Sonstiges Ich habe vor mir eine im Suhrkamp Verlag erschienen Taschenbuchausgabe liegen, die jetzt 10 Euro kostet und folgende ISBN NR. hat: 3-518-36605-X. Das Buch hat 438 Seiten.Mein FazitViel möchte ich gar nicht mehr schreiben, außer jedem dieses Buch noch einmal zu empfehlen der sich mit dem Thema Identität, Flucht vor sich selber, der Suche nach seiner Rolle in der Gesellschaft und sich selbst auseinander setzen möchte, der sich für nachhaltige literarische Figuren interessiert und sich an einer großartigen Sprache erfreuen kann.
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Stiller, Max Frisch
Taschenbuch März 2011, Verlag: Suhrkamp, Reihe: Suhrkamp Taschenbücher, ...
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Stiller - Frisch, Max
Taschenbuch, 437 S., Erschienen: 2011
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07.10.2009 12:01
Das Buch zu lesen schiebe ich schon eine ganze Weile vor mir her...
25.09.2009 21:40
bh & lg
23.09.2009 21:09
ist zwar nicht so mein fall, das buch, den bericht dazu fand ich aber spitze, lg guido