Auf der Schattenseite des Lebens

5 10. Jun 2005

Pro:
authentische, packend geschriebene Entwicklungsgeschichte eines  Berliners von der Schattenseite des Lebens

Kontra:
Sprache recht heftig und drastisch (das trägt aber wiederum zur Authentizität bei)

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau:

Unterhaltungswert:

Spannung:

Humor:

Aufmachung:

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Die_Buchhaendlerin

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Selten schaffe ich es einmal, ein Buch in die Hand zu nehmen, das von einem wirklich unbekannten Autor geschrieben ist, einem Autor, der durch die Buchhandlungen läuft und sein Buch persönlich vorstellt, immer in der Hoffnung, dass er ein oder zwei Exemplare zur Kommission da lassen kann.
Oft sagt man als Buchhändler einfach mehr oder weniger aus Mitleid zu, ohne sich aber weiter für das Buch zu interessieren. Meist lohnt es auch nicht, oft schon nach einer Seite klar, dass der Welt kein neuer großer Autor geschenkt wurde.
Da ich jedoch schon durch Frau Frankens Buch über das jüdische Kinderheim (das ich hier bereits vorgestellt habe) positiv überrascht wurde, wollte ich auch diesem Autor eine Chance geben. Sehr einnehmend fand ich die große Freude über sein "Baby", die er ausstrahlte, das Glück darüber, sein eigenes Buch geschrieben, veröffentlicht und in der Hand zu halten. Nachdem ich es ursprünglich nur kurz anlesen wollte, konnte ich nicht mehr damit aufhören und möchte es daher gerne einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen.

"Stinkehose" ist der autobiografischer Roman eines Berliners, der von der Schattenseite des Lebens aus schreibt. Eine authentische und überzeugend geschriebene Entwicklungsgeschichte eines Kindes, das angefangen von einer unfähigen und überlasteten Mutter, einem alkoholkranken Schläger als Vater, Hunger und Wohnen im Obdachlosenheim bis hin zu Kindesmissbrauch so ziemlich alles durchmachen muss, es aber irgendwie schafft, sich durchzubeißen, ohne innerlich zu verhärten.
Ein bewegendes Buch!

Daten:
Das Buch ist im Klingenstein Verlag erschienen, hat die ISBN 3-937813-03-9 und kostet 17,90 Euro

Autor:

Axel Altenburg wurde 1958 in Berlin geboren. Bevor er anfing, Geschichten zu schreiben und nun auch seinen ersten Roman, arbeitete er im Lebensmitteleinzelhandel. 2003 gewann er den Erzählwettbewerb der Berliner Zeitung "Tagesspiegel".

Zum Inhalt:

Der kleine Axel kann noch nicht verstehen, was ihm angetan wird, als er während einer Kur an der Nordsee von Teilen des Pflegepersonals sexuell missbraucht wird. Nur, dass das, was ihm geschieht, ganz und gar nicht in Ordnung ist, das versteht er. Ebenso wie ihm klar ist, dass sein Alltag zurück in Berlin nicht sehr viel erfreulicher ist.
Seine Mutter ist eine Frau, die früh Kinder bekam, eins nach dem anderen und sich deshalb an einen Mann band, der von einer unglaublichen Stumpfheit, innerer Kälte und Brutalität ist. Doch offensichtlich gelang es ihr nie, auch nur den Gedanken an eine Trennung zu fassen. Immer wieder wird sie geschlagen, beschimpft und heruntergemacht, bis sie so entwürdigt ist, dass sie nicht nur so ziemlich alles mit sich geschehen lässt, sondern auch ihren Kindern keinen Schutz bietet. Schläge sind Alltag für Axel und seine drei Brüder, ebenso wie ein immerzu betrunkener Vater und eine abgestumpfte und verhärtete Mutter. Ja, die Kinder hoffen sogar immer, dass der Vater betrunken nach Hause kommt, denn dann schläft er meist bald ein; ist er aber nüchtern, dann kommt es zu Streit und Gewalt.
Man sollte annehmen, dass die gemeinsam erlittene harte Kindheit die Kinder solidarisch aneinander schweißt, doch dem ist leider nicht so. Meist sind die Geschwister unfähig, sich gegenseitig zu helfen und verharren in Isolation. Einer der Brüder ist Bettnässer, doch außer Spott und erniedrigenden Beschimpfungen erhält er keinerlei Zuwendung.

Altenburg beschreibt sein Heranwachsen in diesem traurigen Elternhaus, er erzählt uns von kleinen Fluchten, den Besuchen der Oma, Aufenthalt bei Verwandten, später sein geliebter Fußballverein. Mit ihm erleben wir die Schande, als die Wohnung nicht mehr zu halten ist und der Umzug ins Obdachlosenasyl bevorsteht. Wir zittern mit seinen verzweifelten Versuchen, dies vor seinen Schulkameraden geheim zu halten mit und sind mit ihm empört über die Instinktlosigkeit mancher Lehrer, die - vielleicht sogar in guter Absicht - das Kind dem Gespött preisgeben.
Erste Tastversuche in Richtung Liebe, die sich langsam verändernde Rolle, die die Schule in Axels Leben spielt, werden sehr eindringlich geschildert. Immer wieder tauchen Gedanken darüber auf, ob nicht doch ein anderes Leben möglich ist als das ihm vorgelebte.
Axel wird nicht nur der einzige in der Familie bleiben, der ohne einmal sitzen zu bleiben durch die Schule gekommen ist; nein er wird es auch schaffen, die Chance, die ihm das Angebot einer Lehrstelle bietet, zu ergreifen. Er geht seinen eigenen Weg, doch dieser Weg war wirklich mit allen erdenklichen Stolpersteinen versehen.

Stil:

Anfangs störte mich die drastische Ausdrucksweise, sexualisierte Schimpfwörter und Fäkalausdrücke; doch bald erkannte ich, dass sie einfach ein Teil dessen sind, was die überaus große Authentizität des Textes ausmacht. Altenburg wirft nicht einfach mit groben Ausdrücken um sich, sondern er setzt sie da ein, wo sie inhaltlich nötig sind.
Trotz der manchmal schier unglaublichen Ereignissen, der Härte und Lieblosigkeit die sein (und die seiner Umwelt) Leben prägten, gelingt es dem Autor immer wieder, Momente des Komischen einzubringen. Auch war ich erstaunt über den immer wieder auflebenden Optimismus, den Glauben an sich selbst.
Noch erstaunlicher mag der Stil Altenburgs sein, denn er, der wahrlich keine großartige Schulbildung genossen hatte und aus einem absolut bildungsfernen Elternhaus kam, schreibt richtig gute Prosa!
Vieles ist im normalen Erzählton gehalten, immer wieder durch direkte Rede unterbrochen, die das Gesagte lebendig macht. Viel Berliner Dialekt auch (keine Angst, bleibt verständlich) Kurze Sätze, kein komplizierter Satzbau, einfache Konstruktionen.Doch gerade an den Stellen, an denen Axel über sein Leben oder auch das seiner Brüder, Eltern, Nachbarn und Freunde reflektiert, kommt immer wieder auch eine ausgesprochen poetische Dichte zum Ausdruck. Ich rede hier nicht von gut gemeinten, aber unbeholfenen Versuchen in Richtung Poesie, nein, ich rede schon über echte Qualität!
Um zu veranschaulichen, was ich meine, erlaube ich mir, eine kurze Textprobe abzutippen:

"Warum macht hier keiner rechtzeitig das Maul auf? Ich kann mir das nicht erklären. Hier kann keiner was erklären, hier fehlen die Worte, denn in zwei Wochen ist Weihnachten und der Strom soll gesperrt werden. Die Oma will wieder kommen, draußen torkelt Vater durch den Flur. Die dunklen Nächte im Hinterhaus, das Bett, der einzige Ort, der mir bleibt in dieser Wohnung, um mich selbst zu fühlen, wenn ich mir Sorgen mache. Ich spüre Bedrohung. Wir fallen auseinander, das spüre ich. Ich muss auf mich aufpassen, der Winter kommt. Mein kleines Radio spielt. Ich schlafe mit T.REX ein. Children Of The Revolution."

Meine Meinung:

Nun, die ist wohl schon deutlich geworden: ein erstaunliches Debut, ein Talent aus einer Ecke, aus der man das nicht unbedingt erwartet. Ich bin beeindruckt und wünsche dem Autor viel Erfolg!

Fazit:

Eine beeindruckende und unglaublich authentische Entwicklungsgeschichte
 



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Finetta12

Finetta12

07.01.2007 14:08

Gute Einführung in einen Autor, den ich nicht kenne.

Tiniwini1983

Tiniwini1983

24.02.2006 17:56

Sehr interessant...Habe ich noch nie etwas von gehört. Muss ich unbedingt mal lesen. Vielen Dank für deinen tollen Bericht. Lieben Gruß.

zena

zena

16.08.2005 12:24

ich finds beeindruckend, wenn jemand die kraft und das können besitzt, sich aus diesen brennpunkten herauszukämpfen, freizumachen und ein eigenes leben neu zu beginnen. vielleicht liest herr altenburg ja deinen bericht - und die kommentare dazu. für diesen fall möchte ich ihm alles gute und viel erfolg fürs leben wünschen. :o) lg zena

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