Erfahrungsbericht über

Struwwelpeter / Heinrich Hoffmann

Gesamtbewertung (26): Gesamtbewertung Struwwelpeter / Heinrich Hoffmann

 

Alle Struwwelpeter / Heinrich Hoffmann Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


Sieh einmal, hier steht er.....

3  18.02.2002 (02.04.2003)

Pro:
fantasieanregend

Kontra:
angsteinflößend

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

Niveau

mehr


chris10

Über sich: ~*~ Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. ~*~ [ Friedrich N...

Mitglied seit:05.03.2001

Erfahrungsberichte:64

Vertrauende:79

Diesen Bericht empfehlen auf Google+
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 154 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ein Museumsbesuch, eine Sonderausstellung über den 'Struwwelpeter', brachte mich dazu, über dieses reich bebilderte Kinderbuch zu schrieben.


Sieh einmal, hier steht er,
Pfui, der Struwwelpeter!
An den Händen beiden
Ließ er sich nicht schneiden
Seine Nägel fast ein Jahr;
Kämmen ließ er nicht sein Haar.
Pfui! Ruft da ein jeder:
Garst'ger Struwwelpeter!


Wer kennt ihn nicht, den Struwwelpeter, ein Kinderbuch, das vor 150 Jahren entstand, als der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann seinem dreijährigen Sohn Carl als Weihnachtsgeschenk den Struwwelpeter und einige andere Figuren zeichnete und mit Texten versah. Inzwischen ist es eines der verbreitesten Kinderbücher der Erde und wurde in ca. 30 Sprachen übersetzt. Die erste Ausgabe enthielt nur fünf der dann später zehn veröffentlichten Geschichten.

Die zehn Geschichten in diesem hauptsächlich durch die Zeichnungen wirkenden Buch haben jede für sich eine eigene Intention, aber auch eine gemeinsame Aussage, nämlich, dass Kinder, die nicht gehorchen - also einen eigenen Willen haben - bestraft werden (müssen). Und, wie der Struwwelpeter hassen Kinder Haare- und Nägelschneiden. Aber sie fügen sich, denn welches Kind möchte schon ausgelacht und damit zum Außenseiter werden?

Das Kindheitsideal des 19. Jahrhunderts war es vor allem, brav zu sein und deshalb enthalten Kinderbücher wie der Struwwelpeter Warn- und Strafgeschichten. Gut kann ich mich daran erinnern, wie ich als Kind mir an Hand der Geschichten all die Grausamkeiten vorstellte. Denn fantasieanregend ist das Buch auf jeden Fall, so wie wir Erwachsenen dieses Buch und seine Geschichten interpretieren, tun es Kinder eben auch.

Gerade dieses Buch zielte ja auch, anders als die meisten Kinderbücher der damaligen Zeit auf die Fantasie der Kinder, als auf den Verstand, war also mehr anschaulich als abstrakt.

Das Buch ist auch heute immer noch erhältlich und enthält folgende Bildergeschichten:

• Die Geschichte vom bösen Friederich
• Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug
• Die Geschichte von den schwarzen Buben
• Die Geschichte vom wilden Jäger
• Die Geschichte vom Daumenlutscher
• Die Geschichte vom Suppen-Kaspar
• Die Geschichte vom Zappel-Philipp
•Die Geschichte vom fliegenden Robert

Zu den einzelnen Bildergeschichten:

• Die Geschichte vom bösen Friederich:

Friedrich quälte und schlug mit einer Peitsche Tiere, bis ein Hund sich wehrte und ihn kräftig ins Bein biss, so dass er krank das Bett hüten musste. Der Hund nahm seinen Platz ein, aß den für ihn bestimmten Kuchen, die Leberwurst und trank den Wein. Auf die Peitsche passte er besonders auf, das Machtinstrument Friedrichs.

Kinder dürfen also nicht wütend werden, sonst beißt sie zur Strafe Nachbars großer Hund. Ich kann mir vorstellen, dass er selbst geschlagen wurde und seine Aggressionen auf diese Weise weitergibt.

• Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug:

Paulinchen, dass mit dem Feuer spielt und am Ende dann lichterloh brennt, habe ich mir als Kind sehr oft angeschaut. Aber eigentlich, weil mich die weinenden Katzen so sehr faszinierten.. Und das brennende Mädchen fand ich so grausam.

Übrigens, Mädchen, die mit dem Feuer spielen, das ist im übertragenen Sinn auch auf Sexualität zu beziehen.

•Die Geschichte von den schwarzen Buben:

Hier werden sie, weil sie über ein 'Mohrenkind' gelacht haben, zur Strafe in ein Tintenfass gesteckt. Also mit dem 'Genausosein' bestraft, anstatt das 'Anderssein'als gleichwertig zu akzeptieren. Sie werden aber eindeutig bestraft, weil sie rassistisch sind.

• Die Geschichte vom wilden Jäger:

Der Hase, der erschossen werden soll, entwendet dem schlafenden Jäger die Flinte, sein Machtinstrument, und jagt den Jäger, bis der in einen Brunnen springt. Eine etwas andere Geschichte, die vielleicht sogar politisch verstanden werden kann.

• Die Geschichte vom Daumenlutscher:

Diese Geschichte fand ich als Kind ganz furchtbar, denn die Daumen abschneiden mit einer Schere, die hier überdimensional groß dargestellt wird, das war für mich unvorstellbar. Auf grausame Weise wird verdeutlicht, was passiert, wenn in Abwesenheit der Eltern etwas getan wird, was verboten wurde....und was zudem auch noch Spaß macht. Diese angsterregende Bildergeschichte wird hier eingesetzt, um über Kinder 'pädagogisch' zu verfügen, sogar in Abwesenheit der Eltern.
Auch die Geschichte von Paulinchen steht dafür.

• Die Geschichte vom Suppen-Kaspar:

Die Geschichte spricht für sich, denn wer nicht isst, ist am fünften Tag tot. Ein Kreuz am Ende der Bildergeschichte mit einer davor stehenden Suppenschüssel wirkt doch irgendwie brutal.

• Die Geschichte vom Zappel-Philipp:

Hier muss ich schon schmunzeln, denn nach all den Ermahnungen der Eltern, hört Phillip nicht auf, mit seinem Stuhl beim Essen am Tisch zu 'kippeln'. Bis er sich am Tischtuch festhält und die Tischdecke samt Speisen herunterreißt. Nun haben die Eltern nichts mehr zu essen und das ist seine Rache für die Ermahnungen.

• Die Geschichte vom Hans Guck-in-die-Luft:

Wer träumend durch die Welt läuft, fällt ins Wasser und ertrinkt fast. Und wird außerdem noch ausgelacht.

* Die Geschichte vom fliegenden Robert:

Also, draußen spielen ist bei schlechtem Wetter nicht angesagt, liebe Kinder verlassen das Haus nicht, denn sie werden weggeweht...irgendwo ins Nirwana, ohne Wiederkehr.

Dieses Buch ist schön und grausam zugleich. Regt es die kindliche Fantasie an und reglementiert zugleich. Ich konnte mich als Kind sehr gut mit den jeweiligen Figuren identifizieren...denn, wie jedes Kind tat auch ich mal etwas, was nicht erlaubt war. Die Bildergeschichten dieses Buches zu immer (noch) aktuellen Themen beziehen Kinder assoziativ mit ein. Es ist also kein Bilderbuch, das nur passiv betrachtet wird. In den Bildergeschichten tun die Kinder Dinge, die ihnen Spaß machen, aber die Eltern ihnen verboten haben. 'Konsequenterweise' werden sie auf doch sehr grausame Weise bestraft, sie sterben sogar.

Das ist es auch, was ich an dem Buch kritisiere, denn ich finde, es kann Kinder in Angst und Schrecken versetzen, wenn Eltern es zugleich noch das Buch als Erziehungsmittel einsetzen.

Ich finde, im Struwwelpeter steht die strafende Moral sehr im Vordergrund, obwohl der Titelheld, der Struwwelpeter irgendwie ein 'Antiheld'ist. Er verweigert jegliche Ordnung und Sauberkeit, die nun mal gestern, so wie heute, in der Kindererziehung für viele Eltern an erster Stelle steht. Und welches Kind möchte gern an den Pranger gestellt werden, weil es aus der Norm fällt!

Ebenso veranschaulicht gerade dieses Buch für mich, dass Kinder, die frei und mit Freude das taten, was ihnen Spaß macht, reglementiert wurden und auch heute noch werden. Fromm und brav war damals die Devise.

Dieses Kinderbuch lässt für den Einzelnen einen breiten Interpretationsraum, der unterschiedlicher Art ist (sein kann).

Vor ein paar Tagen schaute ich mir die Struwwelpeter-Ausstellung im heimischen Museum an. Alte Struwwelpeterbücher , Spielzeug aus verschiedenen Epochen, Struwwelpeter-Kartenspiele, Figuren, und sogar frühe 'Merchandising'-Produkte gab es zu bestaunen. Insgesamt waren es über 480 Exponate, sogar ein Buch, das sich 'Struwwelhitler' A Nazi Story Book by Doktor Schrecklichkeit nennt, war dabei. Es war in den 40er Jahren ein beliebtes Instrument der gegen die Nazis gerichtete britische Kriegspropaganda.

Zum Schluss noch die Geschichte vom Daumenlutscher, die ich sehr angsteinflößend finde.

'Konrad!' sprach die Frau Mama.
'Ich geh aus und Du bleibst da.
Sei hübsch ordentlich und fromm,
Bis nach Haus ich wieder komm.
Und vor allem, Konrad, hör!
Lutsche nicht am Daumen mehr;
Denn der Schneider mit der Scher
Kommt sonst ganz geschwind daher,
Und die Daumen schneidet er
Ab, als ob Papier es wär.'

Fort geht nun die Mutter, und
Wupp, den Daumen in den Mund.

Bautz! Da geht die Türe auf
Und herein in schnellem Lauf
Springt der Schneider in die Stub
Zu dem Daumen-Lutscher-Bub.
Weh! Jetzt geht es klipp und klapp
Mit der Scher die Daumen ab.
Mit der großen scharfen Scher!
Hei! Da schreit der Konrad sehr.

Als die Mutter kommt nach Haus,
Sieht der Konrad traurig aus.
Ohne Daumen steht er dort,
Die sind alle beide fort.


Wer Interesse hat, in Frankfurt a. M. gibt es ein Heinrich-Hoffman-Museum, in dem Kinder sich sogar verkleiden und die Geschichten aus dem Struwwelpeter nachspielen können.


Trotz allem übt dieses Buch einen Reiz auf Kinder aus, sonst gäbe es das in ca. 30 Sprachen übersetzte Buch nach 150 Jahren nicht mehr. Und mich inspirierte nun mal dieser Museumsbesuch, über das Buch 'Struwwelpeter' zu schreiben.

© chris10

Diesen Bericht empfehlen auf Google+
Sponsoren-Links
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
kdkf

kdkf

31.03.2005 00:56

als kind habe ich das buch immer gerne vorgelesen bekommen , das hat so gewirkt, daß ich es bei meinen eigenen kindern bisher im regal lassen konnte ;o)

Schmeling

Schmeling

03.02.2004 00:50

Was mir am Struwwelpeter gefällt, ist eigentlich nur auf welche Art er entstanden ist. Du weißt bestimmt wie. Oder? Gr. Schmeling

Meerfrau

Meerfrau

20.06.2003 14:34

Das erweckt Kindheitserinnerungen und besonders "Der Daumenlutscher"...lacht...LG Heidi

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 2108 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"sehr hilfreich" von (99%):
  1. kdkf
  2. Schmeling
  3. Brummbaer1977
und weiteren 161 Mitgliedern

"weniger hilfreich" von (1%):
  1. emem

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.
Das könnte Sie interessieren
Durchs wilde Kurdistan / Karl May Durchs wilde Kurdistan / Karl May
ISBN: 9783780200020 - Verlag: Karl-May-Verlag
8 Testberichte
Zum Angebot für € 21,82
Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm / Wilhelm Grimm, Jacob Grimm Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm / Wilhelm Grimm, Jacob Grimm
Traditionelle Geschichten (Kinder, Gebundene Ausgabe - ISBN: 9783407771322 - Verlag: Beltz, J - Illustrator: Werner Klemke
Zu diesem Produkt wurde noch kein Erfahrungsbericht geschrieben. Jetzt bewerten
Zum Angebot für € 17,95
Was is(s)t der Mausebär / Martina Sieber-Mahler Was is(s)t der Mausebär / Martina Sieber-Mahler
ISBN: 9783000255342 - Verlag: Sieber-Mahler, Martina - Illustrator: Patrick Fix
Zu diesem Produkt wurde noch kein Erfahrungsbericht geschrieben. Jetzt bewerten
Zum Angebot für € 19,90