Nachdem ich 20 Jahre vom Motorradfahren geträumt habe, nachdem ich 500 km auf einem Peugeot Speedfight 100-2 (zum Eingewöhnen mit Automatik und so) umgetrödelt bin, nachdem ich 4000km auf einer Suzuki VL 125 Intruder (zum rumprobieren - s. meinen Bericht auf Ciao) gecruist habe, hab ich im vergangenen Sommer mit 45 Jahren den Motorrad-FS Klasse A offen gemacht und hab mir als Einsteigermoped eine neue DL 650 geholt. Seitdem (August 06) bin ich 3000 km damit rumgeflutscht und hab keinen Meter davon bereut.
Im Detail:
Da ich schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hab, konnte ich den FS gleich offen machen und musste nicht nach Mopeds mit 34-PS-Drossel Ausschau halten. Aber zu dick sollte es für den Anfang auch nicht sein. Außerdem hatte mir meine kleine Trude so gut gefallen, dass ich ursprünglich mit 'ner C800 geliebäugelt hab. Warum ich dann doch 'ne Reiseenduro gekauft hab? Weil mir das Ding beim Susi-Händler ins Auge fiel und es mir sofort gefallen hat. Hohe Sitzposition (ich bin 1,93 groß) und ausreichend Platz für Gepäck und Mannschaft. Außerdem genügend schnell, um damit auch mal ans Nordkap zu düsen. Trotzdem hab ich erstmal verglichen. Die DL 650 mit der BMW F 650 GS und der Honda CBF 600 und noch einigen anderen Bikes. Ausschlaggebend waren dann etliche Berichte im Internet und in Motorradzeitungen, in denen die kleine V-Strom richtig gut abgeschnitten hat. Bei "Motorrad" wurde die DL 650 sogar zum zweiten Mal nacheinander in einem Contest mit viel größeren Motorrädern aus verschiedenen Kategorien "Alpenkönig".
"Erster? Als einzige mit Mittelklassemotörchen gegen lauter dicke 1000er Pötte? Nicht schlecht!" dachte ich und machte mich auf die Suche. Zuerst nach was Gebrauchtem. Nun hat im Juni 06 ein Modellwechsel stattgefunden. Seitdem hat die DL 650 einen EURO 3 zertifizierten Motor und ein ABS. Die Maschinen bis dahin sind "nur" EURO 2 und bremsen ohne elektronische Helferlein. Deshalb haben viele Händler versucht, ihre alten Vorführer schnell ab zu verkaufen. Und genau so eine hab ich erwischt. Mit Touringausstattung (Original Susi-Seitenkoffer und -Topcase mit Rückenpolster, Griffheizung, Handprotektoren, Sturzbügel, höherer Tourenscheibe mit Spoiler) und mit von mir zusätzlich geordertem Hauptständer und einer superbequemen Sondersitzbank hat mich das Teilchen "nur" 6.600 Euro gekostet. Und dabei hatte der Vorführer gerade mal 90 km auf dem Tacho, war also wirklich 'ne neuwertige Tageszulassung mit extrem wenig km. In der Ausstattung stand sie eigentlich mit 9200 in der Liste.
Seitdem bin ich fast 3000km damit gefahren. Ein Großteil davon mit Sozia und will deshalb hier auch ein bissel von meinen Eindrücken wiedergeben:
Motor
Die 67 PS ziehen satt durch und beschleunigen schneller als man vom Papier her denkt. Knapp 200 Spitze und 3,9 sec von 0-100 sind für 'ne 650er Reiseenduro 'ne Wucht. Die F 650 z.B. ist fast 2 sec langsamer und schafft "nur rd 150 km/h. Klar, die Susi hat auch den Zweizylinder von der SV 650. Der wurde fürs Touren ein bissel in der Spitze gekappt und im Drehmoment fetter gemacht. Das hat so gut funktioniert, dass man auf der Landstraße mit Sozia und Gepäck bequem ohne runterschalten im 6. Gang überholen kann. Und wenn's mal enger wird: "Klack" den 4., die Brause auf und flutsch isse wech. Meine Frau ist übrigens heilfroh um das Topcase. Sonst wär' sie sicher schon öfter mal nach hinten abgekippt *ggg*
Schalten
Unterwegs sein mit der kleinen V-Strom macht richtig Spaß. Die 6 Gänge flutschen und die Kupplung benötigt nicht all zuviel Handkraft. Hin und her switchen oder schaltfaul gleiten, beides geht. Nur der erste macht beim Runterschalten manchmal ein bissel Probleme. Dann rattern die Zahnrädchen spürbar aufeinander. Das muss sich meine Werkstatt mal genauer ansehen.
Bremsen
Hinten und vorne ist getrennt und nicht wie bei mach anderem Frachter per Integral gekoppelt. Hand ist einfach vorne und Fuß ist hinten. Punkt! Das kapiert sogar ein Anfänger wie ich sofort. Dafür ziehen sie recht gut. Die Druckpunkte sind klar und wenn's beim ankern ein bissel am Hinterrad wimmert, kostet es keine Überwindung mal kurz auf zu machen. Ob ein ABS sein muss bleibt jedem selbst überlassen. Tatsache ist, in Schräglage - und da befindet sich meine Frau Strom meist - nutzt es nix.
Komfort
Der Windschutz ist klasse. Vor allem die per Schrauben höhenverstellbare und per Spoiler von Hand sogar noch weiter ausfahrbare Scheibe sorgt für weitgehend zugfreies fahren. Reisetempo 140 auf der Autobahn sind Null Problemo. Da wackelt und zappelt nix, da geht's einfach schnurstracks geradeaus zum Horizont. Aber auch kurviges um die Ecke fitzen und dabei saubere Striche ziehen auf der Landstraße macht Spaß. Willig lenkt die DL 650 auch mit Gepäck und Sozia ein und verzeiht auch leichtes Bremsen in der Kurve.
Zur original Sitzbank kann ich nix sagen, da bei mir wie erwähnt eine aufgepolsterte Sondersitzbank drauf ist. Mit der komm ich aber im Stand mit beiden Sohlen auf den Boden und hab so sicheren Halt. Was ein bissel stören könnte ist die Tatsache, dass der Beifahrer zwischen Topcase und Fahrer ziemlich "definiert" sitzt. Will sagen, er sitzt zwar bequem, hat aber nicht wirklich Platz sich zu bewegen. Aber vielleicht ist das ja auch ein Grund, warum das Moped auch mit Sozia stabil fährt und nicht rumwackelt. *ggg*
Die Fußrasten sind auch für den Beifahrer sehr bequem zu erreichen und zwingen nicht zum ducken. Der Kniewinkel geht voll i.O.
Hauptständer
Zusätzlich zum Seitenständer, der mir etwas zu kurz erschien, hab ich einen originalen Susi-Hauptständer montiert. Da steht die Fuhre auch am Berg sehr stabil und bei der Wartung spar ich mir einen Werkstattständer.
Gepäck
Die original Susi-Koffer (32l 37l) und das Topcase (46l) sind riesig. In's Top gehen neben Krimskrams locker 2 Integralhelme (Größe XL und L) und in die Seitenkoffer passen die Mopedjacken und die Nierengurte und die Handschuhe und die Schals und und und. Wer also auf dem Straßenfest angekommen ist, muss nix mit sich rumschleppen was er nicht braucht. Auf Reisen kann man alle 3 Koffer abnehmen und locker per Handbügel ins Hotelchen tragen. Was allerdings ein bissel stört ist, dass es für's schließen keine Griffmulde o.ä. gibt. Man muss gegen den Deckel drücken und hoffen, dass der Lack nicht zerkratzt wird.
Kette
Ein langstreckengieriges Moped mit Kette? Naja, ich wollte eigentlich auch erst lieber Kardan oder so. Weil: Kette reinigen und ölen und spannen auf dem Zeltplatz in den Pyrenäen? Nee danke.
Ein paar alte Hasen haben mir dann einen automatischen Kettenschmierer empfohlen. Durch die Permanentschmierung soll die Kette nicht trocken werden, sich ständig selbst reinigen und die Längung soll deutlich geringer ausfallen. Also hab ich für rd 200€ ein cls 200µ montiert und bin gespannt was es bringt. Bisher ist es rd. 1800 km drauf und scheint zu funktionieren. Ich denk, dazu schreib ich später mal mehr.
Cockpit
Alles da was man braucht. Analogdrehzahlmesser, Analogtacho, Uhr, Temperaturanzeige, Tankanzeige mit 2 getrennt angezeigten Reservestufen, Kilometerzähler und 2 Tageskilometerzähler, getrennte Anzeige für Blinker links und rechts, eine grüne Leerlaufanzeige, ein blaues Fernlichtlämpchen, ein rotes Warnlämpchen für verschiedene Motorfunktionen und sogar eine Warnblickanlage. Der Pedant würde wohl noch eine Ganganzeige vermissen. Aber der würde sich auch nicht auf ein Moped setzen.
Licht
geht automatisch an wenn die Elektronik eingeschaltet wird und ist so hell, dass es im Freizeitkickerclub als Flutlicht dienen könnte. Das liegt auch daran, dass die Stromer nicht nur ein, sondern 2 Abblendlichter und 2 Fernlichter haben. Ich finde das ist einerseits ein Sicherheitsaspekt, wenn nachts mal ein Birnle ausfällt sieht man trotzdem noch was, und andererseits kommt Frau Strom nicht so asymetrisch einäugig daher wie manch andere Fuhre. Außerdem kann man das Bike so abstellen, dass es mit eingerastetem Lenkerschloss trotzdem mit Standlicht steht.
Umwelt
Geregelter 3 Wege Kat und Sekundärluftsystem sorgen bei meinem Baujahr für Abgase nach EURO 2. Nach der Modellpflege vom letzten Juni gibt's auch EURO 3, was laut einigen Testberichten allerdings mit etwas weniger Spritzigkeit bezahlt werden muss. Dafür gibt's eine Doppelzündung und einen etwas gesenkten Verbrauch.
Verbrauch
Bei voller Zuladung reichen die 22l Normalbenzin knapp 400 Kilometer. Flotte aber moderate Fahrweise vorausgesetzt. Wer immer heftig hochdreht braucht natürlich mehr. Auch Frau Strom kann die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen.
Optik
Darüber lässt sich streiten. Die DL 650 ist besonders mit Koffern ein relativ großes und wuchtiges Motorrad. Das liegt daran, dass außer dem Motor alle Komponenten aus der DL1000 übernommen wurden. Mir ist's recht, weil ich mich mit 193 Größe und 100 Kilo auf einem kleinen Flitzer nicht richtig wohl fühlen würde. Was aber echt stört ist, dass sich in den Verschraubungen der Gepäckträger und an den Lenkerenden Flugrost ansammelt. Manche Leute sagen zudem, dass das Heck mit dem einzelnen Auspuff nicht richtig gelungen ist. Geschmackssache halt.
Techn. Details
Ich hab bewusst darauf verzichtet, hier all zu viele Zahlen rein zu schreiben. Wer das will, kann die technischen Daten unter www.suzuki.de oder Testberichte z.B. unter http://www.motorradonline.de/test/vergleichtests/vergleichstest-reise-endur o-funbike.251541.htm nachschlagen. Ich wollte hier meinen EINDRUCK wiedergeben.
Fazit:
Tolles spritziges Moped. Ich würde es jederzeit wieder kaufen und freu mich schon auf den Frühling. Ein paar längere Touren übers WE in den Schwarzwald, den bayerischen Wald und an die Mosel stehen auf dem Programm. Und im Sommer? Nach Norden und dann immer gerade aus..........
05.03.2007 09:19
Ich liebäugele jetzt auch langsam mit einem "echten" Motorrad und befinde mich mit meinen 45 Jahren langsam auch jenseits der Pubertät... ;o)) Dein Bericht ist ausreichend ausführlich und bietet hinreichend überzeugend glaubwürdig vorgebrachte eigene Erfahrungen. Im Vergleich zum CIAO-Durchschnitt immer noch ein knapp sehr hilfreicher Bericht, auch wenn ein wenig Pflege und "Update" nicht schaden würde... LG, Almstedt
17.02.2007 14:21
Ich finde den Erfahrungsbericht sehr ausführlich und hilfreich und würde am liebsten gleich zum nächsten Händler fahren. Da ich mir aber kürzlich erst einen Scooter gekauft habe, will ich mit diesem erst mal Erfahrung sammeln und testen in wie weit sich die Anschaffung eines Motorrades lohnt. Die V-Strom wäre auch nur für den reinen Sommerbetrieb und für längere Urlaubstouren gedacht und da sind 7000 Euro eine Menge Holz. Ich finde auch, dass du eine sehr gut ausgestattete Maschine für dein Geld bekommen hast, nur wäre für mich als Wiedereinsteiger das ABS ein muss.
25.01.2007 20:51
haha - ich bin zweierlei auf deinen bericht aufmerksam geworden: ersten sucht mein mann, der seine alte suzuki nicht mehr fahren kann, weil zu kaputt, eine neue. zweitens lockte dein ciao-name, weil mein mann mit seinen 2 metern und 2 cm halt auch ein langes elend ist ;-))) * ich hab den bericht meinem mann gezeigt und er fand ihn prima. deshalb bewerte ich hiermit meinen allerersten motorradbericht. ist doch auch mal was, oder ?!